Sebastian Schönet

Daisy

“Hol mir Kippen!” , schrie Manuel Jähzorn.
Allein die Stimme ihres Vaters brachte Daisy’s kleinen Körper zum Zittern. Der Magen verkrampfte, die Fäuste ballten sich so fest, dass die Knöchel sich weifl färbten, und der Kopf richtete sich gen Boden, wie der eines oft geschlagenen Hundes.
Obwohl das Mädchen nichts anderes von ihrem Vater gewohnt war, erfüllte ein strenges Wort seinerseits, sie jedes mal aufs Neue mit Trauer, wünschte sie sich doch nichts anderes, als Liebe von ihm. Um einer Schreiattacke, Beleidigungen oder gar einem Schlag in den Magenbereich, nicht ins Gesicht, denn dort kann man die blauen Flecken später erkennen, zu entgehen, wollte sie die Befehle ihres Vaters so schnell und gewissenvoll wie möglich ausführen, in der Hoffnung er hätte ein lobendes Wort für sie. Oder ein Lächeln auf den Lippen. Also marschierte sie zielstrebig aus ihrem Zimmer. Mit Blick auf den Boden. Daisy wusste nämlich genau was sie auf dem Sofa vor dem Fernseher sehen würde, nämlich einen einundvierzig jährigen Mann, welcher aber erheblich älter aussah, mit Stirnfalten, die bis auf die Knochen reichen schienen, Tränensäcke, unter welchen ein zweites Paar Augen hätten liegen können, und einen schlecht rasierten Unterkiefer. Dazu hatte dieser seine übliche Feierabendkleidung, einen dunkelgrünen Jogginganzug, welcher schon von oben bis unten mit Filzkügelchen besetzt war, an. Auflerdem versuchte das Mädchen jeden Blickkontakt mit ihrem Vater zu vermeiden, denn sie hatte in der Schule gelernt, dass der Blickkontakt mit Hunden, vor allem mit Wachhunden, zu vermeiden sei. Dadurch könne das Tier aggressiv werden, was bis zu einem Angriff ausarten könnte. Bei Manuel Jähzorn schien dies auch zuzutreffen. Er war zwar kein Hund, doch meinten viele, die ihn kannten, dass er sich oft wie einer verhalte. Also sah die kleine Daisy ihrem Vater nicht mehr ins Gesicht und konnte die üblichen Magenschläge bisweilen vermeiden. Beschimpft wurde sie nur mehr manchmal. Geschrien wurde immer.
Den Arm über die Sofalehne gelehnt, hielt der Mann ihr einen Fünf Euro Schein und bellte : ”Zack! Zack!” . Feine Speichelspritzer trafen ihren Handrücken, als sie nach dem Schein griff und eine Bierfahne stieg ihr in die Nase. Mit Blick auf den Boden. Sie verliefl die Wohnung und trappelte die Treppe hinab. Im Erdgeschoss angekommen, stiefl sie die Tür auf und der kalte Nachtwind brachte ihr seidiges, weißes Nachthemd zum Flattern. Daisy liebte die Nacht. Mit geschlossenen Augen holte sie tief Luft, sodass ihre Lunge bis zum Maximum gedehnt und ihre Brust sich anhob. Für einen kurzen Moment war ihr, als würde sie fliegen. Jeder Zentimeter ihrer Haut begann trotz der Jacke, die sie sich übergeworfen hatte, wegen der Kälte zu stechen, jedoch liebte das Mädchen jenen leichten, unterschwelligen Schmerz. Sie blies aus und fühlte sich von jeder Last befreit. Plötzlich hörte sie lautes Lachen und zuckte, wie aus Trance gerissen, erschreckt zusammen. Es war das Mädchen im Haus auf der gegen¸berliegenden Straflenseite. Schon viele Male hatte Daisy sie von ihrem Fenster aus neidvoll beobachtet, wie das Mädchen ein, für Daisy, unvorstellbar schönes und perfektes Leben führte. So auch dieses Mal. In diesem Moment wurde sie von ihrem Vater zu Bett gebracht, wobei das Mädchen immer wieder aus dem Bett sprang und lachend weglaufen wollte, während ihr Vater sie mit der Bettdecke in den ausgebreiteten Armen versuchte einzufangen. Beide mussten dabei derart lachen, dass sie sich krümmten und bogen, während die Mutter der Tochter am Türrahmen angelehnt stand, den Kopf schüttelte aber sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Daisy, die drauflen in der Kälte stand, musste ebenfalls grinsen, jedoch stiegen ihr direkt danach Tränen in die Augen und sie musste den Blick abwenden. Ihr Herz schmerzte, wenn sie soviel Liebe sah, welche sie selbst noch nicht e! rfahren durfte. Sie fand es ungerecht aber dennoch ermutigend, da die Familie von gegenüber der Beweis für sie war, dass es ein glückserfülltes Leben nicht nur in ihren Träumen gab und sie vielleicht selbst irgendwann eines dergleichen haben könnte. Nichts desto trotz wurde ihr bei dem Anblick der grinsenden Mutter schmerzlich bewusst, wie klein die Zahl der Erinnerungen an ihre Mutter war. Da war sie auch erst drei oder vier gewesen, denn danach gab es keine Bilder in ihrem Kopf mehr, in welchen das freundliche Gesicht ihrer Mutter auftauchte. Schon öfters, als Daisy den Mut aufgebracht hatte, ihren Vater zu fragen wo eigentlich Mama sei, verformte sich sein Gesicht in eine noch angsteinflössendere Miene und schrie sie danach an, was sie denn für dämliche Fragen zu stellen hatte.
Schnell ging Daisy weiter, jedoch konnte sie nur grob erkennen wohin sie ging, sie sah nämlich alles durch die salzigen Tränen in ihren Augen, aber es war ja nicht das erste mal, dass sie diesen Weg zum Zigarettenautomaten gehen musste. Sie schaute den Sternen entgegen, doch nicht der schönen Aussicht wegen, sondern um die Tränen vom herabrinnen zu hindern. Ebenfalls begann die Kleine mehrmals hintereinander zu blinzeln und konnte somit den Tränenfluss stoppen.
Nun war sie auch schon an der Bushaltestelle angekommen, an welcher auch der Automat stand. Sie begann den Geldschein zu entfalten und glatt zu streichen, da sie diesen die ganze Zeit über in ihrer fest umschlossenen Faust hatte, und wollte ihn soeben in den Schlitz stecken, als sie hinter sich das Geräusch eines herannahenden Buses wahrnahm. Ihre nach oben gestreckte Hand verharrte in der Luft, als dem Mädchen ein Gedanke in den Kopf schoss. Sie blinzelte und vor sich sah sie das Bild der rot-weiflen Zigarettenpackung, welche sie für ihren Vater sooft an eben diesen Automaten kaufen war.  
”Marlboro hörst du?! Wehe du bringst so einen anderen Dreck! Dann setzt’s was!” , hörte sie die Stimme ihres Vaters in Gedanken widerhallen. Das hatte er zu ihr gesagt, als er sie das erste Mal mit einem Fünf Euro Schein auf den weg schickte. Sie war fünf gewesen.
Hinter Daisy erklang das mechanische Geräusch der sich öffnenden Bustür. Wie aus einem Albtraum erwacht, riss sie den Arm mit dem Schein herunter und ging schnellen Schrittes durch die vorderste Tür.
“Eine Fahrkarte bitte” , sagte Daisy zu dem Busfahrer und legte den Fünf Euro Schein auf die Ablage.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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