Irene Lichtenberg

Grüße von Oma Hilde

Lotta zog ihren Schal zurecht. Nicht, dass der verrutscht wäre, sie wusste nur einfach nicht, wohin mit ihren Händen. Fahrig fuhr sie sich durch die langen Haare und konnte sich einfach nicht entscheiden, ob sie sie zu einem Zopf zusammenbinden, oder weiterhin offen tragen sollte. Sie ließ die Hände fallen, seufzte und sah sich um. Das Café, in dem sie saß, war ein beliebter Treffpunkt von Studenten und jungen Leuten, die sich gern als intellektuell bezeichneten. Es war nicht besonders voll an diesem Mittwoch Spätnachmittag, viele Studenten hatten an diesem Tag lange Vorlesungen und wer frei hatte, suchte sich irgendwo ein sonniges Plätzchen, denn der März hatte bislang nur Regentage gehabt, die Menschen hatten Sehnsucht nach Sonne.

Lotta nicht. Das Wetter war ihr egal, sie wartete auf ihre beste Freundin Marie, die schon seit einer ganzen Weile überfällig war. Lotta konnte Unpünktlichkeit nicht ausstehen und rutschte ungehalten auf ihrem Stuhl hin und her. Die Tasse Milchkaffee vor ihr war schon fast leer und Lotta schaute zum ungezählten Mal erst zur Eingangstür und dann auf ihre Uhr. Marie war fast eine Viertelstunde zu spät und hatte noch nicht mal irgendeine Nachricht getextet. Lotta’s Finger flogen ungeduldig über das Display, sie wollte eben einen genervten Kommentar an Marie texten, als ein höfliches „Hmhm“ neben ihr sie unterbrach. Lotta guckte hoch und direkt in das Gesicht eines alten Mannes. Es war ein von tausend Falten zerfurchtes Gesicht, das Erfahrung, Weisheit und Würde ausstrahlte, während die hellen Augen schelmisch blitzten und der Schalk darin jedwede Ernsthaftigkeit in dem Gesicht Lügen zu strafen schien. Es war so ein krasser Gegensatz, dass Lotta vergaß, was sie eben machen wollte und dem Mann ins Gesicht starrte, der neben ihr am Tisch stand.

„Verzeihung. Ich wollte Sie nicht stören, aber ich hatte das Gefühl, Sie würden warten und hätten vielleicht gerne etwas Gesellschaft“. Damit setzte sich der alte Mann, ohne einen Kommentar oder gar eine Einladung von Lotta abzuwarten, an ihren Tisch. Lotta selbst war viel zu perplex, um mehr zu tun als weiterhin das Gesicht des Mannes anzustarren, der es sich an ihrem Tisch bequem machte, wobei er seinen schweren Mantel auszog und sich mit einem erleichterten Stöhnen zurücklehnte. Sein durchaus beachtlicher Bauch ähnelte einer festen Kugel, die die Tischkante berührte.

Nun war es an Lotta, sich zu räuspern. „Tut mir leid, ich warte auf meine Freundin.Sie müsste gleich hier sein.“ Lotta bemühte sich um einen Ton, der höflich war und dennoch besonders deutlich machen sollte, dass sie keine Gesellschaft wünschte. Entweder war der Ton immer noch nicht deutlich genug, oder der Mann überging den zarten Hinweis geflissentlich. Er drehte sich zur Bedienung um und bestellte sich freundlich eine Kaffee und ein Stück Kuchen. Danach wandte er sich wiederum Lotta zu und schaute ihr lächelnd zu, wie sie ihr Handy wieder in ihrer Tasche verstaute. Er sah sie an, als ob sie mit Abstand der interessanteste Mensch im Café wäre, vielleicht sogar in der ganzen Stadt. Er hatte sichtlich Spaß an der Situation und grinste freundlich. Nun ja, grinsen konnte man das kaum nennen, denn im Grunde hatte er kaum die Mundwinkel nach oben gezogen. Doch seine Augen sprühten vor Witz und strahlten Lotta unverhohlen an. „Sie sind aber eine hübsche junge Dame, wenn ich das mal so sagen darf“ eröffnete er das Gespräch. Lotta errötete leicht, sie fragte sich, ob sie es nun auch noch mit einem Alten zu tun hatte, der auf junge Frauen stand, die gut und gerne seine Enkelinnen sein könnten.
„Wissen Sie“ fuhr der Mann fort, „ich kann das wirklich beurteilen, denn schließlich war ich mit der schönsten Frau des Jahrhunderts verheiratet.“ Das war kaum mehr als eine sachliche Feststellung und Lotta war nun doch überrascht, insbesondere über die Beschreibung, die nun folgte. „Wissen Sie, sie hatte das mitreißendste, bezauberndste Lachen, das man sich vorstellen konnte. Wenn sie lachte, musste man einfach mitlachen. Sie war ungewöhnlich witzig, ich hab‘ so oft über ihre spontanen Bemerkungen herzhaft lachen müssen. Dabei war sie so gar nicht albern, sie hatte eine offene Art und einen Humor, der nie jemanden verletzt hat. Das wäre ihr nie in den Sinn gekommen, denn sie hatte nur Wertschätzung für alle Menschen. Sie konnte an keinem Bettler vorbei gehen, ohne ihm etwas Geld und ein freundliches Lächeln zu schenken. Sie begegnete wirklich jedem Menschen mit Freundlichkeit und Respekt, müssen Sie wissen. Sie mochte einfach die Menschen und verstand ohne Erklärung, dass manche einfach nicht nett sein konnten. Damit hat sie mich immer wieder überrascht. Sie hatte eine bemerkenswerte Menschenkenntnis. Ja, die hatte sie...“ der lebhafte Ton, in dem der Alte von seiner Frau gesprochen hatte, verlor sich in einem leichten Seufzen. Er war ganz offensichtlich in Erinnerungen versunken.

Lotta aber war nun neugierig geworden. „Verzeihen Sie, ich erzähle viel zu gerne von ihr, das bereitet mir einfach ein großes Vergnügen“ meinte er zwinkernd, sich halbherzig entschuldigend. Lotta war nun doch interessiert. „Sie sagten doch, Ihre Frau war sehr schön. Sie haben aber nur erzählt, wie sie als Mensch war. Wie sah sie denn nun aus?“ Der alte Mann schien nun etwas irritiert. Er schaute Lotta an und schwieg einen Moment lang. Er dachte kurz nach.
„Wie sie aussah? Äh... na ja...“ er schüttelte leicht den Kopf. „ Wie sie aussah... sie sah... nett aus. Mittelgroß mit kurzen Haaren und grau-grünen Augen. Ganz normal eigentlich.“ Wieder entstand eine Pause. Lotta dachte schon, sie hätte es mit einem Fall von Demenz zu tun. „Sie sagten doch, Ihre Frau wäre die schönste Frau des Jahrhunderts gewesen. Was meinten Sie denn damit?“ Sie wollte dem Mann etwas auf die Sprünge helfen. „Oh, ich meinte nicht ihr Aussehen“ erklärte er schmunzelnd. „Was ist schon das Aussehen, wir werden alle älter und damit verändern wir uns ständig. Das Äußere ist nicht so wichtig, wir sehen doch alle jeden Tag anders aus. Wen interessiert schon, wie jemand aussieht...“ der Mann machte eine wegwerfende Handbewegung.

Damit war er schon mal weit weg vom mainstream. Lotta staunte. Aber der Mann war noch nicht fertig. „Schönheit bezieht sich doch auf die innere Struktur, die einen Menschen aus macht. Sie bezieht sich auf sein Sein und verändert sich längst nicht so schnell wie Haarfarbe, Figur und Gesichtsausdruck. Die Schönheit des Geistes und des Charakters...das ist die Schönheit der Persönlichkeit! Das muss man suchen. Das ist selten. Aber Erika, so hieß meine Frau, war eine Schönheit.“ Wieder strahlten sie Augen des alten Mannes.

„Leider musste sie schon gehen. Sie ist vor 9 Jahren und 33 Tagen gestorben.“ Der Mann seufzte leise, lächelte aber weiterhin und sah Lotta an. „Oh, das tut mir leid.“ Lotta meinte es wirklich so, denn sie war beeindruckt von der Wärme und der Lebendigkeit in der Stimme des Mannes, wenn er von seiner Frau sprach. „Oh, das muss Ihnen nicht leid tun. Mir tut’s ja auch nicht leid, obwohl ich sie doch irgendwie vermisse. Jeden einzelnen Tag.“ Lotta sah ihn verblüfft an. „Wie meinen Sie denn das jetzt? Es tut Ihnen nicht leid, dass Ihre Frau gestorben ist???“ Man konnte jedes einzelne Fragezeichen deutlich in Lotta’s Stimme hören.

Das Lächeln im Gesicht des alten Mannes vertiefte sich. „Verstehen Sie mich richtig: ich bedaure, dass ich nicht mehr ihre Hand streicheln oder mit ihr diskutieren kann, ja durchaus. Aber sonst tut mir nichts leid. Ich hab‘ sie doch nicht verloren, sie nur nicht mehr körperlich anwesend.“ Diese schlichte Feststellung, unaufgeregt und ohne Pathos, verblüffte Lotta. „Trauern Sie denn gar nicht? Ihre Frau ist doch tot und nicht einfach nur verreist“ fragte sie nach. „Ja genau. Das ist beides aber ungefähr dasselbe. Meine Frau ist doch nicht ihr Körper gewesen, wie ich schon sagte. Sie war und ist viel mehr. Und was sie ist, kann gar nicht sterben. Wenn Sie mir nicht glauben, glauben Sie Albert Einstein und seinem Energieerhaltungssatz. Einstein hat schon gesagt, dass nichts in diesem Universum verloren geht. Und eine Seele schon gar nicht. Ich kann sie noch deutlich spüren, hier drin.“ Der alte Mann legte seine Hand auf sein Herz und lachte.

„Sie werden mich für verrückt halten, aber manchmal kann ich sie sogar hören.“ Er zwinkerte fröhlich. „Und genau deshalb bin ich jetzt hier. Meine Frau war, müssen Sie wissen, früher einmal die beste Freundin Ihrer verehrten Frau Großmutter. Sie hat mich gebeten, Sie herzlich von Ihrer Oma Hilde grüßen. Ich soll Ihnen ausrichten, dass es ihr gut geht und sie sehr stolz auf Ihre Abiturnoten ist.“

Lotta schüttelte den Kopf, das hatte sie sicherlich falsch verstanden. „Wie bitte? Meine Oma Hilde? Das muss ein Missverständnis sein, sie ist vor ungefähr einem Jahr gestorben.“ Wieder lächelte der Mann. „Na und? Der Körper ist nicht mehr, aber Ihre Oma schon.“ Der alte Mann lächelte und stand umständlich auf. „Ich muss Sie jetzt leider verlassen, aber ich versichere Ihnen, liebe Lotta, dass alles der Wahrheit entspricht.“ Er zog sich umständlich den Mantel an und bezahlte bei der Bedienung, die eben seine Bestellung auf den Tisch stellte. Er gab reichlich Trinkgeld, was der Kellnerin ein erfreutes Lächeln entlockte. Lotta war noch zu geschockt um irgendetwas fragen zu können. Sie fand auch dann noch keine Worte, als sich der alte Mann überaus freundlich von ihr verabschiedete und ihr für ihre Zukunft alles Gute wünschte.

Erst als er zur Tür raus war, fing es in Lotta’s Gehirnwindungen wieder an zu arbeiten. „Das geht doch gar nicht... das ist doch...“ flüsterte sie leise, doch die Fragen in ihr blieben unbeantwortet: woher wusste der Mann ihren Namen und den Namen ihrer Oma? Woher wusste er, dass sie in den vergangenen Tagen ihre Abi-Klausuren geschrieben hatte?
Und woher wusste er, dass Milchkaffee mit Käsekuchen ihr Lieblingsgedeck war? Die letzte Frage stellte sie sich, als sie sah, was der alte Mann bestellt, aber nicht angerührt hatte: Milchkaffee und Käsekuchen. Genau das, was sie sich auch immer bestellte, wenn es ihre Taschengeldkasse erlaubte. Fassungslos starrte sie vor sich hin. Ihre Oma Hilde... es schien zu schön um wahr zu sein. Lotta hatte ihre Oma besonders lieb gehabt und war untröstlich gewesen, als sie starb. Sie hatte sich so darauf gefreut und sich oft vorgestellt, wie sie ihrer Oma Hilde voller Stolz ihr Abiturzeugnis zeigen würde.

„Was für ein Gespenst hast Du denn gesehen!?“ Lotta sah verstört auf. Vor ihr stand Marie, die schwer atmend ihre Jacke auszog. Die Wangen waren gerötet, sie musste ein ganzes Stück gelaufen sein. „Entschuldige, der Prof hat mich mit endlosen Fragen aufgehalten. Tut mir leid, ich hoffe, Du bist nicht sauer. Aber ich sehe, ich bin noch rechtzeitig, Du hast ja Deinen Kuchen noch gar nicht angerührt.“ Zufrieden setzte Marie sich auf den Stuhl, auf dem bis eben noch der alte Mann gesessen hatte. Sie sah Lotta etwas irritiert an. „War was?“

Lotta zögerte einen Augenblick. Sie räusperte sich, sah den Kuchen an und lächelte etwas. „Nee, alles ok. Ich hab‘ nur jemanden getroffen, der Grüße ausrichten wollte.“ Marie bestellte sich Kaffee und ging sofort dazu über,Lotta von ihrer Unterredung mit ihrem Lehrer zu erzählen. Lotta wandte sich Marie zu und hörte sich an, was sie zu erzählen hatte.Es fiel ihr kaum auf, dass Lotta nicht immer ganz bei der Sache war und ab und zu ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht huschte.

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Irene Lichtenberg).
Der Beitrag wurde von Irene Lichtenberg auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Krieger des Seins: Fayndra und Morlas: Wenn Feuer und Wasser sich vereinen ... von Ralph Gawlick



Die Welt von Terrestos scheint aus den Fugen zu geraten. Der grausame Feuermagier Rhabwyn, dessen Kräfte zunehmend stärker werden, versucht mit allen Mitteln, auch der übrigen Elemente Wasser, Erde und Luft habhaft zu werden, um über den gesamten Planeten herrschen und Angst und Schrecken verbreiten zu können. Die Wassermagierin Deanora nimmt Fanydra und Morlas in ihre Obhut, wie es vom Schicksal lange vorbestimmt war. Bei ihr und den Kriegern des Seins erlernen die beiden die Beherrschung der Elemente Erde und Luft, deren Kräfte sie schon, ohne es zu wissen, seit ihrer Kindheit bei sich tragen. Seite an Seite kämpfen die zwei jungen Leute mit Deanora und ihren Kriegern des Seins, um ihre Welt vor dem Untergang zu retten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Spirituelles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Irene Lichtenberg

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gott schüttelt den Kopf von Gabriela Erber (Spirituelles)
mundtot gemacht von Annie Krug (Wie das Leben so spielt)