Petra von Breitenbach

Franz & Franziska

Franz wachte aus seinem Nachmittagsschlaf auf, die Sonne blendete ihn. Gestern abend war es wieder spät geworden, er ging in letzter Zeit häufig in eine Bar , wo sich alles traf, was nicht in die Norm passte. Er befreite sich aus seiner Wolldecke und ging in die Küche, aus einer Thermoskanne goß er sich Kaffee ein.
Er fröstelte und umfasste den heißen Kaffeebecher.
Durch die Fenster zog es, er wollte sich schon lange eine andere Wohnung suchen.
Es war Kurz vor Weihnachten, alles war grau in grau. „Was für ein verfucktes Leben“ dachte er - es ging ihm miserabel, eigentlich schon immer. Deshalb hatte er
wieder einmal einen Therapeuten, in einer Stunde war der Termin.

Vier Jahre früher, Franz ist 16 Jahre alt.
Mit seiner Mutter war er bei seiner Cousine Lisa zur Konfirmation eingeladen worden. Sie wohnte in der 30km entfernten Kleinstadt.
Ihm graute immer vor solchen Veranstaltungen.
Es fehlten dabei so sehr sein Vater und seine Schwester. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er zwölf Jahre alt war und seitdem wohnte
der andere Teil der Familie in den USA.
Lisa war 15 Jahre alt, er hatte sie länger nicht gesehen. Man sollte sich zu dem Gottesdienst in der Kirche einfinden. Seine Mutter und er waren
zeitig genug gekommen und saßen in der dritten Reihe, direkt hinter den Konfirmandenplätzen.

Die Menschen strömten herein.
Mit dem 10. Glockenschlag verebbte allmählich der Lärm, es kehrte Stille ein. Mit einem kräftigen Akkord stimmte die Orgel den Einmarsch der jungen Menschen an,
die nun an der Schwelle zum Erwachsenenalter dunkel gekleidet, schön frisiert in die Kirche schritten, paarweise nebeneinander.
Die Gemeinde erhob sich.
Auf manchen Kindergesichtern lag schon der erste zarte Schatten des Erwachsenwerdens.
Franz drehte sich zur Mitte der Kirche, um Lisa besser zu sehen, wie sie mit den anderen feierlich einmarschierte.
Er sah ihr feines Profil, die locker auf die Schulter fallenden dunklen Haare. Die modischen Ohrringe und ihre schöne Figur
in dem schwarzen engen Kleid, über das sie ein kurzes Samtbolero trug. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Stolzes,
eine freudige Erwartung spiegelte sich in ihren Augen. Ihre Körperhaltung war schön, ihr Gang geschmeidig. Wie hatte sie sich gemausert!
Er war voller Bewunderung und gleichzeitig versetzte ihm dieser Anblick einen Stich.
Daraus entfaltete sich eine Emotion, die sich nicht mehr mit dem Willen kontrollieren ließ. Ein innerer Aufruhr, wie nach einer schlimmen,
aufregenden Nachricht machte sich breit. Er fing an zu zittern und war kurz davor, die Kirche in Panik zu verlassen. Seine Mutter bemerkte
die Unruhe und versetzte ihm einen leichten Stoß. Dies brachte ihn wieder in die Gegenwart. Während die Gemeinde das erste Lied anstimmte,
versuchte er, sich zu sortieren. Er beneidete Lisa, er war eifersüchtig und er fühlte sich selbst so unzulänglich und klein.

Er war verwirrt: die Bewunderung einerseits und diese Besessenheit von Neid und Eifersucht andererseits. Er wollte nur noch weg.
Die ganze Prozedur des Konfirmierens dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Jeder Konfirmand mußte sich vorne vor den Pfarrer hinknien und
bekam einen Bibelspruch mit auf den Weg.
Begleitet vom Orgelgetöse bewegten sich alle schließlich wieder hinaus, müde, erleichtert, etwas hungrig und dann konnte man ihr fröhliches, unbeschwertes Geplapper hören.
Franz konnte Lisa erst bei ihr zu Hause begrüßen, sie hatte noch eine Weile auf dem Kirchplatz gestanden, umringt von Freunden, Nachbarn und Eltern.
Es herrschte eine schöne Stimmung an diesem frühlingshaften Vormittag. Lisas Eltern, ihre Schwester Kathrin und er liefen mit den übrigen Gästen schon mal vor.
Im Garten waren Liegestühle und Gartenmöbel aufgestellt und der Vater von Lisa füllte ein paar Gläser mit einem eisgekühlten Prosecco. Alles war festlich vorbereitet worden. Man stieß schonmal an,
Hoch auf Lisa!
Man genoss die Sonnenstrahlen und plauderte. Franz war schweigsam, er versuchte, sich zu sortieren.
Er fühlte sich so deplatziert in dieser Welt, so kontaktlos. Seine innersten Wünsche und Gedanken waren eingesperrt.
Endlich kam Lisa und wieder fing dieses Ungeheuer in ihm an zu rumoren.
Er begrüßte sie artig und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.
Sie war so vollkommmen, so in sich abgerundet, so erblüht und fertig und so im Einklang mit sich selbst.
Und er dagegen? Er fühlte sich unattraktiv und linkisch, seine Kleidung passte nicht richtig, er hatte keinen Stil.
Endlich wurde zu Tisch gebeten. Die lange Tafel war gedeckt mit weißen gestärkten Servietten, Blumenschmuck, Silberbesteck für ein Viergängemenue.
Wein wurde ausgeschenkt und er freute sich trotz allem auf das Essen. Er saß neben Lisa und konnte nun auch ihren Duft wahrnehmen.
Er trank das Glas Wein in einem Zug leer. Die Wirkung kam stark und unerwartet. Ihm wurde warm und er spürte ein angenehmes Gefühl der Entspannung.
Seine Stimmung besserte sich. Er hing seinen eigenen Gedanken nach und da tauchte plötzlich ein inneres Bild vor ihm auf: Er sah sich in Lisas schwarzem Kleid –
wie berauschend schön war dieser Gedanke – wie ein Traum aus einem anderen Leben.
Er mußte einen Moment allein sein und suchte das Badezimmer auf. Im Spiegel sah er sein weißes Gesicht, die Haut glänzte.
Er hielt den Kopf unter kaltes Wasser, um nüchtern zu werden. Er trocknete das Haar ausgibig mit einer Kopfmassage und kam allmählich wieder zu sich.
Er fühlte etwas, das zu ihm paßte - etwas wie eine weibliche Eigenschaft. Auf der Armatur standen Schminkutensilien. Er nahm den Lippenstift zur Hand und trug ihn
mit soviel Kraft auf, dass der Stift zerbrach und ein Teil herunterfiel. Das störte ihn wenig, er sah sich an und
ein innerer Jubel applaudierte, er fing an zu glucksen das in lautes hysterisches Lachen überging, ein Triumphgefühl, das er noch nie in seinem Leben empfunden hatte.
Mit einer Fettcreme bekam er den Lippenstift wieder ab und kehrte zum Tisch zurück.
Der leicht fragende Blick seiner Mutter entging ihm nicht. Franz kam noch rechtzeitig zum Nachtisch, es gab eiskalte frische Zitronencreme, die er mit Begeisterung in sich hineinschaufelte und vor allen lautstark lobte: „wie frisch die schmeckt, wunderbar!“ Und dabei nahm er sich zwei große Löffel Schlagsahne. Ungewohnt, aus seinem Mund einmal so ein Lob zu hören, dachte seine Mutter und wunderte sich still.
Nach dem Espresso verteilte sich die Gesellschaft im Garten. Lisa ging in ihr Zimmer und tauschte ihre feierlichen Konfirmandenkleider gegen ihre Joggingsachen aus.
„Ich bin in einer Stunde zurück“ und fort war sie.
Nun war seine große Stunde gekommen! „Ich lege mich ein bisschen hin“, damit verabschiedete er sich.
Er stieg die Holztreppe hoch und betrat Lisas Zimmer. Ihr Kleid und die Dessous lagen auf dem Bett, ihre schwarzen Stöckelschuhe waren achtlos in die Ecke getreten worden.
Franz drehte den Zimmerschlüssel leise einmal um. Er zog die Gardinen etwas vor, sodass das Licht etwas abgedunkelt war. Nun fühlte er sich unbeobachtet. Er legte sich auf das Bett und schloß die Augen und beschwor nocheinmal den Moment herauf, den er vorhin am Tisch erlebt hatte und das Triumphgefühl, das ihn im Badezimmer übermannt hatte. Er musste sich seiner Kleidung entledigen. Es war, als ob er eine falsche Schale abziehen würde, die ihm jahrelang die Luft abgeschnürt hatte. Er genoß eine ganz neue Form der Nacktheit. Vor dem großen Spiegel sah er sich an. Er war kein Kind mehr, und auch noch kein Erwachsener. Sein Körper war im Begriff, zum Mann heranzureifen. Er drehte sich um und nahm den schwarzen Slip und betrachtete ihn. Wie schön weich und die Spitzen so edel.
Er schlüpfte hinein. „Ja wenn dieses Scheißding da unten nicht wäre“, dachte er, dann nahm er sich den BH vor. Zum Glück konnte er ihn überziehen und musste sich nicht mit Haken und Ösen abquälen.
Lisa hatte kleine Brüste. Das schwarze Trägerhemdchen verbarg seine Unvollkommenheit und er fand sich einfach schön und sexy. Franz bürstete seine vollen dunklen Haare etwas in die Stirn und befestigte zwei Ohrclips. Sein Gesicht bekam einen noch weicheren, sensibleren Ausdruck. Außerdem legte er die Kette mit den Strassteinen und Perlen um, wie schön sah sie auf seiner jungen Haut aus! Er sah sich im Spiegel regelrecht entgegenleuchten.
Jetzt endlich das Kleid! Er roch an dem Stoff und erkannte den Duft, den er vorhin an Lisa wahrgenommen hatte. So weiblich! Er zelebrierte das Anlegen des Kleides. In Zeitlupe zog er es über den Kopf, über die Brust, Hüften und Po, es schmiegte sich an, körperbetont und es passte wie für ihn gemacht. „Bin ich schön“ dachte er und war außer sich vor freudiger Erregung. Die Stöckelschuhe waren etwas eng, aber einen Moment lang genoß er auch dieses Gefühl, auf den hohen Absätzen zu stehen und noch erwachsener auszusehen. Auf Lisas Konsole standen auch ihre eigenen Schminkutensilien und er trug wieder Lippenstift und etwas Kajal auf, unglaublich, die Wirkung!
„Ich bin eine Frau – ab heute bin ich Franziska!" Er hatte den Drang, zu erleben, wie er auf Fremde in diesem Aufzug wirkte.
Da alle Gäste noch im Garten und mit sich selbst beschäftigt waren, konnte er unbemerkt das Haus verlassen. Zur Vervollständigung hatte er sich noch eine
Handtasche von Lisa geschnappt. Er war außer sich vor Erregung, sein Herz raste und er wollte nur noch weg von diesen Leuten, die ihn nie verstehen würden. Bis er ein Stück vom Haus entfernt war, trug er einen leichten Mantel und seine Hose. Beides verstaute er in einer Tüte, dann stellte er sich an die Haltestelle der Tram, um in die Stadt zu fahren.
Ein junger gutaussehender Mann nahm ihn wahr und fixierte ihn mit begehrlichen Blicken. Das raubte Franz fast den Verstand! Ja das war es – als Frau betrachtet und begehrt zu werden!
Er fuhr mit der Tram in die Stadt. Sein Wunsch war, Erfahrungen als „Frau“ zu sammeln. Wie wurde er wahrgenommen, es war ein Genuß, wenn er sah, dass es funktionierte.
Er stach einfach schon deshalb so heraus, weil er an einem Frühlingstag in einem hautengen schwarzen Kleid mit Samtbolero herumlief. Außerdem war das Rouge auf den Lippen etwas dick aufgetragen, ebenso der blaue Lidschatten.
In einem Café ließ er sich Torte und Capuccino bringen und malte sich aus, wie er in Zukunft als Kellnerin herumlaufen würde.
Franz entspannte sich, beobachtete die anderen Gäste, erntete den einen oder anderen Blick, er fühlte sich wahrgenommen aber nicht taxiert.
Es war ein gutes Gefühl, in seiner neuen Haut, völlig vertraut und selbstverständlich.
Etwas nervös wurde er bei dem Gedanken, wie er sich in Lisas Elternhaus unbemerkt zurückverwandeln könnte und ob man ihn schon vermisst hätte.
Er bezahlte, der Kellner sah auf seine Hände, "ein Trans", dachte er, Franz gab reichlich Trinkgeld und brach auf Richtung Haltestelle. Die ankommende Tram war noch nicht die Richtige und er machte Platz für die aussteigenden Fahrgäste.

Herr Simsock drückte auf den Halteknopf und stand an der Tür, die sich auftat. Da traf es ihn wie ein Blitz: war das nicht Franz?
Natürlich – Franz, aber warum in Frauenkleidung? – Wie schön er aussah, musste er sich im ersten Moment eingestehen. Was hatte er für eine Verwandlung durchgemacht!
Herr Simsock war der Mathematiklehrer von Franz. Wie er ihn da so stehen sah, entging ihm nicht, dass sein Gesicht einen versonnenen glückseligen Ausdruck hatte.
Franz fühlte sich plötzlich beobachtet und da trafen sich ihre Blicke. Weglaufen war nicht mehr möglich. Ertappt und beschämt grüßte er kurz, ihm brach der Schweiß aus.
Es war wie ein brutales Erwachen. Was soll ich machen, schoß es ihm durch den Kopf, er wurde panisch.
Er fühlte sich so bloßgestellt, wie nie in seinem Leben. Sie standen sich eine gefühlte Ewigkeit schweigend gegenüber. Franz war blass geworden,
"Wie kann ein Junge sich in einem Frauenkleid auf die Straße wagen, was habe ich da gemacht..." dachte er.
Im Kopf von Herrn Simsock jagten sich die Gedanken: wie kann ich ihm diese Situation erleichtern? Er fasste sich ein Herz und gab Franz einen leichten Schubs,
um ihn zum Gehen zu ermutigen. Franz spürte kaum seine Beine und sie mussten an einer Bank stehenbleiben, damit er sich setzen konnte.
Er spürte, wie ihm die seelischen und körperlichen Kräfte schwanden und auf einmal brach es aus ihm heraus.
Er musste weinen, das Schluchzen schüttelte ihn durch, er verlor die Kontrolle. Das dauerte eine ganze Weile. Herr Simsock ließ ihn einfach gewähren und schwieg.
„Was hat sich da im Laufe der Zeit angestaut, in diesem jungen Leben“, dachte er. Dann ebbte diese Erregung allmählich ab und Franz wischte sich mit dem großen frischgebügelten Taschentuch seines Lehrers die Tränen ab. „Es ist gut so, Franz, gut gut gut…jetzt versteh ich dich endlich, ich weiß jetzt, warum du so verschlossen warst“.
Sie ließen die nächste und übernächste Tram vorbeifahren und redeten kaum. Franz fühlte sich gehalten und aufgefangen. Er schöpfte neue Kräfte und verabschiedete sich schließlich.
In einer öffentlichen Toilette zog er die Hose über und den Mantel, wischte die Schminke ab und nahm die nächste Tram. Er kam gut im Haus von Lisa an und konnte sich ebenso unbemerkt
wieder in seine alte Rolle zurückverwandeln. Lisa hatte sich gewundert, wo ihr Kleid abgeblieben war, aber im Trubel der Feier ging diese Frage unter.
Es war nun auch an der Zeit, wieder nach Hause zu fahren.

Dieses Erlebnis war also vier Jahre her.

Franz dachte in der ersten Zeit, dass das nun eine wichtige Erfahrung für ihn gewesen sei und er zur Tagesordnung übergehen könnte.
Er musste noch sehr oft an diesen Tag denken und auch an seine starken Emotionen. Hatte er bis dahin ein falsches Leben geführt, 20 Jahre vergeudet? Herr Simsock hatte ihm angeboten, ihm zu helfen wenn er Probleme hätte.
Aber Franz ging dann mit der mittleren Reife von der Schule ab und so verloren sie sich aus den Augen.
Er ging häufig abends bis spät in die Nacht in eine Bar, dort gab es Travestie. Eine Subkultur aus dem Homosexuellenmilieu, Transsexuelle und Transvestiten gingen ein und aus. Aber eben keine Heteromänner, die eine Transfrau suchten -
Eines war ihm klar: homosexuell und bisexuell war er nicht. Er hatte keinerlei Interesse an diesen Kontakten. Es war einfach nur der Genuss,
als Frau wahrgenommen zu werden. Mit dem Alkohol vernebelte sich alles etwas und er konnte sich seinen Illusionen hingeben, eine Frau zu sein. Allemal war das Milieu hier für ihn passender, als in den Diskotheken,
wo seine alten Schulfreunde hingingen.
In diesen Kneipen fühlte er sich wie in einer großen Familie. Aber es war eine große Kluft da: er war eine Frau in einem Männerkörper und wollte sich als Frau in einen Mann verlieben.
Er war sehr beliebt und durch seine Jugend der Star der Szene, er konnte sich kaum retten vor Angeboten und manchmal verliebte er sich auch,
aber wenn die Beziehung enger wurde, flüchtete er. Er war sich seiner selbst nicht sicher.

Inzwischen war ihm durch den heißen Kaffee etwas wärmer geworden. Er brach auf, um zu seinem Therapeuten zu fahren. Dort ging er seit einiger Zeit hin,
weil er einen Hautausschlag bekommen hatte, der nicht heilen wollte und offenbar nervlich bedingt war. Franz fuhr zweimal in der Woche zu Dr. Haifa.
Er hatte Vertrauen zu ihm gefasst und endlich konnte er sich einem Erwachsenen gegenüber unverstellt äußern. Dr. Haifa war auch bekannt für die
erfolgreiche Begleitung von Transsexuellen. In der therapeutischen Beziehung, die sich mit der Zeit zwischen ihm und Franz aufgebaut hatte, wurde deutlich,
dass der nervöse Hautausschlag mit dem Problem in Verbindung stand, dass Franz eigentlich eine Frau war. Er verliebte sich eines Tages in Dr. Haifa.
Diese psychoanalytische Übertragungsbeziehung machte deutlich, dass Franz sich als Frau in den Mann Dr. Haifa verliebt hatte. Der Ausschlag ging zurück.
Mit der Stärkung durch diese Gewissheit und durch die Unterstützung in der Therapie konnte sich Franz im Lauf der Zeit aus dieser Übertragungsabhängikeit lösen
und ganz zu sich selbst finden. Er hatte nun den Mut, den Alltagstest als „Frau“ in Angriff zu nehmen. Die größte Hürde war dabei, sich seiner Mutter und allen
seinen Freunden und Bekannten zu offenbaren. Franz zog sich peu á peu weiblicher an und nannte sich Franziska. Beruflich kam er damit zurecht,
weil er den Chef in dem Café, wo er arbeitete eingeweiht hatte. Er erhielt nun die Berufskleidung als Kellnerin. Es gab Gäste, denen es auffiel,
dass Franz sehr männliche Hände hatte, aber im Grunde kannte man ja dieses Phänomen, es gab ja Zwitterwesen. Franziska war immer freundlich
und sah gerade in dieser Doppelidentität sehr apart aus. Was ihm half, war sein jugendliches Aussehen. Dieses Jahr sollte die endgültige Gewissheit bringen,
dass es ihm ernst war mit seinem Wunsch, eine Frau zu werden. Er fing mit der Hormonbehandlung an. Sein Körper bekam weibliche Rundungen, auf die er sehr stolz war. Schließlich bekam er die Zusage der Krankenkasse für die Übernahme der Kosten der operativen Geschlechtsumwandlung.
Er unterzog sich der langwierigen bürokratischen Prozedur, die mit den Vorbereitungen für die nötigen Operationen einherging.
Diese verliefen komplikationslos. Dr. Haifa gab ihm Halt und war ihm unentbehrlich in diesen Jahren. Franz war mit 30 Jahren dann endlich eine Frau geworden.
Seine Mutter hatte sich von ihm distanziert. Sie wusste nicht, wie sie damit zurechtkommen sollte. Es war ihr peinlich, wenn die Leute sich nach ihrem Sohn erkundigten,
was sollte sie sagen? Sie entschloß sich schließlich, in eine Stadt zu ziehen, wo sie niemand kannte. Dort konnte sie einen Neuanfang machen und ganz
unverkrampft von ihrer „Tochter“ erzählen. Ihre Beziehung zu Franziska wurde sehr herzlich. Nun hatte sie wirklich echten Kontakt zu ihrem Kind.
Mit 33 lernte Franziska dann Claudius kennen. Er war seit einiger Zeit Stammgast in dem Café, wo Franziska arbeitete. Claudius fiel Franziska auf,
sie hatte etwas besonders Anziehendes, etwas Faszinierendes, was sie in seinen Bann zog. Er verliebte sich in sie, nachdem sie öfter miteinander ins
Gespräch gekommen waren. Claudius war Architekt und genoss die Entspannung in diesem Café, das inzwischen zu seiner zweiten Wohnung geworden war.
Eines Tages hatte er zwei Karten für einen Ball geschenkt bekommen. Er fragte Franziska, ob sie mitgehen wolle. Sie hatte lange nicht mehr getanzt,
geschweige denn als Frau!
Sie beschlossen, ihre Fähigkeiten im Standardtanz aufzumöbeln und besuchten einen Tanzkurs, wo sie ihre Kenntnisse im Foxtrott, Samba und Walzer auffrischten
Claudius fiel auf, dass Franziska immerzu in die männliche Führungsrolle geriet.
Franziska nahm dies zum Anlass, Farbe zu bekennen. Claudius war zunächst irritiert. Ihm war das Thema Transsexualität bislang fremd gewesen. Nach diesem „Geständnis“ fühlte Franziska sich wesentlich besser. Claudius brauchte eine Weile, sich mit dieser Tatsache anzufreunden. Sie gingen ein paar Mal zu Dr. Haifa. Ihm gelang es, beiden Mut zu machen, sich aufeinander einzulassen.
Sie wurden sehr glücklich miteinander und heirateten schließlich. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit adoptierten sie die kleine Emelie mit acht Monaten und nach weiteren
zwei Jahren den einjährigen Volker.
Claudius hatte für die Familie eine kleine alte Villa in einem ruhigen Viertel in Zentrumsnähe umgebaut. Die Familie hatte genügend Platz im Haus und
im Sommer konnten sie die große Terrasse und den Garten nutzen. Die Kinder brachten viel Leben ins Haus und es entstanden gute Kontakte zu ihren
Nachbarn und Freunden. Nun hatte Franziska das Leben, das sie sich so sehnlichst gewünscht hatte.
Sie wollte etwas weitergeben davon. Als die Kinder etwas größer waren, schrieb sie ihre Erfahrungen nieder und veröffentlichte sie. Dies brachte ihr viele Zuschriften, Zeitungsredakteure nahmen Kontakt zu ihr auf. Sie merkte, dass es ihr guttat, Menschen mit Transsexualität zu helfen, so wie es ihr gegangen war und so gründete sie im Haus eine Beratungsstelle für Transsexuelle.
Sie wurde damit sehr erfolgreich und hatte eine tiefe Erfüllung darin gefunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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