Karin Unkrig

Taléia

Noch so eine Paragraphengeschichte: Vor einigen Jahrzehnten, als Namen aus anderen Kulturkreisen wenig geläufig waren, galten strenge Bestimmungen auf den Zivilstandsämtern. Frisch gebackene Väter hatten einen eindeutigen Vornamen für ihren Sohn oder ihre Tochter vorzulegen. Im Zweifelfall (bei «Maria», «René» oder «Toni») musste ein zweiter, das Geschlecht eindeutig bezeichnender Name her. Fremdes, Unbekanntes oder schwierig Auszusprechendes wie «May», «Lou» oder «Aoife» ging gar nicht. Egal, was es im dortigen Heimatland bedeutete, wie verbreitet oder angesehen es war.

Die Regelungen ließen sich nur durch clevere Schachzüge umgehen. Ein Bauingenieur aus Düsseldorf erzählte mir von einem portugiesischen Bekannten, der seine Tochter «Taléia» nennen wollte. Der zuständige Beamte verweigerte den Eintrag ins Geburtsregister. Er beschied dem Mann, er müsse nachweisen, dass dies eine individuelle Bezeichnung und überdies als solche «ein Begriff» sei.

Ein befreundeter Grafiker entwarf über Nacht ein Plattencover mit der feurigen Schönheit «Taléia». Am nächsten Tag präsentierte der Abgewiesene die Schallplatte inklusive Hülle. Ergänzend fügte er hinzu, dass seine Frau zu Beginn der Schwangerschaft den Wunsch geäußert hätte, dass das erste Mädchen wie ihre Lieblingssängerin heißen sollte. Er könne ihr dies nun nicht abschlagen … Sein Glück, dass sich die Bewilligungsinstanz als musikalisch wenig bewandert erwies und zudem nicht auf dem Abspielen der angegebenen – in Tat und Wahrheit nicht existierenden – Lieder bestand. Internet war es damals noch nicht erfunden, im Amt kein iberischer Kollege zugegen und so reichte die Erklärung aus, dass der Name übersetzt «die Blühende» hieß (also nichts Verwerfliches oder Despektierliches an sich hatte). Der Vollständigkeit halber fügte das stolze Familienoberhaupt hinzu, ein Sohn wäre selbstverständlich nach seinem Lieblingssänger «José HYPERLINK "http://alfarrabio.um.geira.pt/zeca/"Afonso» benannt worden. Als er auch hierzu die entsprechende Plattenhülle vorweisen konnte, gab sich der Diensthabende mit den Erklärungen zufrieden. Beide Alben wurden am Tauffest aufgelegt und wanderten anschließend in die Raritätensammlung.

PS: Nicht auszudenken, wenn der Mann ein Bild von Lady Gaga vorgezeigt hätte …

 

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