Helga Asmuß

"Sicherheit" oder "Schlimme Oma und die Mordwaffen"

Sicherheit“

oder

„Schlimme Oma und die Mordwaffen“

 

 

Natürlich hat er es nicht geschafft! Die potenzielle Mordwaffe – heimlich eingesteckt – ist schon beim ersten Sicherheitscheck vor dem Flug von Berlin nach Tel Aviv konfisziert worden. Nun liegt die knapp 30 Zentimeter(!) lange Papierschere vom Opa – leicht verrostetes Relikt aus dessen Arbeitszeit im Dienste einer Papierfirma – sicher verwahrt bei der Berliner Flugsicherung und wer weiß, vielleicht tut sie eines Tages noch jemandem gute Dienste…..aber sicher nicht mehr unserem neunjährigen Sohn Sören, dessen Papierschneidephase damit leider abrupt beendet wurde. Dabei wollte er sich mit der heiß begehrten Schere bloß die Zeit zwischen den Auftritten mit dem Kinderchor verkürzen, befand er sich doch eben gerade in einer sehr aktiven Bastelphase. Für die Teilnahme an der Chorreise war er eigentlich nicht wirklich gefragt worden, das hatten die Großen für ihn geplant. Er hätte sich lieber weiter im Schneiden geübt – egal, was, man konnte es ja wieder kleben, was mindestens ebenso lustig war! Und nun hatten diese Menschen ihm sein bestes Stück abgenommen! Ist schon gemein, so was! Das freundliche Angebot der Sicherheitsbeamtin, das gefährliche Objekt auf dem Rückweg an entsprechender Stelle wieder abzuholen, haben wir nach der vierzehntägigen Chorreise durch Israel infolge der vielen neuen Eindrücke leider versiebt. So viel zum Thema „Sicherheit“ im Jahre 1980.

 

Dann sind die Jahre ins Land gegangen, und die Sicherheit auf Flughäfen wurde hoch gehandelt. Nach vielen gefährlichen Zwischenfällen konnte man das auch durchaus verstehen. Nur wenn eine Maßnahme deine eigene Freiheit einschränkt, dann schleichen sich schon mal böse Gedanken ein…Mein winziger Nagelreiniger zum Beispiel, passend fürs Portemonnaie, der mir so hervorragende Dienste geleistet hatte mit seiner anatomisch wohlgeformten Metallspitze und dem netten, zierlichen Horngriff, wurde als Mordinstrument natürlich sofort erkannt, und ich musste das vielgeliebte Teil unter lautem Protest aus den Tiefen der Tasche angeln und auf Nimmerwiedersehen ausliefern. Wie gemein! Heute besitze ich ein Plastikteil an dessen Stelle, was zwar eher klobig und unfunktional ist, aber den Vorteil besitzt, auf dem Röntgenschirm als mögliche Mordwaffe nicht entdeckt zu werden. (Aber stabil genug wäre es durchaus!)

 

Zu Beginn der eigentlichen Geschichte nun befinden wir uns im Juli des Jahres 2004. Es ist Ferienzeit, und ich will die beiden großen Töchter in England besuchen. Die ältere studiert noch in Wales, und Nina, die jüngere, lebt bei Cambridge und ist schon Mama von zwei Kindern. Die vierjährige Sarah-Sophia möchte von der Oma gar zu gern eine Jacke gestrickt haben. Pink und rosa soll sie bitteschön sein! Den Wunsch erfülle ich ihr sehr gern, war doch das Stricken für meine eigenen Kinder früher eine meiner produktivsten Tätigkeiten! Also erstehe ich im Charity-Shop vor Ort rosa Wolle, dazu noch etwas Pink, weil das Kindchen so drauf steht, und schließlich müssen es auch noch passende Nadeln sein. Aus der Riesensammlung bei der netten Charity-Dame klaube ich mir die längsten heraus, denn diese besitzen eben gerade die Stärke, die ich für mein Unternehmen benötige.

 

Nun sitze ich also im ledernen Armstuhl bei der Tochter im winzigen Wohnzimmer – alle viktorianischen Häuser in England haben solche winzigen Zimmer – die Beine hoch gelagert, von wegen der Krampfadern, und stricke ganz gemütlich, wie in alten Zeiten. Das Werk wächst zusehends, aber ganz so schnell, wie es das Kindchen gern sähe, geht das nun auch wieder nicht.

 

Meine Zeit in eurem Hause geht zu Ende, liebe Kinder, nun packe ich das Gebilde ein, will aber auf dem Weg zur großen Tochter im fernen Wales gern weiterstricken. Bye, Sophie und Nina!

Lampeter ist eine winzige Universitätsstadt in Wales, just in der Cardigan-Bay, inmitten der lieblich grünen Hügel, Sehnsuchtsziel vieler Menschen, die Ruhe und Beschaulichkeit brauchen oder zum Beispiel Religionswissenschaft studieren, wie unsere Tochter Karen. Und „Cardigan“ heißt Strickjacke – na, da bin ich ja wohl richtig!

 

Herzlich willkommen, Mutter, und danke für die vielen Mitbringsel! Da machen wir uns doch gleich auf den Weg und nutzen die zwei strahlenden Sonnentage mit Wandern und Picknick in den wonnig-grünen Hügeln von Wales. Zum Stricken bleibt eigentlich keine Zeit, denn auch die Abendstunden sind ausgebucht. Hier kann ich doch endlich die begehrten „X-Akten“ im Originalton sehen, das macht dieselben für mich noch attraktiver. Man muß ja nicht jedes Wort verstehen! Und auf der sechsstündigen Rückreise im Zug bietet sich immer noch genügend Zeit zum Stricken. Wolle und Nadeln wandern vorsorglich ins Handgepäck. Stricken ist immer gut gegen Langeweile. Wenn ich auf dem Flughafen bin, werde ich natürlich alles im Koffer verstauen – von wegen der Sicherheit!

 

So reise ich – zeitlebens ein Englandfan wie heute unsere Kinder – durch das liebliche Land, stricke, esse, lese, schaue – und dann stricke ich weiter. Herrlich entspannend! Das Gebilde aus Pink und Rosa sieht schon recht manierlich aus.

 

Doch später in Stansted geht die Post ab! Was für eine Hetzerei! Mit dem Auffinden des Schalters habe ich voll zu tun. Der riesige Vorraum ist schwarz von Menschen. Es passiert mir nicht oft, dass ich ganz allein reise mit sperriger Handtasche und einem schweren Koffer. Der ist beinahe genauso unhandlich wie auf dem Hinweg, als er vor lauter Mitbringseln fast geplatzt wäre! Jetzt ist jeder Hohlraum sorgfältig aufgefüllt mit den begehrten englischen Produkten wie Ginger- und Orangenmarmelade, Ty-phoo-Tee, gefüllten Ingwerkeksen, braunem Zucker, neuer alter Kleidung aus dem Charity-Shop (ganz billig) sowie Orangensaftkonzentrat in Flaschen – alles Dinge, die man bei uns noch nicht kaufen kann. Oder doch? (Wo, bitte?) Am Ende ist der Koffer gar zu schwer!? Ich spähe besorgt auf die Anzeige der Waage. Nein! Er geht durch. Aufatmen! Nun kann ich mich erleichtert auf die Suche nach Gate 6 begeben, eine Gratis-Zugfahrt inbegriffen, denn der Flughafen ist nicht der kleinste. Suchend folge ich den Schildern. Ah, Gate 1 bis 93! Dies wird meine Richtung sein. Lange Gänge, Rolltreppen rauf – Rolltreppen wieder runter, elegante Geschäfte, exquisite Cafés und Backduft verströmende Imbissstände, die den Fluggästen die letzten englischen Pfunde aus den Taschen locken wollen.

 

Endlich Gate 6. Aufmerksam betrachte ich die Anzeigetafel. Doch leider zeigt sie keinen Air-Berlin Flug an. Von hier aus fliegt man nach Irland, wenn man das denn will. Will ich aber nicht. Will nach Berlin. Das sollte doch vom Gate 6 passieren, so war es immerhin angezeigt worden! Mittlerweise umkreisen immer mehr berlinernde Fluggäste eher unwillig das falsche Gate. Einem echten Berliner kann man seine Laune ziemlich gut anhören! Nach umständlichen Erkundungen müssen wir uns geschlagen geben. „6“ war definitiv falsch. Man

weist uns schließlich Gate 7 zu, und das bringt nun immerhin Hoffnung.

 

Die Abflugzeit rückt näher. Lachend und schwatzend stehen die Damen im artigen Dress des Boden-Personals von Air-Berlin herum, als handele es sich hier um ihr Kaffeestündchen, während sich die Anzeigetafel in flimmerndes Schwarz hüllt. Man hat eben keine Eile! - Ist Berlin nun vielleicht doch aus dem Programm gestrichen? Die vielen wartenden Fluggäste sind echt verunsichert, gar erbost – nicht zu überhören! Sie vermitteln ihre Stimmung unverblümt. Aber dann kommt die erlösende Nachricht doch. Und sie lautet: Verspätung! Wetter bedingt! (Schauen Sie doch mal aus dem Fenster, dann sehen Sie es selbst: Aus dunkelgrauem Himmel rauscht der Regen, prasselt gegen die Fenster, der Wind heult – oder heulen die Motoren? Wer möchte jetzt schon fliegen?) Eine dreiviertel Stunde sollten wir uns bitte gedulden. Der Flieger aus Berlin sei nämlich noch oben und erst wenn der heil gelandet und von den Schlechtwetterspuren gereinigt sei, könnte man ans Einsteigen denken. Immerhin, man hat uns informiert!

 

So setze ich mich getrost wieder in den bequemen Wartesessel und warte. Mein Buch ist ausgelesen, alles Essen verspeist bis auf die süßen kleinen Sherrytomaten, die mir die fürsorgliche Karen so liebevoll eingepackt hatte. Langsam verschwinden sie im Mund, und noch langsamer kleckern die Minuten dahin. Es ist todlangweilig. Was mache ich jetzt mit der vielen Zeit? Will doch mal sehen, was die Reisetasche so alles birgt. Vielleicht findet sich ja überraschenderweise etwas Nettes, Zeitverkürzendes…..

 

Ich wühle angestrengt. Schreibzeug, Waschzeug, Buch, Thermosflasche, Tempotücher, Plastiktüten, Portemonnaie – alles uninteressant. Aber was ist denn das hier? Etwas Weiches. Ich weiß nicht recht. Schnell ans Licht damit! Da trifft mich der Schlag: O weh! Das Strickzeug! Das hatte ich vergessen! Sprachlos starre ich auf das Gebilde aus Perlmaschen, pink und rosa, und natürlich m i t Nadeln! Wie konnte das denn passieren? Ich bin doch durch alle Kontrollen damit gekommen! Bei meinem künstlichen Knie aus teurem Titan piept es regelmäßig – ich habe mich an das Abtasten schon gewöhnt. Mal muß ich zur Sicherheit die Schuhe ausziehen, anderen Kontrolleuren genügt der Blick auf beide Schuhsohlen. Jacke aus, Gürtel ab, Kleingeld und Uhr ins Körbchen – muß alles sein. Bitte kein Metall! Ist ja zur eigenen Sicherheit. Das Handgepäck wird auf dem Förderband deponiert und durchläuft eine strenge Röntgenkontrolle. Der Mensch am Bildschirm ist geschult und kann jeden gefährlichen Gegenstand auf dem Screen identifizieren. Das hat er gelernt, dafür wird er bezahlt. Wie konnten ihm bloß die extralangen Metallnadeln durch die Lappen gehen? (Am Eingang gab es übrigens einen beleuchteten Schaukasten, darin lagen fein säuberlich alle gefährlichen Gegenstände aufgereiht, Nadeln, Messer, Nagelpfeilen und dabei gar ein verbogener Teelöffel – wer wurde denn damit umgebracht??)

 

Zittrig fahren meine Finger über das blanke Metall – natürlich i n der Tasche, denn sehen darf die hier bestimmt keiner! Oder – oder…?

 

Aber langsam beruhige ich mich wieder. Habe mich mit der prekären Situation angefreundet und muß gar hämisch lächeln. Schlimme Oma! Träge verrinnen die Minuten. Draußen dunkelt es jetzt deutlich. Wir sind zwar im Juli, aber es sieht aus, wie ein grauer Novemberabend. Eben England. Damit musst du rechnen. Alle Wartesessel besetzt. Ein jeder bemüht, die Zeit totzuschlagen. Ein Kleinkind plärrt – das langweilt sich auch. Zwei Knaben spielen Fußball und ein junger Glatzkopf nutzt die Gunst der Stunde und gönnt sich, über drei Sitzplätze gegossen, ein Nickerchen. Langeweile kann ich schwer ertragen und schließlich sticht mich der Hafer: Jetzt hole ich das Strickzeug raus, jawohl, gebe mich meiner liebsten Beschäftigung hin und stricke!

 

Wahrscheinlich wird augenblicklich ein Sicherheitsbeamter auf mich und meine Nadeln zustürzen und selbige sofort empört konfiszieren. Man wird mich begierig verhören und meine gefährlichen Absichten zu ergründen zu suchen. Wer weiß, was das für ein Ende mit der schlimmen Oma nimmt! Und den Flieger verpasse ich dadurch bestimmt…. Egal, ich stricke jetzt. Rosa und pink. Das Jäckchen muß bald fertig sein, denn Tochter und Enkeltochter wollen uns demnächst in Berlin besuchen.

Die Beine bequem auf die Reisetasche gelagert, rein äußerlich die Ruhe selbst, stricke ich Masche um Masche mit der Mordwaffe, aber nichts passiert. Keiner kommt, keiner nimmt sie mir weg. Es interessiert einfach niemanden! Uniformierte Sicherheitsbeamte und Stewardessen, Flugkapitäne und Mitglieder des Putzgeschwaders, Zollbeamte und Gepäckwagenfahrer – alles strömt an mir vorbei, und ich verstecke mich durchaus nicht. Aber niemand stört sich an der strickenden Oma! Umso besser, sinniere ich lächelnd, und Masche für Masche wächst die Jacke. Die Zeit ist genutzt und die Langeweile zerstreut. Dunkelheit hat sich nun endgültig über den geschäftigen Flughafen gesenkt. Schließlich ertönt auch der erlösende Aufruf für die Berlin-Reisenden: Zeit zum Boarden!

 

Das Strickzeug verschwindet wieder in den Tiefen der Reisetasche, und ich mache mich erwartungsvoll auf den Weg in den Flieger. Wie ist das, soll ich im Flugzeug weiterstricken oder mir vielleicht ein Mordopfer suchen? Oder soll ich die neueste Ausgabe vom „Focus“ lesen, die man nebst einem rotweißen Lutschbonbon mit dem Emblem von Air-Berlin zwecks Starterleichterung kostenlos anbietet? Lächelnd entscheide ich mich für Letzteres. Ich stricke doch besser zu Hause weiter….

 

So viel zur Sicherheitskontrolle im Jahre 2004!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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