Matthias Neumann

Winterdienst

Winterdienst

 

Der erste Schnee kam jedes Jahr später. Winfried wurde oft gesagt, er solle sich darüber freuen, hatte er dadurch doch auch weniger Einsätze. Von dieser Seite betrachtet, hatten sie natürlich recht. Trotzdem gelang es ihm nicht, etwas Positives aus diesem Umstand zu ziehen. Im Gegenteil, er empfand es sogar als schlimmer, er litt förmlich unter dieser Veränderung.

Die Einschätzung von Außenstehenden stimmte schon, die vielen Fahrten, besonders bei Nacht, als die Winter noch kälter waren, konnten durchaus an die Substanz gehen, besonders zum Ende der Saison. Doch das war es nicht, was Winfried zu schaffen machte, gerne hätte er wieder gegen häufige Schneefälle getauscht. Damals waren sie wenigstens berechenbarer.

Das Belastende für ihn war die Ungewissheit, die bohrende Frage, wann es endlich losgeht. Die anhaltende Nervosität, die sich über Tage, und mittlerweile sogar Wochen, aufbaute und mit der Zeit immer weiter steigerte, war viel kräftezehrender, als die endlosen nächtlichen Fahrten. Ständig musste er bereit sein, nie fand sich ein Moment der Ruhe.

Die meisten Menschen verstehen nicht, was daran so unerträglich sein soll. Sie stellen es sich so vor, wie bei der freiwilligen Feuerwehr. Wenn ein Einsatz kommt, dann kommt er eben, und solange braucht man sich nicht darum sorgen. Erst recht nicht beim Winterdienst! Denn worin bestand schon Winfrieds Aufgabe? Mit einem Kehrfahrzeug über die Gehwege fahren. Das war unkompliziert und gefahrlos, es stand nichts auf dem Spiel.

Das ist die gewöhnliche Meinung. Doch die Leute, mit denen er sprach, wussten nicht, wie die Einsätze tatsächlich abliefen. Sie konnten nicht nachvollziehen, was Winfried so sehr davor fürchten ließ. Mit seinen Problemen war er allein, erst recht, wenn er anderen davon erzählte.

 

Es war bereits Ende Januar. Seit bereits einem Monat war er wieder in Unruhe. Pausenlos studierte er die Wetterberichte. Auch wenn sie alle das selbe voraussagten, suchte er noch nach weiteren. Bisher hatte es nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für Schnee gegeben. Die aktuelle Wetterlage konnte ihn immer gleich für Tage ausschließen. Winfried wusste selbst, dass er für diese Zeit ruhig bleiben könnte, trotzdem konnte er nicht abschalten. Ganz egal, wie lange es sich noch verzögern würde, irgendwann würde es unweigerlich doch geschehen. Auf den tatsächlichen Zeitpunkt kam es letztendlich nicht an. Auch wenn die Vorhersage auf die Sekunde genau und drei Monate im Voraus möglich wäre, würde das nichts am Ergebnis ändern. Der Schnee war in Wirklichkeit gar nicht das Problem.

 

Er schreckte hoch, als das Telefon klingelte. Er war doch noch eingeschlafen, schaffte es aber trotzdem noch vor dem zweiten Mal, sich zu melden. Ein Gespräch war nicht nötig, Winfried murmelte nur eine Bestätigung. Beim Auflegen schaute er auf das Display. Es war Vier Uhr. Er hatte gewusst, dass es diese Nacht so weit sein würde. Widerstrebend öffnete er die Tür und stieg aus dem Auto.

Mit schweren Schritten ging er auf die Halle zu. Eine kurze Begrüßung, dann setzte er sich sofort in das Räumfahrzeug. Routiniert machte er sich auf den Weg in die weiße Nacht.

 

Der Schneefall war nicht besonders stark. Er kam ohne Störungen voran, es gab keine Komplikationen. Alles lief wie vorgesehen, es gab nichts zu bemängeln. Nichts konnte das Fahrzeug aufhalten, die störende weiße Masse musste weichen und gab hinter ihm wieder den Weg frei.

Er fuhr ohne Unterlass, hatte schon viele Kilometer geräumt. Doch auch eine sitzende Tätigkeit strengt an, irgendwann ließen sich die Signale des ermüdeten Körpers nicht mehr ignorieren. Es ging bereits auf Mittag zu, als er sich zu einer Pause gezwungen sah. Seit dem letzten Abend hatte er nichts mehr zu sich genommen. Eine Wurst und ein Brötchen füllten den protestierenden Magen. Der Kaffee war nicht mehr imstande seine Müdigkeit zu vertreiben, aber er gab den Anschein von Wärme. Einen Moment lang schloss Winfried genussvoll die Augen.

Dann ging es los. „Das ist mal wieder typisch. Ich komme kaum vorwärts und die Herren schlagen sich die Bäuche voll, anstatt das zu tun, wofür sie bezahlt werden.“

Ein Anwohner hatte ihn entdeckt und regte sich auf. Genau das war es gewesen, was er vermeiden wollte. Das war der Grund für seine Besorgnis, die jedes Jahr wiederkehrende Unruhe. Am Anfang hatte er sich noch über so ein unsinniges Benehmen geärgert und zurück geschrien. Es war nun mal nicht möglich, alle Wege auf einmal zu räumen. Egal wo man anfing, irgendeine Straße war immer die letzte. Und genau diese Anwohner beschwerten sich dann, dass man viel zu spät kam; dass alles schon hätte erledigt sein können, wenn die Fahrer nicht so faul währen.

Es ist begründet, sich über so ein Verhalten aufzuregen, dagegenzuhalten. Aber es hilft nicht. Man kann diese Menschen nicht aufklären, es nicht möglich, Verständnis für die eigene Lage zu erzeugen. Sie suchen jemanden zum Anschreien, der Grund ist unerheblich.

Es hilft nicht, im Recht zu sein. Es beruhigt vielleicht eine Zeit lang, doch immer wieder das Ziel von Anfeindungen zu sein, nagt unweigerlich an der Seele. Zuerst merkt man es nicht, oder man will es nicht. Doch es arbeitet im Inneren. Man wird dünnhäutig. Irgendwann kommt der Punkt, an dem schon ein böser Blick reicht, um in Angst vor einem erneuten Angriff zu geraten.

Hastig begab er sich zum Fahrzeug und fuhr los. Er tat es nicht um seiner Pflicht nachzukommen, oder den Anwohner zufrieden zu stellen, sondern um zu fliehen.

 

Vor einem Haus zu seiner Rechten stand ein Mann im offenen Tor. In der einen Hand hielt er eine Tasse, in der anderen eine Thermoskanne. Mit beidem winkte er Winfried zu. So etwas war ihm noch nie widerfahren, dieses mitfühlende Angebot hatte etwas Unwirkliches. Doch er konnte es nicht annehmen. Die Angst war größer. Das einzige, was er sich in diesem Moment wünschte, war, dass sein Fahrzeug noch schneller hätte fahren können.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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