Heinz-Walter Hoetter

Die Rosenbergstation

Hier draußen auf dem weiten Landeplatz mit seinen Staub überzogenen Positionslichtern hatte die Stille schon seit vielen Jahrzehnten ein festes Zuhause. Nur das leise Dauerrauschen der mannshohen Rotoren der Frischluftanlagen im Hintergrund der riesigen Betongebäude störte ein wenig die unheimliche Ruhe der einsam daliegenden Station, die sich weit draußen irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums auf dem Planeten TELLOGG befand, der eine für den Menschen weitestgehend lebensfreundliche Atmosphäre besaß und über eine äußerst exotische Flora und Faune verfügte.

Es gab sogar monströs aussehende Fleisch fressende Pflanzen, die leicht einen ausgewachsenen Menschen verspeisen konnten. Sie lebten gerne in sandigen Gegenden, wo sie sich tief im Boden eingegraben hatten und oft viele Wochen lang geduldig auf ihre Beute warteten. Deshalb mied ich diese wüstenähnlichen Gebiete tunlichst und machte meist einen weiten Bogen um sie herum, wenn ich hin und wieder die Station ROSENBERG mit einem der robusten Antigravitationsgleiter (kurz von mir AGG genannt) verließ, um die abwechslungsreichen, kontinentalen Landschaften des Planeten zu erkunden.

Ich suchte allerdings stets nach irgendwelchen größeren Hügeln im offenen Gelände, die mit genügend festem Untergrund ausgestattet waren und mir für den schweren AGG als Landeplatz ausreichend geeignet und entsprechend sicher erschienen.

Von solchen Stelle aus unternahm ich zusammen mit meinem Androiden TRION ausgedehnte Märsche in die umliegende Gegend, aber nur zusammen mit ihm, weil dieser künstliche Mensch über Kräfte verfügte, die einem hydraulisch arbeitenden Bagger gleichkamen. Da TRION fast drei Meter groß war, saß ich deshalb die meiste Zeit oben auf seinem breiten Rücken in einem durchsichtigen, kabinenähnlichen Rucksack und beobachtete von dieser Warte aus die weite, sich bis zum fernen Horizont ausbreitende, grüne Dschungellandschaft.

Außerdem verfügte TRION über einige gefährliche Waffen, wie z. B. einen Hochenergie-Impulslaser und über eine unbestimmt Anzahl dieser faustgroßen und flugfähigen Antimaterie-Granaten, die eine fürchterliche Explosionswirkung entwickeln konnten. Schon allein mit diesen Dingern war es ihm möglich, eine kleine Armee aufhalten zu können. Der Androide war damit sozusagen meine wichtigste Lebensversicherung, denn seine unglaublichen Fähigkeiten ließen seine Einsatzmöglichkeiten schier unbegrenzt erscheinen.

Der Name der Station hieß früher übrigens ASS-TG 6422. Irgendwann habe ich sie einfach "Rosenberg Station" genannt, weil ich glaubte, dass es für mich besser war, wenn sie meinen Namen trug. Dafür hatte ich meine ganz persönlichen Gründe, denn nach so langer Zeit war sie zu meinem einzigen Zuhause geworden..., so unendlich weit von Mutter Erde entfernt.

***

Auf TELLOGG gab es immer viel Neues zu entdecken. So gesehen wurde es mir auch nie langweilig. Auf meinen ausgedehnten Entdeckungsreisen, in die völlig unberührte Natur dieses außergewöhnlichen Planeten, traf ich bisweilen auf gewaltige Gebirgsketten mit mehr als achttausend Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln von außergewöhnlicher Schönheit. Am Fuße der Berge gab es tiefe Täler und ungestüm dahinfließende Wildbäche, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Sie wurden auf beiden Seiten von einer unglaublich bizarren und schier undurchdringlichen Pflanzenwelt gesäumt, in die ich mich allerdings nicht reintraute, auch in Begleitung meines Beschützers TRION nicht, denn diese wilde Dschungellandschaft erschien mir irgendwie außerordentlich heimtückisch und gefährlich zu sein, auch deshalb, weil es in ihr ziemlich viele fressgierige Tiere gab, die bestimmt selbst vor dem Verzehr von menschlichem Fleisch nicht zurückschrecken würden. Manche von ihnen schienen sehr intelligent zu sein, und ich konnte nur von Glück reden, dass die gesamte Station von einer fast vier bis fünf Meter hohen Steinmauer umgeben war, die zusätzlich rundherum durch eine große Anzahl empfindlicher Annäherungssensoren abgesichert wurde. Bei drohender Gefahr schossen die Lasergeschütze der zahlreich vorhandenen Verteidigungstürme mit tödlicher Sicherheit automatisch und ohne Vorwarnung auf alles, was sich in unberechtigter Weise der Station näherte oder möglicherweise sogar in sie eindringen wollte.

***

Wie ich im Laufe meiner Erkundungsreisen herausfand, gab es auf TELLOGG insgesamt fünf kleinere Kontinente, die durch gewaltige Meere voneinander getrennt waren. Zwischen den weit auseinander liegenden Landmassen entdeckte ich zahllose große und kleine Inseln. Auf den größeren davon gab es imposant aussehende Vulkane, die äußerst aktiv waren. Manche dieser beeindruckenden Feuerberge schleuderten Massen von glühender Lava in die Luft und dicke Rauchwolken verfinsterten zusätzlich den Himmel bis hin zum Horizont, sodass ich mit meinem AGG diesen gefährlichen Bereich stets weit umfliegen musste.

Der größte Kontinent bestand, einmal abgesehen vom Meerwasser umspülten Küstenbereich, nur aus trockenen Wüsten und kargen Steppen. Trotzdem gab es hier üppig gedeihendes Leben, wie z. B. diese gefährlichen Fleisch fressenden Pflanzen, vor denen man sich ganz besonders in Acht nehmen musste.

Jahrzehntelang erforschte ich den Planeten TELLOGG und entdeckte immer wieder Aufregendes. Doch die Jahre gingen dahin, und bald merkte ich, wie der Zahn der Zeit auch an mir unaufhörlich nagte. Ja, die Menschheit hat das Universum erobert aber gleichzeitig auch den Tod überall mit hingenommen, den jedes einzelne Individuum als biologisches Erbe in sich trug.

***

Nun, nach irdischer Zeitrechnung schrieb man heute den 21. Juni des Jahres 4920. Ich bin also schon seit über siebzig Jahre hier allein auf dem Planeten TELLOGG. Diese vollautomatisch arbeitende Außenstation wurde genau im Jahre 4800 funktionstüchtig fertig gestellt. Für sie war zu einem späteren Zeitpunkt unter anderem auch eine militärische Bedeutung vorgesehen. Die zahlreich vorhandenen unter dem Boden liegenden Abschussrampen für die atomar bestückten Abwehrraketen stehen aber heute noch leer und waren somit völlig nutzlos geblieben. Gegen einen bewaffneten Angreifer aus dem All gab es somit überhaupt keine all zu großen Verteidigungsmöglichkeiten. Die Lasertürme oben auf der Schutzmauer konnten die Station zwar auch effektiv verteidigen, wozu sie bestimmt in der Lage gewesen wären, aber einem massiv geführten Angriff würden auch sie bestimmt nicht dauerhaft standhalten können.

Gott sei Dank hat die Rosenberg Station seit ihrer Fertigstellung bis heute aber nie auch nur einen einzigen direkten Angriff erfahren, was sicherlich einzigartig war, denn die intergalaktische Förderation hatte sich auch einige schlimme Feinde im Universum gemacht, die danach trachteten, alles was menschlich war gnadenlos zu vernichten.

***

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich zum ersten Mal meinen Fuß auf diesen Planeten setzte.

Ich wurde von der galaktischen Flottenleitung im Jahre 4850 als Wartungstechniker nach TELLOGG zur Station Rosenberg abkommandiert, da war ich gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt. Doch kurz nach meiner Indienststellung kam alles ganz anders, als die meisten von uns wohl gedacht hatten. Eine gefährliche Konfrontation zwischen den PLEJANERN und der intergalaktischen Förderation bahnte sich an.

Als der große galaktische Krieg 4851 schließlich begann, verließen alle Besatzungsmitglieder mit dem einzig noch verfügbaren Raumschiff fluchtartig den Planeten TELLOGG, weil sie einen Hyperfunkspruch mit der dringenden Warnung erhalten hatten, dass wohl mehrere feindliche Kampfschiffe der PLEJANER bereits auf dem Weg zu unserer Station waren, um sie zu vernichten.

Plötzlich ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Stunden war die gesamte Anlage menschleer und ohne Personal. Komischerweise griffen die PLEJANER aber nie an, weil einfach keine kamen. Mich hatte man allerdings Mutterseelen allein zurück gelassen. Der Grund dafür war einzig und allein der, dass ich mich damals ziemlich weit unten im elektrischen Turbinenraum der Zwillingskernfusionsreaktoranlage befand und von der überstürzten Flucht der übrigen Stationsbesatzung einfach nichts mit bekommen hatte. Mehr als 120 Männer und Frauen waren in panischer Angst vor den zu erwartenden Angriffen der PLEJANER geflohen, die für ihre grausame, überaus gnadenlose Brutalität gegenüber der menschlichen Rasse überall im Universum bestens bekannt waren. Und so kam es, dass ich plötzlich ganz allein war und nicht wusste, ob mich ein Rettungsteam der Förderation hier von TELLOGG jemals wieder abholen würde.

Ich selbst habe eigentlich nie in Erfahrung bringen können, was der Besatzung mitsamt ihrem Raumschiff, der EARLY BIRD, nach der hastigen Flucht vom Planeten TELLOGG da draußen in den unbekannten Weiten des Alls zugestoßen war. Ich hatte jedoch schon damals die böse Vermutung, dass die PLEJANER das terranische Raumschiff wohlmöglich als leicht zu erlegene Beute ohne lange zu zögern angegriffen haben und es ein für allemal vernichten wollten. Wenn das zutraf, dann mussten die PLEJANER ihr blaues Wunder erlebt haben.

Die EARLY BIRD besaß nämlich außerordentlich gefährliche Waffen an Bord, die sie zu ihrer Verteidigung sehr wirkungsvoll einsetzen konnte. Ich hielt es sogar theoretisch für möglich, dass alle beteiligten Raumschiffe im Verlauf der kriegerischen Handlungen mindestens schwer beschädigt oder sogar vernichtet worden waren. Immerhin haben sich die PLEJANER auf TELLOGG ja nicht sehen lassen und von der EARLY BIRD erhielt ich ebenfalls kein einziges Lebenszeichen mehr, obwohl ich damals pausenlos ein verschlüsseltes Notsignal gesendet habe, um heraus zu bekommen, was eigentlich geschehen war. Leider bekam ich auf meine verzweifelten Funksprüche keine Antwort. Also musste etwas Außergewöhnliches passiert sein, was auch eventuell die Vernichtung der EARLY BIRD mit einschloss.

Dann gab es plötzlich auch keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr. Immer dann, wenn ich die Hyperempfangsanlage der Station einschaltete und auf ein erlösendes Rettungssignal von draußen aus den unendlichen Weiten des Alls hoffte, empfing ich nur ein langweiliges, knisterndes Dauerrauschen, das ich irgendwann einfach nicht mehr hören konnte, weil es mich total nervte. Ich ließ deshalb die gesamte Sende- und Empfangsanlage einfach im automatischen Empfangsmodus weiterlaufen, ohne mich dabei auch nur einen Deut um sie zu kümmern.

Ab und zu befasste sich allerdings TRION mit der Anlage. Es gab Tage, da schlich er sich unauffällig in den Senderaum der Station und machte dort irgendwelche Dinge, die ich nicht verstand. Ich kümmerte mich aber wohlweislich nicht darum. Es war mir auch irgendwie egal gewesen, was er da tat. Ich vermutete jedoch, dass er hin und wieder heimlich ein Notsignal in den Hyperraum absetzte, wohl in der Hoffnung, dass es irgendwo aufgefangen und gehört wurde. Aber nichts geschah. Es gab einfach keinen Kontakt mehr mit der intergalaktischen Förderation. Nicht einen einzigen Funkspruch erhielt ich, der mir sagte, es käme bald Rettung, um mich aus meiner grenzenlosen Einsamkeit in Raum und Zeit zu befreien.

***

Nun, ich stand wieder einmal allein und verlassen hier draußen mitten auf dem kreisrunden Landeplatz für die AGG's und blickte nachdenklich nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel. Die Doppelsonnen von TELLOGG standen hoch am Firmament und langsam wurde es unerträglich heiß.

Doch heute war für mich ein ganz besonderer Tag, denn ich hatte Geburtstag. Es war der 21.06. des Jahres 4920, nach irdischer Zeitrechnung jedenfalls. Und damit bin ich genau 92 Jahre alt geworden. Über siebzig Jahre meines Lebens habe ich auf diesem einsamen Planeten zugebracht und währenddessen nie einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen, außer TRION, der aber kein echter Mensch war, sondern ein Androide, allerdings der Extraklasse, die ihn fast menschenähnlich aussehen ließ. Manchmal stellte ich mir daher die wundersame Frage, ob man einen Androiden, der ja eigentlich im Prinzip eine Maschine war, ebenso lieben könnte wie einen echten Menschen. Ich konnte es jedenfalls nicht, obwohl TRION mir sehr ans Herz gewachsen war. Für ein echtes, unverfälschtes Gefühl der Liebe reichte es eben nicht, weil dem Androiden etwas fehlte, was uns Menschen ja so einzigartig machte. Wir besaßen eine Seele, die Androiden nicht.

Wie auch immer.

Ich wunderte mich plötzlich darüber, dass ich überhaupt solange auf dem Planeten TELLOGG allein durchgehalten hatte, denn ich war mittlerweile ziemlich gebrechlich geworden. Der Rücken war in den letzten Jahren immer krummer geworden und meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Auch waren die Haare mittlerweile schlohweiß und reichten mir fast bis zur Schulter runter. Ich hatte einfach keine Lust mehr dazu, sie immer wieder kurz zu schneiden. Die Haut an meinem Körper war dunkelbraun und sah wie gegerbtes Leder aus. Mein Gesicht war eingefallen und von tiefen Furchen durchzogen. Sehen konnte ich noch relativ gut, obwohl meine Augen in den letzten Jahren immer häufiger schlimme Entzündungen über sich ergehen lassen mussten, und die Sehkraft langsam aber sicher dadurch ständig weiter abnahm.

Heute jedoch gestand ich mir endlich ein, dass mir die Lust, am Leben zu bleiben, endgültig vergangen war. Die Einsamkeit in den vielen zurückliegenden Jahrzehnten hatte mich zermürbt und seelisch fertig gemacht. Außerdem wollte ich nicht auf einem fremden Planeten, so entsetzlich fern der heimatlichen Erde, langsam und qualvoll dahinsiechen, bis der Tod mich von meinen Qualen endlich erlösen würde. Ich hatte deshalb beschlossen, am Tag meines jetzigen Geburtstages Selbstmord zu begehen. Für mich gab es in dieser Hinsicht kein Zurück mehr. Mein Entschluss stand fest. Ich wollte einfach nur noch sterben, mehr nicht.

***

Ja, heute würde ich meinem Leben ganz bewusst ein Ende setzen. Ich rief deshalb über Interkom nach TRION, der wenige Minuten später neben mir stand.

"TRION, hast du die Spritze dabei?" fragte ich ihn mit fast tonloser Stimme.

"Natürlich Sir. Sobald Sie mir den außerordentlichen Befehl dazu gegeben haben, werde ich Sie narkotisieren und danach das Gift spritzen. Normalerweise dürfen Androiden keinen Menschen töten, aber Sie haben mich für diesen bevorstehenden Prozess kurzeitig anders programmiert. Diese Programmierung wird in etwa dreißig Minuten von selbst aufgehoben bzw. gelöscht. Wir sollten uns deshalb hier nicht lange aufhalten und mit dem AGG auf ihre Lieblingsanhöhe fliegen. Dort werde ich Ihnen das Giftgemisch injizieren. Nachdem Sie friedlich eingeschlafen sind, lege ich den toten Körper in den bereitgestellten Vakuumzylinder und befülle ihn gänzlich mit flüssigem Stickstoff. Ihr Körper wird darin möglicherweise mehre Jahrhunderte oder länger vollständig erhalten bleiben, weil keine Verwesung eintreten kann. Auch die DNA bleibt in diesem Zustand der Kältekonversierung komplett erhalten. - Wir sollten jetzt aber endlich aufbrechen, Sir."

"Ok, dann lass uns losfliegen, TRION! Du wirst anschließend zurück zur Station fliegen und alle notwendigen Wartungsarbeiten übernehmen. Es könnte ja sein, dass irgendwann einmal ein Raumschiff der Förderation nach TELLOGG zurück kommt. Wenn es die PLEJANER sein sollten, dann jage die gesamte Anlage in die Luft. Du musst auf alles vorbereitet sein! Ist es die Förderation, dann zeige der Besatzung, wo du meine Leiche aufbewahrt hast. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder, auf welche Art und Weise auch immer, TRION. Nun, ich danke dir jetzt schon mal für deine Loyalität und Treue, die du mir gegenüber in all den vielen zurück liegenden Jahrzehnten so eindrucksvoll bewiesen hast. Du warst ein wirklich großer Freund für mich. Was hätte ich ohne dich gemacht, hier auf diesem einsamen Planeten am Rande der Milchstraße, den wir TELLOGG nennen? - Übrigens, was ich dich schon immer mal fragen wollte. Wie alt kannst du eigentlich werden TRION?"

"Wie bitte, Sir?"

"Komm schon TRION! Stell dich nicht so an! Wie alt kannst du werden?"

"Meine technische Lebenserwartung liegt im Durchschnitt bei ca. 800 Jahre. Dann sind meine Antimateriebatterien verbraucht. Da ich mich auch ohne fremde Hilfe reparieren und warten kann, bin ich auch dazu in der Lage, die Antimateriebatterien selbst austauschen zu können. Solange mir diese rechtzeitig zur Verfügung stehen, ist meine Lebensdauer also unbegrenzt - nach dem heutigen Stand der Androidentechnik natürlich."


"Kann man da überhaupt noch von ‚Alter’ sprechen, wie bei einem Menschen? Ihr Androiden seid uns heute schon weit überlegen. Wir Menschen sind äußerst zerbrechliche Wesen. Wir sehnen uns nach Schutz und Fürsorge. Deshalb brauchen wir euch Androiden. Ihr verfügt über Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können. Wir haben euch zur Existenz verholfen. Dann habt ich euch eigenständig weiter entwickelt und habt euch trotzdem nicht von uns abgewendet. Im Gegenteil. - Wie auch immer, vergiss mich nicht, TRION! Halte mich immer in guter Erinnerung, mein alter Freund!"

"Natürlich Sir. Wie könnte ich Sie auch jemals vergessen. In meinen Molekularspeichern wurde jede Information über Sie abgelegt, die ich für relevant gehalten habe. - Aber gut, lassen Sie uns jetzt losfliegen und die verabredete Angelegenheit zu Ende bringen. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, wohin auch immer, Sir!"

"Danke TRION. Du bist schon fast wie ein richtiger Mensch geworden. Nun trage mich rüber zum AGG und lass' uns von hier verschwinden."

***

Etwa einhundertunddreißig Jahre später nach irdischer Zeitrechnung.
Ein gewaltiger Kugelraumer war neben der Rosenberg Station gelandet. Überall ging es hektisch zu. Androiden und Roboter untersuchten die wissenschaftlichen Labors der Außenstation und sammelten Informationen.

Ein Mann in einem schwarzen Raumfahreranzug stand einsam und allein mitten auf dem freigelegten, kreisrunden Landplatz und blickte angestrengt hinüber zu einer nah gelegenen Anhöhe.

Plötzlich kam über Funk eine Nachricht zu ihm rein.

"Jack, wir haben hier einen vollautomatisch funktionierenden Metallzylinder mit einer einwandfrei erhaltenen, männlichen Leiche darin gefunden. Sie liegt in Flüssigstickstoff. Auf der Erkennungsplatte außen steht gut lesbar der Name des Verstorbenen. Willst du, dass ich ihn dir über Funk mitteile?"

"Ja..., schalte aber auf eine andere Frequenz um, Mike! Ich will nicht, dass jeder den Namen des Mannes erfährt, der hier mal vor langer Zeit auf der Rosenberg Station seinen Dienst einsam und völlig allein auf sich gestellt so heldenhaft verrichtet hat. Nun, um wen handelt es sich also? Ich bin mal gespannt ob ich mit meiner Vermutung richtig liege."

"Sein Name war Peter Rosenberg. Alle weiteren Informationen teile ich dir mit, wenn wir den gesamten Metallzylinder an Bord unseres Schiffes gereinigt und analysiert haben. Da steht noch mehr auf der Erkennungsplatte, aber sehr undeutlich und schlecht lesbar."

"In Ordnung! Der Metallzylinder wird aber vorläufig nicht geöffnet. Es ist gut möglich, dass die DNA auch noch nach so langer Zeit erhalten geblieben ist. Wenn das der Fall sein sollte, können wir ihn als Königsandroiden auferstehen lassen. Aber darüber muss der intergalaktische Rat entscheiden. Verdient hätte er sich das. Also ab mit der Leiche in die Konservierungskammer. Wir werden zur Erde zurückfliegen und lassen etwa 120 Männer und Frauen auf der Rosenbergs Station zurück. Sie sollen die gesamte Anlage wieder richtig in Schuss bringen. Sie haben Zeit dafür, bis wir wieder zurückkommen."

"Alles klar Jack. Wir bringen jetzt die Leiche aufs Schiff. Wir sehen uns dann später!"

"Ist in Ordnung, Mike. Ich werde in etwa dreißig Minuten bei dir sein. Ich habe hier noch jemanden, mit dem ich reden muss. Ich werde mich aber beeilen. Also warte auf mich!"

Der Mann in dem schwarzen Raumfahreranzug drehte sich plötzlich auf der Stelle herum. Hinter seinem Rücken hatte sich ein fast drei Meter großer Androide aufgebaut und schaute stumm auf ihn herab.

"Wie ist dein Name. Gib dich zu erkennen, Androide!"

"Meine Name ist TRION, Sir. Ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten. Ich habe Peter Rosenberg gut gekannt. Wir waren etwa siebzig Jahre lang zusammen hier auf der Station und haben gemeinsam den Planeten TELLOGG erforscht. Die Daten sind alle in meinem Molekularspeicher untergebracht. Bevor Peter Rosenberg mit 92 Jahren starb, habe ich eine DNA Probe von ihm nehmen können und in der Kältekammer der wissenschaftlichen Abteilung konserviert, sozusagen aus Sicherheitsgründen. Ich war mir nämlich nicht ganz sicher, ob die DNA in dem Metallzylinder größere Zeiträume unversehrt überstehen kann. Die von mir sicher gestellte DNA von Peter Rosenberg ist auf jeden Fall noch vollständig erhalten. Ich habe sie immer wieder überprüft. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn Rosenberg als Königsandroide wieder auferstehen könnte. Wir waren auf TELLOGG ein überaus erfolgreiches Team. Sein ganzes Leben hier habe ich mit ihm ohne Probleme zusammengearbeitet. Auf diesem Medium, einen Quantenspeicherwürfel, sind alle meine Aufzeichnung und Daten abgelegt. Sie haben das Recht, darüber zu verfügen."

Der Androide stockte plötzlich. Dann sagte er: "Sir, ich hätte da mal eine Frage an Sie."

"Und die wäre, TRION?"

"Sind Sie wirklich mit Peter Rosenberg entfernt verwandt?"

"Ja, das bin ich. Ich heiße Jack Rosenberg. Peter Rosenberg ist in der Tat ein entfernter Verwandter von mir, sozusagen ist er mein Ururur Großvater. Er hatte seinerzeit eine kurze Liebschaft mit einer jungen Astrophysikerin, die ebenfalls zur Besatzung dieser Station gehörte. Als der Krieg gegen die PLEJANER begann, floh die Mannschaft überstürzt mit ihrem Raumschiff vom Planeten TELLOGG und sie gerieten schon kurze Zeit später an zwei Kriegsschiffe der PLEJANER, die auf dem Weg zur Rosenbergs Station waren. Es kam schließlich sehr weit von TELLOGG entfernt zu einem heftigen Kampf. Die PLEJANER wurden dabei vernichtend geschlagen, aber auch das terranische Schiff, die EARLY BIRD, wurde dabei erheblich beschädigt und torkelte ohne Antrieb durchs All. Als die Überlebenden endlich gerettet wurden, waren nur noch ganze zwölf Besatzungsmitglieder am Leben, darunter auch eine schwangere Frau namens Linda Davies. Als sie später erfuhr, wer der Vater ihres Kindes war, taufte sie ihn auf den Namen Erik und nahm den Familiennamen Rosenberg ihres Geliebten an. Auch Linda Rosenberg glaubte wohl ganz fest daran, dass ihr Geliebter bei dem Kampf mit den PLEJANERN ums Leben gekommen sei, dabei war er gar nicht auf dem Schiff gewesen, wie wir heute wissen. Nun, als Erik Rosenberg schließlich erwachsen war, heiratete er mit etwa achtundzwanzig Jahren eine gewisse Stella Cromwell, die sich nach der Heirat Stella Cromwell-Rosenberg nannte. Erik zeugte selbst wieder drei Söhne mit ihr. Die Söhne hießen Bruce, Philipp und Ron. Der jüngste von ihnen, Philipp Rosenberg, war übrigens mein Vater."

"Und wie haben Sie Peter Rosenberg gefunden?"

"Als man die elektronische Passagierliste der schwer beschädigten EARLY BIRD überprüfte, fehlte ein Mannschaftsmitglied, nämlich Peter Rosenberg. Man gab diese Information an die Zentrale der intergalaktischen Förderation weiter, die auf dem Mond ein Zentralarchiv für verschollene Raumfahrer unterhielt, wo dieser spezielle Fall auch aufgenommen und abgespeichert wurde. Aber man vergaß ihn wohl, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich wegen der Kriegswirren. Die Sache wurde irgendwann nicht mehr weiter verfolgt. Der Krieg gegen die PLEJANER dauerte länger als ein halbes Jahrhundert, bis wir ihn endlich für uns entscheiden konnten. Heute ist die Förderation mächtiger denn je. Die PLEJANER wurden entwaffnet und der intergalaktischen Förderation einverleibt. Als ich die Raumakademie mit Erfolg verließ, arbeitete ich eine Zeit lang in dem erwähnten Zentralarchiv auf dem Mond. Dabei stieß ich zufällig auf den Namen Peter Rosenberg und nahm mich der Sache an, weil mich schon allein die Namensgleichheit irgendwie interessierte. Seltsamerweise wusste die Förderation nichts mehr von dem damals neu entdeckten Planeten TELLOGG, auf dem sich die Rosenberg Station befand. Jahre später wurde ich dann Raumschiffkommandant des hypersprungfähigen interstellaren Kugelraumers TRANSGALAKTIKA mit weit über 2000 Besatzungsmitgliedern. Es ist ein reines Kampfschiff und bestens ausgerüstet für ausgedehnte Reisen durch Raum und Zeit. Eines Tages erinnerte ich mich wieder an das Schicksal Peter Rosenbergs und forschte nach den Koordinaten des Planeten TELLOGG. Ich fand sie schließlich im alten Logbuch der EARLY BIRD, die es allerdings zurzeit meiner Nachforschungen nicht mehr gab. Man hatte sie kurz nach Rettung der letzten überlebenden Besatzungsmitglieder in ein Hangar geschleppt und verschrottet. Das Logbuch der EARLY BIRD befand sich übrigens in einem der zahlreichen Raumfahrtmuseen in NEW YORK. Ich fand schließlich die Koordinaten des Planten TELLOOG. Mit der TRANSGALAKTIKA war es schließlich ein Kinderspiel, ihn am Rande der Milchstraße wiederzufinden."

Der Androide hörte aufmerksam zu. Schließlich räusperte er sich ein wenig, fast wie ein Mensch.

Dann sagte er: "Die Geschichte ist sehr interessant, Major Rosenberg. Alles scheint mir irgendwie miteinander über weite Strecken in Raum und Zeit verknüpft zu sein. Nun, wenn Sie es erlauben, würde ich gerne auf der TRANSGALAKTIKA Dienst tun, Herr Major."

"Kein Problem für mich, TRION. Ab jetzt bist du Mitglied meiner Crew. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben und alles von dir über Peter Rosenberg erfahren. Melde dich in der Kommandozentrale bei Captain Mike Avenger. Er wird dich in deine neue Arbeit bei uns einweisen."

"Vielen Dank Sir. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem Peter Rosenberg wieder auferstehen wird. Vielleicht setzen wir eines Tages unseren Dienst gemeinsam wieder auf der Rosenberg Station fort, wenn alles gut geht und der intergalaktische Rat seine Zustimmung zur Wiederaufstehung gibt."

"Ich hätte nichts dagegen, TRION. Ich habe sehr großen Einfluss auf die Entscheidungen des intergalaktischen Rates. Eines der Mitglieder ist übrigens mein ältester Bruder Ron, der Flottenadmiral ist und zum inneren Zirkel der weisen Männer gehört. Sein Wort hat großes Gewicht. Ich denke, er wird sich in dieser Angelegenheit bestimmt positiv entscheiden. Er hat mir noch nie einen Wunsch abschlagen können. - Aber jetzt ist erst einmal Arbeit angesagt, TRION. Ich muss auf die Brücke. Captain Avenger wartet auf mich. Wir haben noch viel zu tun. Die TRANSGALAKTIKA ist startbereit und wird in etwa 30 bis 40 Minuten abheben. Gehen wir also an Bord!"

***

Neun Jahre Später nach irdischer Zeitrechnung.

Die Rosenberg Station ist um vier neue Start- und Landeplätze erweitert worden. Die Abwehrraketen sind mittlerweile installiert und befinden sich einsatzbereit in explosionsgesicherten Bunkern. Überall geht es überaus hektisch zu. Am fernen Horizont entsteht gerade eine riesige Kuppelstadt, denn seit zwei Jahren kommen immer mehr Siedler mit Raumschiffen aus allen Regionen des Alls und lassen sich auf TELLOGG nieder.

Vor dem Haupteingang der Rosenberg Station stehen zwei fast drei Meter große Androiden stumm nebeneinander vor einem in Stein gemeißelten Gesicht. Darunter steht der Name auf einer schwarzen Metallplatte: "ZUM ANDENKEN AN PETER ROSENBERG".

Unter der Metallplatte befand sich ein gläsernes Medium und erzählte mit freundlicher Stimme die Geschichte von einem Mann, der hier mal auf der Rosenberg Station siebzig Jahre lang seinen Dienst getan hat, und das einsam ganz allein auf sich gestellt.

Plötzlich fing einer der Androiden an zu sprechen.

"Man hat mir alle meine Erinnerungen wieder gegeben, TRION. Nichts ist bei der Wiederauferstehung verloren gegangen. – Das war ich also einmal. Ich kann es fast nicht glauben. Die Menschen verehren mich heute als großes Vorbild und nur wenige wissen, was aus mir geworden ist und wer ich wirklich bin. - Ich bin jetzt ein Königsandroide und war einmal der Mensch Peter Rosenberg."

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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