Olaf Lüken

Wer Kochsendungen sieht, kocht nicht

Jetzt wird es wieder fettig und heiß. Deutschlands skurile Brutzelshows werden die TV-
Programme solange beherrschen, bis auch der letzte Essfan am Sushi mit Kugelfisch
erbrochen ist. Ich frage mich: Gibt es etwas, das überflüssiger ist als diese unsägli-
chen Koch- und Küchenschlachten ? Ja, Kohlehydrahte. In deutschen Fernsehkü-
chen ist das Gemüse König, in den Töpfen meditieren geschälte Kartoffeln und Möhren
leise vor sich hin. Und ewig blubbert das Salzwasser. Wenn das allzu heiße Olivenöl
lustig aus der Pfanne spritzt, gerät das Studiopublikum in eine Art Schockstarre, um
Augenblicke später ins Ekstatische abzugleiten. Wenn die kochaffinen Lafers, Lichters,
Poletos und Schuhbecks dem staunenden Fernsehvolk ihre kulinarische Philosophie
erklären, dann dankt das Studiopublikum mit donnerndem Applaus, lautem Gebrüll
und Getrampel. Um den Unterhaltungswert vor sich hinköchelnder Köche anzuheben,
erzählen unsere cuisiniers Anekdoten, auch mal Zoten, um Studio- und Fernsehvolk
nicht in eine Art Halbschlaf abdriften zu lassen. Ein Hitchkock-Krimi aus den Sechzi-
gern erreicht bei weitem nicht die Spannung, wie eine vom Strunk entblößte Tomate,
wenn sie sich auf dem Salatteller devot und lustvoll hin und her rekeln darf. Und, wer
kocht, schießt nicht. Dann lieber ein gefülltes Hühnerbein mit selbstgemachten Fettu-
cine.

Meine Landsleute müssen leidenschaftliche und hochmotivierte Hobbyköche sein. Sagt
man. Sie besitzen Reiskocher und Fleischwölfe, mit selbstgemachten Edelstahlklingen.
Der Renner ist ein Herd von Samsung. Den gut betuchten Autodidakten verleiht der
Herd das sichere Gefühl fackelnder Gasflammen aus einstigen Zeiten. Blaue LEDs
werden unter die Induktionsflächen gepackt und schon leuchten sie in unterschiedlich
großen Flammenstärken auf. Künstliche Flammen für's romantische Gefühl. Der Preis?
3.000 Euro. Die neue deutsche Bürgerküche entwickelt sich zum heimischen Altar, auf
dem das Feinste geopfert wird. Für welchen Gott eigentlich ? In den Regalen deutscher
Küchen-Autodidakten stehen so viele Kochbücher, dass sie bis ans Lebensende jeden
Tag ein neues Gericht zubereiten können. Trotzdem reißen heimische Kochfanatiker
zusätzliche Rezepte aus den Kochmagazinen aus.

Während in den meisten deutschen Kühlschränken eher Teddywurst und Gummikäse
zu finden sind,als ein gutes Stück Parmesan, bricht so mancher Küchenperfektionist
auf dem Wochenmarkt in Tränen und lautes Wehklagen aus, weil dem Verkäufer die
die Koreanderblüten ausgegangen sind. Von wegen, dass Kochen Spaß macht. Das
Verhältnis meiner Bekannten zu ihrem Essen, pendelt zwischen zwei Extremen. Die
einen scheren sich nicht darum, was und wie viel sie essen. Hauptsache - es ist billig.
Und traue keinem Schnitzel, das du nicht in eigener Regie paniert hast. Die anderen
machen aus jeder Nahrungsaufnahme eine Wissenschaft, befolgen ständig neue Re-
geln und Dogmen, verdammen mal Eier, mal Butter, mal Milch, mal Zucker, mal
Kohlehydrate oder bestehen auf allerfeinste Zutaten.

Fast alle leiden unter dem permanenten Zeitdruck, der das alltägliche Kochen fast
unmöglich macht, auch wenn Deutschlands Kultköche dies täglich bestreiten, sie,
die neuen Götter in Weiß und penetrante Prediger eines neuen und gesunden Koch-
zeitalters. Dabei gehört Kochen ohne Fernsehköche zu den besten Wegen, sich ge-
sund zu ernähren.Und worauf es wirklich ankommt, weiß jeder Mensch. Öfter mal
Obst und Gemüse essen, dafür weniger Zucker, weniger Fleisch und weniger Fett.
Abwechslung heißt das offene und jedermann bekannte Geheimnis. Und Kochen ist
einfach wie nie.

Websites, Blogs und Apps versorgen die Ess- und Gourmetwelt jederzeit mit Rezep-
ten. Lieferservices bringen gestressten Berufstätigen Rezepte samt Zutaten an die
Haustür. Mein Fazit: Wenn die Flimmerkiste wieder eine ihrer unsäglichen Küchen-
shows androht, dann drücken Sie den Schalter auf AUS! Wer Kochsendungen sieht,
kocht nicht.

(c) Olaf Lüken

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