Barbara Siwik

Die Wunder Tibets

Kurz vor seinem letzten Schnaufer hatte Onkel Justus Ben mit der Aufgabe betraut, sich um seine Einäscherung und den häuslichen Nachlass zu kümmern. Aus irgendeinem Grund schien er den Neffen als dafür besonders geeignet zu halten. „Du weißt ja, was du tun …“, weiter war der Onkel nicht mehr gekommen, weil der Tod keine Lust verspürte, sich wegen dieser redseligen Beute noch länger die Knochen in den Fußbodenbelag zu treten.
Ben wusste leider gar nichts! Aber zumindest sorgte er erst einmal dafür, dass Onkel Justus in Staubform sicher verwahrt unter der Erde lag, auf welcher der Gute zu Lebzeiten weit herumgekommen war. Er hatte sogar eine gewisse Zeit als Mönch in einem tibetanischen Kloster verbracht. Das behauptete er jedenfalls, als er vor Jahren dürr und abgerissen samt einer großen Holzkiste wieder daheim auftauchte. Anfangs nistete er sich reihum bei den Verwandten ein, doch als er schließlich Arbeit gefunden hatte, bezog er mit besagtem Möbelstück eine eigene Wohnung.
Die von allen in der Kiste vermuteten Schätze entpuppten sich in der Folge als umfängliche Bodenvase und drei tückisch grinsende tibetanische Masken. Letztere erschreckten jeden Besucher und entzückten lediglich den Direktor des Museums, in dem Justus beschäftigt war. Der Mann versuchte indes vergeblich, sie seinem Mitarbeiter für die völkerkundliche Abteilung abzuschwatzen.
Wahrscheinlich hatte die asketische Lebensweise der Mönche dem Onkel auf Dauer nicht behagt und ihn aus dem Kloster zu den Fleischtöpfen der heimatlichen Region zurückgetrieben, denn er wurde mit den Jahren rund und nahm in fataler Weise die Form seiner braunen Bodenvase an – bauchig, kurzbeinig und dünnhalsig. Ein Buch, das er geschrieben hatte, verschaffte ihm sogar einen gewissen regionalen Bekanntheitsgrad. Es hieß ’Die Wunder Tibets’ und die darin enthaltenen Geschichten sollten entsprechend fantastisch sein. Kein Verwandter hatte sie freilich je gelesen, nicht einmal Ben, obgleich Phantasie in seinem Fach eine große Rolle spielte, denn er hatte an der Universität einen Lehrstuhl für Archäologie inne.
Nennenswerten Reichtum bescherte Justus die Schreiberei nicht, weshalb er im Museum bis zu seinem völlig unerwarteten Ableben Ausgrabungsfunde ordnete und katalogisierte.
Der Enkel des Museumsdirektors gehörte zu Bens Studenten. Durch ihn erfuhr er, dass der Onkel unter seinen Kollegen als Sonderling galt. Grienend hatte der junge Mann erzählt, in regelmäßigen Abständen bringe der Onkel eine Bodenvase mit ins Museum und behaupte, das Material brauche Luftveränderung. „Die Mitarbeiter rieten ihm daraufhin gutmütig spottend, er solle doch mit der Vase ’Gassi’ gehen. Und Ihr Onkel antwortete doch tatsächlich, dafür seien die Beine der Kostbarkeit zu schwach. Einige verdächtigten ihn sogar, dass er die Putzfrau an den besagten ’Vasentagen’ um einen Teil ihrer Arbeit bringe, weil er selbst überall Staub wische. Aber das ist natürlich Quatsch! Als jemand Ihren Onkel nämlich vor einiger Zeit fragte, ob es ihm gut gehe, antwortete er, bei ausreichend Staub unter den Krallen ließe sich das Leben aushalten. Und das hörte sich nicht nur sonderbar, sondern auch wenig säuberungswütig an.“
Ben hatte versichert, Onkel Justus sei in der Verwandtschaft für seinen bissigen Humor bekannt. Unter diesem Aspekt müsse man die ’Krallen’ sehen. Warum aber gerade Staub zu Justus’ Wohlergehen erforderlich sei, könne er sich selbst nicht erklären. In der Behausung des Onkels gäbe es kein überflüssiges Stäubchen, obgleich eine Frau nicht Bestandteil seines Lebens sei.
Nun, das war alles nicht mehr wichtig!
Staub oder nicht – die Wohnung musste beräumt werden.
Ben öffnete die Korridortür. Obwohl Justus’ Asche die Welt bereits seit zwei Wochen aus der Perspektive der Graswurzeln betrachtete, roch es, als sei soeben gelüftet worden. Auf den ersten Blick schien auch sonst Ordnung zu herrschen. Für die Küche galt das allerdings nicht. Dort musste eine Horde Kobolde ihren Schabernack getrieben haben: Die Türen des Vorratsschrankes standen offen, Lebensmitteltüten aller Art und ein großer Waschpulverkarton lagen leer auf dem Boden herum. Sonderbarerweise war auch der weiße Wandanstrich großflächig verschwunden. Bei näherem Hinschauen galt das ebenso für Korridor, Bad und Wohnzimmer.
Ben grübelte. Hatte Onkel Justus die Wohnung renovieren wollen?
Er verspürte immer weniger Lust, diesen Haushalt selbst aufzulösen. Gab es dafür nicht Firmen? Während er per Handy mit einer solchen verhandelte, schweiften seine Blicke durchs Wohnzimmer: Was blieb für ihn zu tun?
Von einer in ihrem Umfeld makellos weißen Wand grinsten ihn heimtückisch Onkel Justus’ tibetanische Masken an. Nur zu! Er würde sie trotzdem behalten, ebenso die Bodenvase mit den Klauenfüßen samt ihrem angeblichen Bedarf an Luftveränderung. Fensteröffnen würde es wohl auch tun. Wo war sie überhaupt?
Nach beendetem Gespräch machte Ben sich auf die Suche und fand die Vase zwischen Schrank und Sofa, als sei sie dort versteckt worden. Sie erschien ihm heute auch eher grau als braun. Die drei krallenartigen Füße mit den kleinen Knubbeln wirkten, als seien sie verbogen worden, ebenso der schlanke Hals. Überhaupt hatte er das Gefäß größer und bauchiger in Erinnerung. Was hatte Justus mit dem Ding angestellt? Vorsichtig griff er zu und stellte fest, dass sich das Material wie ausgetrockneter Hartgummi anfühlte.
In der Küche fand Ben einen blauen Müllsack und wickelte die Vase darin ein. In einen zweiten versenkte er die grinsenden Masken, geriet dabei wohl den Zähnen zu nahe, denn unversehens verspürte er einen stechenden Schmerz. Als er die Hand aus dem Sack zog, tropfte Blut aus einer Risswunde. Auch das noch! Zum Glück fand er Verbandszeug.
Dann machte er sich ans Zusammenpacken der Dinge, die ihm ebenfalls von Wert schienen.
Daheim angekommen, stelle er die Vase unter dem offenen Fenster auf, schlug Nägel in die Wand und hängte die Masken mit gebotener Vorsicht neben den Fernseher.
Wie meist ging er viel zu spät ins Bett. Klappern und Zischen begleitete seinen unruhigen Schlaf. Der Onkel reckte drohend die Faust aus der Urne und ’Die Wunder Tibets’ schossen als bunte Fledermäuse über dem kleinen Erdhügel hin und her. Selbstverständlich überhörte Ben infolge dieser nächtlichen Traum-Visionen das Klingeln des Weckers und hastete ohne Frühstück in die Universität.
Es dauerte einige Tage, ehe er bemerkte, dass sich in seiner Wohnung einiges verändert hatte. Es roch zum Beispiel anders als sonst – sauberer. Leider schien es besonders im Wohnzimmer auch kühler geworden zu sein. Dem Benjaminbäumchen, das sonst verstaubt vor sich hinlebte, schien das jedoch gut zu bekommen, denn es leuchtete in erfreulich frischem Grün.
Bei der Suche nach einem Buch geriet ein Stapel Aktenordner, der seit Monaten oben auf dem Bücherregal das Gleichgewicht zu halten suchte, endgültig ins Rutschen und polterte zu Boden. In Erwartung einer Staubwolke zog Ben den Kopf ein, aber nichts dergleichen geschah. War seine Mutter etwa in einem Anfall von Säuberungswut auf die Leiter gestiegen? Versuchsweise fuhr er prüfend mit der Hand über andere Kanten und Flächen – nirgendwo Staub. Wirklich, sie hatte sich diesmal mächtig angestrengt!
Weil der Fernseher aus unerfindlichem Grund verrückt spielte, ging Ben an diesem Abend früh zu Bett, wurde aber um Mitternacht von einem sonderbaren Geräusch geweckt. Barfuß tappte er in den dunklen Korridor und lauschte. Es hörte sich an, als entwiche in der Küche Wasserdampf aus einer Düse.
Ben schlich zur Tür – sie stand offen. Er drückte den Schalter. Licht flammte auf und da stand er ... Onkel Justus’ Bodenvase gegenüber. In den letzten Tagen hatte er sie kaum eines Blickes gewürdigt, nun stellte er fest, dass sie wieder so aussah, wie er sie ursprünglich in Erinnerung gehabt hatte – braun, glänzend, bauchig, standfest. Etwas wie das Ende eines nebelgrauen Bandes verschwand soeben in ihrer Halsöffnung und das Zischen brach ab.
„Das ist mal was Ausgefallenes!“, dachte Ben belustigt und gleich darauf: „Schläfer wissen nicht, dass sie träumen, es sei denn, der Traum nähert sich … ach, ist ja auch egal.“
Die Vase hob grüßend einen Krallenfuß, drei Knubbel fuhren an dünnen Fäden ein Stückchen in die Höhe und eine klirrende Stimme sagte: „Ptsch! Ich verarbeite!“
Langsam rutschte Ben an der offenen Küchentür abwärts in die Hocke. In Augenhöhe mit den Knubbeln fragte er, als sei dies das Natürlichste von der Welt: „Ptsch? Ist das dein Name?“
„Ja“, schnarrte die Stimme. „Wo ist Justus?“
„Justus? Oh, na ja! Justus ist tot. Ich meine, er …“
„Ich weiß, dass er tot ist“, fiel ihm die Stimme ins Wort. „Wo ist sein Staub? Ich muss ihn verwerten. Unbedingt.“
Ben fuhr sich verunsichert durchs Haar. Er führte nachts mit einer Bodenvase, die Ptsch hieß, ein Gespräch über die Verwertbarkeit seines toten Onkels. Verrückter konnte man nicht träumen!
„Da gibt’s nichts zu verwerten“, hörte er sich sagen. „Justus’ Asche wurde auf dem Friedhof beigesetzt.“
„Hol sie!“, befahl die Stimme. „Wir wollen es so.“
„Na, hör mal!“, begehrte Ben auf. „Du kannst mir nichts befehlen. Du bist nur eine Bodenvase aus Tibet.“
Sein seltsames Gegenüber stieß eine Reihe Zischlaute aus und schnarrte am Ende: „Ich bin ein interstellarer Staubsauger.“
Ben lachte lauthals. Das war nun wirklich zu viel des Guten.
Ihm entging, dass Ptsch farblich von Braun zu Grün wechselte. Unversehens schoss eine dunkle Wolke aus dem Vasenhals und hüllte Ben ein. Sofort blieb ihm der Atem weg, denn was ihm in die Luftröhre geriet, war konzentrierter Staub. Gerade als er meinte, ersticken zu müssen, spürte er, dass das eklige Zeug aus ihm herausgesogen wurde und sah entgeistert, wie es mit pfeifendem Geräusch als graues Band in dem sonderbaren Vasen-Ding verschwand.
Da wurde ihm auf einmal klar, was es mit dem angeblichen Luftschnappen im Museum auf sich gehabt hatte, auch, welchen Weg Mehl, Zucker Waschpulver und Wandanstrich in der Wohnung des Onkels genommen hatten, als es dort keinen gewöhnlichen Staub mehr gab, und warum inzwischen in seiner Behausung ebenfalls jede Fussel fehlte: Dieses Wesen ernährte sich von Staub und vertilgte in der Not ähnlich Geartetes.
Aber warum wollte es unbedingt Justus’ Asche fressen? Außerdem – hatte es nicht ’wir’ gesagt? Möglicherweise gab es noch mehr von diesen sprechenden Dingern.
„Also gut, du bist ein Staubsauger und kommst von weit draußen“, gab Ben sich sachlich. „Wo sind die anderen deiner Art?“
„Anderswo!“, krächzte Ptsch und färbte sich wieder braun.
„Hoffentlich anderswo im All, denn viele von denen hier auf einem Haufen – was für ein Desaster, sobald der Staub knapp wird“, dachte Ben. Er sah ein Heer von Bodenvasen erst die Lebensmittelgeschäfte überfallen, danach Sand und Erde vertilgen, um zuletzt einen völlig kahl gesaugten Planeten hinter sich zu lassen.
„Warum musstet ihr euch ausgerechnet die Erde als Aufenthalt aussuchen?“, forschte er vorsichtig. „Im Weltraum gibt’s doch genügend Sternenstaub.“
„Flugunfall!“, tönte Ptsch dumpf und ließ traurig die Knubbel baumeln. „Justus hat mich gefunden. Er nannte den Ort Tibet.“
Ben dachte, dass Nachhaken nicht von Schaden sein könne und sagte laut: „Dann warst du in Tibet also völlig allein unterwegs?“
Nun zitterten und bebten auch die Knubbelchen der anderen Krallen. Das bedeutete wohl, Ptsch stimmte ihm traurig zu, also – dem Himmel sei Dank – keine Invasion der Staubsauger auf der Erde!
Ben fühlte Oberwasser. „Du hast aber ’wir’ gesagt, du Lügner.“
„Dummkopf! Justus und ich sind WIR. Hol seinen Staub!“, forderte Ptsch erneut energisch.
Dieser Staubsauger hatte ihn, einen gestandenen Professor, Dummkopf genannt. Das ging denn doch zu weit! Ben erhob sich zu voller Größe und erklärte grimmig: „Einen Dreck werde ich! Bei uns frisst niemand Asche, erst recht keine menschliche. Was hast du dir da in den …“, er hielt inne. ’In den Kopf gesetzt’ hatte er sagen wollen, aber das passte wohl nicht. Das Ding vor ihm besaß höchstens einen Hals und er würde dafür sorgen, dass Onkel Justus’ Asche da nicht hindurchrutschte.
Wieder vernahm er das unverständliche Zischen, wahrscheinlich handelte es sich um die interstellare Sauger-Sprache. „Morgen ist auch noch eine Nacht“, schnarrte Ptsch abschließend wieder im Normalton und setzte sich an Ben vorbei in Bewegung, wackelte durch den Korridor ins Wohnzimmer zu seinem Platz unter dem Fenster und schien von jetzt auf gleich nichts anderes zu sein als eine braune Bodenvase.
Ben war dem Sauger auf den Krallenfüßen geblieben und betrachtete ihn kritisch: Das Ding musste doch ein Innenleben besitzen! Er holte die Taschenlampe und leuchtete in die halsartige Öffnung. Aber da gab es außer Leere nichts zu sehen. Wohin in aller Welt verschwand der Staub?
Als habe Ptsch seine Gedanken erraten, hob er den hinteren Krallenfuß ein wenig an und ein Schwall Luft traf Ben mitten ins Gesicht, eiskalt und – erfrischend. Überrascht fuhr er zurück: Damit war die Wohnung also angefüllt – mit Abgas. Obgleich, dicke Luft würde das wohl keiner nennen. In Bezug auf die arteigenen Gase waren diese interstellaren Staubvertilger den Menschen biologisch weit überlegen.
Ben kroch ins Bett zurück, in der Erwartung aufzuwachen. Aber als der Wecker klingelte und die Welt ringsum blieb wie sie war, musste er einsehen, dass er nicht geträumt hatte.
War etwas Unglaubliches auch zugleich etwas Unmögliches? Diese Frage beschäftigte ihn, während er grübelnd auf der Bettkante hockte. Als er sich schließlich aufraffte und ins Wohnzimmer ging, schielte er verstohlen zum Fenster hinüber; doch sein nächtlicher Gesprächspartner hätte harmloser und vasenartiger nicht aussehen können.
Ben verspürte das dringende Bedürfnis, sich jemandem mitzuteilen. Deshalb fragte er seine Studenten zu Beginn der Vorlesung, was sie von Berichten über unglaubliche Ereignisse hielten.
„Es kommt darauf an, wer sie erlebt und weitergibt“, antwortete einer. Und der Enkel des Museumsdirektors ergänzte grinsend: „Sie zum Beispiel würden uns sicher aufs Glatteis führen.“
Mechanisch stimmte Ben in das allgemeine Gelächter ein. Nein, er würde sich keinem Menschen mitteilen können. Keinem.
Später kaufte er in der Zoo-Handlung eine Packung Streusand und füllte ihn daheim in eine Schüssel. Ihm lag viel daran, dass Ptsch möglichst wenig in der Wohnung umherwackelte.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte er und stellte den Sand vor dem Sauger auf den Fußboden. Ptsch gab keinen Mucks von sich. Vielleicht schlief er tagsüber oder hatte keine Lust zu reden.
Hinter Bens Rücken fiel etwas von der Wand. Eine Maske hatte sich samt Nagel selbständig gemacht und starrte ihn vmit geblecktem Gebiss böse an.
„Glotz nicht so blöd!“, spottete Ben grinsend. „Wenn ihr drei euch nicht ruhig verhaltet, vermache ich euch dem Museum. Dort landet ihr im Glaskäfig.“ Diesmal dübelte er den Nagel ein, ehe er das bunte Ungeheuer erneut daran aufhängte.
Der Fernseher hatte den Geist endgültig aufgegeben, daher versprach der Abend für Ben entweder arbeitsam oder langweilig zu werden. Onkel Justus’ Buch fiel ihm ein. Vielleicht sollte er doch einen Blick hineinwerfen. Fast hatte er es in der Hand … da klingelte es und ein guter Freund erschien zum Plaudern.
Es wurde spät, ehe Ben ins Bett stieg. Gerade fühlte er den Schlaf kommen, da umkrallte etwas Kaltes seinen Arm. Augenblicklich saß er senkrecht. Wie konnte es anders sein – die saugende Nervensäge hing an ihm.
„Zeit zu gehen“, schnarrte Ptsch und zog den Krallenfuß zurück.
„Gehen? Wohin in aller Welt?“, rief Ben unwillig.
„Justus ausgraben“, antwortete der Sauger. „Nimm Wasser mit.“
Nun war Ben wirklich aufgebracht. „Hör mir gut zu, du interstellarer Verwerter“, knurrte er. „Wer einmal unter der Erde ist, wird nicht wieder ausgebuddelt und wenn doch, hat der Übeltäter die Polizei am Hals wegen Leichenschän …, ich meine wegen Störung der Totenruhe.“ Von Leiche konnte bei Onkel Justus wohl nicht mehr die Rede sein. „Wegen deiner Verwertungssucht kommen wir beide noch in den Knast.“
„Knast?“, tönte der Staubsauger. „Hat Justus mir nicht beigebracht.“
Ben erklärte voller Schadenfreude: „Du und ich werden für lange Zeit in einen engen Raum verfrachtet. Ich kriege täglich mein Essen, dir aber kommt kaum noch ein Stäubchen vor den Hals, wenn du die Zelle erst mal durchgesaugt hast.“
Ptsch stieß erschrockene Zischlaute aus, knickte die Krallenfüße ein, ließ den Hals hängen, wurde dünner und grau. „So?“, fragte er und sah aus wie seinerzeit in der Wohnung des Onkels.
Angesichts dieser Jammergestalt verflog Bens Ärger augenblicklich. „Ja, so und schlimmer“, bestätigte er grienend. Ernst setzte er hinzu: „Weißt du, es gefällt mir einfach nicht, dass du den armen Justus erst einsaugen und dann als Abgas in die Luft blasen willst.“
„Nimm Wasser mit“, wiederholte Ptsch, als habe er die Sache mit dem Abgas nicht gehört.
Ben erkannte, der Staubsauger würde nicht eher Ruhe geben, bis er seinen Willen bekam. Und, genau besehen, wer musste denn erfahren, dass der Gegenstand der verwandtschaftlichen Andacht auf dem Friedhof in einer leeren Urne bestand, weil Onkel Justus es offenbar vorzog, von diesem Ptsch verwertet zu werden.
„Also los!“, knurrte Ben. „Aber das sage ich dir: Wir kehren nicht eher hierher zurück, bis Justus gasförmig ist. Ich will ihn nicht auch noch einatmen.“
Pitsch stieß Laute aus, die wie menschliches Kichern klangen. Onkel Justus war offenbar ein guter Lehrmeister in Sachen Sprache gewesen.
Nachdem er sich angezogen hatte, verfrachtete Ben den Sauger in einen blauen Müllsack und stieg mit seiner Last hinunter in die Garage. Dort füllte er einen kleinen Kanister mit Wasser.
„Zwei!“, verlangte Ptsch, obgleich er im Sack saß und eigentlich nichts sehen konnte. Aber wer wusste schon wie diese Wesen funktionierten! Ben füllte einen zweiten Kanister und packte auch den Campingspaten ein.
Zum Friedhof brauchte man mit dem Auto knapp zehn Minuten. Wer sich dort auskannte, fand mühelos die Stelle, an der die Umzäunung ausgehebelt werden konnte. Ben kannte sich aus …
„Ich laufe selbst“, verkündete Ptsch aus dem Müllsack heraus.
„Nein, ich trage dich. Es ist Nacht“, knurrte Ben.
„Ich habe neun Durchblick-Augen“, quarrte es ärgerlich aus dem Sack.
Ben gab sich geschlagen. Er schälte Ptsch aus dem blauen Plastikzeug heraus und tatsächlich wackelte dieser mit leuchtenden Knubbelchen zielstrebig auf den schmalen Wegen zwischen den Ruhestätten dahin. Vielleicht roch er Justus’ Asche?
Ben folgte, beladen mit zwei Kanistern und dem Spaten. Ihn quälte der Gedanke, ob er bei dem, was er tat, wirklich noch seinen Verstand beisammen hatte.
Als sie bei dem unbepflanzten Hügel anlangten, bemerkte er mit einer gewissen Erleichterung, dass die Taschenlampe noch im Auto lag. „Im Finstern kann ich nichts sehen“, behauptete er. „Wir können es ja morgen Nacht …“
Augenblicklich leuchteten die Knubbel des Staubsaugers wie kleine Scheinwerfer auf. „Reicht das?”, schnarrte Ptsch.
Ergeben in das Unvermeidliche stemmte Ben den Spaten ins Erdreich und begann zu graben. Schon bald stieß er auf die Urne, hob sie aus dem Loch und stellte sie ins helle Knubbel-Licht.
„Was nun?“, erkundigte er sich beklommen.
„Aufmachen!“, kommandierte Ptsch.
Während sich Ben kniend am Deckel zu schaffen machte, dachte er: „Ich bin nicht hier! Das ist ein ganz anderer.“
Sobald die Urne offen war, rutschte er eilig rückwärts, denn aus dem schwarzen Gefäß erhob sich ein dichter, zielgerichteter Nebel aus … nein, er wollte sich gar nicht vorstellen, was das war.
Der wabernde Dunst verschwand im Hals des Staubsaugers. Anfangs tat sich nichts, doch dann blähte Ptsch sich auf und sah bald weniger wie eine Bodenvase, sondern eher wie ein Kugelfisch aus. Das Knubbel-Licht wurde schwach und flackerte, die Krallenfüße gruben sich in den weichen Boden ein, das anfängliche Zischen ging in schrilles Pfeifen über ...
„Justus bekommt ihm nicht“, dachte Ben schadenfroh. „Gleich platzt er. Recht geschieht ihm.“
Da weitete sich die Öffnung des Staubsaugers und eine zweite wurde sichtbar, gefolgt von einem Hals und etwas Bauchigem mit drei knubbelbewehrten Krallenfüßen. Langsam glitt ein kleiner Sauger an Ptsch hinab … wuchs und wuchs … und gewann Standfestigkeit. „Welcher Esel hat mich hier eingegraben?“, hörte Ben des Onkels vertrauten Bass. Auch fehlten eigentlich nur Kopf und Arme, um den Eindruck zu erwecken, der Verblichene sei in die Welt der Lebenden zurückgekehrt.
„Familienbeschluss!“, rutschte es Ben heraus. „Niemand hatte für deine Urne in der Schrankwand Platz.“
„Er wollte dich nicht ausgraben“, beschwerte sich Ptsch, der inzwischen wieder Vasenform angenommen hatte. Bei allem Ärger, der in seiner Stimme lag, klang er ziemlich matt. Diese Art der Verwertung und Wiedergeburt schien auch für interstellare Staubsauger keine leichte Übung zu sein.
Von den Krallen des Onkel-Wesens stiegen etwas unsicher drei Knubbel an dünnen Fäden in die Höhe und fixierten Ben. „Du Dummkopf hast mein Buch nicht gelesen“, tönte Justus’ vorwurfsvoll. „Wär’s anders, hättest du gewusst, was zu tun ist.“
Auf diese Weise erfuhr Ben die zweite Hälfte des Satzes, den der Sensenmann dem Onkel in seiner Ungeduld durchtrennt hatte. Oder war es von dessen Seite etwa mit Vorbedacht geschehen, damit er seine Beute behalten durfte? Sprechende Bodenvasen waren seinem Zugriff vermutlich entzogen und das ließ sich aus menschlicher Sicht nur bedauern; denn so sehr Ben die Vorstellung missfallen hatte, dass Onkel Justus’ Asche als Abgas durch die Welt schwebte, nun schien es, dass dies eine geradezu ideale Lösung gewesen wäre. Es gab da nämlich ein großes Problem …
„Ist Justus jetzt ein echter Sauger?“ erkundigte sich Ben vorsichtig.
„Siehst du doch“, tönte Ptsch stolz.
„Und wie soll ich euch satt kriegen?“, stöhnte Ben. „Ich kann nicht jeden Tag Streusand kaufen. Ich kann euch höchstens in der Sahara aussetzen.“
„Keine Sorge!“, meldete sich die Onkel-Stimme. „Keine Sorge! Wir sind hier gleich weg.“
„Das Wasser“, quarrte Ptsch. „Füll Wasser ein.“
Ben stand benommen auf, griff nach einem Kanister und entleerte ihn in die Onkel-Vase, mit dem anderen füllte er Ptsch ab.
„Und nun – immer genügend Staub unter den Krallen!“, tönte die Onkel-Stimme fröhlich. Ptsch stieß eine unvorstellbar lange Reihe von Zischlauten aus, fuhr alle Knubbel aus und verhakte sich in die des Onkel-Saugers. Aus den Hälsen der Vasen fuhren helle Strahlen und schon schossen die beiden in atemberaubender Geschwindigkeit in den Nachthimmel hinauf. Ben beobachtete den hellen Schein, bis er sich in den Höhen verlor. Dann grub er die leere Urne ein, so gut es in der Dunkelheit möglich war, und tappte über den Friedhof zurück zum Auto.
Dort saß er im Dunkeln und überlegte: Wenn der Staubsauger Ptsch lediglich Wasser benötigte, um von der Erde wegzukommen, warum war er Jahr um Jahr bei Onkel Justus geblieben? Dafür gab es nur einen Grund – die beiden liebten sich. Ptsch war kein ER, sondern eine SIE und brauchte Justus in Staubform, um ihn in einen ihrer Art umwandeln zu können. Für den Zustand der Verwertbarkeit musste der Onkel jedoch erst einmal das Zeitlich-Irdische hinter sich bringen. Nun ja, er hätte auch Selbstmord begehen können, um die Sache zu beschleunigen, aber das Schlitzohr hatte sein Erdenleben bis zum unumgänglichen Ende ausgekostet und gönnte sich erst jetzt gemeinsam mit Ptsch ein neues Dasein, das vermutlich länger dauerte als das alte.
Ben seufzte und startete. Auch das würde er keinem erzählen können. Keinem.
Daheim trat er im dunklen Korridor auf etwas Knirschendes. Als das Licht aufflammte, hielt er entsetzt die Luft an: Der Boden war mit Streusand und Waschpulver bedeckt. Im Wohnzimmer lag ein dichter Teppich aus geraspeltem Papier und die Lücken im Bücherregal ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, woher es stammte. Aus dem Schlafzimmer quoll Ben dichtes Federtreiben entgegen und Federn hatten sich auch mitleidig über die Leiche des abgestürzten und zersplitterten Fernsehers gelegt. Mit Ausnahme der drei Nägel war die gesamte Wand leer. Ahnungsvoll balancierte Ben über das Durcheinander im Korridor bis zur Küche, aus der ihm übler Geruch entgegenwehte, und spähte um die Ecke. Sämtliche Kühlschrankvorräte klebten als zähe Masse auf den Fliesen. Auf ihren langen Haarsträhnen stehend, starrten ihn aus roten Augen mordgierig drei tibetanische Masken an, die mit klappernden Zähnen dabei waren, den Küchenabfall der letzten Woche zu Brei zu verarbeiten. In Windeseile flüchtete Ben aus der Wohnung. Warum nur hatte er ’Die Wunder Tibets’ nicht rechtzeitig gelesen …

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Barbara Siwik).
Der Beitrag wurde von Barbara Siwik auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Szenen einer Großstadtjugend. Mit Gedichten und Liedtexten von Jörn Brien



Was tun, wenn die Schule aus ist und das ganze Leben einem offen steht? Was wenn man noch nicht so richtig weiß, was man mit der neu gewonnenen Freiheit anfangen soll? "Szenen einer Großstadtjugend" von Jörn Brien widmet sich genau diesen wilden Tagen, in denen alles gewonnen und alles verloren werden kann.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Barbara Siwik

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Geheimnis des alten Palazzo von Barbara Siwik (Spannende Geschichten)
A Vampire Story von Sandra Benedetto (Fantasy)
Kinder spielen Politik von Norbert Wittke (Leben mit Kindern)