Monika Litschko

The Game

Die Flammen des Lagerfeuers flackerten unkontrolliert und warfen bizarre Schatten auf zwei Männer, die sich schweigend gegenübersaßen. Eine leichte Brise strich über das Land, welches in Dunkelheit gehüllt unter dem Nachthimmel ruhte, und vereinzelnd hörten sie den Ruf eines Tieres. Der junge Arkirmus saß mit angezogenen Beinen auf dem Boden und schaute Wanpeosos unsicher an. „Kommen sie irgendwann zurück?“, fragte er mit gedämpfter Stimme.

Wanpeosos betrachtete den Jungen, der auf dem besten Wege war ein Mann zu werden, aufmerksam. Arkirmus hatte seine übliche Garderobe gegen eine einfache Leinenhose und einen leichten Umhang getauscht. Die Art der Bekleidung war bequem und praktisch. Wanpeosos schmunzelte, denn Arkirmus Antlitz zierte ein zarter Flaum und seine Gesichtszüge wurden allmählich männlicher. Aber noch saß ein Knabe vor ihm. „Sie kommen immer zurück Junge, aber erst, wenn die Zeit gekommen ist.“

Arkirmus nickte und warf einen Blick zu den Sternen. „Ein wunderschöner Anblick, Wanpeosos. Sie sind so weit entfernt und doch so nah. Was fühlst du, wenn du sie betrachtest?“

Wanpeosos, dessen Gesicht im Schein des Feuers zu glühen schien, faltete gedankenverloren die Hände. „Zuversicht, Hoffnung und innerlichen Frieden. Hier ist die Ruhe zuhause, Arkirmus. Ein Ort, an dem dir das Lernen leicht fallen wird.“

Sternschnuppen zogen über das Firmament und verglühten in der Unendlichkeit. Irgendwie schien alles perfekt zu sein, wenn nicht die vielen Fragen, die Arkirmus in seinem Herzen trug, wie Seifenblasen zwischen ihnen tanzten. Arkirmus stand auf und setzte sich näher ans Feuer. Nicht weil ihm kalt war, sondern weil er Wanpeosos Gesicht studieren wollte. Dieses freundlich dreinblickende alte und doch jugendlich wirkende Gesicht, mit den wachen weisen Augen. „Wie lange bleibe ich?“, fragte er.

Wanpeosos zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, aber nicht für immer. Arkirmus, du wirst dich an alles hier gewöhnen müssen. In diesem Moment ist es nicht einfach für dich, das weiß ich, aber es wird leicht und erfüllend für dich werden, das verspreche ich dir. Was hier so trostlos aussieht, birgt wahre Wunder. Hast du Angst, vor dem was dich erwartet?“

Arkirmus zögerte, aber dann beantwortete er Wanpeosos Frage. „Ich habe alles zurücklassen müssen und das schmerzt mich. Meine Familie, meine Freunde, meine Liebe, einfach alles. Aber andererseits wusste ich schon immer, dass ich eine Bestimmung habe, doch nie welche. Als sie mich aufsuchten, da war ich bereit, ist das nicht komisch? Aber sie beantworteten keine meiner Fragen, sondern ließen mich einschlafen und hier erwachen.“ Arkirmus blickte an Wanpeosos vorbei und fragte mit rauer Stimme. „Wer sind Sie und warum bin ich hier? Und was soll ich lernen? Ja ich habe Angst, da ich nicht weiß, was mich erwartet.“

Die Holzscheite knisterten und der Wind blies ein paar Funken in Wanpeosos Richtung. „Steh auf Arkirmus, ich möchte dir etwas zeigen, denn es quälen dich Fragen über Fragen. Auf dem Weg dorthin werde ich dir alles erzählen.“ Arkirmus erhob sich und klopfte den Staub von seinem Umhang. „Und das Feuer? Sollten wir es nicht löschen?“

Wanpeosos wischte sich mit dem Saum seines Umhangs über den haarlosen Schädel und schüttelte den Kopf. „Das richtet hier keinen Schaden an. Es brennt immerzu, keine Sorge. Komm Arkirmus.“

 

Der Junge folgte dem Alten, der sich auf einen Stab stützte, und sie gingen schweigsam ein Stück nebeneinander her. Arkirmus erforschte mit seinen Augen die Landschaft, doch in der Dunkelheit konnte er nur Umrisse erkennen. Er sah hohe kräftige Bäume, Hügel und den Nachthimmel, der mit unzähligen Sternen gespickt war. Irgendwann erkannte er den Schatten eines kleinen Hauses, hinter dessen Fenstern ein schwaches Licht brannte. „Wohnst du dort, Wanpeosos?“

„Gelegentlich“, antwortete dieser. „Es ist klein, erfüllt aber seinen Zweck. Am liebsten bin ich aber hier draußen.“ Der alte Mann blieb stehen und holte tief Luft. „Ich liebe es, durch die Gegend zu wandern. Du wirst es auch lieben lernen, Arkirmus.“
„Hast du denn nie Hunger oder Durst?“, fragte Arkirmus skeptisch.
„Hast du Hunger oder Durst?“, antwortete Wanpeosos und schaute ihn fragend an.

Arkirmus bemerkte, dass er weder Hunger noch Durst verspürt hatte seit seiner Ankunft. „Nein, ich habe beides nicht. Mein Körper verlangt auch nach diesen Dingen nicht. Wie kann das sein?“ Wanpeosos zeigte auf einen Fels, der am Wegesrand aus dem Boden ragte. „Wir sollten uns setzen, denn bevor wir weitergehen, wäre es besser, wenn ich dir so einiges erkläre.“

Sie setzten sich und Wanpeosos zeigte hinauf zum Sternenhimmel. „Irgendwo dort oben ist ihr Schiff, Arkirmus. Es sind Spieler mit ausgeprägten medialen Fähigkeiten, die im Schlaf dieses Universum erschaffen haben. Bitte sage jetzt nichts, sondern höre mir nur zu. Dieses Universum hat einen Anfang und ein Ende, auch wenn sämtliche Wissenschaftler anderer Meinung sind. Siehe es so Junge, sie können nicht wissen, wie das Universum entstanden ist, denn dafür ist ihr Geist zu klein. Also tappen die Gelehrten aller existierenden Welten stetig im Dunkeln. Natürlich haben sie so einiges erforscht, aber woher alle Herrlichkeit kommt, werden sie nie erfahren. Die Erde, von der du stammst, hat einen Kern und so ist es mit dem Universum, aus dem die Spieler kommen. Wir sind der Kern von ihrem Universum, welches perfekt ist. Planeten reihen sich aneinander, Sterne erhellen den Nachthimmel und Sonnen wärmen auch die entferntesten Planeten. Die Menschen, und das sind sie, aber sehr viel weiter entwickelt wie ihr, leben in Frieden miteinander. So wie du von A nach B gereist bist, reisen sie von Planet zu Planet. Studenten von den verschiedensten Planeten haben sich vor langer langer Zeit zusammengeschlossen, um den toten leeren Raum, im Innern ihres Universums zu füllen, mit der Kraft ihrer ineinandergreifenden Gedanken. Es fing damit an, dass sie die totale Finsternis mit ihren Raumschiffen bereisten. Es war ein Schock für sie, dass da gar nichts war. Nach langen Überlegungen beschlossen sie dieser Schwärze Leben einzuhauchen, in einem Spiel, welches sie in ihren Träumen gemeinsam spielten. Sie erschufen Planeten, Sterne und Sonnen. Passte ihnen die Struktur eines Planeten nicht, zerstörten sie ihn wieder und erschufen einen neuen.“

Arkirmus fiel Wanpeosos ins Wort. „Sie erschufen in ihren Träumen ein Spiel? Ich kann dir nicht so richtig folgen.“

Wanpeosos nickte geduldig und redete unbeirrt weiter. „Ich sagte bereits, dass sie ausgeprägte mediale Fähigkeiten besitzen. Ihre Gedanken verbinden sich während des Schlafes und dann erschaffen sie. Auch euch haben sie erschaffen. Abbilder von sich, doch einfach gehalten. Die Planeten, die sie erschufen, besiedelten sie mit allerlei Lebewesen. Nahmen diese überhand, ließen sie sie wieder verschwinden. Den Menschen erschufen sie ganz zum Schluss. Bis ihr so ward, wie ihr jetzt seid, sind Ewigkeiten vergangen. Ihr Spiel wird immer an die nächste Generation weiter gegeben, denn nur so kann alles wachsen und der Raum sich füllen. Alles, was hier passiert oder euch jemals widerfahren ist, wie zum Beispiel Naturkatastrophen, Meteoriteneinschläge, Kometen die euch das Fürchten lehrten, alles kommt von den Schläfern. Ich bin nur ihr Handlanger, so wie du auch einer werden wirst. Darum bist du hier. Hunger und Durst wirst du nie mehr haben.“

Arkirmus fuhr sich durch die Haare und wippte mit dem Oberkörper. „Das ist alles zu viel für mich. Ein Handlanger für was? Und bin ich jahrelang nur eine Figur in einem Videospiel gewesen? Wanpeosos, gib mir eine Antwort, denn ich habe das Gefühl, als würde ich sekündlich Altern.“

Wanpeosos legte einen Arm um Arkirmus, denn der Junge tat ihm leid und er erinnerte sich, was er gefühlt hatte, als Irdimos ihm die Geschichte des Universums näher brachte. „Ja, du wirst wirklich reifer“, sagte er nachdenklich. „Der Vergleich mit dem Videospiel ist schon passend. Als sie euch erschufen, statteten sie die Menschen mit gewissen Eigenschaften aus, damit ihr euer eigenes Spiel spielen konntet, aber das funktionierte nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Egal was sie anstellten, es wurde ein Flop, denn der Mensch funktionierte nicht richtig. Du und ich, wir sind etwas Besonderes, und nur für dieses Universum zuständig. Unzählige, die so sind wie wir, wurden mit diesem gewissen Bewusstsein ausgestattet und stehen jetzt ihren Lehrern gegenüber, wenn du diese Bezeichnung gestattest. Wir müssen weitergehen Arkirmus, denn ich will dir noch etwas zeigen.“

Arkirmus betrachtete seine Hände und stellte erschrocken fest, dass sie sehnig und rau waren. „Was passiert mit mir Wanpeosos? Sieh dir meine Hände an. Auch mein Denken wird immer klarer. Ich erinnere mich, dass ich früher, als ich ein Kind war, schon über den Sinn des Lebens, meines Lebens nachgedacht habe. Ich hatte das Gefühl, als würde ich nicht auf die Erde gehören, sondern an einen anderen Ort, der sehr weit entfernt ist. Wanpeosos, was ist deine Aufgabe und was wird meine sein?“

Der alte Mann lächelte und erhob sich. „Ich werde meine Aufgabe gleich erfüllen müssen und irgendwann erfüllst du deine. Es ist nur eine einzige Aufgabe, Arkirmus. Lasse uns weitergehen, es ist nicht mehr weit. Wenn wir da sind, wirst du wissen, was du einmal tun musst oder auch nicht. Meine Zeit ist gekommen, ich werde gehen, und das mit großer Freude. Frage mich nun nichts mehr und warte ab.“

Arkirmus akzeptierte Wanpeosos Bitte und sie setzten ihren Weg fort. Es war ihm, als würde Wanpeosos immer jünger werden. Seine Haut wirkte plötzlich straffer, sein Gang war federnd und die Augen hatten einen gewissen Glanz, den er in der Dunkelheit sehen konnte. Eine Dunkelheit, die ihm gar nicht mehr so dunkel vorkam. Arkirmus bemerkte, dass das Sternenmeer über ihm, für ein immerwährendes sanftes Licht sorgte, in dem er sich wohlfühlte.

Wanpeosos beobachtete Arkirmus aus den Augenwinkeln und schmunzelte. Er sah, dass Arkirmus sich veränderte, und war zufrieden. Sie gingen an Bächen vorbei die leise plätscherten und durch Wälder, deren Bäume zur Musik des Windes summten. „Wir sind angekommen Arkirmus“, sagte Wanpeosos, als sie aus der Lichtung traten.

Was Arkirmus sah, raubte ihm den Atem. Er sah das Universum nicht nur über sich, er sah es auch unter sich. „Du stehst am Ende des kleinsten Planeten, Arkirmus. Dieser Planet war einmal sehr gewaltig. Die Schläfer wollten ihn zerstören, aber dann besannen sie sich und teilten ihn auf. In jedem Universum ist nun ein Stück von ihm, und auf jedem leben die, die so sind wie wir. Diese kleinen Planeten bleiben immer bestehen, so wie wir, denn es werden noch viele nach uns kommen. Die Schläfer können einzelne Planeten auslöschen, aber nicht ein ganzes Universum säubern, das wäre zu aufwendig. Arkirmus, das ist jetzt meine Aufgabe. Es war schon immer meine Bestimmung, zu vernichten, was nicht mehr zu retten ist.“

Sie standen sich am Abgrund des kleinsten Planeten gegenüber, der aussah, als wäre ein großes Stück von ihm gerissen worden und blickten sich lange in die Augen. Arkirmus wandte den Blick ab und schaute nach unten. Er verfolgte das Wurzelwerk und den steinigen Boden mit seinen Augen, soweit er sehen konnte. „Das ist das Ende, nicht wahr?“
Wanpeosos nickte. „Das ist das Ende, Arkirmus.“
„Wohin gehst du?“, fragte Arkirmus.
„Ich reise in ihr Universum, so wie alle anderen, die heute ihre Bestimmung erfüllen werden“, antwortete Wanpeosos. „Ob es auch deine Bestimmung sein wird, dieses zu tun, weiß ich nicht.“ Arkirmus schluckte, denn der Abschied von Wanpeosos schmerzte ihn. „Du siehst so jung aus Wanpeosos, als wäre die Zeit plötzlich rückwärts gelaufen für dich.“

Wanpeosos lächelte nur und streckte den Arm aus. Ein Hologramm baute sich vor ihren Augen auf, welches ihr Universum zeigte. „Du bist dabei, wenn die Schläfer das Universum neu erschaffen und du bist dabei, wenn es gelöscht wird“, sagte Wanpeosos. „Wenn ich meine Bestimmung erfüllt habe, werde ich diesen Ort verlassen. Siehst du den kleinen Punkt Arkirmus, er bewegt sich fort. Die Schläfer verlassen dieses Universum. Jetzt sind sie fort. Lebe wohl Arkirmus, wir werden uns wiedersehen. Wir sind lange Zeit über diesen kleinen Planeten gewandert, damit ich dir von den Schläfern erzählen konnte. Ich habe mein Ziel nun erreicht. Nimm meinen Stab Arkirmus, er gehört nun dir.“ Wanpeosos bückte sich und griff nach einem kleinen unförmigen Stein, den er, als er Arkirmus einen letzten Blick gönnte, in dem Hologramm platzierte.

Ein lautloses, alles vernichtendes Feuerwerk, welches Arkirmus nichts anhaben konnte, brachte das Universum zu Fall. Stücke von zerberstenden Planeten und Sternen rasten an Arkirmus kleinem Stück Frieden vorbei, welches durch eine von den Schläfern erschaffene Energie, geschützt war. Die Sonne explodierte und ergoss sich über alles, was durch den Raum jagte.

Nach und nach verglühte, was einmal gewesen war, und auf dem kleinsten Planeten stand ein älterer Mann mit einem Stab in der Hand, der fassungslos in die Schwärze sah, die seinen kleinen Planeten umgab. Und er war dankbar für das Lagerfeuer, welches immerzu brannte, denn sein magisches Feuer spendete ihm, seinem kleinem Stück Heimat und den wenigen Tieren, Licht und Wärme. Er dachte an Wanpeosos, der ebenso lautlos verschwunden war, wie die Planeten, die Sonne und die Sterne. „Machs gut alter Freund“, murmelte er und ein Lächeln erhellte sein von leichten Falten durchzogenes Gesicht.

Arkirmus wusste, dass die Schläfer bald wieder spielen würden, und er hoffte, dass er seinem Schüler, den sie irgendwann zu ihm bringen würden, dann eine andere Geschichte erzählen konnte. Die Geschichte von dem Universum im Universum, wo alles im ewigen Gleichgewicht war. Und von dem Ende eines langen Spieles.

©Monika Litschko

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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