Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 12 - Ein Mosaik

Bahtträger

Kapitalanlage ist meistens eine Vertrauensfrage. Kann dem Verkäufer getraut werden? Ist das Angebot vertrauenswürdig? Wie schnell könnte ich aus der Investition aussteigen? Und zu welchen Kosten wäre das möglich? Wer hat am Ende einen Gewinn? Wer macht Verlust? Fragen über Fragen und da ich kein Geld für diese Dinge habe, ist alles nur Theorie; stellen sich die Fragen erst gar nicht. Das habe ich mit vielen, ganz normalen Thais gemeinsam. Bei den meisten Thais stellte sich die Frage nach dem Vertrauen einmal und wird seit langem mit vier Buchstaben beantwortet: G - O - L - D.

Die thailändische Währung Baht wurde bereits 1889 eingeführt. Die vorherige Währung hieß Tical, vom arabischen Wort Thaqal abstammend. Der Name des heutigen Zahlungsmittels der Thais wurde übrigens von der traditionellen Bezeichnung Baht für das Goldgewicht von 15,244 Gramm abgeleitet. Ein Baht wird in 100 Satang unterteilt; Gold gibt es auch in kleineren Einheiten.

Ein großer Bahtträger, ob nun mit H oder R geschrieben, ist der Thai nicht. Liegt es am Urspung des Namens? Oder ist es einfach ein gelebtes Vertrauen? Der Goldpreis unterliegt in Thailand nur geringen Schwankungen und der Reinheitsgehalt ist mit 96,5 % ein sehr hoher. Somit wird angespartes Geld, das momentan nicht benötigt wird, traditionell in Gold angelegt. Ob nun Kette oder Ring oder Armband, es ist für den Thai so etwas wie ein bewegliches, ein laufendes und jederzeit sichtbares Guthaben. Eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegliche Kapitalanlage.

Soll aus der Gewichtseinheit Baht nun wieder die Währung Baht werden, so ist schnell einer der vielen deutlich rot leuchtenden Goldläden gefunden, ein Verkauf kann stattfinden. Andernfalls ist auch der Weg zum Pfandleiher mit späterer Auslösung denkbar. So flexibel ist kaum ein Konto. Das erklärt, warum so viele Thais bestrebt sind, goldige Bahtträger zu sein.

 

Mai pen rai

Ach, hätten wir Langnasen doch etwas von der Gelassenheit der Thais und könnten häufiger mal die Worte „das macht nichts“ aussprechen. Da endet ein Sonntags-Ausflug mit einer kleinen Schramme am Auto – mai pen rai. Der Ober serviert dem Gast eine andere Sorte Bier als geordert – mai pen rai. Der gesuchte Artikel ist im Supermarkt gerade vergriffen – mai pen rai. Der Bekannte kommt verspätet zum vereinbarten Treff – mai pen rai. Eines der zum Dinner georderten Gerichte wurde vergessen – mai pen rai. In kleinsten Münzen wird das Wechselgeld gezahlt  – mai pen rai. Reis fällt der Serviererin vom Löffel auf den Tisch – mai pen rai. Die Aufzählung kleiner Versäumnisse, Fehler, Mißgeschicke ließe sich seitenweise fortführen. Mai pen rai.

Dem Thai als Verursacher, als „Täter“ sind Situationen - bei aller Gelassenheit - wie oben peinlich, bereiten ihm ein schlechtes Gewissen, lassen das Lächeln der Verlegenheit auf seinem Gesicht erscheinen. Dazu ein „Sorry“ oder „Solly“. Drei kleine Silben sind es nun, die solche Situationen lösen, alles wieder ins Gleichgewicht bringen und ein Lächeln der Erleichterung herbeizaubern können – mai pen rai. Mai pen rai ist Thai und heißt – der Leser wird es ahnen – „das macht nichts.“ Drei Silben der Gelassenheit, des Verzeihens, mit denen sich fast alle kleinen Probleme aus der Welt schaffen lassen. Könnte doch auch etwas für Langnasen sein, oder?

 

Der kleine Unterschied

Ein Titel wie Der kleine Unterschied läßt der Fantasie natürlich freien Lauf. Hoffentlich ist der Leser über die nun folgenden Zeilen nicht enttäuscht.

Man soll in diesen Zeiten ungezählter Fakes nicht alles glauben, was da im Internet als Wahrheit angespriesen wird. Ich unterstelle mal, die website sunrise-and-sunset verfolgt hehre Absichten und so berufe ich mich auf die dort publizierten Daten.

Sollten die Angaben stimmen, so ist am 21. Juni die Sonne in Hamburg um 4:50 Uhr in der Früh aufgegangen und hat sich erst um 21:53 Uhr zur Ruhe begeben. Auf der thailändischen Insel Phuket war am gleichen Tag Sonnenaufgang erst um 6:12 Uhr und bereits um 18:45 Uhr hat sie sich wieder verabschiedet.

Für den 21. Dezember dieses Jahres meldet der gleiche Service folgende Hamburg-Zeiten: Sonnenaufgang um 8:34 Uhr und der Abschied soll, wenige Stunden später, um 16:02 Uhr erfolgen. Wenn sich die Sonne an dem Donnerstag denn überhaupt zeigen wird. Die Daten für Phuket sehen für den gleichen Tag etwas anders aus: Sonnenaufgang 6:35 Uhr, Sonnenuntergang 18:13 Uhr. Die Wahrscheinlichkeit auf einen sonnigen Tag ist relativ groß.

Hamburg hat, auf dem 53. Breitengrad liegend, im Lauf eines Jahres erhebliche Unterschiede in punkto Sonnenauf- und untergang zu verzeichnen. Phuket liegt auf dem 8. Breitengrad mit ausgesprochen geringen, fast nicht mehr wahrnehmbaren Schwankungen. Er kann also ganz schön groß sein, der kleine Unterschied. Oder an was hatte der Leser gedacht?

 

Zweireiher

Es muß nicht unbedingt ein Zweireiher sein, den die Dame oder der Herr tragen sollte, wenn sie oder er mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in Thailand unterwegs ist. Die Thais legen zwar Wert auf ein angemessenes Outfit, doch ein Oberhemd, Bluse oder T-Shirt hätten es für eine Fahrt im Zweireiher auch getan. Moment. - Wie bitte? - Das wirkt jetzt ein wenig konfus? Nun gut, das ist nachvollziehbar. So wie es diverse Möglichkeiten sich zu kleiden gibt, so bestehen etliche Alternativen, um von A nach B zu gelangen. Auf der Insel Phuket bieten sich ein Tuk-Tuk an, ein Moped-Taxi, ein Taxi mit und ohneTaximeter, eine ganz induviduelle Limousine, der Hotel-Service oder - der Zweireiher.

Zweireiher heißt in Thailand natürlich nicht Zweireiher, sondern Songthaew. Dieses Wort würde ins Deutsche mit zwei Reihen zu übersetzen sein. Zweireiher sind in der Regel rustikal umgebaute Nutzfahrzeuge für den öffentlichen Personenverkehr. Auf Phuket sind sie an ihrer blauen Farbe zu erkennen, in anderen Regionen des Landes in anderen Farben unterwegs. In der Zeit von 6 bis 19 Uhr verkehren diese Busse auf festgelegten Strecken und Zeitabständen. Als Beispiel: Von der Inselhauptstadt Phuket-Town nach Patong oder umgekehrt alle 30 Minuten. Ein Songthaew hat zwar eine feste Strecke, kennt aber keine fixen Haltestellen. Wer zusteigen möchte, signalisiert dieses am Straßenrand stehend; wer aussteigen möchte, drückt ein Signal für den Stop seiner Wahl. Der Wind weht durch die offene Fahrgast-Fläche; in einigen Fahrzeugen wälzen Ventilatoren die Luft um; der Regen läßt sich nicht immer vom Reisenden fernhalten.

Die einfache Strecke zwischen Patong und Phuket-Town kostet 30 Baht und dauert etwa 30 Minuten. Schulkinder zahlen 10 Baht und für noch jüngere ist die Reise frei. Günstiger kann man die Distanz nicht zurücklegen. So ein Songthaew trägt den Beinamen chicken bus. Die Fahrgäste sitzen sich meistens in zwei Reihen gegenüber, was den Namen dieses Beförderungsmittels erklärt. Der Gast nimmt zwar auf keiner Stange Platz, aber wesentlich breiter sind die Sitzflächen auch nicht. Der Einstieg erfolgt von hinten über ein paar Stufen. Manchmal kann man im chicken bus aufrecht gehen, bei einigen Zweireihern muß der Westler schon versuchen, in gebückter Haltung zum Platz bzw. zum Ausstieg zu gelangen. Dafür hat man Kontakt mit den Einheimischen, mit den Arbeitskräften aus Myanmar, Kambodscha, Laos etc. So ein Songthaew transportiert auch Gemüse und Reissäcke und hin und wieder hat eine Thai ein lebendes Hühnchen unter dem Arm – chicken bus.

Mit diesen wenigen Worten hat der Leser gemerkt, im Zweireiher im Zweireiher, das wäre total overdressed. Doch auch hier darf es gern mehr als ein Unterhemd sein.

 

September 2017

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