Olaf Lüken

Der güldene Garten - Landschaft im Licht

Narren hasten, Kluge eilen, und Weise gehen in den Garten (Tagore). Wenn ich in der Frühe die Tür zum Balkon öffne und ins Freie trete, hüllt mich eine klare und frische Morgenluft ein. Der Tag erwacht. Die lauten Geräusche sind noch fern. Die Sonne liegt versteckt hinter viel Mauer-
werk. Ein leichter Wind streicht an mir vorüber, und ein süßer betörender Duft weht durch den blühenden Garten. Mit allen Sinnen die kleine Gartenwelt entdecken, sie erforschen, erleben,
ergreifen und begreifen. Die biegsamen, beinah' mannshohen Gräser wiegen sich leicht im Wind und bilden einen zarten Kontrast zum kräftigen Grün der Sträucher, Hainbuchen und Hecken
im Hintergrund. Lavendelduft zieht unwiderstehlich Bienen und Hummeln an. Einige torkeln
trunkend von Blüte zu Blüte in einem bunten Meer blühender Blumen. Welch verschwenderische
Pracht, welch fulminant freches Farbenspektakel. Mit nackten Füßen trete ich auf das frische und
ungemähte Gras. Ich spüre die leicht einknickenden Halme und den weichen und feuchten Lehm-
boden unter mir. Und während ich langsam, beinahe andächtig über das Gras gehe, spüre ich,
dass die Sonne meinen Zaubergarten aufleuchten lässt. Farben und Düfte sind mehr als Atome im
leeren Raum (Demokrit). Üppig blühlt der Oleander in vielfachem Rot. Zartes Rosa, kräftiges
Kirsch- und feuriges Mohnrot werben in üppiger Fülle miteinander. Rote, weiße und gelbe Rosen
bilden eine kreisrunde Blumeninsel. Ihr Duft ist betörend, und die Gegensätze sind aufgehoben.
Der Rosenstrauch trägt Dornen, und die Dornen tragen Rosen.

Obstbäume sind die schönste Verbindung zwischen Erde und Himmel. Aus der Entfernung nehme
ich auf den ersten Blick ein Stück Land mit Bäumen wahr. Hat das Objekt mein Interesse geweckt,
erkenne ich unschwer, dass jeder Baum im Sommer Blätter, Blüten und Früchte trägt. Nähere ich
mich dem Baum, bemerke ich, dass jede Frucht mit einer Haut bedeckt ist. Streife ich die Haut
ab, so kommt mit dem Saft ein wunderbarer Trank hervor. Am Anfang fiel mir ein Stück Land
mit Bäumen auf. Mit jedem weiteren Blick vergrößerte sich mein Horizont für Gottes unglaubliches
Naturschauspiel. Hinter den Obstbäumen nähere ich mich einer parkähnlich angelegten Baum-
gruppe. Zwischen Ahorn, Buchen und Eichen liegen Ballustraden, Amphoren, Skulpturen und klei-
nere Blumenareale. Harmonie ist schön, gelegentlich aber auch etwas langweilig. Erst durch den
gelungenen Kontrast werden farben- und formenfrohe Gartenbilder zu dauerhaft einprägsamen
Kunstwerken.

Rasenmähen, Unkrautjäten und das Gras zusammenharken sind Teile täglicher Gartenarbeit. Wohl
wahr. Andererseits: Muskuläre Tätigkeiten sind mein Ding nicht. Der Träumer in mir will lieber
ein paar Zeilen auf's Papier fegen; getreu dem Motto: Unser Herrgot ist der Narren Vormund
(Martin Luther). Was zeichnet einen Garten aus ? Ist der Garten nicht vielmehr ein Lebensraum
für Lebewesen, ein Beziehungsort und ein menschliches Biotop ?

Eine Bande munterer Spatzen fliegt geschwätzig durch die Luft. Übermütig und vollends frech
geworden, hüpfen einige Sperlinge unbekümmert über kurze Stöckchen, kleine Steine und
niedriges Gras oder planschen aufgeregt im Bassin. Andere treffen sich zum Plausch am Rand
des Beckens. Ein junger Gernegroß öffnet seinen Schnabel, doch kein Laut dringt aus ihm raus.
Wahrlich, großartige Sänger sind sie nicht. Vom spielsüchtigen Spatzenvolk unbeachtet bleiben
die Amseln, die in Windeseile über den Garten sausen und im Gebüsch wieder verschwinden.
Die Sonne hat mittlerweile den Zenit erreicht und schickt ein güldenes Strahlenbündel auf das
Amselversteck. Der Busch flimmert und flirrt wie filigranes Gold. Ja, denke ich und atme tief
durch. Das habe ich mir gewünscht. Einen Garten haben wie ein luftiges Wohnzimmer. Duftend
bunt und wunderschön. Auch der blühende jüdische Obstgarten "PaRDes" genannt, ist ein
lebender Organismus, immer in Veränderung und eine bleibende Erinnerung an das verloren-
gegangene Paradies. Muslime nennen ihren Himmelsgarten "Djanna." Auch er ist ein seliger
Ort, an dem Ströme von Wasser, Milch, Wein und Honig fließen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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