Heinz-Walter Hoetter

Die siebte Elfe

 

Der böse Magier Wandaran drehte seine Hände wie im Kreis und ließ die kleine Elfe immer schneller rotieren. Die winzigen Arme richteten sich auf, die kurzen Beine vollführten einen Spagat und die großen Knopfaugen weiteten sich zusehends.

Die kleine Elfe schrie jetzt wie am Spieß. Ihre hohe Stimme wurde immer schriller und ängstlicher, bis es ganz plötzlich einen hässlichen Knall gab, der von den grauen, feucht glänzenden Steinwänden der dunklen Burg als dumpfes Echo zurück hallte.

Der Magier grinste höhnisch als er sah, was aus dem wehrlosen Elfenwesen geworden war. Für den Bruchteil einer Sekunde manifestierte sich das verschwommen Bild eines leuchtenden Buchstabens, der nur kurz erschien und danach sofort wieder im Nichts verschwand.

Dann rieselten staubig glitzernde Fünkchen durch die Luft, die noch im Flug verglühten und als winzige Aschekügelchen auf dem kalten Fußboden liegen blieben.

Sein hässlicher Gehilfe Marbott, der klein und krummbeinig war, einen stark ausgeprägten Buckel besaß und regungslos daneben stand, sah den bösen Magier Wandaran mit bewundernden Blicken an und stammelte staunend: „Meister, was Sie alles können...“

„Das war nur der Anfang, Marbott. Für den nächsten Buchstaben, der kommt, darfst du dir was wünschen, vorausgesetzt der geäußerte Wunsch fängt mit diesem Buchstaben an, der allerdings nur sehr kurz erscheint. Schau also genau hin, was du zu erkennen glaubst. Ich habe heute außerdem meinen großzügigen Tag und möchte mich für deine absolute Loyalität mir gegenüber und für deine guten Dienste, die du mir schon so viele Jahre zuverlässig erbringst, bedanken. Aber zuerst brauche ich wieder eine unschuldige Elfe. Ohne sie geht es nicht.“

Marbott kratzte sich verlegen über den mit ekelhaften Warzen übersäten Nasenrücken.

Der Magier wurde ungehalten.

„Was ist, Marbott? Warum gehst du nicht los und beschaffst mir eine dieser schönen Elfen?“ fragte der Zauberer plötzlich ungeduldig.

„Ich glaube, wir haben sie alle aufgebraucht, Meister. Es sind wohl keine mehr da...“

„Quatsch! Die verstecken sich nur“, sagte der Magier Wandaran und sah sich wütend um.

"Da! Hinter der letzten Säule ist noch eine. Ich kann sie genau sehen. Meinem Durchdringungsblick entgeht nichts. Ich kann Elfen nicht nur hinter Gegenständen ausmachen, sondern auch riechen. Hol sie sofort her!“ sagte der Zauberer mit energischer Stimme.

Marbott humpelte eilig los und tatsächlich, hinter der mächtigen Steinsäule am Ende der Halle versteckte sich noch eine Elfe. Sie bebte am ganzen Körper vor lauter Angst. Sie wollte noch weg fliegen und sich in Sicherheit bringen, aber Marbott schnappte gekonnt nach ihr und brachte sie sofort zu seinem Meister Wandaran, der das zarte Wesen zugleich auf den Tisch stellte.

„Nun Marbott, pass’ jetzt gut auf! Ich schenke dir nur einen Versuch. Wenn es dir nicht gelingt, deinen Wunsch rechtzeitig zu äußern, bevor der Buchstabe verblasst, geht er dir unwiederbringlich verloren. Äußere deinen Wunsch also laut und deutlich, damit ich ihn hören kann.“

Der bucklige Gehilfe nickte heftig mit dem Kopf und starrte gleichzeitig lüstern auf die wie Espenlaub zitternde Elfe, die laut weinend nieder gekniet war und ihre Augen voll Schrecken und Furcht vor dem Kommenden geschlossen hielt.

Der böse Magier wechselte das Thema und widmete sich seinem Opfer.

„So, und nun zu dir. Du weißt, was dich erwartet?“ fragte er mit boshafter Stimme.

„Herr, bitte lasst mich am Leben. Ich bin bereits die siebte Elfe, die ihr für euere Experimente verbrauchen werdet. Die siebte Elfe aber dürft ihr nicht vernichten, nur weil ihr eurem Gehilfe einen Wunsch versprochen habt. Wenn ich durch eueren Zauber verglühe, werden sich meine Kräfte mit den übrigen getöteten Elfen verbinden, die magischen Kräfte von euch nehmen und schließlich zur Hölle schicken. Dort gehört ihr nämlich hin...“, schrie die kleine Elfe mit sich hysterisch überschlagender Stimme.

„Was sagst du da? Weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Wandaran, der größte und böseste Magier, den die Welt je gesehen hat. Niemand ist mir gleich. Ich bin so mächtig, wie kein Zauberer zuvor. Ich muss mich vor nichts und niemanden fürchten. Ich werde es dir gleich beweisen, du elendiges kleines Biest.“

Der böse Magier richtete noch im gleichen Augenblick seinen Zauberstab auf die schreckensbleiche Elfe, die sich jetzt auf den Tisch hinter einem Kerzenständer mit einer brennenden Kerze verkrochen hatte. Doch umsonst. Ein violetter Blitz verließ den hölzernen Zauberstab, verästelte sich um die kleine Elfe und der Magier Wandaran zog sie damit hinter dem schützenden Kerzenständer hervor. Dann murmelte er irgendwelche unverständlichen Worte, die noch nicht einmal sein Gehilfe Marbott verstand.

Im gleichen Moment begann sich die Elfe zu drehen. Ihre feingliedrigen Flügel zerbrachen zuerst, als die Drehbewegung noch rasanter wurde. Schließlich rotierte sie so schnell, dass sie plötzlich zu schreien anfing. Der Ton war derart hoch, dass selbst der Zauberer Wandaran und sein buckliger Gehilfe Marbott sich die schmerzenden Ohren zuhalten mussten.

Dann gab es einen lauten Knall, der die steinernen Wände der dunklen Burghalle erbeben ließ. Die Elfe war wie eine Seifenblase zerplatzt. Noch in der gleichen Sekunde ihres schrecklichen Todes öffnete sich ein Riss in der Mitte des Raumes und die erste Kreatur, die in den düster beleuchteten Saal eilte, war ein affenähnliches Geschöpf mit langen gebogenen Krallen. Das Scheusal blieb zuerst vor Marbott stehen, glotzte ihn mit seinen großen Augen an, hob die Klaue und ließ sie niedersausen. Noch bevor der Gehilfe mit dem Gesicht auf dem Boden aufschlug, war er tot. Dass die Kreatur ihm auch noch den rechten Arm abriss, bekam er nicht mehr mit.

Dann drehte sich das Monster auf der Stelle herum und stürzte sich brüllend auf den bösen Magier Wandaran, dessen wild schwingender Zauberstab trotz zahlreicher neuer Versuche versagt hatte. Seine magischen Kräfte waren gebannt.

Denn auf einmal waren sie da, die Seelen der bei seinen grausamen Experimenten getöteten Elfen, die als kleine Lichtpunkte an dem Zauberstab zu kleben schienen. Sie neutralisierten seine magische Kraft, jedenfalls solange, bis das affenartige Ungeheuer auch ihn mit einem einzigen Prankenhieb den Kopf vom Hals schlug. Schrecklich blutend und mit weit aufgerissenem Mund, von einem kaum hörbaren, heiseren Schrei begleitet, rollte dieser in einen tiefen, finsteren Kellerschacht, wo er mit dem Gesicht nach oben in modrig feuchter Erde liegen blieb.

Die Wucht des fürchterlichen Hiebes war so stark, dass das schreckliche Monster strauchelte. Mit einem Trommelfell zerreißenden Schrei stolperte es über den toten, kopflosen Körper des Magiers, der die ganze Zeit über langsam in einer großen Feuerwand verbrannte. Die züngelnden Feuerszungen griffen sofort auf das Ungeheuer über, das augenblicklich selbst in hellen Flammen stand, bis es schließlich zu einer stinkenden Lache aus Blut und verbranntem Fleisch zerschmolz.

Als alles vorbei war, veränderte sich in atemberaubender Geschwindigkeit das dunkele Gemäuer der alten Burg und löste sich nach und nach auf. Alles verschwand schließlich in einem riesigen Loch im Boden, der sich dabei krampfhaft zuckend anhob und wieder senkte und erst zur Ruhe kam, bis auch der letzte Stein darin verschwunden war. Dann kehrte abrupt die Stille zurück und aus der noch rauchenden Erde wucherte plötzlich grünes Gras, als hätte es schon lange darauf gewartet, wieder wachsen zu dürfen.

Die dunklen Wolke oben am Himmel verzogen sich und am fernen Horizont tauchte auf einmal die Sonne auf, die ihre goldgelben Strahlen über das weite Land schickte.

Ein neuer, herrlicher Tag begann und irgendwo hinter einer mächtigen Eiche vernahm man das feine Kichern einiger Elfen, die auf einem kleinen Ast saßen und geduldig auf die warme Morgensonne warteten.

Und die Eiche, auf der sie saßen, ja..., die war einmal vor langer, langer Zeit der Zauberstab des bösen Magiers Wanderan.


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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