Heinz-Walter Hoetter

Coppermanns Mantel

Auf dem gut besuchten Flohmarkt schoben sich die Menschenmassen an den aufgestellten Ständen dicht aneinander vorbei. Überall gab es viel zu sehen. Man konnte einfach nicht glauben, was die Leute so alles an Trödel anboten.

Am Rande des Flohmarktes zwängte sich gerade auch der Buchhalter Leonhard Coppermann weiter vorwärts. Er hatte sich etwas Urlaub genommen und nutzte seine freie Zeit unter anderem dazu, um sich hier ein wenig umzusehen. Er liebte die große Menge der dargebotenen Gegenstände, welche oft stumme Zeugen einer längst vergangenen Zeit waren. Außerdem faszinierte Coppermann auch die jeweiligen Schicksale von Menschen, die sich hinter so manchen Gebrauchsgegenständen des Altags verbargen, die wohl niemals mehr wirklich zu ergründen waren, wie er dachte.

Leonhard Coppermann war Anfang fünfzig und ein Mann von unauffälligem Aussehen. Seine Haut wirkte etwas zu blass, was wohl auch daran lag, dass er als Buchhalter die meiste Zeit in geschlossenen Räumen arbeitete, in denen die Luft wegen der vielen alten Bücher etwas abgestanden roch. Deshalb nutzte er jede freie Minute, um sich draußen an der frischen Luft aufzuhalten, besonders dann, wenn die Sonne schien. Leider war das Wetter heute nicht so gut, was ihn aber nicht davon abgehalten hatte, den Flohmarkt hier am Stadtrand zu besuchen.
Seit einiger Zeit interessierte sich Coppermann nämlich für möglichst alte, gebrauchte Kleidungsstücke, besonders für historische Stücke aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Überhaupt fühlte er sich als ein Mensch aus vergangener Zeit, der sich aus nicht näher erklärbaren Gründen in die Gegenwart der Jetztzeit verirrt hatte.

Nun, an diesem trüben Sonntagnachmittag zog es Coppermann wieder einmal am Ende zu den Kleidungsangeboten, die sich in einer trüben Seitengasse des großen Flohmarktes befanden. Er kannte sich mittlerweile gut aus, da der Flohmarkt hier in regelmäßigen Abständen immer an den Wochenenden stattfand. Schon öfters hatte sich Coppermann eine gebrauchte ältere Hose, ein altes Hemd oder eine abgetragene Jacke kostengünstig zugelegt, auch in dem seltsamen Glauben, dass vielleicht von der unbekannten Person des Vorträgers etwas auf ihn übergehen würde. Aber noch ein anderer Gedanke fand Coppermann interessant. Er hoffte nämlich insgeheim, irgendwann einmal einen mysteriösen Gegenstand, einen handgeschriebenen Brief oder gar wertvolle alte Münzen in so einem historischen Kleidungsstück zu finden.
Am Verkaufsstand einer schon älteren Verkäuferin, die ihn bereits aus früheren Besuchen kannte, suchte Coppermann unauffällig in den Taschen von alten Hemden, Jacken, Mänteln und Hosen herum. Mit zitternden Händen tastete Coppermann die unterschiedlichsten Taschen ab, griff in etliche sogar hinein, nur in der abstrusen Hoffnung, darin irgend etwas zu finden, das ihm eine geheime Botschaft zukommen ließ, die ihm aus seinem eingefahrenen, langweiligen Leben herauszuhelfen vermochte.

Plötzlich fiel Coppermann ein ziemlich alter Mantel auf, dessen abgetragener Zustand ihn irgendwie innerlich ansprach. Wie alt mochte dieses zerschlissene Kleidungsstück wohl sein? Spontan griff er nach dem Mantel, zahlte rasch den geforderten Preis und machte sich schleunigst auf den Heimweg.

Die Stadt lag mittlerweile im abendlichen Dunkel. Überall leuchteten die verschiedensten Lichter, was eine unwirkliche Atmosphäre entstehen ließ. Als Herr Coppermann endlich zu Hause angelangt war, ließ er sich müde auf seine Couch im Wohnzimmer fallen, hielt dabei den erworbenen Mantel auf seinen Knien, schloss die Augen und schlief bald ein.

***

Leonhard Coppermann schreckte auf. Wo war er? Er schaute sich vorsichtig um. Dann wanderte sein Blick eine dunkle, völlig verdreckte Gasse entlang. Er glaubte sie zu kennen, nur war sie offensichtlich aus einer weit zurück liegenden Zeit. Plötzlich spürte er den Wind, der über sein blasses Gesicht fuhr. Träumte er das alles nur? Wenn ja, dann kam ihm der Traum allerdings sehr real vor.

Schließlich sah er die schemenhafte Gestalt eines Mannes am Ende der Gasse, der in einem dreckigen Mantel gehüllt gebeugt und schwer atmend in einer Ecke stand. Es ging ihm nicht gut.

Langsam ging Coppermann näher und erkannte einen alten Mann, dem jede seiner Bewegungen eine Qual zu sein schien. Als er ihn fast erreicht hatte, brach er unverhofft vor seinen Augen zusammen wie ein nasser Sack. Voller Angst und Panik beugte sich Coppermann über den alten Mann, um ihm zu helfen, dabei sah er in ein hässlich zernarbtes Gesicht, das mit tiefen Falten durchzogen war. Jede einzelne Falte vermochte wohl eine eigene Geschichte aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. Seine schneeweißen, bis auf die Schulter reichenden Haare umgaben sein Gesicht wie die Aura einer untergehenden Sonne. Seine klaren, himmelblauen Augen waren jedoch voller Güte und Wärme. Als Coppermann hinein schaute, traf es ihn wie ein Blitz. Die Augen des alten Mannes konnten offenbar bis in seine Seele blicken.
Mit letzter Kraft legte der alte Mann seine faltigen Hände auf Coppermanns Arme. Mit leiser, kaum hörbarer Stimme fing der Alte an zu sprechen.

"Meine Zeit ist gekommen. Ich spüre, dass ich nun sterben muss. Ich war einmal der Träger des Mantels, den du auf dem Flohmarkt erworben hast. Er wird dir ein sehr langes Leben schenken und überall hin bringen, wohin du willst, in die Zukunft oder in die Vergangenheit, ganz nach deinem Belieben. Tausend Jahre genau wird er das für dich tun, dann wechselt er ganz von allein seinen Besitzer, den er sich selbst aussucht. Er wird schließlich im Traum den jeweiligen Vorbesitzer zeigen, der ihn vorher getragen hat. Höre mir also gut zu! Das ist meine Botschaft an dich. Der Mantel wird dir das Licht in deine Seele bringen. Sei deshalb für alles Neue zugänglich. So auch für das Alte. Er wird dir Welten zeigen, die weit in der Zukunft liegen und sich auf anderen Planeten befinden, die noch kein Mensch zuvor betreten hat. Wenn du es willst, dann bringt er dich auch in die Vergangenheit. Du kannst leben wie ein König, dir wird an nichts mangeln, doch sterben wirst du wie ein Bettler, wenn deine Zeit gekommen ist. Sieh' mich an, damit du erkennst, was nach eintausend Jahren mit dir passieren wird."

Leonhard Coppermann sah, wie die blauen Augen des alten Mannes auf einmal trübe wurden. Ein letzter Atemzug noch und der letzte Rest von Leben glitt aus ihm heraus. Dann zerfiel der tote Körper des Alten vor Coppermanns Augen zu Staub. Ein leichter Windstoß wirbelte ihn wie eine Wolke dahin, hinauf in den sternenklaren Nachthimmel des unendlichen Alls.

***

Als Coppermann wieder aufwachte, saß er immer noch auf der Couch im Wohnzimmer. Er schaute an sich herunter und bemerkte dabei, dass er zu seinem großen Erstaunen den alten, zerschlissenen Mantel trug, den er sich doch gar nicht angezogen hatte. Er erinnerte sich plötzlich an den seltsamen Traum mit dem alten Mann in der dunklen Gasse, der ihm offenbar eine ganz bestimmte Botschaft hat zukommen lassen, die mit diesem geheimnisvollen Mantel zusammen hing. Nur so aus Spaß dachte Coppermann, wieder auf dem Flohmarkt bei jenem Stand zu sein, wo er den Mantel gefunden hatte.

Im nächsten Augenblick war er auch schon da. Er konnte beobachten, wie er der älteren Verkäuferin gerade das Geld für den geheimnisvollen Mantel überreichte. Um nicht von sich selbst erkannt zu werden, drehte sich Coppermann schnell auf der Stelle herum und dachte dabei an sein eigenes Zuhause. Im nächsten Augenblick saß er wieder auf der gemütlichen Couch seines Wohnzimmers.

Coppermann wusste zugleich, dass sein Leben ab jetzt in Bahnen verlaufen würde, die alles übertrafen, was er sich hätte je vorstellen können. Dann dachte er den nächsten Gedanken.

Im nächsten Moment war er auch schon wieder weg. Wohin, das weiß kein Mensch. Vielleicht ist er jetzt wohl irgendwo im 17. oder 18. Jahrhundert. Dafür hatte er ja eine besondere Vorliebe.


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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