Monika Jarju

Aufziehmoment

Soeben fährt ein Mopedfahrer an mir vorbei. Den habe ich doch schon mal gesehen! Ich sehe ihn immerzu. Er ist der Fahrer von vorhin und auch der von gestern und vorgestern. Aber nein, er ist es nicht! Und auch ich bin nicht die von gestern und vorgestern.

Da, eben fährt er schon wieder an mir vorbei. Er trägt eine dunkelblaue Jacke und einen hellen Helm. Alle Mopedfahrer tragen dunkelblaue Jacken und einen Helm, der aussieht wie ein Bauarbeiterhelm. Die Helme der Fahrer sind Tarnkappen, die ihre Augen beinahe verdecken. So verlieren sie ihr eigenes Gesicht und ähneln einander in den Gesichtern. Jeder von ihnen wird zum anderen. Wie in einer Endlosschleife knattert neben mir der immer gleiche Mopedfahrer die abschüssige Straße hinunter. Er taucht jedes Mal auf, wenn ich zur Seite in den Garten des Altersheimes schaue und die alte Frau im schwarzen Kleid sehe, die mit gekrümmtem Rücken langsam auf den Eingang ihres weißen Hauses zugeht, und nicht voran zu kommen scheint. Immer ist es ein anderer Tag, eine andere Zeit – und doch scheint mir der Moment stets derselbe zu sein, der welcher war, welcher ist, alles ist dasselbe. Schon rattert er nochmals neben mir die Straße hinunter in seiner dunklen aufgeblähten Jacke. Aber welcher von ihnen ist er? Und wer ist welcher? Und was ist mit mir?

Ich blicke nach links, die alte Frau nähert sich erneut der Veranda ihres Hauses. Ist sie dieselbe von vorhin? Sie scheint noch keinen Schritt weiter gekommen zu sein. Wie sollte sie auch? Wo doch der Mopedfahrer zum dritten Mal auftaucht und ihren Weg, meinen Blick, das ganze Bild einfach mit Getöse abschneidet.

So sind die Tage hier: Echos, die sich übereinander legen, bis ich weitergehe und die geschlossene Sequenz aufhebe. Alle Erinnerungen scheinen letztendlich eine Erinnerung zu sein.

Hoppla, kommt da nicht schon wieder ein Mopedfahrer in blauer Jacke und diesem halbrundem Helm? Er fährt direkt auf mich zu, doch diesmal aus der Gegenrichtung. Hinter seinem Sitz ist eine rote Box, Correio – steht darauf. Er ist der Postbote und fährt seine Botschaften bis zur Klippe am Leuchtturm aus. Ihm begegne ich das erste Mal. Nur die alte Frau im schwarzen Kleid kann das nicht wissen und geht gebeugt immer noch auf ihr Haus zu. Doch diesmal lasse ich sie ankommen, ich drehe mich nicht nach ihr um. Ich biege um die Ecke und laufe geradeaus die schmale Altstadtgasse entlang.

Da sehe ich von weitem eine Bewegung, die ich schon kenne, die ich viele Male sah. Eine kleine Frau tritt aus der Galerie. Sie streckt ihre Arme hoch und hängt bunt bemalte Keramikteller neben die Ladentür.

Die Zeit, die Momente werden austauschbar. Dieser Moment wiederholt sich scheinbar endlos in meiner Erinnerung, alle Momente werden zu einem, die Zeit bleibt unergründlich stehen. Ich befinde mich in einer dauernden Gegenwart.

Die Frau steht da mit erhobenen Armen und hängt Teller auf wie ein kleiner Aufziehvogel. Habe ich sie in meiner Fantasie aufgezogen und den Schlüssel fort geworfen? Ich gehe schnell weiter, vielleicht hört sie dann auf mit dieser unsinnigen Bewegung.

Während ich diese Erinnerungen aufschreibe, laufe ich in meiner Fantasie denselben Weg hinunter in die Altstadt, erzeuge ihn neu beim Schreiben, beim Lesen entschwindet er.

Ich laufe die Straße entlang in der fernen Stadt, beginne den Weg von vorn an der Stelle vor dem Altersheim, neben mir fährt der Motorradfahrer vorbei. Schon sehe ich die alte Frau im Garten des Altersheimes. Ich bin wieder in der anderen Stadt und werde gleich um die Ecke biegen und aus der Galerie wird die kleine Portugiesin treten und in einen langen wiederholten Moment Keramikteller aufhängen.

Ich bin in meiner Erinnerung an dem magnetischen Moment angekommen und spule ihn endlos ab. Ich bin dort und hier. Es ist fast das gleiche. Aber jetzt trinke ich einen Kaffee am Schreibtisch.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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