Sabine Dobbeck

ISDINL!

Sanni, unser heißgeliebtes, hin und wieder gehasstes, von uns vergöttertes Patenkind, ist fix und fertig. Zu Tode betrübt, am Boden zerstört. Der Grund für ihren desolaten Zustand heißt Felix und besucht in ihrer Schule die 13. Klasse. Seit der gemeinsamen Klassenfahrt vor den Weihnachtsferien war sie heimlich und unsterblich in ihn verliebt und schwärmte nur noch davon, was für ein süßer Typ er doch sei. Das vergangene Wochenende brachte dann die dramatische Wende: Auf einer Party bei gemeinsamen Freunden hatte sie ihren ganzen Mut aufgebracht und ihn gefragt, ob sie beide nicht mal zusammen ins Kino gehen könnten. Heutzutage ist es ja nichts Ungewöhnliches oder Anstößiges mehr, dass ein junges Mädchen von sich aus die Initiative ergreift. Er sagte nicht ja, aber auch nicht nein, und das Kind schwebte schon auf rosaroten Wolken. (Ich weiß, mit siebzehn Jahren ist man eigentlich kein Kind mehr. Aber für einige Menschen bleibt man immer Kind, egal wie alt man wird.)

Am Sonntag nach der Party war sie gerade mit ihren Eltern zum Nachmittagskaffee hier, als ihr Handy anschlug: Eine SMS von besagtem Felix! Voller Freude begann unsere Kleine zu lesen und brach gleich darauf in Tränen aus. „So eine Gemeinheit, das ist wirklich voll die …!“ Hier folgte ein ziemlich unjungedamenhaftes Wort, und das Handy flog in hohem Bogen auf den Boden (zum Glück haben wir überall Auslegware). Ich hob es auf und las: „FYI: 3N! KV! Lamiinfri! Akla? ISDINL!“ Für mich war das lediglich eine zusammenhanglose Buchstabenfolge, die keinerlei Sinn zu ergeben schien. “Ich hätte nie gedacht, dass er so feige ist, was sagst denn du dazu?“ fragte Sanni mich unter Tränen. Weil sie mir unendlich leid tat und ich vor ihr nicht vollends als Dummchen dastehen wollte, nickte ich zustimmend. In einem unbeobachteten Moment notierte ich mir rasch das seltsame Geschreibsel, um später im Internet zu recherchieren, welche Hiobsbotschaft sich wohl dahinter verbarg. Das Ergebnis meiner Suche war in der Tat niederschmetternd. Übersetzt lautete die Nachricht nämlich wie folgt: „For your information: Nie, niemals, nirgends! Kannste vergessen! Lass mich in Frieden! Alles klar?“ Ich gab Sanni recht. Einem jungen Mädchen derart schnöde per SMS-Kürzel eine Abfuhr zu erteilen ist in der Tat feige und zeugt von einer verdammt schlechten Kinderstube; besonders, weil sie selbst vorher den Mut gehabt hatte, ihn persönlich um ein Treffen zu bitten. Mir fällt da gerade ein Schlager aus den 40er Jahren ein. Auch darin bekommt eine junge Dame einen Korb, aber was für einen zauberhaften:

 

Du trägst ein entzückendes Kleidchen,
du hast so ein liebes Gesicht,
und dennoch bist du nicht die eine,
die ich ersehne, die ich erträume, leider nicht.
Du trägst ein entzückendes Hütchen,
dein Haar ist ein Liebesgedicht,
und dennoch bist du nicht die eine,
die ich ersehne, die ich erträume, leider nicht.
Darfst nicht traurig sein, so geht´s im Leben,
man kommt zum Stelldichein und kann sich gar nichts geben.
Du bist ein entzückendes Mädchen,
und einmal, da kommt auch der Mann,
für ihn, da bist du dann die eine,
die Erträumte, die Ersehnte bist du dann!

Im Kern bleibt sich die Sache zwar gleich, und vielleicht entspricht die Ausdrucksweise nicht mehr dem heutigen Zeitgeschmack; aber wenn ich schon abserviert werde, dann doch lieber auf so charmante Art und nicht mit irgendwelchen lieblos auf die Schnelle dahin getippten Hieroglyphen.

Als kleines Trostpflaster werden wir morgen mit Sanni in den Zoo gehen, hinterher vielleicht noch ins Kino und zum Abschluss essen wir einen riesengroßen Eisbecher. Zoo, Kino und Eis, das hat ihr bisher noch über jeden Kummer hinweggeholfen und ich hoffe, dass es auch diesmal der Fall sein wird. Ach übrigens, das letzte Kürzel der SMS, das diesem Eintrag den Titel gab, lautet im Klartext: „Ich sehe dich im nächsten Leben“! Darauf legt sie aber wohl keinen besonderen Wert.

 

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