Franz Erni

Der Wanderer: Begegung mit dem König I

Begegnung mit dem König

Einst kam ein Wanderer in ein fremdes Land, das von einem geld­gierigen König regiert wurde. Das Volk musste sehr hart arbeiten, um die hohen Steuern abliefern zu können. Als der Wanderer, die Unzu­friedenheit in den Gesichtern der Menschen sah, begann er ihnen Ge­schichten zu erzählen. Als der König von diesem Wanderer erfuhr, liess er ihn auf das Schloss bringen, um auch vom ihm die Steuern einzutreiben. Etwas unfreundlich begrüsste der König den Wanderer mit den Worten: "Jeder der sich in meinem Land aufhält, hat an mich Steuern zu entrichten. Dies ist das oberste Gesetz in diesem Land!"

Darauf antwortete der Wanderer: "Ich besitze nichts ausser den Kleidern, die ich trage.“ "Und wie verdienst Du denn Deinen Lebens­unterhalt?" wollte der König wissen. Weil der Wanderer erst kurze Zeit auf Wanderschaft war, antwortete er spontan: "Die Menschen geben mir etwas zu Essen, wenn ich ihnen eine Geschichte erzähle." So befahl der König dem Wanderer, ihm eine Geschichte vor­zu­tragen.

Und so erzählte der Wanderer eine Geschichte von einem König, der sein Volk mit zu hohen Steuern ausbeutete. Darauf wurde der König wütend und liess den Wanderer ins Gefängnis werfen und sagte zu ihm: "Du bist doch ein Narr, hättest Du mir eine schöne Geschichte erzählt, hätte ich Dir Deine Freiheit geschenkt." Ganz gelassen ant­wortete der Wanderer: "Du scheinst hier der Narr zu sein, wie willst Du mir etwas schenken, was Dir nicht gehört." Mit wütender Stimme sagte der König: "Wenn ich wollte, könnte ich Dir jetzt Dein Leben nehmen." Mit ruhiger Stimme antwortete der Wanderer: "Wenn es Dir Freude bereitet, dann töte mich, denn Freude scheint das zu sein, woran es Dir am meisten mangelt."

Eine Weile blickte der König den Wanderer ganz erstaunt an. Nach einer Zeit des Nachdenkens sagte der König: "Eigentlich hast Du ja recht. Was bringt es mir, wenn ich Dich töten lasse. Ich habe eine viel bessere Idee. Ich werde Dich in einen Käfig sperren und am Marktplatz zur Belustigung des Volkes aufstellen lassen. Und vom Volk werde ich dafür eine Ver­gnügungssteuer eintreiben."

Am nächsten Tag wurde der Wanderer in einen Tierkäfig gesteckt und auf dem Marktplatz zur Schau gestellt. Und der König ver­kleidete sich als Marktweib, um zu beobachten, wie das Volk den Wanderer an­spucken und beschimpfen würde. Es standen zwar viele Leute um den Käfig herum, doch von bespucken und beschimpfen konnte keine Rede sein. Der Wanderer erzählte dem Volk jeden Tag eine neue Episode aus der Geschichte mit dem geldgierigen König. Der König wunderte sich, dass das Volk sich nicht zu ärgern begann – ja sogar herzhaft über die Geschichten lachen konnte, auch wenn der König in jeder Geschichte noch schrecklicher dargestellt wurde.

Eines Tages liess der König den Wanderer zu sich bringen und fragte ihn, warum er so schreckliche Dinge über ihn erzähle und das Volk gegen ihn aufwiegle. Darauf antwortete der Wanderer: "Das was Du in meinen Geschichten hörst ist nur Deine Sicht der Wahrheit – das Volk hört eine ganz andere Wahrheit." Ganz erstaunt fragte der König: "Was hört denn das Volk für eine Geschichte?". Mit ruhiger Stimme sagte der Wanderer: "Das Volk hört eine Geschichte von einem König, den niemand liebt und der mit sich selbst und der Welt nicht zufrieden ist.“

Der König erblasste und in seinen Augen war etwas Traurigkeit zu er­kennen. Der König konnte nicht verhindern, dass ihm eine Träne aus den Augen kullerte. Er wollte noch etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er hielt sich die Hand vor die Augen und begann zu weinen. Nach einer gewissen Zeit hatten die Tränen etwas Traurigkeit aus den Augen  des Königs gewaschen und der Ge­sichtsausdruck des Königs wurde zusehendes zufriedener. Er wusch sich noch die letzten Tränen aus den Augen und sagte: "Jetzt, wo ich mir dessen bewusst geworden bin – kann ich es ja ändern!"

Der Wanderer nickte zustimmend und nach einer kurzen Denkpause sagte der König: "In meinem Land soll niemand mehr unter meiner Un­zufriedenheit leiden. Wanderer Du bist frei - Du kannst gehen wohin Du willst. Und ab sofort hat jeder nur noch die Hälfte der Steuern zu bezahlen." Die Neuigkeit über die Halbierung der Steuern verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zuerst hielten die Leute dies für einen Scherz. Erst als die frohe Kunde schwarz auf weiss auf den Anschlag­brettern des Königs geschrieben stand, konnte sich das Volk so richtig freuen. Einige Menschen freuten sich derart über den Ge­sinnungswandel des Königs, dass sie ihm Geschenke über­brachten. Der König war von dem Geschehen sichtlich gerührt. Und in das Herz des Königs kehrte so etwas wie Zufriedenheit ein. 

Am Abend ging der König hinunter in die Stadt. Dort traf er den Wanderer, der unter einem Baum liegend den Sonnenuntergang be­obachtete. Der König setzte sich zum Wanderer unter den Baum und sagte: "Ich möchte Dir danken, für das was Du für mich getan hast. Gibt es etwas was ich Dir schenken kann?" Der Wanderer schaute den König erstaunt an und sagte: "Mir hat ein Mönch, in einer ähn­lichen Situation gesagt: 'Dein Dank ist mir Freude genug und mein Talent ist mir Geschenk genug. Doch wenn Du etwas tun willst, was uns alle mit Freude erfüllt - sei der, der Du in Deinem Innern bist.'"

Der König schaute den Wanderer etwas erstaunt an und sagte: "Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht ganz was Du meinst?" Der Wanderer sagte: "Ich habe den Satz bis heute auch nicht ganz be­griffen, aber diese Worte haben mich bewogen, intensiv über mein Leben nachzudenken. Mehr und mehr wurde mir dabei bewusst, dass ich ein ganz normales, aber eben nicht mein wahres Leben führte."

"Und? – hast Du dein wahres Leben gefunden? " wollte der König wissen.“ „Noch nicht wirklich.“ antwortete der Wanderer: „Aber seit ich mich auf den Weg gemacht habe, wird mir immer mehr bewusst, wie stark ich bisher von meinen Gewohnheiten gesteuert wurde und dass wohl noch Einiges in meinem Innern zu finden ist, wo von ich bis jetzt noch keine Ahnung habe.“ „Wie soll ich das ver­stehen?“ wollte der König wissen. Der Wanderer kraulte sich die Haare und sagte: "Dies ist eine lange Geschichte. Wir können uns gern ein andermal darüber unterhalten."

Und die Beiden beschlossen sich in einer Woche am gleichen Ort wieder zu treffen.

 

 

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