Lena Kelm

Im Prinzip gibt es alles

Die wenigen Treppen ohne Geländer aus dem Waggon heraus wurden für Klawa
zum Balanceakt. Ihre Beine waren wie Gummi und in ihrem Kopf ratterte der
Zug weiter: tuktuk-tuk, tata-tata-tata. Die Mitte sechzig hatte sie
überschritten und in all diesen Jahren ihre Kolchose nie verlassen. Nur in
der Kreisstadt war sie einmal gewesen, eine fast dreistündige Busfahrt,
als das Rayon-Komitee sie für ihre gute Arbeit mit einer Urkunde auszeichnete.

Sechzehn Stunden dauerte Klawas erste Zugreise,sie fuhr die ganze Nacht.
Aufgeregt wie sie war, konnte sie nicht schlafen. Es lag nicht daran,
dass sie keinen Schlafplatz hatte. Die Mitreisenden schnarchten sitzend oder
kauernd um die Wette im schwach beleuchteten Wagen. Für eine Platzkarte im
Schlafwagen besaß Klawa nicht das nötige Geld, und viel Schlaf brauchte sie nicht.
Eine Bäuerin musste auf Schlaf und Geld verzichten können und sich mit wenig
begnügen.Klawa beklagte sich nie, sie kannte es einfach nicht anders. Nur
einmal im Leben wollte sienein, musste sie, nach Moskau.

Nun stand sie, immer noch etwas benommen,auf dem Bahnsteig des Moskauer Jaroslawski
Bahnhofs. Es wimmelte vor Menschen, die in alle Richtungen vorbei eilten, ohne
Klawa auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Sie hielt sich ihr Vorhaben vor
Augen – mit dem Abendzug musste sie zurück – und bis dahin alles erledigt haben.
Sie ließ sich von der Menschenmenge nicht irritieren und steuerte, ihre Tasche fest
an sich gedrückt, auf den Taxistand zu. Sie war aufgeklärt und vorgewarnt worden:
Vorsicht ist vor Taschendieben geboten; der Taxifahrer bringt dich für Geld überall
hin, der kennt sich in der Hauptstadt aus wie in seiner Westentasche.

Als Klawa den Taxifahrer mit „Guten Tag“ begrüßte,schaute er sie mit dem Wo-kommst-
dudenn-her-Blick an. Sie nahm sich nicht die Zeit,um auf seinen misstrauischen Blick
einzugehen und sagte die einstudierten Sätze. „Keine Bange, Towarisch, Fahrer,
ich bezahle. Ohne Geld wäre ich nicht in die Hauptstadt unserer Heimat gekommen.“
– „Wenn das so ist“, sagte der Fahrer,ein Mittvierziger, „dann steig ein. Wohin soll
es denn gehen, Babuschka?“ Das Taxameter begann schon die Rubel und Kopeken zu zählen,
die Wolga-Limousine startete. „Zum PRINZIP sollst du mich bringen!“– brachte Klawa
beiläufig hervor,überwältigt vom ersten Augenblick der Fahrt und der sich ihr
öffnenden Stadtkulisse.

Aus dem Augenwinkel betrachtete der Fahrer irritiert die drahtige Person mit dem Kopftuch,
und fuhr, ohne weiter nachzufragen. Es ist doch ihr Geld, dachte er sich. Klawa konnte
nicht denken, sie war mit dem vorbeiziehenden Panorama beschäftigt, den vielen Autos,
die auf der breiten vierspurigen Straße vorbeisausten und den großen Häusern. Im Auto
saß es sich bequem, es glitt über den Asphalt wi ein Bügeleisen über das Bügelbrett.
Kein Vergleich mit dem Staub aufwirbelnden tuckernden Bus auf nicht asphaltierter
löchriger Straße daheim.Die imposanten Gebäude, Reklamebilder, die gut gekleideten
Moskauer – all das wollte Klawa mit den Augen wie mit einer Kamera festhalten. Den
Gedanken an die Fahrkosten verdrängte sie und genoss die Stadtrundfahrt, bis der Fahrer
sie aus ihrem Schauen riss.

„Wie lange wollen wir denn so fahren? Wohin geht es, Babuschka, in welche Straße?“
–„Ins PRINZIP, Enkelchen, ins PRINZIP“, antwortete Klawa, die Augen auf das
faszinierende Stadtbild Moskaus gerichtet. Der Fahrer schüttelte ungläubig den Kopf
und fuhr weiter. Nach einigen Kilometern fragte er sie im leicht gereizten
Tonfall: „Babuschka, wo genau willst du hin?“ – „Na, ins PRINZIP, Junge, wohin denn
sonst!“ Den Hast-du-sie-noch-alle-Blick bekam Klawa nicht mit. Er sollte sie hinbringen
und nicht dauernd fragen.

Plötzlich hielt das Taxi.

„Schluss mit lustig! Willst du den ganzen Tag herumkutschiert werden? So viel Geld
hast du bestimmt nicht. Sag mir auf der Stelle, wohin du willst!“ – „Na, sag ich doch
schon die ganze Zeit, mein Enkelchen, in das PRINZIP. Die bringen doch im Radio
jeden Tag: Im PRINZIP gibt es be uns in Moskau alles. Ich habe Monate lang dafür
gespart, auch Nachbarn steuerten etwas bei und erteilten mir Aufträge für Besorgungen.
Bei uns gibt es doch schon lange nichts mehr zu kaufen. So, und jetzt bring mich hin,
sei so gut.“
Klawa drückte entschieden ihren schmächtigen Körper tiefer ins weiche Sitzpolster.
Der Fahrer schenkte ihr einen ratlosen, mitleidigen Du-tickst-doch-nicht-richtig-Oma-Blick,
den Klawa nicht sah odernicht sehen wollte. Sie hatte nur den einen Wunsch – ins PRINZIP
zu kommen, wo es alles,von Butter bis warmen Pelzen, gab.

Der Fahrer überlegte, vielleicht tickt ja die Propaganda nicht richtig, sie macht die
einfachen Menschen verrückt. Ich bringe die alte Frau ins GUM – ins Staatliche Hauptkaufhaus
(die sowjetische Version des KaDeWe). Da gibt es sogar Vogelmilch, für Unwissende –
eine Pralinenrarität.
„Im GUM gibt es tatsächlich im PRINZIP alles oder fast alles, wenn auch nicht für alle, liebe
Babuschka!“, sagte er und gab Gas.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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