Angie Pfeiffer

Schluckspecht & Schnapsdrossel - mein Hund, der Alkoholiker

An einem Samstagvormittag beschlossen Alan und ich einen Einkaufsbummel zu machen. „Alles gesichert?“, fragte meine bessere Hälfte, als wir im Auto saßen.„Alles gesichert“, antwortete ich. „Die Zimmertüren sind zu, die Hunde schlafen friedlich im Korridor.“

Als wir nach dem Shoppen Hause kamen erwartete uns ein ungewohntes Bild. Während Murphy, der Dackelrüde, in seinem Körbchen auf dem Rücken lag und lauthals schnarchte, saß Jeany, die Dackeline, mitten im Korridor und schien Mühe zu haben, die Balance zu halten. Ihr linker Mundwinkel hing herunter, vom linken Auge war nur ein Schlitz zu sehen. Der Hund schien darauf gewartet zu haben, dass wir nach Hause kamen, denn mit einem merkwürdigen Quiekton brach er vor mir zusammen.
„Schatz, ich glaube der Hund hat einen Schlaganfall. Wir müssen sofort mit ihm zum Tierarzt. Vielleicht ist er noch zu retten“, rief ich in heller Panik und wies auf die, jetzt zuckend am Boden liegende Hündin.
„Du hast Recht.“ Auch Alan schien stark beunruhigt zu sein. So packten wir Jeany auf den Rücksitz und fuhren los.

Wir hatten Glück. Der Tierdoktor war gerade beim Mittagessen, ließ aber seine Mahlzeit stehen, um sich den Schlaganfallpatienten anzusehen. Inzwischen schien Jeany ins Koma gefallen zu sein, denn sie zuckte nur noch ab und zu, hatte ansonsten keine Reflexe mehr, atmete aber wenigstens. Der Tierarzt untersuchte sie gründlich, während ich mir verzweifelt auf die Fingerknöchel biss. Schließlich wandte er sich uns zu. „Dieser Hund hat keinen Schlaganfall“, konstatierte er. „Ich vermute etwas ganz anderes. Habt ihr Hund freien Zugang zu Alkohol?“
„Ähm, ich verstehe nicht“, ich konnte mir auf diese Bemerkung keinen Reim machen. „Wie meinen sie das?“
„Nun ja, ihr Dackel ist sternhagelvoll. Sie sollten ihn sich richtig ausschlafen lassen. Dann ist er morgen so gut wie neu.“
Alan schüttelte den Kopf. „Woher sollen die Dackel den Alkohol haben? Obwohl - Murphy liegt merkwürdig verdreht in seinem Körbchen und schnarcht, dass die Wände wackeln. Möglicherweise ist er auch betrunken.“
Der Tierarzt nickte. „Murphy ist jünger als Jeany, er kann den Alkohol besser vertragen. Während er einfach eingeschlafen ist, hat die Hündin Probleme damit, die Dosis zu verarbeiten. Es kann natürlich auch sein, dass sie einfach mehr getrunken hat.“
Ich musste kichern, denn vor meinem inneren Auge spulte sich ein Film ab:
Ich sah unsere Dackel auf dem Sofa lümmeln, eine Flasche von Alans Whisky und zwei Gläser zwischen sich auf dem Tisch. Murphy, Alans coole Sonnenbrille auf der Nase, schenkte ein und hieb der Hündin anschließend auf die Schulter. „Komm schon, altes Mädchen, sie sind weg. Lass uns einen drauf machen“, raunte er mit einer tiefen Gangsterstimme.
Jeany schnaubte zustimmen durch die Nase. „Aber nur ein Schlöööckchen, in meinem Alter muss ich vorsichtig sein, wegen der Leber.“
Alan schaute streng über seinen Brillenrand. „Das ist wirklich nicht lustig und noch einmal: Wie in Gottes Namen sind die Hunde an den Alkohol gekommen.“ Es war ihm anzusehen, dass er sich Sorgen um seine Whiskybestände machte.
Ich wiegte belustigt den Kopf. „Vielleicht haben die Zwei einen geheimen Vorrat irgendwo in der Ecke, von dem du nichts ahnst, mein Lieber.“
Der Tierarzt unterbrach unsere Konversation. „Das werden sie sicher zu Hause klären können. Jedenfalls ist dieser Hund nicht krank, er muss einfach seinen Rausch ausschlafen. Wenn sie gestatten, so würde ich jetzt gerne zu Ende essen. Meine Rechnung schicke ich ihnen zu.“ Er hielt uns die Tür auf und komplementierte uns und die tierische Schnapsleiche so aus der Praxis.
Wieder zu Hause angekommen legte meine bessere Hälfte Jeany sacht in ihr Körbchen. Murphy wachte auf, blinzelte uns benommen an, hob kurz den Kopf, ließ ihn aber schnell wieder sinken. Offenbar hatte er Kopfschmerzen.
„Recht geschieht dir, du oller Säufer“, schimpfte ich. „Jetzt muss ich erst einmal nachsehen, was ihr angestellt habt.“
Ich musste nicht lange suchen, denn die Wohnzimmertür stand sperrangelweit auf. Hier erwartete uns des Rätsels Lösung:
Alan und ich mögen ganz gern diese kleinen, mit einer Kirsche und Weinbrand gefüllten Pralinen in der roten Verpackung. Eine Schale voll damit hatte auf dem Wohnzimmertisch gestanden. Nun war von der süßen Versuchung nichts mehr vorhanden. Erstaunlicherweise fehlte auch der größte Teil des Papiers, in das die Pralinen eingewickelt waren. Die Schale lag umgekippt auf dem jetzt ziemlich klebrigen Wohnzimmertisch, von einigen roten Papierfetzen umrahmt. Offensichtlich hatten unsere Dackel das Wohnzimmer gekapert und sich über unseren Pralinenvorrat hergemacht. Kein Wunder, dass die beiden sturzbetrunken waren.
„Oh je“, seufzte ich. „Das wird einen ordentlichen Durchfall geben.“
Alan zuckte mit den Schultern. „Da müssen wir oder besser die Hunde durch. Sei froh, dass die beiden sich nicht übergeben haben, bei so viel Schokolade und vor allem; bei so viel Weinbrand. Wenigstens wissen wir jetzt, wie die Tiere an den Alkohol gekommen sind.“
Ich verpasste ihm einen sanften Ellenbogencheck. „Du bist bloß erleichtert, weil du um deinen Whisky gebangt hast, das kannst du ruhig zugeben.“
Meine bessere Hälfte grinste mich an. „Eben und deshalb werde ich mir jetzt einen kleinen Drink genehmigen, auf den Schreck.“

Die Dackel erholten sich ziemlich schnell von ihrer Pralinenschlacht und ich achtete in Zukunft darauf, sie von jeglichem Alkohol fernzuhalten. Allerdings gelang es Jeany, der Schnapsdrossel, noch einmal, sich einen Rausch zu verpassen, indem sie in Windeseile Marillenlikör vom Boden aufleckte. Die Flasche war mir aus der Hand gerutscht und zerbrochen. Zwar zog ich den Hund weg, doch hatte er so schnell wie möglich so viel wie möglich aufgeschleckt. Zufrieden wackelte Jeany in ihr Körbchen, wühlte sich in ihre Decke und war bald selig eingeschlafen. Als ich, inzwischen vertraut mit dem Thema Hunde und Alkohol, nach einiger Zeit nach ihr schaute, stand ihr eines Schlappohr fast senkrecht vom Kopf ab. Ich ließ den Hund in Ruhe seinen Rausch ausschlafen. Irgendwann hing das Ohr wieder in seiner natürlichen Stellung, was mich sehr beruhigte.
Am nächsten Tag war Jeany ziemlich missgelaunt, trabte beim Gassi gehen nur unwillig hinter mir her und knurrte bei jeder Gelegenheit den arglosen Murphy an.
Ob der Hund wohl einen Kater hatte?
© by Angie

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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