Helene Hages

Der rote Büffel

Im Gedenken an meine liebe Großmutter


Ihre Zeit war gekommen. Sie wusste, einer der nächsten Atemzüge würde ihr letzter sein. Mit verzweifeltem Willen riss sie die Augen auf, suchte halb blind mit ihrer letzten Kraft ihre Umgebung ab, um einen allerletzten Blick darauf zu werfen.

Auf ihn.

Den roten Büffel.

Ihre flehend suchende Blicke erfassten ihn endlich, und sie empfand seinen Anblick als Erlösung. Der rote Büffel brannte sich wie ein letzter Lebensfunke in ihr sterbendes Hirn und mit einem fast erleichterten Seufzer verließ sie zufrieden diese Welt.

 

Sie sah ihn, diesen faszinierenden hageren großen Mann fortgeschrittenen Alters, das erste Mal bei einem Spaziergang, den sie mit ihrer Freundin früh morgens am See unternahm. Die zwei schon in die Jahre gekommenen Damen hatten sich untergehakt und genossen die frühen Sonnenstrahlen auf ihren welken Gesichtern. Sie hoben die Köpfe gen Himmel und spürten schweigend die knospende Wärme der aufgehenden Sommersonne. Später, gegen Mittag, würde es am Bodensee fast unerträglich heiß werden, und beide bevorzugten dann, vor dem Essen im wohltemperierten Saal des Hotels, die Kühle ihrer Hotelzimmer. Die eine las, die andere schlief. Jede nach ihrem Naturell.

So sah er die beiden das erste Mal, ihre weißhaarigen Schöpfe nach oben gereckt, die Augen geschlossen, mit einem zarten seligen Lächeln auf den faltigen Lippen. Er räusperte sich, um sie nicht zu erschrecken und wünschte den beiden Sonnenanbeterinnen einen wunderschönen guten Morgen. Erst blinzelten die beiden ein wenig, aber schnell erfasste ihr Blick einen hoch gewachsenen beängstigend dürren Menschen, der sich mit seiner hageren Hand eine Strähne seines langen silbrigen Haares aus dem Gesicht strich. Er trug verwaschene Jeans, ein blaues Hemd und einen weißen Seidenschal um den dünnen Hals. Auf die Freundinnen machte er sofort den Eindruck eines Intellektuellen, eines Künstlers oder gar eines Professors. Freundlich lächelten sie ihm zu,und sogleich begann ihre Freundin eine kleine Debatte über die Unzulänglichkeiten des Hotels, in dem sie zufällig alle drei abgestiegen waren, wie sich bald herausstellte. Sie hielt sich zurück und ließ ihre extrovertierte Kameradin die ganze Konversation bestreiten. Lächelnd folgte sie dem Dialog dieses Mannes mit ihrer Freundin und beobachtete seine Mimik und jede seiner Bewegungen. Alles an ihm nahm ihr den Atem, sie war wie gelähmt und konnte nur schauen und lächeln, lächeln und schauen.

Schließlich richtete er dann das Wort speziell an sie. Er fragte sie etwas, jedoch kam sie nicht zu Wort, denn ihre Freundin antwortete für sie. Lächelnd neigte sie ihren Kopf, zuckte die Schultern und sah in seine tiefblauen Augen, die sie wie ein Strudel in sich hinein ziehen wollten. Jedenfalls schien es ihr so. Er nahm ihre Hand und stellte sich vor: “Gestatten, mein Name ist Tristan, und ich freue mich sehr Ihre Bekanntschaft machen zu können.” Seine tiefe weiche Stimme, die völlig unvermutet aus diesem hageren Gesicht zu ihr herüberwehte, machte ihr weiche Knie. Sie war entsetzt über ihre Reaktion. Sie, zweifache Witwe, sollte doch über solche kindischen Gefühle Herr sein. Sie wusste doch, wie “verliebt sein” war, aber doch nicht in ihrem Alter. Und trotzdem konnte sie sich nicht wehren, und so ließ sie es geschehen. Sie hatte sich Hals über Kopf in einen wildfremden Tristan mit operettenlangem silbernen Haar verliebt. Kein Zweifel. Innerlich zuckte sie die Schultern und freute sich leise, noch einmal so ein Gefühl empfinden zu können. Eine Schwärmerei und ein kleiner Flirt, was für ein schönes Urlaubserlebnis.

Sie sollte sich täuschen.

Mittlerweile hatte ihre Freundin Tristan völlig mit Beschlag belegt und beim weiterwandern war man dem Hotel wieder nahe gekommen. Man beschloss gemeinsam zu dritt ein zweites Frühstück einzunehmen und gleichzeitig Pläne für den restlichen Tag zu schmieden.

An den folgenden Tagen sah man sie nur als Trio. Beim Frühstück, auf der Promenade, im Museum, im Restaurant, einfach überall. Und es schien, als gäbe es eine rege Unterhaltung zwischen den Dreien. Es wurde gelacht, getanzt, wobei Tristan eine gewisse Vorliebe für sie zeigte und nicht für ihre redselige Freundin. Die nahm das nicht krumm, denn kaum saß Tristan wieder am Tisch, wurde er wieder von der Wortgewaltigen schwindelig geredet. Manchmal entschuldigte sich Tristan und ging vor die Türe, nur um einmal ein wenig Ruhe zu haben. Sie bemerkte diesen wahren Grund seiner zeitweiligen Abwesenheit, während ihre Freundin einen unerschöpflichen Vorrat an Themen besaß, die sie unaufhörlich von sich gab. Einmal, nachdem Tristan sich wieder einmal eine Auszeit von dem Gerede genommen hatte, verließ sie unter einem Vorwand nun auch den Tisch, was ihre Freundin nur mit einem Lächeln quittierte und sich dann eloquent einem Nebentischnachbarn zuwandte. Es war kühl geworden an diesem Abend. Sie legte ihre warme Stola um die Schultern und begab sich durch den langen Gang von der Bar zum Ausgang des Hotels. An der Tür zum Vorplatz blieb sie stehen und schaute sich zögerlich suchend nach Tristan um. Ja, da am Pfeiler, da stand Tristan leger angelehnt und rauchte genüsslich seine Pfeife, deren Tabakduft bis zu ihr herüber wehte. Ein leichter Wind spielte mit seinem Seidenschal und ließ ihn tanzen. Sie schloss für einen Moment die Augen und sog den Rauch, der dünn in ihre Richtung zog, in ihre Lungen. Sofort hatte er sie gesehen und eilte ihr entgegen. “Gnädige Frau, ist es Ihnen drinnen auch etwas zuviel geworden?” zwinkerte er ihr zu und reichte ihr seine Hand. Sie lachte, wahrscheinlich etwas zu schrill wie es ihr vorkam, aber scheinbar hatte er das nicht bemerkt und hauchte ihr einen galanten Handkuss auf die Hand, die er hielt und nicht mehr los ließ. Mit sanfter Gewalt zog er sie weg vom Hotel in die Parkanlage.
“ Ich wollte schon die ganze Zeit einmal mit Ihnen alleine sein, meine Liebe. Sie sind so zurückhaltend, ganz anders als Ihre Freundin, die, Gott bewahre, eine durchaus nette und intelligente Gesprächspartnerin ist, aber Sie...” und wieder küsste er ihre Hand. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte. “Ist Ihnen nicht wohl?” fragte er mit besorgtem Blick. Vorsichtig manövrierte er sie zur nächsten Parkbank. Sie setzte sich dankbar. Er hockte sich vor sie hin und schaute ihr forschend ins Gesicht. “Alles gut?” flüsterte er sanft. Sie nickte, schaute in seine unglaublichen dunkelblauen Augen und war verloren. So verloren, wie sie in ihrem langen Leben mit zwei begrabenen Ehemännern, zwei Töchtern und fünf Enkeln, noch nie gewesen war.

Er streifte ihre Lippen mit seinen, und sie nahm sein hageres Gesicht in beide Hände. Ein unfassbares Glücksgefühl erfüllte sie bis in jede Faser ihres Daseins.

Tristan hatte sich als Bildhauer einen Namen gemacht. Keinen großen, aber einem illustren Kreis von Kunstkennern war er in den 1970ern durchaus als ein geschätzter Könner seines Fachs bekannt. Sie ließ für ihn alles hinter sich und folgte ihm. Es war wie eine Erleuchtung. Die wahre Liebe, es gab sie wirklich. Unfassbar, so spät, sie beide waren so alt, es war alles so unsinnig für eine gemeinsame Zukunft… egal, sie genoss es und ihn, den Unkenrufen der Nachkommenschaft zum Trotz.

Die Zeit verging. Sie waren glücklich. Eines Tages, nach einer zärtlichen, für ihr beider Alter doch immer noch leidenschaftlicher Liebesnacht, weckte er sie mit einem zarten Kuss und legte ihr ein großes, in schwarzen Samt eingewickeltes Gebilde in die Arme mit den Worten:
“ Das ist für dich, das bist du für mich, das bin ich für dich, meine Leidenschaft, mein Leben, mein Herz, mein Blut, meine ganze unsterbliche Existenz, die ich dir verdanke!” dann kniete er vor dem Bett und beobachtete, wie sie den Samt auseinander faltete. Vor ihren Augen schälte sich langsam eine Skulptur aus roter emaillierter Keramik aus dem Tuch.

Ein Tier, ein mächtiges, potentes, starkes, wildes Tier. Eine Ausgeburt an Macht und Schönheit.

Ein roter Büffel.

Tristan starb einige Tage später, friedlich in ihren Armen liegend, im Schlaf.

Sie war untröstlich, verkroch sich vor der Welt und litt unsäglich. Schließlich packte sie doch nur das Nötigste und kehrte, erfüllt von unsterblichen Erinnerungen an ihre einzige wahre große Liebe, in ihr bürgerliches Leben mit ihrer Familie zurück. Auf den Armen trug sie vorsichtig ein in Samt geschlagenes Kunstwerk.

Als der Krebs sie einige Jahre später zu besiegen drohte, gab sie ihre Wohnung auf und wollte nur eines daraus mit zu ihrer Pflegestelle nehmen:  den roten Büffel.

Alles andere war ihr egal und völlig unwichtig. Der rote Büffel war der Beweis für ihre große Liebe. Wenn sie ihn betrachtete und sanft über den kühlen glatten Ton strich, sah sie Tristan, spürte seine Zärtlichkeit, seine Leidenschaft, ihrer beider Verbundenheit, die Liebe, die nur ihnen gehört hatte.

Bis zu ihrem letzten Atemzug.



©Helene Hages 2018

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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