Heinz-Walter Hoetter

Elisabeth

 

"Vielleicht ist das, was wir Leben nennen, ein Traum und das, was wir Traum nennen, das Leben."

Platon

***

Früher hatte ich diese Träume nicht. Ein Ereignis kündigte sich an. Ob es am drückend schwülem Wetter des Hochsommers lag, dass ich oft so unruhig schlief?

Nun, ich hatte eine nette Frau, eine kleine Familie, ein Haus, kurzum ein Heim mit allem, was man sich nur wünschen konnte. Mein Konto bei der Bank war gut gefüllt und würde mich in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren bestimmt nicht arm werden lassen. Eine reiche Erbschaft stand zudem in Aussicht. Ich war eigentlich ein zufriedener Mensch. Die soziale Absicherung stand wie ein Fels. Ich würde alles, wirklich alles dafür geben, damit es auch so blieb, das schwor ich mir jeden Tag.

Warum hatte ich also diese seltsam anmutenden Träume, in denen ich immer wieder auf Zeitreisen ging?

***

Elisabeth regte sich im Bett, öffnete die Augen ein wenig und murmelte: „Wo bist du gewesen?“

„Das weißt du doch“, antwortete ich ihr und fuhr fort: „In der Arbeit, mein Schatz.“

Als ich diesen Abend heimgekommen war, hatte meine Frau schon geschlafen. Sie drehte sich auf die andere Seite, wobei ihr die Bettdecke wegrutschte. Elisabeth hatte es nicht bemerkt. Ich blickte zu ihr runter. Ich liebte es, die sanften Rundungen ihres nackten Körpers zu betrachten, das lange schwarze Haar, die schlanken Glieder, ihr hervorquellendes Geschlecht, das meine sexuelle Fantasie anregte.

Elisabeth rollte sich auf den Rücken, als ich zu ihr ins Bett stieg. Stille erfüllte das alte Haus, das wir uns vor ein paar Jahren günstig gekauft hatten. Draußen war der Mond eine leuchtende Scheibe und hing am hellen Nachthimmel über der weiten Landschaft wie eine große Laterne.

Da lag ich neben ihr im Ehebett, und mir fiel nichts anderes ein, als sie zu betrachten. Ich streckte langsam meine Hand nach ihr aus, und als ich ihre einladenden Schenkel berühren wollte, wusste ich im selben Augenblick, dass sie mich nicht wollte. Noch nicht…

„Es ist spät“, sagte sie plötzlich.

Es ist erst kurz nach Mitternacht, Schatz.“

„Also, ich bin wie gerädert. Bist du überhaupt nicht müde?“

„Doch, eigentlich schon. Schließlich bin ich seit heute sechs Uhr in der Früh schon unterwegs“, antwortete ich ihr.

„Dann verstehe ich nicht, warum du nicht schläfst, Ronald.“

Elisabeth griff nach der verrutschten Bettdecke und zog sie bis zum Kopf hoch, bis nur noch die Haare zu sehen waren. Dann schlief sie wieder ein.

Ich knipste das Kommodenlicht aus und schloss meine Augen.

Der Traum kam wieder. Vor mir lagen plötzlich die unendlichen Weiten des Universums.

***

Ja, ich beginne langsam zu verstehen. Eine unsichtbare Hand greift nach mir. Sie packt mich und zieht mich weg. Ich zittere am ganzen Leib und lese in diesem Brief, den ich vor ein paar Tagen im Briefkasten ohne Absenderangabe gefunden habe.

Ich blättere zur ersten Seite und beginne zu lesen.

„Fürchte Dich nicht! Du musst keine Angst haben! Niemand wird Dir was tun, aber es ist noch vieles zu erklären. Ich meine damit, dass Du noch einiges verstehen und von mir lernen musst, bevor ich wieder auftauche, damit du bald wieder durch die Zeit reisen kannst. Ich sehne mich nach dir.

Hast du schon erraten, dass Du eigentlich das letzte Mal in der Zukunft warst? Hast Du Deiner Frau gesagt, dass Du den ganzen Tag gearbeitet hast? – Ja? Gut so! Halte Deine Gefühle unter Kontrolle! Konzentriere dich auf mich! Die Kammer, die Du vorhin in der alten Scheune am einsamen Waldrand verlassen hast, ist ein Wunder des Universums. Sie wurde irgendwann einmal von einer längst untergegangenen, hochtechnisierten Raum fahrenden Rasse erbaut und dann aus irgendwelchen unbekannten Gründen zurückgelassen. Sie vagabundiert seitdem ziellos durch Raum und Zeit, taucht auf, wo sie will und wer sie betritt, der wird ihr Herr und Meister bis zu seinem Tod sein, wenn er dann noch sterben kann. Du bist übrigens soeben aus der Welt des Jahres 2506 zurückgekommen, meine Schatz.“

***

„Da bin ich Liebling. Draußen tobt ein furchtbares Gewitter und es regnet in Strömen.“

Elisabeth streckte die Hand aus und berührte mich. Sie fühlte sich kalt an.

„Was ist passiert? Du bist ja ganz nass.“

„Ich wollte die Taschenlampe holen“, antwortete ich. „Wir haben keinen Strom. Der Sturm muss irgendwo die Leitung beschädigt haben.“

„Bist du sicher?“

Ein greller Blitz flammte auf und beleuchtete ihr blasses Gesicht.

„Warum bist du ins Freie gegangen?“

„Bin ich gar nicht. Ich kam nur bis zur Tür und wurde draußen auf der Treppe vom Regen überrascht.“

„Du lügst schon wieder. Ich hasse es, wenn man mich anlügt, Ronald. Das weißt du doch.“

Elisabeths Stimme bekam jetzt einen schrillen Unterton.

„Bei Gewittern geht man nicht nach draußen! Das tut kein normaler Mensch.“

Wieder ein ohrenbetäubender Donner, der alles erbeben ließ. Es klang nach Weltuntergang. Ein Feuerwerk von verästelten Blitzen fuhr vom Wolken verhangenen Nachthimmel. Der Regen peitschte wie eine wild gewordene Furie gegen die getönte Glasscheibe der Haustüre, die ich erst vor wenigen Minuten geschlossen hatte.

Der Lärm, den der Sturm verursachte, jagte mir einen Schauder über den Rücken. Die flackernden Blitze ließen Schatten von Ungeheuern auf den Wohnzimmerwänden wachsen. Sie sahen aus wie grauenvolle, riesenhafte Köpfe, die sich aus dem Dunkeln der Nacht emporhoben.

„Ach Ronald!“ stöhnte Elisabeth. „Das geht nun schon seit Wochen so. Ich spüre ganz deutlich, dass du etwas vor mir verbirgst.“

„Nicht, Elisabeth! Hör doch endlich auf damit! Es ist nichts, rein gar nichts!“

„Du bist hinausgegangen! Du bist hinausgegangen! Eines Tages wirst du nicht mehr wiederkommen!“ wiederholte sie in einem fort, drehte sich plötzlich wie von Sinnen herum und verschwand schluchzend im Schlafzimmer.

Arme Elisabeth. Sie tut mir wirklich leid.

Aber ich hatte mich schon längst entschieden, schon bald ein völlig anderes Leben zu beginnen.

***

„Mein innigster Geliebter! Du möchtest wissen, was alles so in den Jahren nach deinem Verschwinden geschehen ist? Ich sage es Dir!

Dein Vater starb mit 84 Jahren, deine Mutter hat ihn um drei Jahre überlebt. Elisabeth, deine verlassene Frau starb im Alter von 86 Jahren geistig verwirrt in einem Altersheim. Daran warst du Schuld! Oder vielleicht sogar ich? Ich trage wohl die größere Schuld an der ganzen Sache. Na ja, das ist jetzt auch wohl irgendwie jetzt egal. Du hättest, ehrlich gesagt, nicht mehr zu ihr gehen dürfen. Ich habe Dir mehrmals davon abgeraten, jedoch wolltest du Elisabeth noch einmal ganz für Dich haben. Sie hat deine Gegenwart nicht verkraften können. Wie ein Geist hat sie Dich angesehen und ist am Ende dabei verrückt geworden. Sie konnte es nicht glauben, dass du plötzlich wieder da warst.“

***

Die unglaubliche Zeitmaschine erlaubte mir nicht nur in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu reisen, nein, sie hat mir darüber hinaus die Segnungen und Laster der Unsterblichkeit geschenkt, was ich am Anfang so nicht bemerkt hatte. Nunmehr bin ich schon seit mehr als fünfhundert Jahren unterwegs in den unendlichen Weiten des Alls. Aber es gibt kein Zurück mehr für mich, seit ich zum ersten Mal 1968 auf dieses Ding in der alten, halb verfallenen Waldscheune durch Zufall gestoßen bin. Ich war gerade beim Pilze sammeln als die Zeitmaschine plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte und ihre Pforte für mich öffnete, hinter der sich eine hell erleuchtete Kammer befand. Sie schien auf mich zu warten, denn ich bin vor lauter Angst davon gelaufen bin. Erst später schlich ich mich wieder zurück um nachzusehen, ob sie noch da war. Ich empfand plötzlich den unwiderstehlichen Drang, ihr Inneres zu erforschen. Gleich nach dem Betreten der kleinen hell ausgeleuchteten Kammer wurde ich in eine Art schmiegsame Liege gepresst, der Raum wurde dunkel und hermetisch verschlossen. Seltsamerweise hatte ich überhaupt keine Angst. Dann wachte ich erst wieder auf, als die Zeitmaschine in der Welt des Jahres 2506 in einer abgelegenen Wüstenhöhle materialisierte. Irgendetwas war mit mir jedoch geschehen. Ich konnte dieses seltsame Ding auf einmal mit meinen Gedanken steuern. Auch konnten wir auf geheimnisvolle Weise ohne Worte miteinander reden. Es war schon ein sehr seltsames Gefühl, per Gedankenkraft mit einer Maschine zu reden, wenn sie denn überhaupt eine war.

Die Wüste war eine heiße Hölle und so beschloss ich, gleich wieder in das Jahr 1968 zurückzukehren. Punktgenau und nur ein paar Stunden später erschien ich wieder in der alten Waldscheune und ließ die Zeitmaschine verschwinden, denn ich konnte sie mit meinen Gedanken zurückholen, wann immer ich es wollte.

***

„ Elisabeth, was du da mir da erzählt hast, das ist der nackte Wahnsinn!“

„Nein Marie Ann, ist es nicht. Glaub’ mir. Ronald hat ein Geheimnis. Er benimmt sich so seltsam in der letzten Zeit. Ich bin ihm einmal heimlich gefolgt, bis zu dieser einsamen Scheune am Waldrand. Er ist dort hineingegangen und kam nicht wieder heraus. Als ich hineinschaute, war nichts von ihm zu sehen. Die Scheune war völlig leer. Ronald muss sich in Luft aufgelöst haben. Wo war er nur hin? Irgendwie wurde auf einmal der Ort für mich unheimlich. Dann bin ich so schnell ich konnte wieder nach Hause gelaufen. Ronald kam erst gegen Mitternacht zurück und behauptete, in der Arbeit gewesen zu sein. Er hat mich bestimmt angelogen. Was geht hier bloß vor, Marie Ann?“

„Wenn ich das wüsste, Elisabeth! Die ganze Sache erscheint auch mir jetzt äußerst seltsam. An deiner Stelle ginge ich so schnell wie möglich zur Polizei. Das sage ich als beste Freundin zu dir. Vielleicht tut dein Mann etwas illegales, das er vor dir verheimlichen möchte.“

***

Ich denke nach. Ich lese die letzten Zeilen des Briefes und leg’ ihn weg. Ich denke an Elisabeth und daran, dass ich mit ihr viele Jahre meines Lebens verbracht habe. Sie ist nun schon weit über 45 Jahre tot, aber vor wenigen Minuten habe ich noch neben ihr im Bett gelegen. Ich bin zur ihr in die Vergangenheit gereist und habe sie einfach besucht.

Jetzt stehe ich wieder einmal hier draußen vor unserem verfallenen Haus mit dem totals verwilderten Garten. Die Scheune ist vom Wald überwuchert worden und extrem einsturzgefährdet. Ich habe deshalb die Zeitmaschine in den nah gelegenen Bergen verstecken müssen.

Die Gedanken schmerzen. Aber wenn auch meine Gedanken noch so bitter sind, weiß ich dennoch, dass ich mich damals richtig entschieden habe. Die Zeitmaschine ist nämlich in Wahrheit ein lebendiges Wesen. Sie lebt in Symbiose mit mir. Ab und zu schreibt sie mir sogar Briefe und tut alles, um mich zufrieden zu stellen, auch sexuell. Sie ist einfach eine fantastische Liebhaberin, genau wie Elisabeth es war.

***

„ Mein Liebster, du musst sie vergessen! Deine alte Elisabeth gibt es nicht mehr. Vergiss am besten alles, was einst mit deinem alten Leben zu tun hatte. Stell dir vor, dass es einfach nur ein schrecklicher Traum gewesen war, der dich wie ein böses Gespenst in unruhigen Nächsten besucht hat“, sagte Elisabeth mit ihrer sanften Stimme zu mir. Meine Finger umschlossen die ihren. Was in mir vorging, ließ sich nicht in Worte fassen. Es war einfach unfassbar.

Wir schlenderten zum Fluss hinunter. Die Landschaft schlief noch, und der stille Morgen verhieß einen heißen Tag. Wir wussten nicht genau, wohin wir wollten und genossen es einfach, beisammen zu sein…, ich und mein wandelbares Wesen Zeitmaschine, die in der menschlichen Gestalt von Elisabeth neben mir herging und mich plötzlich küsste.

Ende

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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