Helene Hages

Die Bewerbung

Eine wahre Geschichte


Es war höchste Zeit!

Der verdammte knallorange Wecker aus den 70ern des vergangenen Jahrhunderts, den sie auf einem Flohmarkt aus nostalgischen Gründen für wenig Geld ergattert hatte, hatte einfach nicht geklingelt. Dabei war er bei einem Uhrmacher überholt worden, obwohl dieser sich tapfer mit vor Entsetzen geweiteten Augen gegen diesen Auftrag gewehrt hatte, aber dann Karins himmelblauem Augenaufschlag nicht widerstehen konnte.
Sie hatte mächtig verschlafen. Zu ihrem Unglück war heute morgen dieser wichtige Bewerbungstermin, zu dem sie unbedingt pünktlich dort sein musste, da sie den Job dringend haben wollte. Eine einmalige Chance für sie, endlich ein Lichtblick für die Zukunft.

Schnell geduscht, die Klamotten angezogen, die sie in weiser Voraussicht schon am Abend vorher zurechtgelegt hatte. Schuhe, Zähneputzen nicht vergessen, Haare gemacht. Beim Blick auf die Armbanduhr wurde ihr heiß und kalt. Frühstück fiel sowieso aus. Für ein großes Make up war auch absolut keine Zeit mehr übrig. Also nur Lidstrich und den Abdeckstift für die Pickel und ein bisschen Camouflage gegen die Hautirritationen, etwas Lipgloss, das musste reichen. In dem Moment klingelte das Handy. Beim Mantelanziehen nestelte sie das Telefon aus ihrer Tasche und verließ hektisch ihre Wohnung.
Es war Felix, der lästige Ex. “Nein, Felix, nein, kapier es doch endlich, es ist aus, out, Ende, over! Lass mich endlich in Ruhe, verdammt noch mal!” Damit beendete sie das einseitige Gespräch, klapperte auf ihren Pumps die Treppen hinunter und rauschte aus der Haustüre. Karin rannte, verpasste aber doch um Haaresbreite die Tram, deren Haltestelle sich ganz nah an ihrer Wohnung befand.
Schwer atmend überlegte sie, wie sie jetzt noch pünktlich zum Termin kommen könnte. Kurzerhand hielt sie ein Taxi an, warf sich auf die Rückbank und nannte dem Fahrer die Adresse der Firma, bei der sie sich bewerben wollte. Der Fahrer blickte im Rückspiegel in ihr Gesicht und tat gar nichts. Er schaute sie mit großen Augen an und machte keinerlei Anstalten loszufahren. “Hallo, haben Sie mich nicht verstanden? Bitte, ich hab´s eilig!” Karin wurde ärgerlich. Als erwache er aus einer Trance, riss der Fahrer sich von ihrem Anblick im Rückspiegel los und gab Gas.
Er fuhr wirklich sehr schnell, Karin dankte es ihm im Stillen. Mit quietschenden Reifen hielt er genau vor dem Eingang der Firma. Karin stieg aus. Schnell drückte sie dem Fahrer durchs Fenster den Fahrpreis plus eines spendablen Trinkgeldes in die Hand. Der Fahrer starrte sie dümmlich an, nahm das Geld ohne zu überprüfen, ob der Betrag stimmte. Karin lächelte ihn an, drehte sich um und betrat das Gebäude. Die Uhr gab ihr noch 8 Minuten. Hoffentlich reichte das mit dem Aufzug bis in den 9. Stock. Vielleicht war es ein Expresslift, dann könnte sie sogar noch flott vor dem Termin in den Waschraum gehen, um sich nach der Hetze ein wenig frisch machen zu können.
Aber zuerst musste sie sich beim Portier anmelden. Der Uniformierte hinter seinem Tresen sah ihr schon entgegen. Sie lächelte ihn an und nannte ihm ihr Anliegen. Der Portier starrte in ihr Gesicht wie hypnotisiert. Er sagte nichts, starrte nur. Karin verstärkte ihr Lächeln und hoffte, dass der gute Mann möglichst bald aus seiner Lähmung kam und sie einwies. Sie räusperte sich laut.
Der Portier nahm einen Telefonhörer, tippte zwei Nummern und sprach in die Muschel. Das alles, ohne aufzuhören in Karins Gesicht zu starren. “Mein Gott, hau ich denn heute alle Männer vom Hocker?” fragte sich Karin und grinste beim Gedanken an Felix´ Eifersuchtsszenen, die sie nun nicht mehr ertragen musste. Der Portier wies ihr stumm ins Gesicht starrend den Weg zum Lift. Mit energisch forschen Schritten betrat sie den engen Kasten, drückte die 9 und hoffte auf eine schnelle Fahrt. Zum Glück war sonst niemand im Lift, so dass er nicht wegen jemand anderem anhalten musste. Der Aufzug war scheußlich grün lackiert und Karin fragte sich, wer das wohl verbrochen hatte.
Endlich ertönte der Gong des Lifts, und sie hatte den 9. Stock erreicht. Beim Blick auf die Armbanduhr musste sie aber einsehen, dass es nun überhaupt keine Zeit mehr für irgend etwas gab, wenn sie pünktlich zum Bewerbungsgespräch erscheinen wollte. Mit “Frisch - Machen” war also nichts mehr.

Die Vorzimmerdame schien recht lustig zu sein, denn sie begrüßte Karin mit einem lauten Lachen, schüttelte ihr die Hand und schaute ihr offen und neugierig ins Gesicht. Immer mit einem glucksenden Laut unterbrechend beschrieb die Sekretärin den weiteren Verlauf des Termins. Karin mochte sie auf Anhieb und lachte mit ihr mit. Schließlich öffnete die Vorzimmerdame die Tür zum Personalbüro und kündigte Karin mit einer etwas zu lauten Stimme an.
Karin schob sich langsam und vorsichtig an der Sekretärin vorbei in den Raum und wartete bis die Tür geschlossen worden war. Vor ihr, mit dem Rücken zum Fenster saß ein Mann von ungefähr 60 Jahren, den Kopf über Akten gebeugt, in irgendwelche Schriften vertieft.
Ah, Frau Möller, schön, pünktlich, so lieb ich das. Nehmen Sie doch bitte Platz!” Er wies ohne aufzusehen auf einen Stuhl auf der gegenüber liegenden Seite seines Schreibtisches.
Karin erwiderte die Begrüßung und setzte sich nervös auf den ihr zugewiesenen Platz. Der Personalchef Detlef Zumbrod war weitsichtig und trug deshalb für seine Aktenarbeit eine dicke Brille. Er hob den Kopf und lächelte Karin freundlich an. Sie reichte ihm ihre Unterlagen, und er befragte sie wohlwollend noch nach Einzelheiten ihrer Ausbildung und bisherigen Berufserfahrung.
Nach 20Minuten war er zufrieden mit dem, was er hörte und las. Karin hätte am liebsten laut gebrüllt vor Freude, als er sie bat, am nächsten Montag ihre Probezeit zu beginnen.
Zur Verabschiedung erhoben sich beide. Herr Zumbrod kam um den Schreibtisch herum und stand direkt vor Karin. Er streifte beim Händeschütteln seine Brille ab, schaute Karin ins Gesicht und erstarrte. Wie die anderen Männer, denen Karin heute begegnet war, konnte er den Blick nicht von ihr lösen. Dabei schüttelte und schüttelte er immer weiter Karins Hand, die sich langsam rückwärts Richtung Ausgang schob und lächelte, lächelte, lächelte.

Ihr war unheimlich zu Mute.

Aufatmend stand sie schließlich wieder im Vorzimmer bei der Sekretärin, die bei Karins Anblick wieder laut lachte und den Kopf schüttelte. “Ich gratuliere Ihnen zum neuen Job, Frau Möller! Eine echte Leistung und viel Mut, das muss man wohl sagen!” Sie wurde vor Lachen hochrot im Gesicht.
“ Aber ich versteh nicht, was ist denn das, dass alle so starren, und was für Sie auch so unglaublich lustig ist?” Karin konnte nicht anders und lachte mit.
Ach Schätzchen, kommen Sie doch mal mit!” kicherte die Vorzimmerdame, nahm Karin beim Arm und führte sie in einen Toilettenraum vor einen Spiegel.

Karin fiel fast in Ohnmacht. Sie konnte nicht glauben, was sie da sah. Fassungslos starrte sie sich nun selber an und sie wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte.

Auf ihrer Stirn leuchtete ein grünlicher Kringel Camouflage, mit dem Karin eine Rötung zu verstecken versucht hatte, aber in der Hetze versäumte zu verreiben.
Auf der Nase lief eine dunkelbeige Linie von der Wurzel bis zur Spitze. Abdeckstift, auch nicht verrieben.

Auf ihren Wangen, ihrem Kinn, sogar am Hals, überall Kleckse und Reste von den fatalen Versuchen ohne reguläres Make up ein gepflegtes Hautbild zu erzeugen. Das Lipgloss verrutscht und schmierig. Sie sah grotesk aus. Wie ein Bild von Cindy Sherman, Clownartig. Und alles nur wegen Felix, der sie in ihrer Zeitnot noch mehr in Stress gebracht hatte, so dass sie mit dieser Kriegsbemalung das Haus verlassen hatte.
Sie schwankte. Die Vorzimmerdame hielt sie fest und tröstete sie. “Sie sind ein wandelndes Kunstwerk und ein echter Hingucker! Ich wusste schon vorher, dass Herr Zumbrod Sie unbedingt einstellen wollte und auf Äußerlichkeiten keinen Wert legt. So habe ich nichts gesagt, als ich Sie gesehen habe. Es war einfach ZU schön. Machen Sie sich nix draus, es ist doch alles gut! Wir wischen das jetzt ab, ich leih Ihnen mein Schminkzeug, und dann gehen wir in die Kantine, und ich spendiere Ihnen einen Kaffee. Na, ist das ein Vorschlag?!” Karin nickte dankbar und hatte von da an in der Firma eine allerbeste Freundin, mit der sie noch oft über ihr Erscheinungsbild am Bewerbungstag lachen konnte, ohne ihr böse zu sein, dass sie sie nicht gewarnt hatte.



©Helene Hages 2018

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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