Susanne Zeltner

Monsterversand & Co.

Ich konnte mich gerade noch hinter einer Kiste in Sicherheit bringen, bevor sich mehrere rasiermesserscharfe Eiszapfen in die Wand über meinen Kopf bohrten. Atemlos kauerte ich mich so klein wie möglich zusammen, vielleicht würde es dann ja einfach weiter gehen…
Falsch gedacht…
Mit jeder Sekunde bebte der Betonboden unter mir ein bisschen mehr, bis sich über mir, hinter meinem dürftigen Versteck, ein riesiger Schatten beugte und das wenige Licht verschwand.
Verdammt…Jetzt war die Kacke wirklich am dampfen!

Tja, das bin ich, in einer für mich irgendwie typischen Situation.
Mira Schneeberg, 20 Jahre alt und kurz davor zu sterben. Mal wieder.
Dabei konnte ich dieses Mal WIRKLICH nichts dafür!
Es war schließlich mein erster Tag bei Monsterversand & Co.!
Beinahe zwei Jahre nach meinem Schulabschluss hatte ich warten müssen um diese Ausbildung antreten zu dürfen, weil diese Spedition so viele Anfragen hatte, dass sie gar nicht alle einstellen konnten, egal wie gut man war.
Gut, auch da war ich jetzt irgendwie nicht die Beste…aber hey! Ich hatte meinen Schulabschluss geschafft und mehr war ja gar nicht Voraussetzung.
Zusätzlich zu einigen Sicherheitsnachweisen, Prüfungen und Fitnesstests. Und für die hatte ich seit meinem 10. Lebensjahr gelernt und geackert, weil mir damals bewusst wurde, dass das so ziemlich der einzige coole Beruf für mich war. In dem man mich nehmen würde…
Ja gut, ich war wirklich nicht das hellste Licht am Firmament, aber ich wollte auch nie die Verantwortung in unserer magischen, monsterverseuchten Welt als Hexenmeisterin oder Magievorsteherin übernehmen. Dafür war mein magisches Talent vielleicht auch ein bisschen dürftig.
Also hatte ich mir etwas gesucht, bei dem man mit magischen Wesen zusammenarbeiten konnte, aber nicht gleich die Welt unterging wenn man mal was verbockte…dachte ich zumindest.

Dabei hatte der Tag so gut angefangen.
Beim Frühstück daheim hatte mein kleiner Bruder nicht genervt, Papa hatte sich nicht beschwert, wie weh im alles tat obwohl er einfach nur mal zum Arzt müsste. Und Mama hatte für mich sogar extra ein paar Muffins gebacken. Ich liebte es noch daheim zu wohnen, das einzige worum ich mich kümmern musste war die Wäsche; Essen, Wasser und Strom zahlten eh meine Eltern. So hatte ich mein Geld in den letzten 2 Jahren für ein gebrauchtes Auto sparen können. Auch wenn es heutzutage magische Kutschen und allerlei magische Wesen gab, die einen schneller beförderten, liebte ich die alten mechanisch und elektronisch gebauten Autos, die es gab bevor Magie sich offen gezeigt hatte.

Vor 60 Jahren gab es nur Geschichten über Magie, aber keiner glaubte wirklich daran, auch die Leute die eigentlich Magienutzer waren. Doch nach und nach waren immer mehr Sagengestalten aufgetaucht die das Militär nicht einfach wegsperren und verheimlichen konnte. Also fingen Menschen an, an ihre eigene Magie zu glauben und mehr als Dreiviertel der Bevölkerung besaß tatsächlich magische Veranlagungen die sie bis dahin unterdrückt hatten.
Und wie immer wenn etwas Weltbewegendes geschah, flippten die Menschen aus. Regierungen wurden gestürzt, Notstände ausgerufen und im Allgemeinen wurde Panik geschürt.
Solange bis sich endlich ein paar wichtige Personen zusammensetzten um dem Chaos Einhalt zu gebieten. Spezialtruppen wurden gebildet, spezialisiert auf magische Verbrechen. Neue Erfindungen wurden dank Magie vorangetrieben und Forschungen um Magie zu erforschen wurden begonnen. Alles in allem stellte sich die Welt nach wenigen Monaten einfach auf die Magie ein. Und es stellte sich heraus, dass die nicht magischen Menschen absolut resistent gegen jegliche Magie waren.
Monsterversand & Co. war eine der ersten Firmen, die mit Schwerpunkt auf magische Wesen gegründet worden waren. Heutzutage agierten sie weltweit und wurden immer dann gerufen wenn etwas Magisches von A nach B transportiert werden sollte. Zwar gab es noch immer Firmen, die alles vollkommen ohne Magie herstellten, aber sie wurden weniger.
Autos, die ohne Magie liefen waren selten geworden und nur weil mein Großvater seinen alten Wagen so gut in Schuss gehalten hatte, hatte er ihn mir für einen lächerlich niedrigen Preis überlassen. Vermutlich hätte er ihn mir geschenkt, weil ich seine Lieblingsenkeltochter war, aber ich hatte darauf bestanden ihm zumindest den Preis für einen magiebetriebenen Wagen zu zahlen.

Um aber zurück zu meinen ersten Ausbildungstag zu kommen: Alles lief super.
Zwar gab es Stau wegen eines Unfalls, aber der löste sich gerade wieder auf, als ich ankam. Am Eingang wurde ich fröhlich von der Personalchefin zusammen mit 5 anderen Azubis begrüßt und wir bekamen alle unsere Schlüsselkarten für die verschiedenen Bereiche.
Und es lag absolut im Bereich des Möglichen, dass ich den Namen der Personalchefin vergessen hatte…aber ich hatte auch erst zweimal mit ihr geschrieben, vom persönlichen Treffen ganz abgesehen.
Zwar machten wir nur eine Ausbildung zum Speditionskaufmann/-frau aber wir würden dennoch mit den magischen Objekten in Berührung kommen. Zum Beispiel um den Gefahrenwert einzustufen oder dafür zu sorgen das Wesen aus Sagen oder ähnlichem sicher und artgerecht verwahrt wurden bis die Abholung kam.
Nachdem uns also erklärt wurde wie wir uns gegenüber der Ware verhalten sollten, gingen wir mit der Personalchefin durch die Gebäude um uns das Gelände einmal anzuschauen.
Die ganzen Büros und so interessierten mich nicht wirklich, ich war furchtbar gespannt auf die große Lagerhalle in der jede Menge Gegenstände lagerten.
Man musste durch zwei Sicherheitsschleusen, die dafür sorgten, dass man nicht unerlaubtes hinein oder hinaus trug.
Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil die Schleusen nur graue Metalltüren waren, die zwar magisch verstärkt worden waren, aber noch nicht soooo interessant wirkten. Jeder wurde einzeln hindurch geschickt, so wurde es schwerer etwas hineinzuschmuggeln. Ein Mädchen musste warten, weil sie magische Ohrringe trug die wie kleine Flammen an ihren Ohren baumelten.
Amateurin.
Ich wurde anstandslos durch gewunken, die Personalleiterin wartete schon hinter der Schleuse auf uns. Dort befand sich ein weiterer Raum mit mehreren Fächern. Ein jeder von uns erhielt einen weißen dünnen Anzug aus leichter Baumwolle.
„So, alle bitte zuhören. Jeder zieht sich so einen Anzug über. Sie schützen euch vor den heftigen Temperaturschwankungen die in der Halle zirkulieren um die Objekte nicht zu schädigen.“
Das Mädchen und ein Junge musterten die Anzüge skeptisch. Entsprach wohl nicht ihrem Modesinn… Mir machte es nichts aus, ich kannte diese Anzüge von meiner Mama, die im Magieministerium arbeitete. Sie legten sich eng an, sobald der Reißverschluss geschlossen war und hüllten auch den Kopf in ein unsichtbares magisches Schild.
Wir warteten bis alle soweit waren, bevor wir durch eine weitere Schleuse traten, die sich nur durch Magnetstreifen in den Ärmeln der Anzüge öffnen ließ.
„Bitte fasst nichts an, man weiß nie welche Effekte magische Gegenstände auf die einzelnen Personen haben. In dieser Halle werden die Gegenstände und Wesen gelagert, die noch innerhalb dieser Woche versandt werden müssen. Folgt mir.“
Damit ging sie durch die hohen Regale und Käfige, die die riesige Halle in ein unüberschaubares Labyrinth verwandelten. Wir folgten ihr und sahen uns mit großen Augen um. Da waren Kisten, Container und abgetrennte Bereiche. Über den meisten lag ein leichter Schimmer von Schutzschilden, die drin hielten, was auch immer sich in ihnen befand. Mitarbeiten fuhren mit Kränen und Gabelstaplern herum und brachten Kisten an ihren Bestimmungsort.
Einige Jungs schubsten sich gegenseitig und machten Witze während der Rest der Gruppe den Erklärungen lauschte.
„Hier sind wir in der ägyptischen Abteilung, einige dieser Artefakte stammen noch aus der Zeit der Pharao…“ ihre Stimme wurde von einem lauten Kreischen unterbrochen.
Sofort flammten alle Lichter für einen Moment blau auf, bevor sie wieder weiß wurden und sich rote Pfeile auf dem Boden bildeten. Die Regale mit den Magieobjekten leuchteten grau auf, sie wurden abgeriegelt damit nicht noch mehr entkommen konnte oder Schaden an den Dingen entstand.
Die Personalleiterin war die Ruhe selbst während sie uns die Pfeile entlang zum nächsten Ausgang scheuchte.
„Das ist eine Gefahrensituation, die Sirene bedeutet ein magisches Wesen ist ausgebrochen, alle Mitarbeiter sollen sich in Sicherheit bringen. Die blaue Lampe zeigt an, dass es sich um ein nordisches Wesen handelt und die Pfeile gehören zu einem Sicherungssystem, das einen auf dem schnellsten und sichersten Weg aus der Halle bringt.“
Ein kalter Wind pfiff durch die Gänge, nur noch eine Biegung bis zur Schleuse.
Ich hatte das Gesicht unserer Leitung im Blick behalten und bemerkte wie ihr Gesichtsausdruck blass wurde. Einen Moment lang verstand ich nicht warum, aber dann wurde mir bewusst, dass ich die Kälte immer noch spürte.
Die Anzüge sollten diese abhalten, selbst mit einer Kälte unter -40° sollte nicht viel zu spüren sein. Also war es noch kälter.
Auf dem Betonboden bildeten sich Eisblumen und die grauen Schilde vor den Regalreihen wurden bläulich, als sich auch dort langsam Eis festsetzte.
Aber wir rannten noch immer nicht, zügig und geordnet erreichten wir die erste Schleuse. Im Raum dahinter wären wir in Sicherheit.
Das Mädchen betrat als erstes die Personenschleuse, wir warteten.
Das Schrillen der Sirene wurde immer lauter und mittlerweile war ich nicht mehr die Einzige, die ein Kälteschaudern nicht mehr unterdrücken konnte.
Zwei weitere verschwanden in der Schleuse.
Zuerst dachte ich mir, ich würde es mir nur einbilden, weil ich auf und ab ging um die Kälte erträglicher zu machen, aber im Gesicht der Personalchefin war kein bisschen Farbe mehr zu sehen.
Da war eine Vibration im Boden, durch die leichte Eisdecke zu spüren die sich gebildet hatte.
Der nächste Junge trat durch die Schleuse, jetzt waren wir nur noch zu dritt. Die Vibration wurde heftiger, als gäbe es ein leichtes Erdbeben und der Schild vor meinem Kopf konnte die Atemwolken nicht mehr abhalten die durch meinen Mund drangen, während ich am ganzen Körper zu zittern anfing.
Das letzte Mädchen stieg in die Schleuse und gerade als sich die Tür hinter ihr schloss, hörte ich ein scharfes Pfeifen. Mir blieb gerade noch Zeit um schützend meinen Arm zu heben, als eine riesige Transportkiste direkt vor uns landete und in hunderte Splitter zerbrach.
Ich stürzte zu Boden und schlug hart mit der Hüfte auf, aber ansonsten ging es mit gut.
Besser zumindest als meiner Personalchefin…

Sie hatte sich den Kopf geschlagen und lag bewusstlos am Boden.
Aus einem dünnen Schnitt an der Stirn floss Blut, aber sie schien noch am Leben zu sein, ihr Atem kam als weiße Wolken über ihre blauen Lippen.
Ich wagte es gar nicht in die Richtung zu schauen, aus der die Kiste geflogen kam, aber mir blieb wohl nichts anderes übrig. Noch nie im Leben hatte ich mir so sehr gewünscht es nicht getan zu haben.
Ein riesiger Kopf, so groß wie mein Auto, schaute mich an. Seine Haut bestand aus Eis, das Blau seiner Augen erinnerte an einen gefrorenen See und der mörderische Ausdruck darin ließ sich nicht verbergen.
Und er sah genau zu mir. Natürlich.
Ein leises Ping an der mit Frost überzogenen Schleusentür verriet mir, dass der nächste rein konnte.
Ich konnte mich retten. Flüchten vor diesem Monster das genau in meine Richtung kam. Niemand würde mir Vorwürfe machen, wenn ich ein einziges Mal in meinem Leben egoistisch handelte.
Außer mir.
Und vermutlich würden es meine Arbeitgeber auch nicht so gerne sehen, wenn die Personalleiterin starb. Könnte blöd für mich werden...
Verdammt!
Ich griff der Bewusstlosen unter die Arme und öffnete mit einem Druck auf den Knopf die Schleuse. Vorhin noch hatte sie uns erklärt, dass sie sich nur schließen würde wenn eine Person sich darin befand. Es sollte zur Sicherheit dienen.
Darauf gesch***!
Zerrend schaffte ich es die Frau hinein zu bugsieren, wobei sie sich aller Wahrscheinlichkeit mehr als nur einen blauen Flecken geholt hatte. Aber da durfte man eben nicht so zimperlich sein.
Wütend und etwas mehr als ‚leicht‘ panisch trat ich wieder aus dem kleinen Raum und sofort schloss sich die Schleuse hinter mir.
Echt blöd das ich nicht einfach warten konnte, bis sie sich wieder öffnete. Die grellroten Pfeile zu meinen Füßen, die trotz des Eises immer noch zu erkennen waren, schienen derselben Meinung zu sein. Hektisch blinkten sie immer schneller und machten mich auf den Eisriesen aufmerksam, der 300 Meter entfernt von mir gerade hinter der letzten Regalreihe hervorkam. Die obligatorische Holzkiste mit der er nach mir schmeißen konnte schon in der Hand.
Heute war anscheinend echt nicht mein Tag…
Manchmal hasste ich mein Leben, das ein Unglück nach dem nächsten heraufzubeschwören schien. So war es echt schon IMMER!
Aber Schluss mit dem Selbstmitleid. Mit schlitternden Sollen rannte ich los, während wieder das Zischen erklang und dort wo ich gerade noch gestanden hatte eine weitere Kiste auf den Boden prallte. Frierend und leicht humpelnd, wegen meiner Hüfte, war ich nun wirklich nicht die schnellste, aber dafür war ich hoch motiviert!
Wenn man mir das in meiner Abschlussbewertung nicht anrechnete, würde ich mit den Firmenchefs mal ein ernstes Wörtchen reden müssen! Vorausgesetzt ich würde meine Abschlussbewertung noch erleben…
Mit einem letzten Knacken verstummte endlich diese nervtötende Sirene. Ich wusste auch so, dass ein Eismonster hinter mir her war, vielen Dank. Als aber mit einem Flackern die Schutzschilde der Regale erloschen und einige Lampen einfach ausgingen, wurde mir bewusst, dass die Lage gerade noch beschissener für mich geworden war. Super.
Nun rannte ich also im Dämmerlicht den doofen roten Pfeilen am Boden hinterher, während um mich herum die Regale wackelten, weil ein acht Tonnen Eisklotz hinter mir her war.
Gerade bog ich um einer weitere Kurve, als sich Eisnadeln in meine Schulter bohrten und drohten den schützenden Anzug zu durchbohren. Ich hatte Glück, der dünne Stoff, und die Magie, hielten, noch. Man sollte ja immer positiv denken.

Beinahe wäre ich ausgerutscht, aber ich konnte mich gerade noch fangen.
Das war wirklich unfair! Nein, es musste nicht nur ein mörderischer, alles zermalmender Eisriese hinter mir her sein, nein er hatte natürlich auch noch Eisnadeln die mich durchbohren konnten!
Ich Glückspilz.
Und ja, ich weiß das in solchen Situationen Sarkasmus unangebracht ist!
Jetzt war die Eisschicht unter mir so dick, dass ich die Pfeile nicht mehr sehen konnte. Aber nein, ich fragte mich nicht was noch geschehen konnte. Sowas brachte Unglück.
Vor mir war eine Kreuzung, ohne lange zu zögern rannte ich nach rechts, gerade so aus dem Sichtfenster vom Eismonster.
Mir war nicht mehr kalt. Dafür hatte ich zu wenig Puste.
Auch wenn die kalte Luft in meiner Lunge brannte.
Noch eine weitere Kurve, langsam musste ich ihn doch mal abgeschüttelt haben!

Schlitternd kam ich zum stehen, gerade so noch.
Was wie ein weiterer Durchgang aussah, war in Wirklichkeit ein Spiegel.
Nein!
Hektisch drehte ich mich um die eigenen Achse, während die dröhnenden Schritte wieder lauter wurden. Aber da war nichts.
Ich war geradewegs in eine Sackgasse gelaufen.
Keuchend sah ich mir die Regale um mich herum an. Da!
Da war eine Kiste, hinter der ich mich verstecken konnte. So leise wie möglich versuchte ich dort in Deckung zu gehen, was gar nicht so einfach war, wenn man aus dem letzten Loch pfiff und versuchte nicht zu kollabieren.
Also duckte ich mich und wartete ab, der Eisriese konnte unmöglich gesehen haben in welche Richtung ich gerannt war.
Blöd nur, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass er eigentlich meiner Wärmesignatur folgte….
Natürlich kam er näher und näher.

Bis wir in der jetzigen Situation waren.
Großer tödlicher Schatten beugt sich über mich, ich hatte keinen Fluchtweg und war mir ziemlich sicher, für mich wars gelaufen.
Einige mögen sich jetzt fragen, warum ich keine Magie anwendete oder ob ich zu den bedauerlichen Menschen gehörte, die einfach immun gegen sie waren.

Tja, ich beherrschte Magie…nur nicht allzu gut.
Deshalb waren meine Noten in der Schule auch nicht so großartig gewesen. Magiekunde hatte mich voll runter gezogen weil ich in der Theorie zwar wusste wie es funktionierte, aber meine Kräfte mehr oder weniger einen eigenen Willen hatte. Okay, ich geb es ja zu, ich hatte sie nicht immer unter Kontrolle.
Aber nur weil ich einmal ausversehen den Stuhl des Lehrers angezündet hatte, brauchte man mir noch lange keine fünf geben! Ich hatte mich ja immerhin entschuldigt…
Auch bei dem Jungen, der meinte er müsse mich erschrecken und 10 Meter weiter in einem Baum gelandet war…der war ja selber schuld!

Diese Erinnerungen halfen mir im Moment aber herzlich wenig.
„Runter!“
Die Stimme drang leise an mein Ohr und ohne mich weiter um Feinheiten zu kümmern schmiss ich mich zur Seite hinter eine andere Kiste. Bruchteile später ging ein elektrischer Impuls durch die Regalreihe und traf den Eisriesen im Rücken.
Ich hatte keine Ahnung wo der jetzt hergekommen war, der Eisklotz verstellte ziemlich effektiv jegliche Sicht, aber ich machte mich daran, dass ich wegkam.
Kurz leuchtete das Eis hell auf, bevor der Riese langsam zu bröckeln anfing und genau dort zerfiel wo ich mich befand.
Zum Glück war ich im Fitnesstest nicht so schlecht gewesen.
Eine Flugrolle brachte mich über die Kiste hinter der ich war und neben den Eisriesen. Auf den Knien und Händen schlitternd rutschte ich an der Regalwand entlang, wobei ich mir eine fette Schramme holte, die der Anzug auch nicht verhindern konnte und kam zum stehen.
Im Ende der Sackgasse lagen mehrere große Eisklötze, die noch immer magisch leuchteten. Vermutlich war der Eisriese also nicht tot, sondern nur geschockt. Im wahrsten Sinne des Wortes…
Endlich wanderte mein Blick zu meinem Retter, während die Kälte schon weniger zu werden schien, zumindest war mein Atem nicht mehr eine schneeweiße Wolke.
Mist, verdammter!

Derjenige der dort stand war niemand anderes als Lucian Arena, ein ehemaliger Klassenkamerad von mir. Beinahe während unserer gesamten gemeinsamen Grundschulzeit hatten wir uns gehasst. Und das war mehr als nur der einfache Kinderhass eines kleinen Mädchens gewesen. Wir hatten uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Haaren gehabt, bis wir endlich auf verschiedene Schulen gingen.
Das überhebliche Lächeln das sich langsam auf seinem Gesicht abzeichnete machte nur zu deutlich das auch er mich erkannt hatte, während seine Hände noch immer in Richtung des Eisriesen ausgestreckt waren.
„Na Flöckchen, was hast du diesmal angestellt?“, und ja, seine Stimme klang zwar tiefer aber noch immer genauso spöttisch wie ich sie in Erinnerung hatte, da konnten auch seine goldenen Augen oder das beinahe grün wirkende Haar nichts daran ändern. Und man muss sich mal vorstellen das er schon als 10-Jähriger so geklungen hatte…
Ich spürte wie meine Wangen rot wurden. Natürlich nicht vor Verlegenheit weil ich gerade quasi auf dem Hintern an einem Eisbrocken vorbeigerutscht war, sondern vor Wut. Was bildete sich dieser Arsch eigentlich ein?
„Pah, das hätte ich auch alleine geschafft, grins nicht so!“, gut, was Besseres als Erwiderung fiel mir wirklich nicht ein…daran musste ich noch üben.

Schritte waren von allen Richtungen zu hören, während das Sicherheitspersonal in den Gang stürmte und uns umringte. Die Eisklumpen wurden eingesammelt und wieder in den Käfig gebracht aus dem der Eisriese vorher ausgebrochen war.
Erst als man mich zur nächsten Sicherheitsschleuse brachte, fiel mir auf, dass Lucian einen der Anzüge der Sicherungsmannschaft trug und sich mit den Männern und Frauen unterhielt.
Das konnte doch nicht wirklich sein!
Ausgerechnet hier musste er arbeiten?!
Wie ich mein Karma hasste. Vermutlich hatte ich in meinem vorherigen Leben kleine Kinder abgeschlachtet, sonst konnte ich mein Pech wirklich nicht verstehen. Oder Gott hatte einen verdammt schlechten Tag gehabt als ich geboren wurde…Es konnte aber auch sein, dass mich jemand mit einem Fluch belegt hatte…
So ausgeschlossen waren diese Dinge gar nicht wenn man in einer magischen Welt lebte.
Und anders konnte ich es mir beim besten Willen nicht erklären.

Hinter der Sicherungsschleuse wurde ich schon von mehreren Sanitätern und der aufgelösten Personalleiterin empfangen, die mich auf Herz und Nieren prüften. Die arme Frau war fertig mit den Nerven und trug dort einen Verband wo sich der Schnitt befunden hatte. Die ganze Zeit redete sie auf mich ein und wollte sich entschuldigen und bedanken und am liebsten beides auf einmal.
Sie könne es vollkommen verstehen, wenn ich nicht mehr bei ihnen meine Ausbildung fertig machen wolle und würden mir gerne helfen mich woanders unter zu bringen.
Ich konnte dem ganzen nur erstaunt folgen.
Eher hatte ich damit gerechnet, dass sie mich hochkant rausschmeißen würden weil ich mich nicht ordnungsgemäß verhalten hatte und magische Objekte während meiner Flucht durch das Eismonster beschädigt worden waren.
Später gesellte sich auch noch ein Anwalt der Firma hinzu und meinte sowas wäre durch Versicherungen abgedeckt. Ob ich denn eine Klage gegen die Firma einreichen wollte.
„Nein, gar nicht. Ich wollte eigentlich nur fragen ob ich morgen wieder kommen darf?“
Nun war es an ihnen mich baff anzuschauen, sie wussten nicht einmal wie sehr ich mir diese Ausbildung gewünscht hatte, auch wenn ich die negativen Aspekte nicht ganz durchdacht hatte.
Sowas wie randalierende Monster, Erfrierungstot oder Lucian Arena.
Aber ich wollte auf jeden Fall bleiben. So lebendig wie nach diesem Sprint hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt!

Also schickten mich die Sanitäter nach Hause, bis auf eine leichte Unterkühlung ging es mir prima und ich durfte am nächsten Tag wieder kommen.
Hoffentlich wurde es da dann etwas ruhiger, weil ich meinen Eltern nicht jeden Tag erklären wollte warum mein Arbeitstag überraschend etwas kürzer ausgefallen war…
Blieb nur zu hoffen das ich Lucian nicht mehr über den Weg lief. Mit allem anderen wurde ich fertig.

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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