Ich sitze am Frühstückstisch, den Blick durch das vorhanglose Fenster in die Wolkenferne gerichtet. Es ist acht Uhr, noch sind die Berge im Nebel verborgen, oberhalb zeigt sich ein schmaler heller Streifen. So hoch steht die Sonne schon?
Meine beiden Uhren ticken leise, wie immer, etwas zeitlich verschoben. Manche stört es, ich mag das so. Das Leben läuft nicht auch so regelmäßig.
Auf dem Tisch brennen zwei Kerzen. Gerade erst angezündet, noch kalt, flackern sie unruhig. Einmal die eine, einmal die andere. Komisch, immer abwechselnd, beruhigt sich die eine, zuckt die andere auf. Die Flamme wird hoch, zeigt dann oben einen aufsteigenden schwarzen Rauchfaden, sinkt zusammen, beruhigt sich.
Sonst ist es still im Haus, auch von draußen klingt kein Ton an mein Ohr.
Der Platz neben mir ist leer, ich bin allein. Nur die große Kerze steht dort. Als Andenken? Erinnerung? Wer ist hier schon gesessen? Wo sind diese Menschen? Was werden sie jetzt gerade tun, wie geht es ihnen? Wer wird als nächster hier sitzen?
Ich versuche mir diese Menschen vorzustellen, wie sie diesen Platz eingenommen haben. Ich erinnere mich an ihre Gesichter, ihre Augen, Wangen, den Mund, ihre Art zu sprechen, ihre Hände, wie sie das Brot strichen, den Kuchen brachen, wie sie die Tasse zum Mund führten, ich konzentriere mich auf ihre linke Hand, die mir am nächsten war. Wie fühlte sie sich an? Eine Hand hat mich berührt, legte sich auf meine Rechte, hielt sie fest, sekundenlang. Es war eine gute Hand, fest, stark, und doch irgendwie selbst Hilfe, Halt, Geborgenheit suchend. Ich erwiderte den leichten Druck, dunkle Augen begegneten sich, auch nur Momente lang, sprachen ihre eigene Sprache: Gut, dass du da bist.
Mein Blick richtet sich wieder zum Fenster. Der schmale helle Streifen ist breiter geworden, golden glänzt der Himmel nun auf die inzwischen frei gewordenen Berge. Nebelfetzen jagen schnell durch den dunklen Nadelwald, wie auf der Flucht. Vor der Sonne? Die ersten Häuser hat sie bereits erreicht, bald werde auch ich ihr Licht und ihre Wärme spüren.
Ich blase die Kerzen aus, der Alltag beginnt.
ChA 28.10.17
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2018.
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