Heinz-Walter Hoetter

Wer suchet, der findet

 

Der Horror fängt immer ganz normal an

***

„Manchmal müssen wir erst aufwachen, um einen Albtraum zu haben“
Nieven Mann

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Mr. Johnny Cooper war ein Mensch mit Prinzipien, der sich privat wie auch beruflich stets äußerst korrekt verhielt. Der gut gekleidete, hagere Mann stand gerade vor einer Fußgängerampel, schaute flüchtig auf die Uhr und sah, dass die schwach floureszierenden Zeiger langsam auf 21 Uhr vorrückten. Obwohl er fast dreiundsechzig Jahre alt und bereits Pensionär war, sah er wesentlich jünger aus. Deshalb hatte er sein ehemaliges Hobby, die Gärtnerei, zum Nebenberuf gemacht.

Nun ja, wie auch immer.

Mr. Cooper schaute nach oben in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Die Regenwolken zogen dahin wie dickbauchige Segelschiffe.

Noch vor wenigen Minuten hatte es heftig geregnet und gestürmt. Jetzt allerdings nieselt es nur noch ein wenig, auch der Wind hatte etwas nachgelassen, was den gut aussehenden alten Herrn aber nicht davon abhielt, den Regenschirm wieder zu schließen. Sein Mantel war ein gutes Stück britischer Handarbeit. Das bisschen Regenwasser wird mir schon nicht schaden, dachte Mr. Cooper und blickte geduldig wartend zur Ampel hinüber, die immer noch auf Rot stand.

Die tagsüber so belebte Straße war um diese Zeit nur wenig befahren, und weit und breit waren an diesem Abend so gut wie keine Spaziergänger unterwegs. Das Wetter war einfach zu schlecht.

Ganz plötzlich schaltete die Ampel auf Grün und Mr. Cooper zog noch im gleichen Augenblick seinen Hut ein wenig tiefer in die Stirn, weil er befürchtete, der Wind könne ihn möglicherweise wegwehen. Dann betrat er zügig den Zebrastreifen. Er hatte ihn schon fast überquert, als plötzlich ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zuschoss und ihn mit seinen hellen Scheinwerfern blendete. Für eine Sekunde blieb der alte Mann vor Schreck wie erstarrt stehen, machte dann aber einen gewaltigen Satz nach vorne und entging nur knapp dem vorbeirasenden Auto, das ihn sicherlich wie eine Puppe in die Luft geschleudert hätte. Nicht auszudenken was mit ihm passiert wäre.

Wegen des weiten Sprunges rutschte er auf dem nassen Gehweg aus und sein Körper fiel nach hinten. Fast wäre er gestürzt, wenn nicht im selben Moment jemand nach ihm gegriffen hätte und ihn fest hielt, um Schlimmeres zu verhindern.

Während das Fahrzeug mit aufheulendem Motor und hässlich quietschenden Reifen davon sauste, stand Mr. Cooper der Schock ins Gesicht geschrieben.

„Das wäre ja fast schief gegangen! Es hätte Sie beinahe erwischt!“ rief der junge Unbekannte aus, der Mr. Cooper vor einem schweren Sturz zurück auf die Straße bewahrt hatte. Ohne die Reaktion seines verdatterten Gegenüber abzuwarten, der jetzt am ganzen Körper wie Espenlaub zitterte, sagte der junge Mann mit eindringlicher Stimme: „Hören Sie, ich bin Arzt. Sie sehen im Augenblick nicht gut aus. Ich bringe Sie jetzt vorsichtshalber in das nahe gelegene Krankenhaus. Ich kann Sie hier nicht so einfach stehen lassen ohne gegen mein ärztliches Verantwortungsgefühl zu verstoßen.“

Ehe überhaupt Mr. Cooper zustimmen oder ablehnen konnte, hatte der hilfsbereite junge Kerl bereits ein sich gerade näherndes Taxi angehalten. Sie stiegen ein und kurz darauf fuhren die beiden Männer davon.

***

Der grauhaarige Mann hinter dem Schreibtisch ließ mit einer geräuschvollen Geste das dicke Buch in seiner Hand zuschnappen und blickte die vor ihm stehende Frau mit dem hübschen Gesicht skeptisch an.

„Doktor Max Wellington?“ fragte sie mit angenehmer Stimme, die ein wenig rauchig klang. Ihre Gesten wirkten fahrig und nervös.

Der Angesprochene musterte das junge weibliche Wesen höflich und nickte.

„Wie er leibt und lebt, Miss, äh..., was führt Sie zu mir?“

„Ich bin Swetlana Morrison“, stellte sie sich vor und streckte dem alten, aber immer noch gut aussehenden Doktor abrupt die Hand über dem mit Büchern und Schriftstücken übersäten Schreibtisch entgegen.

Verwundert zog dieser die Augenbrauen nach oben, ergriff schnell ihre Hand und deutete mit der anderen auf einen Leder gepolsterten Stuhl.

„Bitte nehmen Sie doch Platz! Ich habe nicht viel Zeit, weil ich heute den letzten Tag in der Stadt bin. Ich bin im Begriff meinen Urlaub anzutreten, werde aufs Land fahren und muss noch meine Sachen packen. Also machen Sie es kurz! Wie kann ich Ihnen helfen?“

Die junge Frau blickte auf einmal etwas gehetzt um sich, obwohl sich sonst keiner mehr im Raum befand, als sie und der alte Herr hinter dem Schreibtisch.

„Ich werde Sie bestimmt nicht lange aufhalten, Dr. Wellington. Aber ich muss ihnen etwas Wichtiges mitteilen.“

„Nun, worum geht es?“ wollte der Doktor wissen. „Schießen Sie endlich los!“ raunte er missmutig.

„Ich bin die neue Leiterin des City Museums für Mystische Kunst.“

„Ja, das kenne ich. Wusste gar nicht, dass der alte Jack Hoover in Pension gegangen ist. War der schon so alt? Wie die Zeit vergeht. Sollte ich mich etwa täuschen oder haben Sie diese Stelle erst vor Kurzem angetreten? “ fragte Dr. Wellington neugierig.

Die junge Frau nickte.

„Mein hochgeschätzter Vorgänger ist auf Grund von argen gesundheitlichen Problemen vorzeitig in den Ruhestand getreten. Ich war bereits als Nachfolgerin vorgesehen und habe in Anbetracht der Umstände die freigewordene Stelle früher angetreten.“

Dr. Wellington nickte verständnisvoll und griff verstreut nach einigen Büchern, die er unbedingt noch einpacken und mit in den Urlaub nehmen wollte. Er war eine ausgesprochene Leseratte.

Swetlana Morrison räusperte sich, bevor sie weiter redete. Nebenbei strich sie sich hektisch durch die Haare.

Dr. Wellington beobachte sie beim Zusammenpacken der Bücher. Was konnte es nur sein, was diese auf den ersten Blick so selbstbewusste Frau in eine solch unkontrollierte Nervosität versetzte? Er setzte eine nachdenkliche Mine auf.

„Ich habe eine zeitlang im Ausland gearbeitet. Auf Grund der genannten Umstände musste ich mich recht schnell in mein neues Aufgabengebiet einarbeiten. Ich hatte nur wenig Zeit. Und in diesem ganzen Durcheinander der Umorganisation musste es wohl passiert sein...“

Der Rest des Satzes blieb in der Luft hängen. Dann blickte die junge Frau plötzlich Dr. Wellington intensiv und konzentriert an.

Dieser fragte sich, wann seine Besucherin endlich zum Kern ihres Anliegens kommen würde und was dass alles mit ihm zu tun haben könnte, als kurz darauf Swetlana Morrison mit einem tiefen Seufzer fortfuhr.

„Bitte entschuldigen Sie mein unmögliches Verhalten. Um es kurz zu machen: Eines unserer Exponate ist verschwunden. Genauer gesagt, das Original. Und irgendjemand hat eine Fälschung an seiner Statt platziert.“

Der Doktor wurde jetzt neugierig.

„Dumme Geschichte. Haben Sie eine Ahnung, wer das war und wie der Austausch des Exponates bewerkstelligt wurde.“

Die junge Museumsleiterin schüttelte mit dem Kopf.

„Leider wissen wir gar nichts. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass wir den Austausch des Artefaktes noch nicht einmal selbst bemerkt haben. Erst ein Museumsbesucher hat uns auf das Malheur aufmerksam gemacht, der anhand eines Bildes im Museumsführer den kleinen Unterschied bemerkte. Stellen Sie sich eine solche Blamage vor! Ein völlig unerfahrener Besucher bemerkt den Austausch!“

„Haben Sie denn schon die Polizei eingeschaltet?“

Abermals schüttelte die junge Frau mit dem Kopf.

„Ich kann die Polizei nicht einschalten. Der Skandal wäre perfekt, das ganze Prestige unseres Hauses wäre dahin.“

Doktor Wellington dachte bei sich, wie wenig angenehm so ein Einstieg in dieser Situation für die neue Direktorin selbst vermutlich war. Er bedauerte die junge Frau. Er verstand ihr Anliegen, dass die ganze Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte.

„Das ist nun der Grund, warum ich hier bin, Mr. Wellington“, fuhr sie fort und blickte den Doktor fest an.

„Und was denken Sie, was ich in dieser Angelegenheit für Sie tun kann?“ fragte er, wobei er abermals nachdenklich seine Stirn runzelte.

„Ich möchte Sie gerne engagieren, um das Original wiederzubeschaffen.“

Der alte Dr. Wellington saß die ganze Zeit während des Gespräches lässig hinter seinem Schreibtisch, aber bei dem letzten Satz fuhr er wie von einer Tarantel gestochen aus seinem Bürosessel hoch.

„Da muss ich Sie aber enttäuschen, meine Gute“, antwortete er daher wie aus der Pistole geschossen. „Ich bin kein Detektiv. Für derlei Aufträge gibt es sicherlich genügend andere. Ich könnte Ihnen ein paar Adressen mitgeben wenn Sie wollen...“

Die neue Museumsleiterin war aber nicht so leicht von ihrem Vorhaben abzubringen.

„Ich weiß, ich weiß. Mir ist völlig klar, welch ungewöhnliches Ansinnen das ist“, antwortete sie.

Erstaunlicherweise legte sich ihre Nervosität immer mehr, und nun saß dem Doktor plötzlich eine sehr energisch und zielbewusste Persönlichkeit gegenüber.

„Ich wüsste wirklich niemanden, der besser geeignet ist als Sie, Dr. Wellington. Es geht in dieser Angelegenheit schließlich nicht um irgendwelche Verfolgungsmaßnahmen oder Beschattungen, sondern darum, unauffällig herauszubekommen, wer überhaupt ein Interesse an dem Artefakt haben könnte und welche Person oder Personen dahinterstecken, um sie bei der Wiederbeschaffung identifizieren zu können. Wie soll denn ein Detektiv, der sich nicht mit dieser Art von Gegenständen auskennt, überhaupt erkennen können, wenn er eines davon in der Hand hält? Sie aber könnten das mit Leichtigkeit!“

Der Doktor schüttelte mehrmals den Kopf energisch hin und her.

„Meine liebe Miss Morrison, selbst wenn es so wäre, meine Fachgebiete sind ausgestorbene Sprachen und Geheimschriften. Archäologische Artefakte unbekannter Herkunft, die zudem offenbar noch was mit Kunst zu tun haben sollen, kommen bei mir erst an zweiter Stelle. Außerdem habe ich jetzt keine große Lust und Zeit dazu, mich mit solchen Belanglosigkeiten zu beschäftigen. Nein, tut mir ehrlich gesagt leid für Sie, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“

Die junge Frau erwiderte nichts. Sie saß nur da, senkte sichtlich betrübt den Kopf und schaute wie abwesend auf den mit kunstvoll verschnörkelten Mäandern verzierten Teppichboden zu ihren Füßen. Einige Minuten schwiegen beide. Dann erhob sich Miss Morrison wortlos, seufzte auffällig laut und reichte Dr. Wellington widerwillig die rechte Hand hin. Sie hatte wohl erkannt, dass sie im Augenblick bei ihrem Gegenüber nichts mehr würde ausrichten können.

„Ich möchte mich trotzdem dafür bedanken, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben, Dr. Wellington“, murmelte sie, drehte sich sichtlich enttäuscht um und verließ eilig das Büro. Sie sah aus wie jemand, dem man die letzte Hoffnung geraubt hatte.

***

„War dein Besuch bei Dr. Wellington erfolgreich?“ Die Stimme ihres Neffen Oliver war wie üblich vom unverwüstlichen Optimismus getragen, selbst durchs Telefon.

„Er hat rundweg abgelehnt. Er scheint offenbar nicht das geringst Interesse an der Sache zu haben. Vielleicht lag es auch daran, dass er in Gedanken schon nicht mehr bei der Arbeit war. Er wollte in den Urlaub fahren. Trotzdem hätte er mir wenigsten etwas Interesse signalisieren können...“

Die junge Museumsdirektorin hörte selbst, wie deprimierend ihre Worte klangen.

„Was, er hat abgelehnt? Das kann doch nicht wahr sein!“ Olivers Stimme war anzumerken, wie befremdlich er die unerwartete Reaktion des Doktors fand.

„Er scheint wirklich nichts mit dieser außergewöhnlichen Sache etwas zu tun haben zu wollen. Keine Ahnung, was man ihm bieten müsste, damit er den Auftrag annimmt.“ Die Stimme der jungen Frau klang verzweifelt.
Ihr Neffe schwieg einen Moment lang bevor er plötzlich eine Idee hatte.

„Sag mal, Tantchen, du kennst doch diesen verschrobenen Multimillionär Mr. Benjamin Allister recht gut. Seid ihr nicht sogar eng miteinander befreundet? Ich meine den Typen mit der schwarzen Augenklappe, der sich immer damit rühmt, dass seine Vorfahren berühmte Piraten waren?“

„Was willst du damit sagen, Neffe?“

„Dieser Allister sammelt doch wie verrückt alles, was nur den Anschein eines mystischen Geheimnisses hat. Das gestohlene Artefakt würde ihn sicherlich interessieren. Dabei haben es ihm besonders unbekannte Schriften oder Schriftzeichen angetan. Und das hat doch dieses Ding – oder?“

Es dauerte einen Moment, bis bei Swetlana Morrison der Groschen fiel.

„Hm, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde mit Benjamin mal darüber reden. Danke für den Tipp, lieber Neffe. Ich werde ihn gleich anrufen. Wir sehen uns morgen beim Frühstück. Mach’s derweil gut...“

„Lass’ den Kopf nicht hängen, Tantchen. Schon morgen sieht alles anders aus. Ich bin mir sicher, dass Mr. Allister zubeißt. Bei dem spielt Geld doch keine Rolle, wenn es um solche Dinge geht. Außerdem steht der auf dich. So, ich lege jetzt lieber auf. Wir sehen uns dann!“

Noch am selben Abend führte die neue Museumsdirektorin zwei Telefonate. Eines in die USA mit ihrem Freund Benjamin Allister, ein weiteres mit Dr. Wellington. Danach ging sie ins Bad, machte sich für das Bett fertig und summte die ganze Zeit vor sich hin. In dieser Nacht schlief Swetlana Morrison besonders gut.

***

„Wie haben Sie heraus bekommen, dass es sich bei dem Artefakt um ein Duplikat handelt?“

Der Pensionär Dustin Herold drehte seinen Kopf nur leicht zu dem Fragesteller, den er hier im Museum das erste Mal sah. Er warf dem gutbeleibten Mann einen abschätzenden Blick zu.

„Wer sich damit auskennt, sieht das sofort“, meinte er kurz angebunden.

Dr. Wellington wackelte mit dem Kopf. Endlich hatte er den Typen soweit. Seit einer halben Stunde führte er ein geschicktes Gespräch mit ihm und endlich war er da, wo er ihn hinhaben wollte.

Mr. Herold kam jeden Freitag zwischen eins und fünf, und er hatte den Mann regelrecht abgepasst. Er war ein äußerst kluger Kopf mit einem fast fotographischen Erinnerungsvermögen. Er liebte besonders ausgefallene Artefakte oder seltene Kunstgegenstände aus längst untergegangenen Kulturen.

„Ich konnte mich genau an die Form und Anordnung der Hieroglyphen auf dem ausgestellten Gegenstand erinnern. Sie waren irgendwie gebrauchter, als das Ersatzstück, das ich später zu Gesicht bekam.

Dr. Wellington betrachtete fasziniert das aus glänzendem Metall bestehende, bumerangähnlich geformte Gebilde mit leicht zusammengekniffenen Augen.

„Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Hieroglyphen aus einer etwas anderen Farbe bestehen. Die auf der Nachbildung ist zwar auch rot, aber die auf dem Original war einfach intensiver. Manchmal hatte ich den seltsamen Eindruck, sie würden zu leuchten beginnen. Die Nachbildung tat das nicht. Ich kann mich natürlich auch getäuscht haben, aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass es manchmal so war, beim Original meine ich.“

Dr. Wellington schwieg versonnen und betrachtete das seltsam aussehende Artfakt immer noch. Auch wenn es nur eine Kopie war, war er insgeheim von Form und Aussehen dieses Dings irgendwie innerlich angetan.

„Das Original verfügt angeblich über geheime Zauberkräfte – sagt man jedenfalls. Es soll jede x-beliebige Person, die es in der Hand hält und über die Hieroglyphen einen ganz bestimmten Code eingibt einfach so verschwinden lassen können. Aber wer glaubt schon so einen Unsinn? Das Museum profitiert allerdings davon. Der Besucherstrom reißt einfach nicht ab. Der Gegenstand ist für viele schon ein regelrechtes Kultobjekt.“

Der Doktor hatte bereits von solchen Zuständen gehört. Mr. Herold beugte sich plötzlich leicht nach vorne und senkte die Lautstärke seiner Stimme.

„Wissen Sie, es darf kein Wort nach draußen dringen, dass es sich bei diesem Objekt nur um eine Nachbildung handelt. Das Museum verlöre eine Menge Geld, wenn die Täuschung auffliegt. Die Besucher blieben aus und die Einnahmen würden rapide sinken. Also kein Wort darüber, dass das, was Sie da in den Händen halten, nur ein Duplikat ist. Mit dem, was ich finanziell bekommen habe, schweige ich wie ein Grab bis an mein Lebensende.“

Mit diesen Worten tippte er sich leicht an seinen Hut und erhob sich ächzend, gestützt auf seinen krummen Spazierstock, von seinem Platz.

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag, Herr Doktor. Und legen Sie das Ding wieder genauso in die Vitrine zurück, wie es da vorher gelegen hat. Wir wollen doch nicht, dass noch ein weiterer Besucher den Schwindel aufdeckt – oder?“

Dann verschwand der Pensionär Mr. Herold geräuschlos durch die offene Glastür und verließ das säulenbestückte Museum über einen Aufzug.

Kaum war er außer Sichtweite, sprang Dr. Max Wellington wie von einer Ameisenarmee gebissen auf und eilte ins Büro von Swetlana Morrison. Er hatte ein paar interessante Fragen an die junge Museumsdirektorin.

***


„Dieser Mr. Herold scheint sich sehr gut auszukennen. Vielleicht sollten wir ihn ein wenig mehr auf den Zahn fühlen“, sagte Dr. Wellington.

„Wir lassen das lieber. Der weiß mehr als uns lieb ist. Wir haben ihn gut für sein Schweigen bezahlt und mit ihm eine Abmachung getroffen. Wenn wir ihn weiterhin belästigen, könnte er das an die große Glocke hängen“, erwiderte Miss Morrison energisch.

„Sie haben Recht, das geht nicht“, pflichtete Dr. Wellington ihr bei. „Wir müssen mit dem Wenigen, was wir bisher herausbekommen haben, einen Weg finden, das Original wiederzufinden. Ich lasse mir dazu einige Ideen durch den Kopf gehen. Aber zuerst werde ich einen guten Bekannten von mir in der Innenstadt besuchen, der dort einen kleinen Buchladen betreibt. Er kennt fast jeden und hört so allerlei...“

Doch mehr wollte Dr. Wellington nicht verraten. Er bat Swetlana Morrison ihm noch um ein Foto des Originals auszuhändigen, bevor er sich von ihr verabschiedete.

***


Die kleine Buchhandlung lag total versteckt in einer Seitenstraße am äußersten Rande der Innenstand, wo ein großer, historischer Park anfing. Bereits als
Dr. Wellington in die kleine Gasse einbog, war ihm so, als ließe er die moderne Welt hinter sich. Hier schien die Zeit schon lange stehen geblieben zu sein.

Als er das Geschäft betrat, bewegte sich eine altmodische Glocke, die sein Eintreten signalisierte. Die hölzerne Tür mit den blinden Scheiben klemmte etwas, und nachdem sie sich langsam und knarzend hinter ihm geschlossen hatte, war es um ihn herum ganz still. Wie verloren stand Dr. Wellington in dem kleinen Raum, der voller alter und neuer Bücher war.

Dämmriges Licht umhüllte ihn, und der Geruch nach Papier, altem Holz und verstaubtem Leder stieg in seine Nase. Ein wohlbekannter Geruch für den Doktor, denn früher, als er noch auf der Universität studierte, war er ein häufiger Gast in diesem kleinen Buchladen gewesen. Ein Rascheln und Schlurfen im hinteren Teil des Geschäfts kündigte gleich darauf jemanden an, und ein kurzes Hüsteln entlockte Dr. Wellington ein sanftes Lächeln.

„Reinhard“, rief er in den trüb beleuchteten Gang hinein.

Aus dem schummrigen Halbdunkel trat ein kleiner, gebückter, älterer Mann hervor. Die weißen Haare standen wie zerzauste Wattebäusche um seinen Kopf herum, auf der langen Nase befand sich eine altmodische Brille. Als der betagte Mr. Reinhard Baumann den Doktor sah, hob er die dünnen Arme etwas in die Luft, was seine Art der Begrüßung eines alten Freundes war.

„Max! Wie lange ist es her, als ich dich das letzte Mal gesehen habe?“

Die beiden Männer begrüßten sich herzlich, indem sie einander fest umarmten. Dann drückten sie sich lange die Hände.

„Ich habe beruflich sehr viel zu tun. Das war damals anders. Während meines Studiums hatte ich mehr Zeit zu dir zu kommen“, meinte Dr. Wellington und zuckte bedauernd die Schulter.

„Ja, und wenn du den Weg jedes Mal hierher findest, hast du meistens eine harte Nuss für mich mitgebracht. So ist es doch, nicht wahr!“

Der Doktor nickte. Reinhard Baumann war auch ein enger Freund seines verstorbenen Vaters gewesen. Für ihn war der Alte immer Mentor und Freund zugleich gewesen. Schon damals, als er noch ein junger Mann war, kam er häufig hier hin, um sich Bücher über Kunst, Kultur und Archäologie auszuleihen. Bis zum heutigen Tag stand ihm der liebe alte Mann mit Rat und Tat zur Seite, wenn er ihn für seine wissenschaftlichen Recherchen brauchte.

Nachdem er vorgetragen hatte, was ihn bewegte, legte er ein Foto des Artefaktes auf den Ladentisch. Der Alte sah es sich an und grübelte.

„In der Tat, mein Freund, diese Nuss ist etwas ganz Besonderes und so hart, dass ich mir alleine daran die Zähne ausbeißen würde. Ich brauche wieder einmal deine Hilfe.“

Reinhard Baumann lächelte ein wenig, machte eine einladenden Geste und deutete dann an, dass sein Besucher in den hinteren Teil des Ladengeschäftes kommen sollte.

Der alte Buchhändler bot Dr. Wellington einen Tee an und schenkte ihm ein. Dann nahmen beide in bequemen Ledersesseln Platz. Mit erstaunlich klaren und hellen Augen hörte sich der Alte den Bericht über die Vorfälle im Museum interessiert an. Immer wieder betrachtete er dabei das DIN A 4 große Farbfoto, auf dem das seltsame, bumerangähnliche Artefakt zu sehen war.

„Ich habe gehört, dass das Original über geheimnisvolle Kräfte verfügen soll, wenn man mit Hilfe der Hieroglyphen einen bestimmten Code eingibt. Ich kann mir nicht denken, dass es von der Erde stammt. So etwas kann nicht von Menschenhand erschaffen worden sein“, erklärte Dr. Wellington.

„Ich bin mir ziemlich sicher, kein Buch über etwas Derartiges im Haus zu haben. Ich habe so etwas noch nie gesehen, nur davon hin und wieder gehört. Böse Geschichten ranken sich um diesen Gegenstand. Aber wenn du gestattest, werde ich einen guten Geschäftsfreund bitten, bei sich im Privatarchiv nachzuforschen. Sein Name ist Johnny Cooper. Vielleicht kommt dir der Name bekannt vor. Er gehörte mal der Regierung als Experte für außerirdische Lebensformen an. Es kann allerdings ein paar Tage dauern.“

Dr. Wellington biss sich auf die Lippen. Er hatte der jungen Museumsdirektorin doch noch seine Unterstützung zugesagt, weil sie ihm ein finanzielles Angebot gemacht hatte, das er einfach nicht ablehnen konnte. Aber er konnte seinen alten Freund nicht zur Eile antreiben, der sich um die Sache zwar kümmern würde, aber in seinem eigenen Tempo.

„Vielen Dank, mein alter Freund. Manchmal wüsste ich nicht, was ich ohne dich täte!“

Die beiden Männer tauschten noch ein paar allgemeine Neuigkeiten aus, dann macht sich Dr. Max Wellington wieder auf den Weg. Reinhard Baumann hingegen begann sofort mit seinen Nachforschungen, um die sein Freund ihn gebeten hatte. Er tat das mit einer gewissen Eile, gerade so, als ahne ein Teil von ihm bereits, wie dringend die Angelegenheit tatsächlich war.


***

Zwei Tage später klingelte das Telefon bei Dr. Wellington, der seinen Urlaub verschoben hatte und wieder im Büro an seinem Schreibtisch saß. Von Urlaub keine Rede mehr. Er nahm den Hörer ab und vernahm eine bekannte Stimme. Reinhard Baumann war dran und schien ziemlich aufgebracht zu sein. Der Doktor zögerte nach einem kurzen Gespräch keine Sekunde lang, seinen alten Freund sofort in seinem Buchladen aufzusuchen. Er verließ das Büro und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo sein schneller Hybridwagen geparkt einsam in einer Stellbox stand. Eine halbe Stunde später stand er in Reinhard Baumanns Geschäft und ließ sich von ihm erzählen, was passiert war.

„Wer auch immer dieses Artefakt gestohlen hat, mit oder ohne fremder Hilfe, diese Person oder seine Hintermänner sind äußerst gefährlich. Ich würde dir empfehlen, dass du dieser Lady, wie heißt die noch gerade? Ach ja, Miss Morrison sagst, sie sollte sich lieber an die Polizei wenden. Du bist ja schließlich kein Kriminalbeamter und auch kein Detektiv.“

Dr. Wellington zuckte bei den Worten des Buchhändlers unwillkürlich zusammen. Er blickte einfach nicht durch, was sein Freund Baumann eigentlich sagen wollte.

„Ich verstehe nur Bahnhof. Willst du mir nicht erklären, worum es bei der ganzen Sache überhaupt geht“, fragte er ratlos.

Der alte Mann schaute den Jüngeren kurz prüfend an und schüttelte schließlich resigniert den Kopf. Aber er wusste auch im gleichen Moment, dass sich Max Wellington mit ein paar allgemeinen Warnungen nicht zufrieden geben würde.

„Nimm erst einmal Platz“, forderte er seinen Freund auf. „Dann erzähl ich dir alles, was ich über diesen Gegenstand heraufgefunden habe.“ Er selbst setzte sich seinem neugierig gewordenen Besucher gegenüber.

„Mein Geschäftspartner, Mr. Cooper, hat eine Menge über dieses seltsame Ding aus dem Museum gewusst. Das hat mich selbst erstaunt. Er redete davon, dass es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit in der Hauptsache wohl um so eine Art rituellen Gegenstand handelt, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem All stammt, also außerirdisch sein soll. Durch wen und wie er zu uns auf die Erde gekommen ist, konnte er zwar selbst nicht sagen, aber er wusste genau, wem dieses Ding offenbar mal gehörte. Es soll sich in der Tat um ein Wesen aus dem All handeln, genauer gesagt um einen so genannten Alien-Metamorph, also etwas, was die Gestalt eines anderen Menschen oder jedes x-beliebigen Tieres annehmen kann, das in etwa seiner Körpergröße und Körpermasse entspricht. Das klingt in der Tat einfach unglaublich und zu fantastisch. Nichtsdestotrotz sah sich die Regierung seinerzeit dazu gezwungen, wegen der vielen Berichte über eine große Zahl unaufgeklärter Mordfälle, die sich übrigens überall auf der Welt in den verschiedensten Regionen ereignet haben, alles Material dazu sicherheitshalber sämtlich unter Verschluss zu nehmen. Jede Information wurde unterdrückt, was mit diesen schrecklichen Morden nur den Anschein nach zu tun haben konnte. Man hat es bis heute zur Geheimsache erklärt. Das tat sie aus reiner Vorsicht. Man will wohl damit eine Panik unter den Menschen vermeiden. Scheinbar wussten bereits einige Leute sogar, wie dieser Außerirdische aussieht. Die Kreatur soll aufrecht gehen können und wie eine mannshohe Echse aussehen. Ich dachte erst, dass mich Cooper verulken wollte, als er mir davon erzählte. Aber der fremdartige Besitzer dieses Artefaktes wurde tatsächlich mehrmals von Augenzeugen direkt gesehen. In manchen Gegenden ist er sogar schon zu einer echten Legende geworden. Man darf davon ausgehen, dass diese Angaben der Wahrheit entsprechen. Von Zeit zu Zeit soll der Außerirdische immer wieder mal die Erde besuchen, um sich an Menschenfleisch gütlich zu tun. Sein Ritual ist dabei eine ausgefeilte, gut durchdachte Jagd. Diese Tatsache könnte auch für dich gefährlich werden. Solange das Ungeheuer allerdings seinen Gegenstand, mit dem es sich verschwinden lassen kann, nicht hat, ist es mehr oder weniger verwundbar. Aber sicher ist das nicht. Doch sollte es so sein, dann wird es bereits auf der Suche nach seinem Besitz sein und dabei die Gestalt anderer Menschen annehmen. Wenn das alles stimmt, ist jeder, der nach dem Artefakt sucht, in potenzieller Gefahr.“

Dr. Wellington wiegte den Kopf hin und her und fuhr sich mit der Hand mehrmals über die schwitzende Stirn.

„Hört sich für mich alles ziemlich merkwürdig an“, sagte er schließlich leicht genervt.

„Wie auch immer. Ich kann dir nur sagen, dass es sich hier nicht um irgendwelche Spinnerrein handelt. Hinter dem Diebstahl steht entweder eine Bande von Leuten, die sich davon etwas versprechen oder es ist sogar möglich, dass die Bestie aus dem All selbst dahinter steckt. Im ersten Fall geht es um unermessliche Macht und viel Geld. Der Raub des Artefaktes muss demnach von langer Hand geplant und ausgeführt worden sein. Im zweiten Fall hätte die Kreatur wohlmöglich ihr Ziel schon erreicht und wir bräuchten nicht mehr nach dem ominösen Fundstück zu suchen. Sei also vorsichtig, mein Freund! Ziehe beide Tatsachen in Erwägung!“

„Woher weißt du das alles?“

Der alte Mann schob dem erstaunten Doktor ein paar Blätter zu.

Das sind Kopien meines Geschäftspartners. Sie sind hoch geheim. Er hat sie damals selbst angefertigt, als er noch für die Regierung tätig war und heimlich aus seinem Büro schmuggeln können. Cooper ist froh darüber, die Blätter endlich los zu sein. Irgendwie waren sie ihm immer schon suspekt. Gerade so, als hafteten ihnen etwas Böses an. Nein, er will nicht weiter in die Sache hineingezogen werden, und ich akzeptiere das. Auch muss ich meinen Informanten schützen.“

Bei diesen Worten sah sein Freund Baumann auf einmal seltsam blass und unruhig aus. Ganz so, als habe ihm das, was er inzwischen über die ganze Sache wusste, selbst einen gehörigen Schrecken eingejagt. Irgendwie wirkte er leicht verändert. Aber Dr. Wellington achtete nicht mehr darauf.

„Aber ich hätte ihn gerne mal in dieser Angelegenheit selbst gesprochen. Ich würde mich freuen, mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Vielleicht weiß er mehr über den Fall als er zugibt. Was meinst du? Könntest du mir seine Adresse geben, trotz aller Bedenken, deinen Informanten zu schützen?“

„Hm, du kannst es ja mal versuchen. Aber ich kann dir nicht garantieren, ob er dazu bereit ist, mit dir in dieser Angelegenheit ein Gespräch darüber führen zu wollen. Trotzdem, seine Adresse findest du im Telefonbuch“, antwortete der alte Buchhändler. „Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen.“ Dann versuchte er das Thema zu wechseln.

Dr. Wellington blieb noch Weile bei seinem alten Freund und beide ließen vergangene Zeiten wieder aufleben. Es war schon sehr spät, als er sich endlich von dem alten Buchhändler verabschiedete.


***

„Verzeihung Sir. Sind Sie Mr. Johnny Cooper? Ich bin ein Bekannter ihres Geschäftspartners Reinhard Baumann.“

Der Mann im Garten sah erstaunt auf und nickte unwillkürlich mit dem Kopf. Dann näherte er sich der kleinen Steinmauer. Es war eine merkwürdig aussehende Gestalt, die sich da mit trägen Schritten auf Dr. Max Wellington zu bewegte. Auf ihrem Kopf befand sich ein ausladender Hut aus Stroh, um den fülligen Bauch schlang sich eine grüne Wachsschürze und quietschgelbe Gummihandschuhe versteckten ihre Hände, die eine geöffnete Gartenschere festhielten.

„Ich bin Dr. Max Wellington. Ich arbeite zur Zeit für das City Museum. Ich komme in einer ganz bestimmten Angelegenheit zu ihnen, Mr. Cooper. Es geht um das gestohlene Artefakt. Na, Sie wissen schon...“

Der Gärtner blinzelte ein wenig, gerade so, als sei Dr. Max Wellington ein Vertreter aus einer fremden Welt, die schon lange nicht mehr zu seiner gehörte.

„Ja und? Und das führt Sie zu mir?“ fragte er trotzdem ein wenig arrogant. Doch beim Anblick von Dr. Wellington schien er sich plötzlich eines anderen zu besinnen. Die Brisanz seines Anliegens schien selbst ihm mittlerweile klar geworden zu sein. Und tatsächlich winkte Mr. Cooper sein Gegenüber auf der anderen Seite der Mauer zu einem schmalen, schmiedeeisernen Tor, das er seinem fremden Gast nun von innen öffnete. Danach entledigte er sich seiner Gärtnerkleidung samt Handschuhe, nahm den Doktor mit ins Haus und bot ihm einen Eistee aus einer dort auf dem Tisch stehenden Karaffe an. Nach dem ersten Schluck sprach Max Wellington den Grund seine Besuches an und schilderte dem Pensionär und Hobbygärtner, was passiert war. Mr. Cooper schwieg die ganze Zeit. Nur ab und zu nickte er vielsagend mit dem Kopf.

„Ein Artefakt aus dem Museum entwendet. Das gab es noch nie in unserer Stadt. Was würde bloß der alte Direktor Jack Hoover dazu sagen? Aber alles passiert ja zum ersten Mal. Ich kenne die neue Museumsdirektorin übrigens sehr gut von meiner früheren Arbeit her. Da war sie noch Assestentin. Ich war jahrelang für die Regierung tätig, müssen Sie wissen. Wir hatten schon häufiger in Sachen Mystische Kunst miteinander zu tun und war darüber hinaus ein häufiger Gast im City Museum. Miss Morrison ist relativ jung und sehr zielstrebig, kennt sich gut aus und kommt bei den Leuten bestens an. Sie ist eine hervorragende Besetzung für das altehrwürdige Museum.“

Mr. Cooper schien für einen Augenblick in seinen Erinnerungen zu versinken, bevor er sich zusammenriss und eine neue Frage stellte.

„Wie sollte das denn passiert sein? Die Sicherheitsvorkehrungen im Museum sind beispielhaft.“

Wellington rieb sich das Kinn. Diese Frage hatte er auch schon mit Swetlana Morrison lang und breit erörtert.

„Irgendjemand muss den Zeitraum genutzt haben, in dem der Direktionswechsel vollzogen wurde und Miss Morrison ihre Stelle noch nicht angetreten hatte.“

„Alle Mitarbeiter, so viel ich weiß, sind schon seit vielen Jahren dort“, gab Mr. Cooper zu bedenken. Es war ihm anzusehen, wie unwahrscheinlich ihm Wellingtons Gedankengänge erschienen, jemand aus dem Museum selbst habe etwas mit dem Verschwinden des Artefaktes zu tun.

„Gab es vielleicht noch andere Möglichkeiten, das jemand Fremdes Zugang zu dem Schlüsselraum hatte?“

Von Swetlana Morrison wusste Dr. Wellington bereits, dass auch Mr. Cooper seinerzeit, als er noch im Dienste der Regierung stand, einen Generalschlüssel für das Museum besessen hatte. Es wäre für ihn eine leichtes Spiel gewesen, diesen nachmachen zu lassen. Außerdem war er Witwer, der bereits seit vielen Jahren allein lebte. Seine Frau galt als vermisst. Angeblich soll sie in Afrika auf einer Safari umgekommen sein. Doch genaues wusste man nicht über den wahren Tod seiner Frau. Der Mann schien voller Geheimnisse zu sein.

Doch wie erwartet, schüttelte der alte Herr den Kopf. Dann jedoch schien ihm ein Gedanke zu kommen. Umständlich nahm er seinen Strohhut ab und fuhr sich mit einem großen Taschentuch kurz über die verschwitzte Stirn. Seine schütteren Haare klebten auf der pigmentierten Haut seines Kopfes. Seltsame grüne Flecken waren darauf zu erkennen, die Wellington nicht einordnen konnte. Vielleicht färbte der Hutrand innen ab, dachte er so für sich und gab sich mit dieser eigenen Antwort zufrieden.

Cooper redete weiter.

„Ich weiß nicht wie ich es sagen soll und ob der Vorfall überhaupt etwas mit dem Diebstahl des Artefaktes zu tun hat. Es gibt etwas..., aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese unscheinbare Sache mit alledem etwas zu tun hat..., das wäre einfach unglaublich“, murmelte der alte Mann.

Dr. Morrison wurde hellhörig.

„Alles, was damit in Zusammenhang stehen könnte, ist wichtig. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann erzählen Sie es mir jetzt“, erwiderte er.

Kurze Zeit später wusste Dr. Wellington alles über einen bestimmten Abend, an dem der ältere Herr beinahe überfahren worden wäre.

„Könnte es sich bei der ganzen Sache um einen fingierten Fast-Unfall gehandelt haben? Mit dem einzigen Zweck, dass sich Ihnen ein Fremder nähern konnte?“

„Sie meinen den jungen Mann, der sich als Arzt ausgab und mich ins Krankenhaus bringen ließ?“

Dr. Wellington nickte.

„Vermutlich war auch der Taxifahrer mit involviert. Möglich ist alles.“

„Oh, mein Gott“, rief Cooper plötzlich erschreckt aus, als würde er sich an den besagten Abend an jedes Detail erinnern.

„Ja..., natürlich..., mein Retter hat mich in die Ambulanz begleitet und mir dort aus dem Mantel geholfen...“

„...in dem Sie ihren Schlüsselbund trugen, nicht wahr?“ beendete Wellington den Satz.

„Ja, ich habe ihn erst einen Tag später vermisst, als ich wieder zuhause war. Ich dachte, ich hätte ihn beim Sprung auf den Gehsteig verloren. Ich ließ mir natürlich sofort ein paar neue anfertigen.“

„Besaßen Sie noch einen Generalschlüssel des Museums, Mr. Cooper?“

„Äh, ich muss es wohl versäumt haben, ihn abzugeben. Oder habe ich das schon getan? Mir fällt im Augenblick nichts dazu ein. Ich müsste erst in meinem Schreibtisch oben im Arbeitszimmer nachsehen.“

Dr. Wellington spürte, dass der Mann ihm an dieser Stelle nicht die ganze Wahrheit sagte. Irgendwas stimmte hier nicht. Er war ganz und gar nicht gewillt, jetzt doch noch unverrichteter Dinge von dannen zu ziehen. Der Mann hatte offenbar was mit der Sache zu tun.

Wellington sprach Klartext. Das war seine einzige Chance um an die Wahrheit heranzukommen.

„Mr. Cooper, jetzt, wo wir wissen, wie der Diebstahl begangen wurde, sind Sie es dem Museum einfach schuldig, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um den Aufenthaltsort des gestohlenen Artfaktes mitzuteilen, damit es wiederbeschafft werden kann.“

Bei diesen Worten, die direkt an sein schlechtes Gewissen appellierten, zerbröckelte der Widerstand des alten Mannes.

Schließlich beugte er sich weit nach vorne, bis sein schrumpeliger Mund fast Dr. Wellingtons Ohr berührte, so. als befürchte er, jemand Unbefugtes könnte mithören. Doch dann zuckte er plötzlich zurück und sprang auf.

„Nein!“ rief er und deutete nach draußen in den Garten, wo eine kleine Gartenhütte einsam hinter einer hohen, grünen Hecke stand. „Er ist hier und wird uns alle holen. Er hat Macht und mich dazu gezwungen, ihn bei mir aufzunehmen. Ich wollte das nicht, aber er ist der Teufel in Menschengestalt. Ein Ungeheuer, das Menschen frisst“, stieß der Alte schnaubend und zitternd hervor und rannte wie von Sinnen aus dem Haus.

Dr. Wellington stob Cooper hinter her, schlug jedoch die Richtung zur Gartenhütte ein. Wenn der Alte die Wahrheit gesagt haben sollte, dann wird mich niemand davon abhalten, diesen Dreckskerl mit meinen Kugeln in ein Sieb zu verwandeln. Hastig zog er seinen schweren Trommelrevolver aus der Hosentasche, entsicherte ihn und blieb kurz vor der Gartenhütte stehen. Fest entschlossen hob er die Waffe an und zielte damit auf die offen stehende Tür des Gartenhäuschens.

„Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Ich warne Sie! Ich werde schießen, wenn Sie meiner Aufforderung nicht nachkommen. Sie haben keine Wahl...“

Der Rest des Satzes blieb Dr. Wellington im Hals stecken, als er die Stimme von Mr. Cooper hinter sich hörte. Er spürte seinen heißen Atem im Nacken, der ihn erschauern ließ. Oder war es schon der Atem des Ungeheuers?

"Aber, aber, mein Freund. Sie werden doch nicht gleich auf mich schießen, oder? Waffe runter, sofort oder ich beiße Ihnen die Schlagader auf!“

Starr vor Entsetzen ließ Wellington den Revolver fallen, der mit einem klatschenden Geräusch auf den feuchten Boden fiel. Mr. Johnny Cooper umrundete den Doktor wie eine schleichende Katze, bis er endlich direkt vor ihm stand und ihm ins Gesicht sehen konnte. Der Körper des angeblich alten Mannes veränderte sich plötzlich langsam und kontinuierlich in die Gestalt eines schrecklich aussehenden Echsenmonsters. In der rechten Klaue hielt es einen bumerangähnlichen Gegenstand, dessen rötliche Schriftzeichen intensiv zu leuchten begannen.

„Haben Sie etwa nach meinem Artefakt gesucht, Dr. Wellington? Sie wissen doch, es gehört mir und nicht eurem lächerlichen Museum. Schon Generationen meiner Vorfahren haben es getragen. Nur manchmal bin ich vergesslich und lasse es irgendwo liegen. Vor allen Dingen dann, wenn ich mir den Bauch mit leckerem Menschenfleisch vollgeschlagen habe. Aber zum Glück kann ich mein Erbstück immer wieder orten, selbst dann, wenn es hinter dicken Mauern liegt. Soll ich ihnen verraten, woher ich komme? Ich komme von einem Planeten, der sich weit draußen im Universum befindet. Wir sind eine uralte Rasse und reisen immerfort durchs unendliche All, ständig auf der Suche nach bewohnten Planeten, auf denen es was zu fressen für uns gibt. Ihr Menschen seid besonders schmackhaft und saftig. Ich komme immer wieder gerne zu euch. Ja, ich freue mich schon auf ihr zartes, lockeres Fleisch und das viele Blut in ihnen, das so überaus köstlich schmeckt, Dr. Max Wellington. Ich musste mich schon viel zulange zurückhalten. Aber jetzt, hier draußen im einsam gelegenen Garten, wo uns niemand sehen kann, lasse ich meinem animalischen Fresstrieb freien Lauf.“

Kein Blitz hätte bei einem Menschen eine stärkere Erschütterung ausgelöst, wie bei Dr. Wellington. In Todesangst fing er an zu schreien und wollte davonrennen. Das Monster jedoch war schneller und spie ihm eine dunkel aussehende Brühe mitten ins Gesicht, die sich wie Säure durch seine blutleere Haut fraß.
Seine verzweifelten Schreie verwandelten sich nach und nach in ein hilfloses Gurgeln und als er endlich zu Boden stürzte, war das schreckliche Monster auch schon direkt über ihm, um seinen wehrlos zuckenden Körper in Stücke zu reißen.

Schmatzend vor Fressgier geriet die außerirdische Kreatur in eine wahnsinnige Blutorgie, bis am Ende nur noch die Knochen von Dr. Wellington verstreut im Garten herumlagen.

Dann wurde es ganz plötzlich still. Das Monster hatte seinen unbändigen Hunger nach Menschenfleisch gestillt und drückte wenig später mit seinen blutigen Klauen auf die geheimnisvollen, rötlich leuchtenden Schriftzeichen des silbrigfarbigen Artefaktes, das die Form eines Bumerangs hatte.

Dann verschwand es schlagartig, als wäre es vom Erdboden verschluckt worden.

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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