Karin Unkrig

Abendblatt 1 (Fortsetzungsgeschichte)

Blick in die Redaktionsstube von Louis und Elle. Er ist Politologe, sie Soziologin. Er raucht, sie joggt. Die beiden sitzen sich direkt gegenüber. Früher hätten sie sich den Telefonapparat teilen müssen, heute ist es der Laserdrucker – sowie das Los von Neulingen im Medienbusiness.



Louis atmet auf: «Geschafft, auf den letzten Drücker!» «Nun musst du es nur noch durchlesen», wirft seine Kollegin ein. Louis schüttelt den Kopf: «Das ist zu viel verlangt!» «Ist es nicht», erwidert Elle. «Es gehört dazu, selbst bei einem Geniestreich. Zugegeben: Dieser Schritt erfordert Disziplin, Konzentration und Geduld. Nicht gerade deine Stärke …» «Deine auch nicht», gibt der Angegriffene zurück. «Du könntest ruhig mal etwas von mir durchsehen.» «Sofern du mir vorher das Konzept zeigst», kontert Elle. «Bei mir verläuft die inhaltliche/strukturelle Prüfung parallel zum Schreibprozess», blafft Louis. «Dafür ärgerst du dich grün und blau, wenn du im Nachhinein eine Unstimmigkeit entdeckst», ertönt aus dem Hintergrund. Die Chefredakteurin hat den letzten Teil des Gesprächs mitgehört. Sie tritt näher. «Ich habe einen Vorschlag: Setzen wir ein Controlling für den Abschluss ein – Agenturmeldungen und eigene Texte. So wirkt alles wie aus einem Guss, weist eine einheitliche Linie auf. Oberste Prämisse: eine leserorientierte und verständliche Schreibe, zugeschnitten auf unsere Zielgruppe.»

 

Von der Rohfassung …

Grosses Schweigen. Die Chefin doppelt nach: «Redigieren gilt eh als undankbare Aufgabe. Weshalb soll man sie nicht abtreten? An eine Person mit Sprachtalent, Röntgenblick, fantastischem Gedächtnis, Misstrauen gegenüber Wortblasen, Gespür für Fettnäpfchen …» «Und Fingerspitzengefühl!», rufen die Mitarbeitenden wie aus einem Mund. «Was würde so jemand machen? Korrigieren, verbessern, gar kürzen? Titel setzen, Legenden erstellen? Hilfe!»

Die Vorgesetzte kontert: «Redigieren bedeutet ›in Ordnung bringen‹, ›zurückführen‹, ›für die Veröffentlichung aufbereiten‹. Nicht selten divergieren Terminologie, und Stil unserer Autoren. Wovor fürchtet ihr euch? Die Pressefreiheit bleibt erhalten, die Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung gewahrt.»

 

… bis zum Finish

Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Louis sieht sich seiner Lieblingsformulierungen beraubt, Elle ihrer Improvisationsfähigkeit. Der Gegenvorschlag lässt nicht auf sich warten: «Wir tauschen jeweils die Rohfassung aus und lesen sie gegenseitig durch. Das schafft nicht mehr ›Ordnung‹ auf dem Schreibtisch, dafür Verständnis für das Ressort des anderen. Jeder profitiert und es spart Zeit. Ausserdem fördert diese Massnahme das Teamworking (speziell wenn wir zu zweit ausrücken, für eine Reportage).» Juan, der Volontär ergänzt: «Ich kenne einen einfachen Trick: Ausdruck in anderer Schrift und Grösse. So greift der Check hinsichtlich Logik und Stringenz. Fürs Korrektorat hat’s immer noch genug.» Zurück in ihrem Büro hakt die Chefredakteurin den Punkt «Qualitätskontrolle, intern» ab.


 

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