Johanna Döttelmayer

To Grow Up Is The Only Thing Left To Do


With a lack of self esteem
I walked into my teens
And six years later
I'm still frustrated
I'm still not who I want to be



„Irgendwie ist das doof“, denke ich während ich die Waschmaschine bis zum Rand anfülle.
Sie steht in unserem Haus in einer eigenen Waschküche. Meine Mutter meint ständig, ich hätte Glück, weil ich so nicht dauernd zur Reinigung laufen muss, so wie sie es in ihrer ersten eigenen Wohnung tun musste.
Ich kann es trotzdem nicht ausstehen.

Das hat damit zu tun, dass ich nach einer Zeit bemerkt habe, dass er hier nicht mehr auftaucht.
Ich treffe hier, wenn überhaupt, nur noch alte Omas an.
So verbringe ich meine Samstagvormittage. Zwischen Omas und ihren Riesenbaumwollschlüpfern während andere in meinem Alter nach ihrer gestrigen Party ihren Kopf in die Kloschüssel stecken, wie jeder andere normale Student.

Tatsächlich. Ich muss irgendwie abnormal sein.
Weil ich mich gerade selbst reflektiere und bemerke, dass ich auf meine Wäsche warte, indem ich leise Rockmusik in meinen Gehörgang pumpe und dabei mit beiden Zeigefingern im Takt auf die Maschine trommle.



Wait - how can I entertain these thoughts of life without you?
I'm losing my mind and with that the love of my life
I step out my door to a beautiful day and a world full of hate 
but I still hold on to a hope for you and me
Yes, I still I hold on to this foolish hope




Die Musik wird lauter und ich gehe richtig ab. Weil – WENN ich schon mein Wochenende auf diese Weise verbringen muss, anstatt mich in der warmen Märzsonne zu rekeln, muss ich mich irgendwie unterhalten.
Leider merke ich durch die Lautstärke nicht, dass ich Besuch bekommen habe.

Oh ja, sage oder denke niemals nie …

Ich dachte, er würde nie wieder hier auftauchen.
Und – genau JETZT.
Genau jetzt ist der Moment, in dem ich etwas ganz Wichtiges zu verstehen beginne: Nur jemand, der in diesem Blockhaus wohnt, kann diese Waschküche betreten. Er muss hier in der Nähe wohnen!
Will heißen, wenn ich mich weniger in meiner Wohnung, hinter meiner Playstation spielend, verbarrikadiert hätte, wäre ich ihm sicher schon öfter begegnet.
Und dann auch nicht in einem Augenblick, in dem ich mich wie der seltsamste Mensch auf Erden benehme – denn ich mache diesen kranken Unterhaltungsblödsinn mit meinen Fingern sonst NIE.

Ich bin ja auch kein Dauer-Talkshow-Zuschauer.
Naja. Also eigentlich nur, wenn ich mal wieder nicht einschlafen kann.
Aber zurück zur Gegenwart:
Sein Gesicht sagt alles über meinen Anblick aus – also den, den ich noch vor einer halben Sekunde ergeben hab.

Aber okay, der Neue, mit den großen Augen und dem Knieschlottern ist wohl auch nicht soooo der Bringer.
Und ich weiß auch zu 140 Prozent, was ihm durch den Kopf gegangen muss, naja, realitätsnaher; was ihm richtig ins Gesicht geschlagen hat, nachdem er mich so gesehen hat: 

Wie kann man mit ganz offensichtlichen mehr als 18 Jahren noch so kindisch sein?
Da hätten wir es wieder.
Schnell ziehe ich einen iPod-Ohrstöpsel aus meinem Ohr (ach was, wirklich, aus deinem Ohr?) und grinse blöd.

Wenn Gott mir die Zeit gut schreiben würde, die ich in meinem Leben schon für „Doof-Grinsen-weil-ich-mich-gerade-umso-doofer-benommen-habe“ verschwendet habe, hätte ich mehr Leben als eine Katze.
Dabei ist er doch mein Schwarm oder nach meinem peinlichen Auftreten nun wohl eher mein Ex-Schwarm. Sogar mir naivem Kind wäre es jetzt zu peinlich noch über ihn und mir auf einer unendlich großen Wiese im strahlenden Sonnenschein nebeneinanderliegend, herumzufantasieren.

Wenn ihr euch jetzt fragt, warum ich mir gerade dieses Szenario ausgesucht habe:
Weil ich in der Realität bisher nur neben einer Person aufgewacht bin. Und zwar meiner Mutter, die mir früher am Fuße meines Bettes „Christina, willst du wirklich austesten, ob du  m e h r  schlafen kannst als ein Siebenschläfer?“, ins Ohr raunzte.
So wie sie mir auch gerne „du hast zwei verschiedene Paar Socken an“, als Begrüßung entgegennölte, oder gelegentlich anmerkte: „Dein Schrank sieht aus, wie eine Müllhalde“, oder noch besser „bei deinem Schlafzimmer verziehen sich sogar die Ratten in ihr dreckiges Loch zurück“.

Immer noch grinse ich mehr als dämlich und die Musik läuft weiter.



Everyday I wake up and hear you whisper my name
Maybe breathe a little prayer but it just ain't the same
Ignoring every word you say
Every word when you tell me

Be still
Just stay still
Be still
But oh God



Manchmal hätte ich ihr gerne einen Kronkorken in den Mund gestopft.
Nicht, dass ich meine Mutter nicht liebe. Aber ich liebe nicht diese Worte, die sie dauernd an mich richtet.

Er, dessen Name ich auch ganz zufällig nicht weiß, weil ich ihm bekanntlich ja erst zweimal begegnet bin, ich mir aber trotzdem gaaanz sicher bin, dass er DER EINE für mich ist, da wir sofort eine gewisse Connection zueinander hatten, (er hat mir seinen Weichspüler geborgt. Genau denselben, den auch ich benutze!!!), grinst ebenfalls weiter.
Belustigt, fast schon kurz vorm Prusten.
Oh ja, nur zu.

Bitte, lass deinen amüsanten Gedanken freien Lauf. Aber wenn du mir das Herz brechen musst – dann bitte schnell!
Damit ich mir von einem anderen mein Restherz brechen lassen kann. 
Ganz zufällig gibt es nämlich auch andere Männer, die Weichspüler benutzen und mir ausborgen würden.
Bäh.

Oh je, ich bin mal wieder extrem kindisch.
Nur, weil ich nicht zugeben will, wie sehr es mich wurmt, diese einmalige Chance verbockt zu haben.
Auf einmal merke ich, wie Mutters Stimme in meinen Kopf hineinquatscht: „Ach, sei doch nicht so kindisch! Du kennst ihn doch gar nicht!“
Ist ja jetzt auch nicht mehr relevant, nicht wahr? Immerhin werde ich ihn jetzt auch nicht mehr kennenlernen.
Denn er stopft seine Wäsche in eine Maschine und setzt sich dann auf einen Stuhl daneben. Wenigstens nicht all zu weit von mir entfernt. Das heißt, er denkt wenigstens nicht wie meine Schulkollegen in der vierten Grundschule, dass ich gefährliche Krankheiten übertrage.

Da sitzt er und tippt ewig lang auf seinem Mobiltelefon herum.
Bis  er auf einmal zu mir aufsieht - Weil ich V O L L I D I O T ihn auch anstarren musste.
„Stirb einfach! Stirb einfach!“, sage ich still zu mir selbst, dem doofen Stöpsel, der nicht auf seine Waschmittelflasche passen will, so wie ich es normalerweise auch sage, wenn ich Burning Crusade zocke.

Jetzt bin ich ehrlich wütend.
Weil ich mir doch so sehr gewünscht habe, mit ihm eines Tages einen Weg entlangzuspazieren. Irgendeinen Weg.
Oder ihm einfach nur ohne Ausflüchte ins Gesicht sehen zu dürfen, auf diese kleine Nase, die irgendwie stupsig aber auch spitz war und den leicht rötlichen Augenringen, die mir so viele kleine Geschichten erzählen könnten – wenn ich sie nur lang genug betrachten dürfte.



Everybody's got something for me to do
And my head's filled with thoughts of everything but you



Hach, Hilfe, ich schmelze.
Das tue ich wirklich.
Mein Herz wird weich wie Pudding, bleibt aber elastisch wie Konzentrationssaft, dem das Wasser fehlt.

Hätte ich den Mumm und es noch nicht verpatzt – und nicht so viel anderen Scheiß gemacht, anstatt einfach meine blöde Wäsche zu waschen – hätte ich ihn auf der Stelle gefragt, ob er nicht mein Co² sein möchte.
Denn er hat so erweichend nachdenklich ausgesehen, als er auf sein Handydisplay gestarrt hat.

Jetzt ist nur mehr Neugier in seinen grün schimmernden Augen:
Verwunderung, warum ich ihn so angestarrt habe.

„Was ist denn los? Hast du wieder was vergessen?“

Uh. Noch ein Stich ins Herz. Seine Stimme klang nüchtern, kalt, naja oder doch eher neutral? Aber sollte er fröhlich tanzen, wenn er einen Satz mit so einem Inhalt zu mir spricht?
„Nein, hab ich nicht“, erwidere ich mit fester Stimme.
Damit ich im Falle des Falles nicht als Feigling gelte.

„Was?“, fährt er sofort überrascht auf und blinzelt mich an, mit seinen hübschen, großen Klick-Augen. Weil es immer Klick macht, wenn er sie schließt.
Er ist irgendwie verwundert.
Wahrscheinlich, weil ich mich wie ein Kind benommen habe.
„Ist dir peinlich, dass ich nachgefragt habe?“
Selbst wenn, ist es jetzt auch egal. Meine Chance habe ich ja schon verspielt.

Auch wenn ER eigentlich seine Chance bei mir verspielt hat.
Ja, genau ihr habt richtig gehört.

Ich hätte für den wunderschönen Mann meine Küche aufgeräumt, wäre barfuß durch die Stadt für ihn gelaufen und hätte sogar aufgehört Sylvester & Tweety zu schauen.

Und noch  v i e l  mehr...



I go to your house and fall on my knees
The very next morning and cry out please
Would you take this life I call my own?
Would you let your house become my home?



„Hallo?“, lacht der wunderschönste Mann jetzt mit dem wunderschönsten Lächeln.
„Sprichst du nicht mehr mit mir, weil es dir peinlich ist? Komm, du kannst mir sagen, was du denkst, wirklich.“

Verunsichert wende ich meine Augen von dem Kreisel der Wäsche ab.
„Ach komm, ich weiß ganz genau, was du jetzt über mich denkst. Dass ich kindisch und peinlich bin.“ 
Verblüfft lässt er die Kinnlade hinunter fallen.
„Das hab ich doch gar nicht gesagt!“, lacht er weiter.
„Ich merke es dir aber an.“ 
„Wie das denn? Du bist ja mal ein schräger Pessimist!“
Pff. 
Und er war dann ein Optimist? Optimisten sind für mich Menschen, die ein Kreuzworträtsel mit einem Kugelschreiber lösen.

So ein Typ Mensch bin ich nicht, weil ich auch ständig zu hören bekomme, dass ich nicht so einer bin.

Ich bin kindisch. Ganz einfach. Aber trotzdem kein Optimist.
Und ich kann mich nicht davon trennen, weil ich doch keine Vorstellung habe, wie es sein sollte, wenn ich erwachsen wäre.


I keep telling myself
Just grow up
But it's so easy to say
And so much harder to do
I hear it each and every day
Just grow up
It's the only thing left to do



„Mag schon sein“, blaffe ich dann einfach nur zurück.
Es ist seltsam, dass ich dann erkennen muss, dass er irgendwie bekümmert aussieht.
Hmm. Ein neues Weltwunder. Was ist denn jetzt los?

Auf einmal meint er:
„Aber du scheinst mich irgendwie nicht leiden zu können, oder? Dabei hätte ich dich gerne etwas kennengelernt.“

Er war ehrlich.
So ehrlich wie ein Kind.

JETZT.

Genau jetzt ist der Moment, in dem ich etwas ganz Wichtiges zu verstehen beginne.

Jeder von uns ist irgendwie mal Kind.

Sogar der wunderhübscheste Mann, für den ich aufhören werde Sylvester & Tweety zu sehen.


To grow up
Should be the only thing left to do



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This Providence - Well Versed In The Ways Of The World/Everyday/To Kill This

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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