Dagmar Grigat

Dawn Van Roescen - die wahre Geschichte von Dornröschen

Dawn Van Roescen – die wahre Geschichte von Dornröschen

Es begab sich zu einer Zeit, wo die Felder von Ochsen durchpflügt und die Wälder endlos und verzaubert schienen, einer Zeit, als die Lichter im Raum aus Kerzen und Kaminfeuer bestanden und es noch kein Telefon gab, da lebte ein König in Holland, der seit 10 Jahren verheiratet war. Die Königin und er hatten alles, was das Herz begehrt, nur eines fehlte zu ihrem Glück: Ein Nachkomme, ein Sohn als Thronerbe oder eine Tochter.

Die beiden hatten alles versucht, sogar die Schwester war gekommen und wollte einen magischen Zauber sprechen. Davor hatte das Ehepaar jedoch Angst, sie waren gläubig und wollten kein Kind durch Hokuspokus bekommen, womöglich hätte es dann keine Seele. So schickten sie die Schwester fort, aber bevor sie abreiste, sagte sie: „Zur Taufe ladet ihr mich ein.“ Zur Königin sagte sie: „Anne, du wirst eine Tochter bekommen. Und ich will ihr einen guten Taufspruch mitbringen, auch möchte ich an der Tafel neben ihr sitzen.“ Anne, der Königin, schauderte es. Ihre Schwester hatte einen durchdringenden Blick, eine dunkle Ausstrahlung, und sollte es je ein Kind geben, würde sie niemals zulassen, dass Melanie, so hieß diese Tante, auch noch neben ihr säße.

Die verzweifelte Königin glaubte nicht an Magie, und auch nicht daran, dass sie eine Tochter haben würde. Sie war schon 30 Jahre alt, für die damalige Zeit ziemlich alt für ein Kind. Dennoch, ausgeschlossen war nichts. So ging sie eines schönen Augusttages am Schlossteich spazieren. Da saß ein kleiner Frosch und blinzelte sie an. Er öffnete den Mund, aber es kam kein Quaken heraus, sondern eine Frage: „Warum seid Ihr so betrübt, Königin? Es ist so ein schöner Tag. Quak.“ Anne blinzelte, schüttelte den Kopf und dachte: „Jetzt werde ich auch noch verrückt…“, da sprach der Frosch weiter: „Willst du mir nicht dein Herz ausschütten, schöne Frau?“ Er legte den Kopf schräg und blinzelte wieder. – „Das gibt’s doch nicht! Jetzt rede ich auch schon mit einem Frosch! Na gut“, die Königin setzte sich auf einen Stein am Ufer und begann zu erzählen. Von ihrem Königreich, von ihrem Kinderwunsch und von ihrer Schwester. Der Frosch hörte zu und sprach dann: „Eure Schwester hatte Recht. Ich weiß als Frosch immer zuerst, wann der Storch kommt, denn vor ihm müssen wir ja fliehen. Und darum weiß ich auch, dass er kommt, noch bevor das Jahr zuende ist. Dann wirst du ein kleines süßes Mädchen von ihm erhalten.“

Die Königin glaubte natürlich auch nicht mehr an den Klapperstorch und lachte. „Du bist auch süß“, sagte sie zum Frosch, nahm ihn in die Hand und küsste ihn. „Aber aus dir wird kein Prinz, wenn ich dich gegen die Wand klatsche, oder?“ Der Frosch sprang in hohem Bogen ins Schilf und rief: „Nein, nicht hauen, bitte nicht! Quaak…“

Im Jahr darauf, im Mai, gebar die Königin tatsächlich eine Tochter. Es war ein wirklich süßes Baby, und im August sollte die Taufe sein, weil sie damals den lieben Frosch getroffen hatte. Er hatte ihr damals einen unbeschwerten fröhlichen Moment geschenkt, und dafür wollte sie ihm danken. Der König inspizierte das Geschirr und die Gästeliste, dann sagte er: „Wir haben 13 Gäste eingeladen, haben aber nur für 12 genug Geschirr. Können wir etwa dem einen Gast billige Holzschüsseln und Steinkrüge reichen? Ich fürchte, du musst jemanden von der Liste streichen, liebste Anne.“ „Oh, das habe ich gar nicht bedacht… Wen würdest du denn nicht sehen wollen…“ Beide dachten nach und es fiel ihnen nur Melanie ein. „Mit der Tochter hatte sie Recht. Aber auf ihren Taufspruch können wir gewiss verzichten“, meinte Anne. Sie hatte dabei zwar ein ungutes Gefühl, würde aber auf keinen anderen ihrer Cousinen, Schwestern, Schwager und Schwägerinnen verzichten wollen.

So nahm das Unheil seinen Lauf. Zur Taufe kamen alle geladenen Gäste. Der Pastor taufte das Mädchen auf den Namen Dawn Van Roescen, hielt die Rede und danach gingen alle von der Schlosskapelle zum Schloss, wo die Tafel schon gedeckt war. Kaum dass alle Platz genommen hatten, öffnete sich die Tür zum Saal. Herein kam niemand anders als die nicht eingeladene Tante Melanie. Ihre hochtoupierten Haare waren mit Rabenfedern geschmückt und mit Kämmen fest gesteckt, die an Handknochen erinnerten. Ihr Gesicht war wie immer leichenblass und die hasserfüllten Augen glühten. Im Nu kam jedes Gespräch zum Erliegen, eine eisige Stille breitete sich aus, dann atmete Anne tief durch und sagte: „Liebste Melanie! Wir konnten leider nur 12 Gäste einladen… schön, dass du trotzdem gekommen bist.“ Aber die erboste Tante erwiderte das gezwungene Lächeln mit bitterernster Miene und eiskalten Worten. „Du solltest mich nicht nur einladen, ich sollte neben der Prinzessin sitzen. Aber diese fehlende Dankbarkeit sollst du mir büßen. An ihrem 15. Geburtstag wird sich die Kleine an einer Spindel stechen und daran sterben…“ Der König war erst wie versteinert, dann aber wurde er wütend. Was erdreistete sich diese Frau, so eine wichtige Feier zu zerstören? Er rief: „Wachen! Ergreift sie! Werft sie aus dem Schloss!“ Während die Wachen sie links und rechts am Arm packten und aus dem Saal bugsierten, rief Melanie weiter: „Und Ihr werdet auch sterben! Dass Ihr Euch das erdreistet…“ Das Letzte, was sie von ihr hörten, war: „Ihr werdet alle sterben!“

Zunächst waren alle völlig erschüttert, und sprachen keinen Ton. Da begann die kleine Dawn zu schreien. Schließlich nahm Anne sie auf den Arm und wiegte sie hin und her. „Keine Angst, kleine Dawn, dir wird niemand etwas tun.“ Aber davon überzeugt war sie nicht. Schließlich hatte sie ja die Geburt auch prophezeit. Was nun, wenn diese hasserfüllten Worte auch eine Wahrheit enthielten?

Am Tag darauf ging sie wieder zum Schlossteich, mit dem Baby auf dem Arm. Wieder erschien ihr der Frosch und quakte: „Guten Quak, schöne Frau, ein süßes Baby habt Ihr! Aber warum seid Ihr so bekümmert?“ „Ach, liebster Frosch“, klagte die Königin, „Ihre Tante hat sie verflucht! An ihrem 15. Geburtstag soll sie sich an einer Spindel stechen und sterben, und wir anderen alle mit ihr! Ist das nicht furchtbar? Ihre Geburt hat sie auch prophezeit!“ Der Frosch schlug sich die Flossen vor die Augen und quakte: „Oh nein, nicht diese böse Melanie Stanley! Da kann nur eines helfen… Warte hier!“ Er sprang auf und verschwand wieder im Schilf. „Auch das noch“, dachte die Königin. Es wurde Abend, und es wurde Nacht, der Mond ging auf, und der Frosch war noch nicht zurück gekehrt. Gerade wollte die Königin wieder ins Schloss gehen, da hörte sie ein Platschen und sah von dort, woher das Geräusch kam, einen bläulichen hellen Schimmer. Der Frosch setzte sich auf den Stein und quakte: „Ich bin zurück, doch nicht allein, die Teichfee soll ein Trost Euch sein.“ Dort, wo es eben bläulich geschimmert hatte, stand eine Frau regelrecht auf dem Teich, ihre Füße berührten das Wasser nur sacht, und sprach zur Königin: „Ich kann den Zauber nicht aufheben. Die Prinzessin wird ihr Schicksal ereilen, aber es gibt noch Hoffnung.“ Der Frosch nickte und quakte: „Jetzt muss ich heim.“ Kaum gesprochen, sprang er schon ins Schilf, aber die Fee sprach weiter. „Wenn sie ein junger Mann findet, der mutig ist und voller Liebe, wird die Prinzessin wieder erwachen. Und mit ihr auch alle anderen.“ Nach diesen Worten wurde die Fee immer durchsichtiger und verschwand schließlich.

Die Königin erzählte alles ihrem Gemahl,
der die Konsequenz trug und schließlich befahl,
man möge alle Spindeln vernichten
und auch auf neuen Stoff verzichten.
Das fiel dem König gar nicht leicht,
er weiß nicht, wer sich nachts reinschleicht,
und prophezeite viel mit Toden,
nun spann heimlich auf dem Dachboden
Die böse Tante Melanie.
Denn auf Rache sinnte sie,
und jede Nacht flog sie per Besen
ins Schloss und trieb ihr Unwesen.
Als ihre Nichte 14 war,
wurd viel des Garns und grau ihr Haar,
doch sie spann im Kämmerlein:
„Groß wird der Nichte Neugier sein.
Ich warte, bis sie kommt geschlichen,
und schwupps darauf ist sie verblichen.“

Die Prinzessin wurde 15 Jahre alt. An diesem Geburtstag war vieles anders. Der König feierte ihn größer als sonst. Es waren viele Ritter und Edelmänner eingeladen, auch Prinzen aus anderen Königreichen saßen an der Tafel. Ihr gegenüber saß ein Mann mit roten Haaren und Sommersprossen, dicken Wangen und einem noch dickeren Wamst (So nannte man früher ein Bäuchlein). Er zog sich laut schmatzend einen Hähnchenschenkel rein, und an ihrem Kragen landete ein Fettspritzer. Dawn verzog das Gesicht, da vernahm sie neben sich ein lautes Rülpsen von Lord Folserfort. Schließlich schwang ihr Vater den Löffel an sein Glas und erhob sich. „Ich habe etwas zu sagen“, läutete er überflüssigerweise die Rede ein. „Meine Tochter wird heute 15 und wird heute einen Gemahl wählen von den hier anwesenden Prinzen, Rittern und Edelmännern.“

Dawn erbleichte und sprang auf. „Niemals!“ rief sie. „Niemals heirate ich einen von diesen…“ Sie sah sich angewidert um und sagte dann: „langweiligen Fraßewichten!“ Königin Anne wurde rot. Jetzt ging ihre Tochter wirklich zu weit!“ „Du bleibst hier!“ befahl sie, als Dawn den Saal verlassen wollte. „Wenn du heute niemanden findest, der dir gefällt, fahren wir morgen nach Southfort Manor, meiner Sommerresidenz in der Nähe von Dublin. Dort wirst du mit Sicherheit jemanden finden!“ Der König ergriff wieder das Wort; „Und wenn nicht, reisen wir nach Frankreich oder nach England, zum Beispiel… Irgendwo findest du bestimmt deinen Prinzen.“ Die Königin ahnte, wie wichtig es war, einen zu finden, der auch sie liebte, denn sonst würden sie alle ganz lange im Todesschlaf gefangen sein.

Als es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, sahen ihre heute besorgt wirkenden Eltern fast schon erleichtert aus. „Der Tag ist vorüber“, sagte ihre Mutter zum König. „In der Nacht schläft sie“, meinte dieser, „da wird ihr nichts geschehen. Und morgen ist der schicksalshafte Tag vorüber.“ Was die beiden nicht ahnten, waren das geschäftige Treiben im Turmzimmer, das sich direkt über dem Schlafzimmer der Prinzessin befand. Dort saß die böse Tante Melanie, die aus den gesponnenen Garnen zwischendurch auch immer ein paar Teppiche und Decken gewebt hatte, aus denen bereits eine Art Bett entstanden war, auf dem sie tagsüber schlief. Nachts steckte sie die Kerzen an und arbeitete, spann und webte, und die Menschen, die dort Licht brennen sahen, sagten sich hinter vorgehaltener Hand, dass es dort spuken würde. Die Raben und Krähen, die sie gezähmt hatte, brachten ihr immer Früchte vom Feld und auch mal ein Beutelchen Wasser, bis sie es riskieren konnte, ihre Kammer zu verlassen und neue Vorräte ins Schloss zu schmuggeln.

An diesem Abend hörte Dawn aus ihrem Zimmer ein Sirren und Knirschen, das aus dem Turmzimmer zu kommen schien. Sie kannte die Gerüchte über die Kammer, aber in dieser Nacht besiegte Neugier die Angst. Wie es vorhergesehen war, schlich sie sich hinauf und begegnete zum zweiten Mal in ihrem Leben ihrer Tante, ohne es zu wissen.

Oben angekommen, sah sie ein altes Mütterchen an einem Spinnrad sitzen. Etwas, das aussah wie das Gerupfte von Schafen, nahm sie vom Boden auf, zwirbelte es zwischen den Fingern und legte es in eine Spindel, von der aus die Flocken zu Fäden wurden und sich um ein Rad wickelten. Dawn beobachtete es eine Weile, dann trat sie hervor und sagte: „Guten Abend, Mütterchen, könnt Ihr mir sagen, was Ihr da macht?“ „Gern, ich erklär es dir“, antwortete Melanie. Dawn sah so gebannt auf die Spindel und das Rad, dass ihr das frohlockende Glühen in den boshaften Augen der Frau entging. Schließlich setzte sich Dawn fasziniert an das Rad und begann, selbst zu spinnen.

Der Abend wurde lang, und das gleichmäßige Surren und Drehen des Spinnrads machte Dawn schläfrig. Schließlich stach sie sich in einem unbedachten Moment in den Finger. „Aua!“ Sagte sie. Melanie grinste. Jetzt sah Dawn die Augen der Tante und wusste, dass das eine böse Frau war. Sie sprang auf und floh in das Schlafgemach ihrer Eltern. „Papa, Mama?“ Rief sie. Die Eltern erwachten und starrten erschrocken auf ihre Tochter. „Jemand ist im Turmzimmer! Sie hat mir gezeigt, wie man spinnt… Und dann hab ich mich gestochen!“ Im Nu erschraken die Eltern aufs Äußerste, wurden blass und der König griff sich ans Herz. „Igor, nein!“ schrie seine Frau. Er fiel tot aufs Bett. Dieser Schreck in der Nachtstunde war zuviel für ihn. Dawns Finger war inzwischen angeschwollen, und ein roter Streifen erstreckte sich den ganzen Arm hinauf. Das war eine Blutvergiftung, was aber niemand wusste. Die Königin kam mit Dawn ins Turmzimmer hinauf. Dort musste sich Dawn hinlegen, ihr war nicht mehr gut, das Wundfieber war bereits ausgebrochen. Sie zeigte ihrer Mutter, wo die alte Frau gewesen war, von ihr war keine Spur mehr zu sehen. Nur das Garn und die Teppiche zeigten ihnen, dass hier jemand offenbar jahrelang unbeobachtet gelebt hatte.

Die Königin schleppte sich mit letzter Kraft in die Gesindestuben und rief: „Einen Arzt! Lasst einen Arzt kommen!“ Als ihr jemand von hinten auf die Schulter tippte, erschrak sie so sehr, dass ihr schlecht und schwindelig wurde. Sie kippte um und wurde in ihr Gemach zurück getragen. Schließlich befahl sie den Wachen, sämtliche Türen und Fenster zu schließen, so lange nicht klar war, ob ihre Schwester noch im Schloss war. In dieser Nacht war es noch ein bisschen kühler als sonst im Mai, so ca. 8 °. Irgendwas war jedoch auch in der Luft, so etwas wie Blei, und auch in den Schüsseln, aus denen sie gegessen hatten, war Blei gewesen, das oxidierte mit den heißen Speisen und vergiftete sozusagen alle Gäste und auch die Diener, die davon aßen. Sie hatten mit dem billigeren Geschirr zwar mehr Gedecke, um den Fehler von damals nicht zu wiederholen, aber unwissentlich vergifteten sie sich permanent immer ein Stückchen mehr damit. Es war nicht viel Blei, sollte eigentlich auch nur der Stabilität dienen, aber es reichte aus.

So kam es, dass alle, die in dieser Nacht im Schloss waren, auch in dieser Nacht dort starben. Durch die gut verschlossenen Räume konnten auch keine Fäulnisbakterien oder Ungeziefer gelangen. Von der Leiche im Bleizimmer in Goslar weiß man, dass die Menschen, sehr lange mumifiziert, durch Blei gut erhalten bleiben. Das war auch in diesem Fall so. Die geschmähten Möchtegern-Freier erzählten überall im Lande von der verwöhnten unerzogenen Prinzessin und wussten nicht, dass sie gerade gestorben war. Das Schloss wurde gemieden, und es wuchs eine große Dornenhecke voller wilder Rosen darum herum, es vergingen 100 Jahre, und niemand wusste mehr von diesem Schloss, außer dass es völlig verwahrlost und verwildert war.

Eines Tages machte sich ein Ritter auf zum Schloss. Er hatte vom Fluch und von der Schönheit Dawn Van Roescens gehört und war nicht nur neugierig. Er kannte ihr Bild vom Gemälde der Ahnengalerie, ein Maler hatte ein Portrait von ihr gemacht. Sie sah aus wie die Frau in seinen Träumen, in die er sich verliebt hatte. Und immer, wenn er das Bild sah, fragte er sich, wie er sie erwecken könnte, ob es wirklich möglich wäre…

Als er angekommen war, stand er vor einer Mauer aus Rosen, Zweigen und Dornen. „Ich wusste, es wird nicht einfach“, dachte er, „Aber ein Waldarbeiter bin ich eigentlich nicht.“ Trotzdem nahm er eine Säge aus den Satteltaschen und ein scharfes Schwert aus dem Gürtel und begab sich auf die Beseitigung des Unkrauts. Seine Männer waren mitgekommen und ihm treu ergeben. Sie folgten ihm fluchend und hauten mit der Axt ebenfalls ins dicke hundert Jahre alte Holz. Schließlich waren sie am Tor angekommen. Ein eiserner Reifen diente als Türklopfer und –öffner. Der Ritter Edgar zog daran, und mit vereinten Kräften zogen sie die schwere Tür mit den rostigen Türangeln auf.

Auf das, was sie drinnen zu sehen bekamen, waren sie nicht vorbereitet. Auf dem Fußboden lagen die Wachen und die Dienstboden, zusammengekrümmt vor Schmerzen, als würden sie noch auf den Arzt warten. Sie gingen von Raum zu Raum, und überall lagen Leichen, mit grauer Haut, aber gut erhalten. Auch der König und seine Königin, sie lagen in ihrem Gemach. Edgar ging auch zum Schlafzimmer von Dawn, fand sie dort aber nicht vor. Neben ihrem Zimmer befand sich eine Wendeltreppe. Sie führte zu einigen Kammern. Er ging sie hinauf ins Turmzimmer und fand dort … seine Prinzessin. Sie hatte ebenfalls eine wächsern-weiße Hautfarbe, doch nicht so grau wie die anderen. Ob er sie erwecken könnte? Eigentlich sahen alle ziemlich tot aus, aber nach 100 Jahren waren meist nicht einmal mehr Knochen vorhanden. Deshalb tat er es, weil er es nicht anders wusste: Er küsste Dawn. Als er sich zurückzog, zuckten tatsächlich ihre Lider!

Er konnte es kaum fassen… Jetzt müsste eigentlich die gesunde Röte wieder ins Gesicht zurückkehren, dachte sich Edgar. Aber Dawn blieb, wie sie war, nur die Augen öffneten sich. Sie waren nicht so lebendig und glänzend wie auf dem Portrait, aber sie sahen ihn, und ihre grauen Lippen öffneten sich. Eine ebenfalls graue Zunge stieß gegen gräulich verfärbte Zähne, und sie sagte mit brüchiger, leerer Stimme: „Mmeiiin Liiiebster. Du hassst es geschaffffft…“ Sie erhob sich, etwas hölzern und unbeholfen, und kam mit etwas steifen Beinen auf ihn zu. Er merkte, dass er zurück gewichen war, und seine anfängliche Freude verwandelte sich in hilfloses Grauen.

Als er das Turmzimmer verließ, verfolgt von einer nur halb begeistert wirkenden Gestalt, hörte er die Schreie seiner Männer, als die anderen Leichen sich zu bewegen begannen. Der König kam mit seiner Königin aus dem Gemach, und die beiden sprachen zu sich: „So hahatttten wir dasss… aber nich…..gewolllllt.“ Der erschrockene Edgar rief seinen Männern von der Treppe aus zu: „Raus hier! Alle! Und zwar schnell!“

Von überall her kamen jetzt Mumien auf die Lebenden zu; mit grauen Gesichtern und leeren Blicken redeten sie tonlos aufeinander ein: „Wasss issst mitttt …. Dir….passsiiiiiiiert?“ „Waarum verlassst ihr unnss….?“

Schließlich wurden auch ein paar seiner Männer gepackt. Edgar verstand das alles nicht, irgendwas schien hier schief gegangen zu sein. Bedeutete Erweckung etwa das Erwecken von Toten zum Leben?! Es schien tatsächlich so zu sein! Edgar zog sein Schwert und hackte den Zombies die Arme ab. Es floss natürlich kein Blut mehr aus den Wunden, und seine Männer flohen, so schnell sie noch nie gelaufen waren, wie ein gut geplanter Rückzug aus einem brennenden Haus, aus der Tür gerieten an die grauhäutigen Wachen, die sie aufhalten wollten, hackten auch ihnen die Arme ab, und liefen durch das weg gehauene Gestrüpp auf ihre Pferde zu. Die waren aber alle erschreckt geflohen, als die Leichen erwachten, und nirgendwo zu sehen.

„Wir fliehen zu Fuß!“ Rief Edgar hinter den anderen her. Während sie durch den langsam dunkel werdenden Wald flohen, hörten sie die monotonen Stimmen der Zombies. „Liiiiiebster, wo bissst duuuuuu?“ rief Dawn Van Roescen durch die Dämmerung. Die Schatten wurden länger, aber die schlurfenden Schritte hinter ihnen wurden leiser… Das war ein gutes Zeichen, es bedeutete, dass ihre Verfolger im Tempo nicht mithalten konnten. Ein dumpfes Geräusch und ein gequälter Fluch war hinter Edgar zu vernehmen. Er drehte sich um, da lag sein Knappe neben einer Baumwurzel und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Knöchel. „Björn ist verletzt!“ rief Edgar. „Wir müssen ihn tragen!“ Aus der Ferne leuchteten 2 gelbe Lichter wie glühende Augen. „Dort drüben ist ein Wirtshaus“, sagte der keuchende Sven. „Wenn wir es bis dorthin schaffen, können wir uns da drin verschanzen!“ „So sei es“, nickte Edgar. Sie nahmen den verletzten Björn, links und rechts unter die Achseln gehakt, der dritte trug seine Beine, und sie liefen weiter im Dauerlauf. Aber da sie durch den Verletzten jetzt leider gebremst wurden, hörten sie die klagenden Töne der Zombies wieder näher kommen. Ivan wagte einen Blick zurück und erschrak: Sie waren keine 30 Meter entfernt hinter ihnen! „Wir müssen schneller laufen“, sagte er keuchend. 20 Meter vor ihnen war nun das Wirtshaus zu sehen. Sie hörten schon das Klirren von Bierkrügen und Gelächter erschallen.

Als sie durch die Tür kamen, waren die Zombies direkt hinter ihnen. Edgar schrie in die Wirtsstube: „Achtung, hört bitte alle zu! Hinter uns sind Untote aus dem Van-Roescen-Schloss. Ich wollte Dawn erwecken, das ist leider auch gelungen, nur…“ Jetzt hörte man ein dumpfes Klopfen an die Tür. „Lasst uns reiiiin…“ ertönten die Rufe von draußen. Die Gäste und auch der Wirt waren verstummt. Dieser wagte einen Blick aus dem Fenster und wurde aschfahl im Gesicht. Da standen grauhäutige Menschen mit blutunterlaufenen Augen, teilweise sogar von Krähen zerhackte Gesichter, einem hing ein Auge herunter, und schlugen in stupidem Rhythmus gegen Türen und Fenster. Die anderen Gäste kamen nun ebenfalls an die Fenster und sahen das Grauen, das ihnen draußen auflauerte. Schreckensschreie und dumpfe Laute von draußen übertönten die Musik von Harfe und Violine. Die Musiker hörten auf zu spielen, und kurz darauf hörte man das Scheppern von zerbrechendem Glas. Die Leute wandten sich dem Geräusch zu und sahen, dass es einem Zombie gelungen war, die Scheibe einzuschlagen!

Nun versuchte er, hereinzukommen, aber seine Knochen schienen zu brechen, und er rutschte wieder ab. „Aaah, wir wollen Erlööösung…“, rief der Zombie. „Ich habe eine Idee“, meinte Edgar. „Wir gehen alle hinaus zu den Toten, übergießen sie mit Petroleum, locken sie ein paar Meter weiter und sammeln uns dann vor ihnen. Dann werft ein gezündetes Streichholz auf den Gruselhaufen. Sie werden dann hoffentlich erlöst sein.“ Dem Wirt gefiel diese Lösung nicht, aber er wusste auch keine bessere. Einfacher wäre es, alle hereinzulocken und dann das Wirtshaus in Brand zu stecken, aber dann wäre seine Existenz mit abgebrannt. Also eilte er in den Keller, um das Petroleum zu holen. Die Männer und die weibliche Bedienung des Wirtshauses bewaffneten sich mit Stuhlbeinen, Schwertern und Messern, um sich gegen den Ansturm der Zombies wehren zu können.

Endlich kam der Wirt mit den Petroleumflaschen. Es waren  9 da, weil sie sie als Vorrat für die Lampen hatten. „Also los geht’s!“ Rief Edgar den anderen zu. Er und 8 andere schnappten sich die Flaschen und traten hinter 2 Vordermännern aus der Tür. Die Frontmänner bahnten sich mit Hilfe ihrer Schwerter einen Weg durch die Zombiemenge, die anderen besprengten die Zombies mit dem Petroleum. „Wir müssen alle erwischen!“ schrie Edgar. Die Zombies waren aber auch nicht glücklich über ihre sogenannte Existenz. Sie ahnten, was die Lebenden vorhatten, und stellten sich absichtlich so hin, dass jeder etwas ab bekam.

Als Edgar das Streichholz auf die schaurige Mannschaft warf, rannten die Männer und die Schankfrau hinter ihm, so schnell sie konnten. Das Streichholz erlosch jedoch, bevor es die Zombies erreichen konnte. Das Streichholzkästchen war dem König vor die Füße gefallen. Er nahm es mit eckigen Bewegungen hoch; die morschen Knochen knackten, und zündete selbst ein Streichholz an. „Lebt wohl, meine Diener, meine Gemahlin, meine liebe Tochter“, Dawn stand neben ihm, auf ihrer Schulter saß eine Krähe, die ein paar Hautfetzen aus der Schulter gepickt hatte, die nun aufflog. Dann hob der König das Streichholz mit einer langsamen, mechanischen Bewegung an den Ärmel seiner Frau, und umarmte sie. Beide gingen in Flammen auf, die nun auch auf den Rest der Truppe übergingen. Sie standen still, bis die Aschehaufen zusammenfielen; es schien wie ein Massenselbstmord, aber Mord war es nicht mehr, weil alle schon tot waren. Und so, wie sie waren, wollten sie nicht weiter existieren. Sie waren anfangs so geschockt wie die Männer im Schloss, als sie aufgewacht waren. Nun wollten sie nur noch vergehen. Die Flammen spürten sie nicht mehr, weil sie auch keinen Schmerz mehr fühlten.

So sah Edgar dabei zu, wie sein Traum vor seinen Augen verbrannte. Ihm liefen Tränen über die Augen, als Ivan ihm eine Hand auf die Schulter legte und zu ihm sagte: „Ich kann deine Trauer verstehen. Aber andere Mütter haben auch hübsche Töchter.“ Dieser Spruch hat sich bis in die heutige Zeit gehalten. Er stammt aus diesem Märchen, das eigentlich keins war, das Eltern ihren Kindern als Gutenachtgeschichte vorlesen, weil es die Gebrüder Grimm mit einem Happy End umgeschrieben haben.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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