Rudolf Kowalleck

Neulich im Stehcafé

Zu faul mir selbst ein Butterbrot zu machen, statte ich jeden Morgen Rita in ihrem Stehcafé einen Besuch ab. Rainer Feldhaus und Dieter Kaykowski , die beiden Küchenmonteure von Möbel Riese, dem Möbelriesen, stehen ebenfalls an einem der Bistrotische und lassen es sich bei Mettbrötchen und Kaffee gutgehen.

„Na, Dieter, du altes Nagetier mit fünf Buchstaben“, grüße ich. „Nenn mich noch einmal Ratte, Hartmann, und ich polier dich die Fresse“, droht Kaykowski und Rita geht direkt dazwischen. „Die einzige, die hier poliert bin ich und wenn, auch nur den Tresen!“

Kaykowski faltet seine Zeitung zusammen.

„Ja, is doch wahr. Ich bin stinksauer“, erklärt er. „Vorgestern habe ich die Sportschau gesehen, VFL Wolfsburg gegen Bayern München. Das bringt mich immer noch total auffe Palme.“

Er faltet seine Zeitung zusammen und knallt sie auf den Tisch.

„ Die Bayern haben mal wieder gewonnen. Abgesehen von der Tatsache, dass ich die Bundesliga inzwischen total langweilig finde, ärgert mich, wie der Sieg zustande gekommen is. Nur wegen dem Elfer, weil Arien Robben nach einer kurzen Berührung des Wolfsburger Abwehrspielers mal wieder im Strafraum zu Boden gegangen ist wie eine Daunenfeder. Arien Schwalbe wäre eigentlich der passendere Name für den Gauner und zuvor sieht Frank Riebéry  nach einer Tätlichkeit nur Gelb. Zuerst gar nix und dann, nachdem sich der Schiri den Videobeweis angeschaut hat, eben nur Gelb, obwohl der liebe Frank immer nach hinten auskeilt wie ein Ackergaul und nicht zum ersten Mal in diesem Punkt auffällig geworden ist. Im Strafrecht nennen wir sowat Wiederholungstäter.“

„Als wenn du Ahnung vom Strafrecht hättest“, mischt sich Feldhaus ein, aber Kaykowski lässt sich in seinem Redefluss nicht stoppen.

„Der Reporter kommentiert auch noch Robbens Umfaller als Geschenk, das jeder Stürmer gerne annimmt und das regt mich am meisten auf, dat Unsportlichkeit und hinterhältiges Verhalten auch noch als Kavaliersdelikt verharmlost wird. In wat für eine Welt leben wir eigentlich, wenn Verträge durch passiven Widerstand einfach gebrochen werden, zum Beispiel aus Geldgier wie in den Fällen Dembélé und Aubameyang beim BVB? Dat sollen noch die Vorbilder sein, die wir uns in unserer Jugend als Poster anne Wand gepappt haben?“

„So is dat nun mal heutzutage im Sport“, mault Feldhaus. „Geht nur noch um Kohle. Jetzt spielen sie nicht nur am Freitag, Samstag und Sonntag, sondern auch noch montags. Nur wegen die Fernsehmoneten.“

„Ich hätte da einen Vorschlag“, sage ich. „Wir erhöhen die erste Liga auf 56 Mannschaften. Dann hätten wir 28 Spiele pro Spieltag und könnten jeden Tag in der Woche vier Spiele angucken.“

„Genau“, stimmt Rita mir zu. „Dazu noch einen Megacup, wo die besten Mannschaften aus allen Ligen der Welt gegeneinander antreten. Warum vier Jahre auf die nächste WM warten?“

„Jau, lass uns dat vorschlagen und von die Prämie bleiben wir dann mit dem Arsch zu Hause und gehen nich mehr malochen.“

„Könnten wir ja auch gar nicht“, feixt Feldhaus. „Als Fan müssten wir ja die ganze Woche Fußball gucken.“

Kaykowski redet sich in Rage. „Aber nicht nur im Sport gehen Anstand, Ehrlichkeit und Fairness so langsam den Bach runter. Bestes Beispiel is für mich VW. Da wird mit „Schummelsoftware“ gearbeitet und wir Kunden werden belogen und betrogen. In den USA zahlen sie großzügige Entschädigungen, weil dat Gesetz sie zwingt. In Deutschland kannze durche Röhre kucken und die ihre Freunde ausse Politik werden schon dafür sorgen, dat dat auch so bleibt. Geht ja schließlich um Arbeitsplätze. Boykottieren wir deshalb VW und kaufen andere Marken? Muss einer aussem Vorstand dafür den Hut nehmen? Von wegen und wenn et den Firmen schlecht geht, haben wir Arbeitnehmer dat auszubaden.“

„Hier gibbet et allerdings einen großen Unterschied“, meint Rita. „Ist ein Bundesligist im Tabellenkeller, wird der Häuptling inne Wüste geschickt und die Indianer dürfen bleiben. In der Wirtschaft is dat genau umgekehrt.“

„Müssen die Kinder von Vorständen nicht atmen?“, werfe ich in die inzwischen lebhafte Diskussion. „Leben die auf einem anderen Planeten in besseren klimatischen Verhältnissen?“

„Liebe macht blind, heißt es“, kommentiert Rita, „aber die Gier nach immer mehr, immer höher, immer weiter vernebelt offensichtlich komplett den Verstand und wofür kämpfen unsere Politiker?“ „Für den Posten als Außenminister“, antwortet Kaykowski. Willy Brandt und Helmut Schmidt würden sich nich nur im Grabe rumdrehen, könnten sie noch die Tagesschau kucken, die würden rotieren wie ein Hähnchen im Grill. Ich lasse meine Kinder bald keine Sendungen mehr anschauen, wo diese komische Olle, die besser geschwiegen hätte, auch noch krumm und schief singend dat Pipi Langstrumpf Lied verunglimpft, verhandelt bis es quietscht oder droht, dat die anderen gezz auffe Fresse kriegen. Ganz zu schweigen von diesem Bärtigen, der seine Meinung wechselt wie andere – hoffentlich – ihre Unterhose und, wäre er Pinocchio, eine inzwischen mindestens sieben Meter lange Holznase hätte. Bei die Vorbilder wundern wir uns noch, dat die Kröten keinen Respekt vor ga nix mehr haben?“

„Bisse gezz fertich?“, fragt Rita inzwischen sichtlich genervt.

„Außerdem“, sage ich, „weiß dat Finanzamt eigentlich, dat du am Samstag bei Scholtens die Küche aufgebaut hass? Ich denke da an den Spruch von den Steinen und dem Glashaus.“

„Nachbarschaftshilfe“, meint Kaykowski. „Hab dafür nur eine kleine Aufwandsentschädigung kassiert.“

„Is klar“, sage ich, bestelle endlich meine zwei Brötchen und mache mich auf den Weg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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