Olaf Lüken

Picknick im Grünen

Es ist Sommer, und zahlreiche Brutzeljünger umlagern vor Hunger schmachtend den heimischen Gartengrill,
während der typische Gastgeber, heute ein mehr oder weniger geschulter Gourmetgriller Fleisch, Fisch, Gar-
nelen oder auch mal etwas Verganes und Vegetarisches auf den Rost packt. Was vielen Landsleuten der Grill
oder der Biergarten, ist den Austriern ihr Wirts- oder Gastgarten und dem Bürger aus den Staaten sein Barbe-
cue. Ungleich geringer an Zahl sind jene Menschen, die größere Lust am Privaten und Intimen verspüren. Sich
die Freiheit nehmen, um im Freien das Leben zu genießen. Freunde, die sich mit Freuden einer lukullisch krea-
tiven Nebensächlichkeit widmen, welche heute mehr denn je aus der Mode gekommen ist, vor allem in der Repu-
blik. Ein Ausflug ins Grüne, unter freiem Himmel, und ein Picknick am still ruhenden See. Zum Gelingen braucht
es einen Korb, ein leckeres Essen, eine große Decke, dazu Porzellangeschirr und ein passendes Silberbesteck.
Eine Thermoskanne bitte nicht vergessen. Auch die Kulisse darf stimmen. Im Vordergrund kann es der eigene
Garten oder ein romantisch gelegener See, beziehungsweise ein vor sich hinmurmelnder oder glucksender Bach
sein, dazu eine launig aufgelegte Sonne, die ihre warmen Strahlen auf dem Wasser brechen und dadurch glit-
zernde und funkelnde Flächen entstehen lässt. Dazu ein schattiger Baum, zart duftendes Gras und ein
fröhliches Vogelgezwitscher im Hintergrund. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein, notfalls auch allein.

Die Idee - ein Picknick zu veranstalten - ist nicht neu. Das gemeinsam geplante Essen im Freien kannte man
schon in der Antike. Im Barock wurde das open-air-menue auch als Sommervergnügen in Adelskreisen be-
kannt. Die Engländer, man glaubt es kaum, wollen auch das Picknick erfunden haben. In Ascot, Wimbledon
und anderen Cricketorten. Eine Mär will wissen, dass der englische Staatsmann und Heerführer Oliver Crom-
well sein Dinner 1654 im Hyde Park einnahm. Mit Sir Oliver wäre die Insel beinahe eine Republik geworden.
Gott sei Dank wurde aus dem Volksaufstand nichts. Heute haben wir mit Elisabeth II. (88), eine Windsor-
Queen, die von einem illustren, teils skurilen, teils schrägen Adels-Panoptikum begleitet wird. Tony Willis
verwendete 1692 den Begriff pique-nique in seiner Veröffentlichung mit dem Titel Origines de la Langue
Francaise zum ersten Mal. Wörtlich heißt pique-nique eine Kleinigkeit aufpicken. Für die britischen Inselaffen
ist ein Picknick im Grünen - seit dem Viktorianischen Zeitalter - ein populärer Bestandteil ihrer Kultur gewor-
den. Im Korb landen Sandwich-Rollen, Gemüsesalat mit süß-scharfem Minz-Chili-Dressing, Scotch Eggs und
weitere raffinierte Leckereien. Wahrscheinlich auch Fish and Chips. Wussten Sie, dass auf einen Inselbewoh-
ner rund 1.000 Union-Jack-Flaggen kommen ? Keine Diktatur, nicht einmal die von Nordkorea, könnte
britisches Selbstverständnis erreichen.

Bevor wir zum kontinentalen Augen- und Ohrenschmaus im Grase kommen, gilt unser ganzes Geschick einer
gezielten Vorarbeit. Jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester weiß, dass "Planung, die gedankliche Vor-
wegnahme zukünftigen Handelns ist." Zuerst suchen wir eine Wiese mit einem möglichst ebenen Boden auf
dem eine Decke ausgebreitet werden kann. Anschließend wird ein Tischtuch mit Servietten, Besteck und
Geschirr stilgerecht platziert. Die Trinkgefäße müssen weder aus Bleikristall, mundgeblasen noch antiker
Herkunft sein. Aber aus Glas. Wer will seinen Lieblings-Champagner aus einem schnöden Plastikbecher
trinken ? Bequemlichkeit liebende Picknicker haben stets zahlreiche kleinere Kissen und Decken dabei.
Picknicken ist privater Natur und kein lärmpegel-stressendes Grillfest. Beim Schmausen im Grase wird
das Essen kalt serviert. Zur Formvollendung benötigen wir drei bis vier Kühltaschen, vor allem für
Getränke wie Champagner, Chablis, Chardonnay, roter Burgunder und stilles Mineralwasser, aber auch für
Lachs, Kaviar und größere Mengen Eiswürfel. Das eigentliche Essen komponieren wir frei. Ob Hähnchensa-
lat mit geräuchertem Brustfilet, gescheibelten Zucchini und einer Marinade aus scharfem Senf, Knoblauch,
Weinessig, Öl, Salz und Pfeffer besteht oder wir einen Reissalat mit Erbsen, Tomaten und Paprikastückchen
und eingelegten Oliven und Pfefferschoten, hartgekochte Wachteleier und eiskalt aus dem Thermoskrug -
eine spanische Gemüsesuppe, Gazpacho, mit Stangenbrot, Hartkäse und einen frischen Fruchtsalat arran-
gieren, bestimmt der Gastgeber. Sandwiches und Salate sind das A und O für ein gelungenes Picknick.
Das absolute Muss in Adelskreisen aber ist ein Sandwich mit einer Kombination aus Ziegenkäse und Him-
beeren. Übrigens, was halten Sie von Hummerbeinchen und Chablis ?

(c) Olaf Lüken

PS: Der Autor las nach dem Bericht, dass man bei google unter "Picknick" auch folgendes verstehen
kann: Picknick heißt hier "die kleine Mahlzeit/Verpflegung aus dem Sack" und ist durchaus sexuell
gemeint.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Olaf Lüken).
Der Beitrag wurde von Olaf Lüken auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Mein Parki - Heute / Alltag nach vielen Jahren (Parkinson-Gedichte 2) von Doris Schmitt



Das Buch handelt von Gedichten über Parkinson nach vielen Jahren. Das 1. Buch wurde 2015 veröffentlicht und beschreibt die ersten Jahre mit der Krankheit Parkinson.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Olaf Lüken hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Olaf Lüken

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Polizei - zwischen Gewissen und Respekt von Olaf Lüken (Sonstige)
Menschen im Hotel XII von Margit Farwig (Sonstige)
Alpen sind nicht der Ural von Rainer Tiemann (Erinnerungen)