Christian Spellerberg

Timi-Tapp

Es war dunkel hier unten.

Nicht, dass es kein Licht gegeben hätte, aber der Schein der verstaubten Lampe war kaum mehr als ein schwaches Schimmern.

„Keine Angst, hab` keine Angst …“, sang sie gedämpft, während sie sich das Treppengeländer entlang in die Tiefe tastete. „…bist daheim, bist zuhaus, keine Angst.“
Je weiter sie nach unten stieg, desto mehr kam ihr ein modriger und feuchter Geruch entgegen, eben solch einer, der jedem Keller alter Häuser innewohnte. Die Geräusche der fernen Straße klangen nur noch gedämpft zu ihr herab, bis sie schließlich ganz verschwanden.
Unten angekommen, blieb sie einen Moment lang regungslos stehen und versuchte, die aufkommende Panik weg zu atmen. Es war so still, dass ihren Herzschlag laut und deutlich hören konnte. Sie schluckte und hielt ihre flache Hand gepresst an die kühle Wand.
Ihre Mutter hatte geglaubt, wenn sie nur oft genug alleine in den Keller gehen würde, würde auch ihre Angst verschwinden, doch das war seit einem Jahr nicht passiert. Nichts war besser geworden, nicht die Panik und nicht die Furcht vor den kleinen dunklen Gängen, die von hier unten aus abzweigten.

Links von ihr führte eine weitere Treppe in den etwas tiefer gelegenen Kohlenkeller hinab. Dort hing überhaupt keine Lampe, sodass man das Ende der Treppe nicht sehen konnte.

Sie schlich weiter vorwärts und warf immer wieder einen Blick auf die dunkle Treppe zu ihrer Seite.

Jedes Mal hatte sie das Gefühl, von unsichtbaren, starrenden Augen aus der Dunkelheit beobachtet zu werden, sobald sie auch nur einen Augenblick lang nicht die Treppe im Blick behielt. Unbewusst ging sie schneller und schneller, eilte um die Ecke, lief den Gang entlang, öffnete die alte Holztür des Kartoffelkellers, stürzte hinein, warf die Tür hinter sich zu und verriegelte sie von innen.
Sie lehnte mit geschlossenen Augen an der Tür. Ihr Atem ging stoßweise und es dauerte wie immer einen Augenblick, bis sie sich beruhigt hatte.

Es ist nur ein Keller, es ist doch nur ein Keller…, wiederholte sie immer wieder in Gedanken, bis sich ihr Herzschlag verlangsamte und die Panik nachließ. Nur ein dunkler Keller mit einer schummrigen Lampe. Keine ihrer Ängste war real, das wusste sie auch schon mit ihren 10 Jahren. Und trotzdem….

Sie öffnete die Augen. Hier bin ich erst einmal in Sicherheit, dachte sie und musste bei dem Gedanken beinahe über sich selbst lachen.

Die Kartoffelkiste stand neben dem Holzregal, in denen einige Umzugskartons standen. In ihnen – das wusste sie – bewahrte ihre Mutter all die Dinge aus ihrem früheren Leben auf, von dem sie in der Wohnung nichts mehr haben wollte.

Das Mädchen ging zur Kartoffelkiste hinüber, öffnete sie und wollte gerade ihren Korb mit Kartoffeln auffüllen, als sein Blick auf einen der Kartons fiel. Sie erkannte die Handschrift ihrer Mutter.
Lucy, war mit einem schwarzen Stift in hektischer Handschrift auf die Seite geschrieben worden.
Langsam stellte sie ihren Korb ab, ging zum Regal und sah den Karton neugierig an. Weder ihre Mutter, noch ihr Vater hatten seit einem Jahr über Lucy gesprochen und wenn das Mädchen auch nur vorsichtig eine Frage zu ihrer Schwester stellen wollte, wurde sie mit bösen Blicken zum Schweigen gebracht. Lucy gab es nicht. Nur dieser eine Karton stand schweigend im Keller. Lucy...

Sie zog den Karton mit beiden Händen aus dem Regal und war verwundert, wie leicht er war. Behutsam stellte sie ihn auf den Boden und öffnete ihn. Jemand hatte alles sorgfältig zusammengetragen, was Lucy ausgemacht hatte. Benno den Hund, ihr Lieblingskuscheltier, war in eine Plastiktüte gewickelt worden, damit er nicht einstaubte. Alte Kinderbücher, ihr Schlafanzug, ein altes Puzzle. Sie ging in die Hocke, um besser in den Karton greifen zu können.

Da sie im schwachen Licht kaum etwas sah, wühlte sie mit einer Hand im Karton, bis sie plötzlich auf etwas Hartes stieß. Sie zog den Gegenstand heraus. Es war das kleine Holzkrokodil, das sie ihrer Schwester zu ihrem 7. Geburtstag geschenkt hatte.

Das wird dich beschützen, hatte sie Lucy strahlend erklärt. Stell es nur immer neben dein Bett, dann kann dir nichts passieren. Schlimmer noch als sie selbst, hatte Lucy panische Angst vor der Dunkelheit gehabt. Jeden Abend hatte das Mädchen oder ihre Mutter unter Lucys Bett nachsehen müssen um ihr dann vergewissern zu können, dass sich darunter tatsächlich keine Monster befanden.
Sie strich dem Krokodil traurig über dem Kopf und stellte es ab, dann beugte sie sich wieder über den Karton. Ganz unten lag eingerahmt das Foto, das an ihrem Geburtstag geschossen worden war. Sie nahm den Bilderrahmen heraus und hielt es in den Schein der kleinen Deckenlampe.
Für einen ganzen letzten Tag lang waren sie alle sehr glücklich gewesen. Das Bild zeigte sie selbst neben Lucy vor ihren Eltern in ihrem Garten stehen. Ihre Mutter trug das rote Kleid, das sie so sehr geliebt hatte und strahlte über beide Ohren in die Kamera. Ihr Vater verzog wie bei jedem Foto das Gesicht zu einem verlegenen Lächeln und hielt etwas unbeholfen das Holzkrokodil von Lucy in seinen Händen. Das Mädchen selbst trug ihr weißes Sommerkleid, das ihr schon längst nicht mehr passte und Lucy trug einen schwarz-roten Rock, in dem sie mit ihren schwarzen Haaren und Augen immer ein wenig wie Schneewittchen ausgesehen hatte. In ihren Händen hielt sie fest an sich gedrückt einen selbstgepflückten Blumenstrauß aus ihrem Garten. Krokusse. Blaue und Weiße.
Krokusse sind die Lieblingsblumen aller Krokodile, hatte Lucy ihr voller Überzeugung erklärt. Deshalb heißen sie doch auch so. 
Alle waren sie glücklich gewesen an diesem Frühlingstag vor genau einem Jahr und Lucy war am glücklichsten gewesen. Timi-Tapp hatte sie das Krokodil genannt, benannt nach einem Krokodil aus irgendeinem Märchenbuch. Die Blumen sind alle für Timi-Tapp.

Aber es waren ihr zu wenige gewesen und ihr Garten hatte an diesem Tag voller blühnender Krokusse gestanden. Darf ich Timi-Tapp noch ein paar Blumen holen, hatte Lucy ihre Mutter am Abend gefragt, nachdem die Sonne schon untergegangen war. Ihre Mutter hatte es ihr zunächst verboten, aber Lucy hatte wie immer so lange gebettelt, bis ihre Eltern schließlich einwilligten und sie ihren Willen bekam.

Laut juchzend war Lucy aufgesprungen und barfuß in den Garten gelaufen, um Blumen zu pflücken.
Das war das letzte Mal gewesen, dass sie Lucy gesehen hatten.
Das Einzige, das sie alle und die Polizei noch in dieser Nacht im Garten gefunden hatten, waren ein paar Stengel herausgerissener Krokusse.
Timi-Tapp, dachte das Mädchen traurig, legte den Bilderrahmen mit dem Plüschhund wieder zurück in den Karton, verschloss ihn und stellte ihn zurück ins Regal. Nur das kleine Krokodil wollte sie mit nach oben nehmen, auch wenn ihre Mutter es wahrscheinlich nicht erlauben würde. Sie würde es geheim halten, nahm sie sich vor, legte das Krokodil zu den Kartoffeln, nahm den Korb in die Hand und atmete tief durch.

Der Rückweg war beinahe noch schlimmer als der Hinweg.

Jedes Mal malte sie sich aus, wie in der Zwischenzeit irgendetwas aus dem Kohlenkeller gekrochen war, sich zu ihr geschlichen hatte und nun dunkel und lauernd vor der Tür auf sie wartete.
Sie hielt ihr Ohr an die Tür. War da nicht ein Geräusch zu hören?
Unsinn, dachte sie, packte den Korb etwas fester, legte den Türriegel zurück, öffnete die Tür einen Spalt weit und blinzelte vorsichtig in den dunklen Gang, bereit, die Tür sofort wieder zuzuschlagen, sollte dort etwas auf sie warten.
Doch da war nichts, nur Stille und Dunkelheit. Langsam öffnete sie die Tür ganz und ging langsam den Gang entlang. Hinter ihr war alles sicher, doch noch lag die letzte Kurve vor ihr. Und die dunkle Treppe des Kohlenkellers. Am Ende des Ganges horchte sie einen Moment lang in die Dunkelheit. Wieder meinte sie, ein leises, fast nicht wahrnehmbares Schaben und Schlurfen zu hören. Das ist nur die Straße draußen.
Vorsichtig blickte sie um die Ecke. Direkt vor ihr führte die lange Kellertreppe nach oben aber rechts davon gähnte das dunkle Loch des Kohlenkellers wie ein schwarzer Abgrund. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und ging zur Treppe, die sie nach oben führte.
Kaum hatte sie den Fuß auf die erste Stufe gestellt, war es da. Das Gefühl, aus der Dunkelheit heraus angestarrt zu werden. Sie wusste es. Und zum ersten Mal blickte sie NICHT zur dunklen Treppe, denn diesmal war sie sich sicher, dass dort etwas war.
Sie wimmerte leise und merkte, dass sich ihr Hals zuzog. Hastig eilte sie die Treppe nach oben. Nur raus hier. Sie bemerkte kaum, dass sie rannte. Das Schlurfen, dass sie vorher so unscheinbar zu hören geglaubt hatte, war plötzlich ganz dicht. Es war hinter ihr. Und es kam hinter ihr her. Irgendetwas würde sie packen und nach hinten in die Dunkelheit reißen. Sie ließ den Korb fallen, die Kartoffeln rollten mit einem lauten Poltern die Treppe herab, doch das kümmerte sie nicht. Sie stürzte die Treppe nach oben, noch 5 Stufen, noch 3, noch eine. Sie warf sich gegen Tür, riss sie auf und helles Tageslicht blendete sie. Ohne einen Blick nach hinten zu werfen schmiss sie die Tür zu und drehte mit zitternden Händen den Schlüssel um.
Ohne zu Zögern rannte sie das Treppenhaus nach oben und klopfte wie von Sinnen an die Wohnungstür. Mama. Mama....
Es dauerte einen Moment, bis ihre Mutter mit bestürztem Blick die Tür aufriss. Schluchzend fiel sie ihrer Mutter in die Arme.
„Aber Kind“, sagte ihre Mutter behutsam und strich ihr langsam übers Haar. „War es so schlimm?“
Das Mädchen konnte kaum sprechen und nickte nur, während ihm die Tränen über die Wange liefen.
„Und die Kartoffeln? Hast du sie verloren?“
Wieder nickte sie. „Hm“, meinte ihre Mutter nur. „Weißt du was? Ich hol sie eben und du wartest einen Moment. Und dann mach` ich uns eine schöne Tasse heißen Kakao. Einverstanden?“
Sie löste sich von ihrer Mutter, wischte sich schniefend die Tränen aus den Augen und nickte.
„Gut“, sagte ihre Mutter lächelnd. „Weißt du, vielleicht wartest du einfach kurz hier. Dann hörst du, dass mir und auch dir nichts da unten passieren kann.“
Ihre Mutter zog sich ihre Hausschuhe an und ging die Treppe nach unten.
Das Mädchen blieb in der offenen Wohnungstür stehen.
Wie töricht hatte sie sich doch benommen. Wie ein ängstliches Kleinkind. Und jetzt lagen auch noch alle Kartoffeln im Keller verteilt.
Und Timi-Tapp, dachte sie erschrocken. Den durfte ihre Mutter nicht sehen. Sie eilte ihrer Mutter hinterher, vielleicht hatte sie ihn noch nicht entdeckt.
Doch ihre Mutter war noch gar nicht in den Keller gegangen, sie stand regungslos in der offenen Tür und starrte die Treppe hinab.
„Tut mir leid, Mama“, sagte das Mädchen, aus Angst, ihre Mutter könne wütend auf sie sein.
Aber ihre Mutter antwortete nicht. Das Mädchen runzelte mit der Stirn und näherte sich seiner Mutter von hinten. „Mama?“
Vorsichtig schob es sich an seiner Mutter vorbei, um die Kellertreppe hinabzusehen.
Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.
Ihre Spur führte von der Kellertür hinab bis in die Dunkelheit. Obwohl sie längst verwelkt waren, konnte man dennoch die Farben ihrer Blüten noch erkennen.
Blaue und Weiße.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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