Dagmar Grigat

Tief soll er leben

„Tief soll er leben“

Der Sigmund läuft mit halb zerfetzten Klamotten durch die Straßen. Jeder, der ihn sieht, wird von Grauen gepackt und flüchtet panisch in die nächste U-Bahn-Station oder in die Kirche. Siggi, so hat man ihn genannt, hängt das Fleisch in Fetzen, sein eines Ohr ist abgefallen, überall hat er Leichenflecken, und seine Augen haben längst ihren Glanz verloren. Aber um zu verstehen, was hier geschah, muss ich die Geschichte von Anfang an erzählen.

Siggi hat eine Schwester, Sarah. Sie ist 3 Jahre älter als er, also 18. Endlich darf sie, was ihre Eltern ihr vorher verbaten: Lange in Discos abhängen, Drogen konsumieren, Alkohol trinken… Eben das, was alle ihr bekannten Erwachsenen tun. Nur ihr kleiner Bruder ging ihr auf die Nerven. Wehe, sie brachte ihm nicht mal ein Bier oder einen Wodka Feige vom Kiosk mit (schließlich durfte sie ja endlich), dann fing er an zu quengeln: „Wissen deine Eltern, dass du Extacy schluckst?... Ich kann das übrigens ändern!“

Sarah gehört der sogenannten „Gothic-Szene“ an, d. h. schwarze Klamotten, schwarze Schminke, Grufti-Outfit, Grufti-Discos und Grufti-Musik. Auch faszinierten sie die sogenannten „schwarzen Künste“ wie Hexen, Ouija-Brett, Seancen eben, und alles was damit zusammenhängt. Ihre Freundinnen waren natürlich auch alle Goths. Isabel, die älteste mit 19, hatte ihre Haare weiß gefärbt (mit Wasserstoffperoxid), trug immer schwarze Leggins und lange, schwarze, schlabbrige T-Shirts darüber. Sie war ca. 1,60 m groß und wirkte trotz der überladenen Schminke eher unscheinbar, daher trug sie auffällige Frisuren, die sie allerdings aus der Ferne auch uralt aussehen ließen. Alma war 2 Jahre jünger, hatte ihre Haare schwarz gefärbt und trug ein auffälliges Spinnennetz-Tattoo auf der linken Wange. Dazu schminkte sie sich zusätzlich mit einem schwarzen Lippenstift. Sie trug immer schwarze Jeans oder Cordhosen, dazu manchmal rote Pullover, aber meist auch schwarz. Sarah ließ die beiden immer hinten rein, damit ihre Eltern sie nicht sahen. Sie selbst schminkte sich nur, wenn sie sicher war, dass ihre Eltern sie nicht weg gehen sahen, und bevor sie nach der Schule heim ging, musste sie sich immer abschminken. Auch mit diesem Wissen wurde sie von Siggi erpresst, er wusste genau, welchen Knopf er bei ihr drücken musste, um sein Bier oder den neuen MP3-Player zum Geburtstag zu kriegen.

 Eines Abends trafen sie sich zu einem typischen „Goth-Mädels-Abend“, der nervige Siggi war aus dem Haus. „Was machen wir?“ fragte Alma, die Jüngste im Bunde. Isabel meinte: „Seancen?“ Sarah schüttelte den Kopf. „Nee, das haben wir letztes Mal schon gemacht. Ich würde gerne mal was Neues ausprobieren.“ „Was denn?“ fragte Alma. „Habt ihr mal von Voodoo gehört? Ich meine jetzt nicht aus ‚das Ritual’ wie im Film, sondern echten Voodoo?“ Alma und Isabel waren sofort Feuer und Flamme. Bald schon wälzten sie Hexenbücher und schrieben sich Zutaten für einen Zombie-Zauber auf. Dann fragte Isabel: „Wen willst du eigentlich zum Zombie machen? – Ich habe gelesen, dass man denjenigen wirklich hassen muss!“ Natürlich fiel Sarah nur eine Person ein: Ihr Bruder Siggi. „Er nervt mich jeden Tag, erpresst mich mit dem Wissen über die Orte, an denen ich abhänge und über die Pillen, die ich vom Dealer auf dem Friedhof kaufe. Wo ich sie kaufe, weiß er allerdings nicht, noch nicht. Und wenn er erst dort fest hängt, brauche ich auch keine Angst zu haben, dass er es meinen Eltern petzt.“

Alma und Isabel sahen sich an, dann Sarah, schließlich fragte Alma: „Ist er denn so durchtrieben, glaubst du, er liefert dich echt ans Messer?“ Sarah kannte Siggi. „Na klar, dann habe ich mindestens ein Drittel meines Lebens Hausarrest!“ Isabel sah nachdenklich aus. Dann sagte sie: „Hier steht, einen Zombie-Zauber kann man nicht rückgängig machen. Wenn die Person tot ist, also in dem Fall untot, ist sie dazu verdammt, ruhelos umher zu wandern, ohne Hoffnung auf Erlösung, so lange, bis sie zu Staub zerfällt…“ Alma vervollständigte den Satz: „Oder verbrennt.“ „Aber der Zombie bleibt doch auf dem Friedhof, oder?“ fragte Sarah, die den ganzen Kram sowieso nicht glaubte. Dann aber stieß sie selbst auf eine Textzeile, in der nicht nur die Formel stand, die sie auszusprechen hatte, und das musste ausgerechnet an seinem Geburtstag sein. Da hieß es: „Wenn die Person, die mit dem Zombie-Fluch belegt wurde, zu Lebzeiten verflucht wird, muss das an ihrem Geburtstag geschehen, anderenfalls muss die Person, die mit dem Fluch belegt werden soll, erst tot sein. Wenn der Fluch zu wirken beginnt, wird die Seele darin gefangen, anders als bei einem normalen Sterbefall, wobei die Seele aus dem Körper entweicht. Das ist der Grund, warum ein Zombie als wandelnder Toter existiert.“

Alma hörte zu, wie Sarah diese Zeilen vorlas, und meinte: „Das muss schrecklich sein. In einem verrottenden Körper gefangen zu sein, meine ich. Tut das nicht weh, wenn ein Bein bricht?“ Isabel las weiter: „Schmerzen und Skrupel können diese Seelen allerdings nicht mehr empfinden, ebenso wenig Leid, Liebe oder Wut. Ihr Geist und ihre Seele verlieren etwas Essentielles, nämlich die Persönlichkeit. Sie ist es, die aus uns einen richtigen Menschen machen…“, zu Sarah gewandt, meinte Alma: „Willst du das deinem Bruder wirklich antun?“ Sarah, die immernoch nicht an diesen Zombie-Kram glaubte, und wusste, dass Siggi am nächsten Tag 16 werden würde, war das egal. „Siggi ist immer schon nur eine egoistische Nervensäge gewesen. Glaub mir, auf diese Persönlichkeit würde sogar er persönlich verzichten!“ Da mussten alle lachen, denn eines hatten sie gemein: Sie hatten noch nie einen echten Zombie gesehen, außer im Film, da war alles gestellt. Und irgendwie glaubten sie auch nicht, dass es am nächsten Tag klappen würde. Siggi würde seinen halbstarken Kindergeburtstag feiern, und sie würde im Keller einen Topf mit Hühnerkrallen, Schweineblut und Teichwasser zum Kochen bringen, Siggis Haare aus der Bürste hinein tun und die magische Formel sprechen. Warum? Weil sie ein Goth war. Und weil es sie faszinierte, was es für Bräuche gab.

Am nächsten Tag ging sie in den Laden „Magic“, in dem es allerlei Okkultes zu kaufen gab. Danach ging sie zu einem Tümpel in der Nähe des Waldes und entnahm eine Literflasche Wasser, die sogenannte „magische Brühe“. Nachdem sie ihrem Bruder am Morgen gratuliert hatte, erwischte sie seinen Kamm und zog ein paar Haare heraus. Mit den Zutaten verfranste sie sich im Keller, wo ein Gaskartuschenkocher vom letzten Zelturlaub noch einmal seinen Dienst am Keramiktopf aus der Küche tat. Danach nahm sie das Buch zur Hand, schaute auf die Uhr (Siggi war gegen 15.20 Uhr geboren), wartete eine Minute und begann danach mit monotoner Stimme, aber nicht ohne Leidenschaft, die Formel zu sprechen, genauso, wie sie im Buch abgedruckt war.

Als sie die ersten Worte sprach, wurde es plötzlich kälter, aber das registrierte sie nur am Rande, weil sie sich sehr konzentrieren musste. „Yuk damballah, pakk Wokkokah, Shuc Motohi, famm balla, Noro Toro Dijey Bobo…“ Auf einmal wurde die Flüssigkeit im Topf heller, und sie hörte ein seltsames Pfeifen. Sie dachte, es sei der Topf, aber es kam von allen Seiten, wie der Wind, der um die Hausecken heult. Trotzdem sprach sie weiter: „Futsch hi karem, lutsch di afta, Karma putti, Jamsham tutti…“, obwohl sie nicht im Topf rührte, ja ihn gar nicht anfasste, begann sich plötzlich die Brühe zu drehen, wie ein Strudel, der nach unten zog.

Derweil waren oben Siggi und seine Freunde am Feiern. Die Eltern hatten ihr OK gegeben und waren zu Verwandten in der Nachbarschaft gegangen. Das wurde natürlich freizügig ausgenutzt, indem sie ihre leeren Bierflaschen einfach da fallen ließen, wo sie standen, überall waren Chips und PopCorn verstreut, und die Spuren, die ihre Fete hinterließ, würde ja sowieso Sarah beseitigen, sonst würde ihr der Umgang mit ihren Gruftie-Freundinnen verboten und sie bekäme lebenslang Hausarrest. Außerdem herrschte natürlich eine hämmernde Lautstärke durch die aufgedrehte Anlage. ACDC rockte da House. Plötzlich wurde Siggi komisch. Normalerweise spürte er sein Herz klopfen, wenn er Cindy ansah, das war seine heimliche Liebe. Aber auf einmal spürte er nichts mehr bei ihrem Anblick, obwohl es ihn immernoch berührte. Er fing nicht an zu schwitzen, und der Puls raste nicht, auch in den unteren Körperregionen tat sich nichts… das war nicht normal. Wo waren sie hin, die Gefühle?

Im Keller sprach Sarah die letzten Zeilen: „Moder himma, moder hölla, moder hiera, moder, moder…“ Sie war so versunken, dass sie nicht merkte, wie eine Kröte zum Kellerfenster herein kam und sich neben sie setzte. „Shalla balla, makkefuk, shampu makker, mukkefuk…“ Auf einmal ertönte ein Quaken neben ihr. Sie sah die gelbbauchige Kröte an, erschrak, und hoffte, sie würde nicht in den Topf fallen. Die Kröte sah sie an, dann hüpfte sie zur Tür. Schnell sprach Sarah die letzten Wörter: „tief tief tupper, mief mief shnupper, kalle kalla, alle balla.“

Nun wartete sie 5 Minuten, bis es oben plötzlich stiller wurde, dann nahm sie schnell den Topf und goss ihn in den Gulli im Wäschekeller, warf die Hühnerkrallen weg und spülte den Topf aus, bevor sie mit einem seltsam mulmigen Gefühl die Kellertreppe hinauf kam. Kaum im Wohnzimmer, wurde sie schon von seinem besten Kumpel angesprochen, dem Lars: „Du ich glaub, mit dem Siggi stimmt was nicht. Fieber hat er keins, aber er ist so komisch…“ Siggi saß auf der Couch und starrte stur geradeaus. Boris fragte ihn etwas, er antwortete einsilbig und mit monotoner Stimme. Jetzt fing Sarah an, sich Sorgen zu machen. Sie ging zu ihm hin und legte ihre Hand auf seine. Erschrocken zog sie sie wieder weg: Seine war eiskalt! Wie die einer Leiche! Als sie in seine Augen schaute, konnte sie sich darin nicht mehr spiegeln. Der Glanz war weg! Aus gebrochenen Augen sah er sie an und fragte: „Stimmt irgendwas nicht?“ Sarah wich das Blut aus dem Gesicht: Was hatte sie nur getan! Wie konnte sie ihrem Bruder so etwas antun?!

Geschockt und völlig kopflos zog sie sich ihren schwarzen Trenchcoat über und hastete zu ihrer Freundin Isabel. Als diese die Tür öffnete und Sarahs entsetztes Gesicht sah, sagte sie nur: „Oh nein.“ Sarah ließ sich in den nächsten Sessel fallen. „Es hat geklappt“, sagte sie. „Es hat tatsächlich geklappt.“ Isabels Gedanken rasten. Was, wenn sich dieser Satansbraten etwas Perfides ausgedacht hatte, um sie zu täuschen? „Hast du schon daran gedacht, dass er uns gestern irgendwie belauscht oder sonstwie dein Vorhaben rausgekriegt haben und sich die Haut mit Eiswürfeln gekühlt haben könnte? Oder so…“ Sarah erzählte ihr von den Augen. „Es gibt Kontaktlinsen“, meinte Isabel. „Oh nein, zu so einer Abgebrühtheit ist er nicht fähig!“

Isabel grinste freudlos. „Das sagt die Richtige“, meinte sie. „Du hast ja Recht“, sagte Sarah, „was, wenn jetzt alles stimmt, was im Buch steht? Dass der Zauber nicht umkehrbar ist, meine ich, und er… und wir ihn verbrennen müssen?“ „Das darf nicht wahr sein!“ rief Isabel. „Bete, dass es nicht so ist“, meinte Sarah. Da fiel ihr die Kröte ein, sie erzählte wie sie am Schluss dazu gekommen und dann unter der Tür verschwunden war. Isabel holte ihr Voodoo-Buch hervor, das die selbe Formel beinhaltete wie das von Sarah und schlug nach. „Hier steht: Die Kröte beheimatet einen Geist, der einer Hexe helfen kann, die es wirklich ernst meint, aber auch alles zunichte machen kann, wenn die Seele, die verflucht wurde, vom Verfluchenden nicht wirklich gehasst wurde.“ Sarah überlegte: „Hasse ich Siggi?“ Isabel seufzte und sah sie mitleidig an. „Glaub mir, Schätzchen, du hasst ihn“, sagte sie.

 

Nicht wirklich getröstet, machte sich Sarah auf den Heimweg. Es war etwas stürmisch geworden, etwas zu windig für Anfang September. Blätter, Papier, Zeitungsfetzen und kleine Plastikreste flogen über den Straßen hin und her. „Hass kann also wirklich Schlimmes anrichten“, dachte Sarah, als sie in ihre Straße einbog. Vor dem Haus stand ein Rettungswagen. Die Sanitäter brachten Siggi mit einem Beatmungsgerät in den Wagen. Der eine meinte: „So einen Fall hatten wir noch nie. Kein Herzschlag, keine Hirnaktivität. Der Junge ist eigentlich klinisch tot, läuft aber ganz normal herum.“ Oh mein Gott, dachte Sarah. Sie sah den Sanitätern ins Gesicht, bis sie merkte: Nein, die wollten sie nicht veräppeln. Es stimmte. Siggi war ein Zombie!

 

Als ihre Eltern nach Hause kamen, erzählte Sarah in knappen Worten, was auf der Feier vorgefallen war. Dass sie daran schuld war, mochte sie nicht sagen, denn das war unverzeihlich, sie hatte ihren Bruder nicht nur umgebracht, sondern auch dafür gesorgt, dass er nicht in den Himmel kam.

 

Indessen war Siggi im Krankenhaus und merkte, dass allerhand Untersuchungen an ihm vorgenommen wurden. Und immer hieß es nur, er sei klinisch tot, aber am Leben. Da fiel ihm nichts besseres mehr ein, als sich auch äußerlich tot zu stellen, um in die Pathologie gerollt zu werden und von dort aus aus dem Krankenhaus zu fliehen. Alles war besser, als ein Versuchskaninchen für irgendwelche Forschungszwecke zu werden. So kam es dann auch. Nur hatte Siggi nicht bedacht, dass für die Beerdigung und das Abschiednehmen seine „Anwesenheit“ in einem der vielen Kühlfächer von Vorteil gewesen wäre. Zumindest bis zum Tag der Beerdigung hätte er es „aushalten“ müssen. Aber wie soll ein 16jähriger Teenager freiwillig eine Woche in einem eiskalten Kasten liegen, oder in Kauf nehmen, dass eine Autopsie vorgenommen und ein paar Organe fehlen würden? Oder dass sie den Kopf mit dem Knochenfräser öffnen, um das Gehirn zu untersuchen… Nein, es blieb ihm nur die Flucht. Aber wohin?

 

Fast alle wussten, dass er tot sei. Er selber glaubte es allerdings noch nicht. So lief er zu seinem Kumpel Lars, warf kleine Steinchen an sein Fenster, er öffnete es und erschrak bei Siggis Anblick. Er war leichenblass und flüsterte: „Bitte schmeiß mir ein paar Sachen zum Anziehen runter, ich hab nur ne Decke um!“ Natürlich half ihm Lars aus der Klemme, er konnte doch seinen Freund nicht im Stich lassen. „Danke Alter! Hast was gut bei mir!“ rief Siggi mit heiserer Stimme. Er überlegte, wo er jetzt hingehen könnte, und entschloss sich für die U-Bahn.

 

Dort gab es Tunnel, ein väterlicher Freund hauste dort hinter einer der Notausgangstüren, die zwischen zwei Stationen lag. Er kannte ihn unter dem Namen „Old Gin“, denn so wurde er von allen genannt. Unterwegs erhaschte er einen Blick in einen Spiegel – und erschrak: Er sah wirklich aus wie ein Toter!

 

Plötzlich bekam er Schwierigkeiten, sich zu bewegen. Nun erfuhr er am eigenen Leib, warum Zombies sich so langsam und eckig bewegen. Er konnte gar nicht mehr normal gehen, musste den Körper von einer Seite auf die andere rücken und Minischritte machen. „Das ist also die Leichenstarre“, dachte er. Da kamen ihm 2 Jugendliche entgegen. Der eine lachte und meinte: „Na Kumpel, für Halloween ist es doch ein bisschen zu früh, aber musst wohl schon üben, was?“ Sein Kumpel sagte: „Iih, und ne Dusche braucht der auch mal!“

 

Am liebsten hätte Siggi geheult, aber es kamen keine Tränen. Er schaffte es mit einiger Mühe in die Nähe der Tür. Da hörte er das Signal der U-Bahn. Er wollte noch schnell rüber auf die andere Seite, aber da war die Bahn schon fast an ihm dran. Er drückte sich so gut er konnte an die Seite, aber die Bahn streifte ihn am Ohr. Im verblassenden Rücklicht sah er das Ohr auf den Schienen liegen. Er wusste nicht, dass es seines war, aber er ahnte es, als er sich an den Kopf fasste… Es war sein Ohr! Siggi hätte am liebsten ganz laut geheult und geschrien, aber er hatte keine Tränen und war total heiser, auch kriegte er die Kiefer nicht auseinander. Er legte sich auf die Schienen, um das Ohr aufzuheben, da hörte er das Signal einer anderen Bahn. Panisch rollte er sich von den Schienen weg, erreichte die Tür und zog sich irgendwie rücklings hoch. Es gelang ihm, die Tür zu öffnen, wobei er sich (ebenfalls schmerzlos) 4 Finger brach, und hinein zu gelangen.

 

Old Gin war nicht da. Es war nicht seine Tageszeit. Um diese Zeit stand er in der Fußgängerzone und bettelte für die nächste Flasche Schnaps. Aber sein Lager war da: Eine Matratze vom Sperrmüll und ein alter Army-Schlafsack. Da Siggi nicht fror, legte er sich auf die Matratze – nein, er ließ sich, steif wie er war, darauf fallen – und wartete auf seinen Freund. Er kannte ihn vom Schule schwänzen, hatte ihn mal gefragt, wie man am besten bettelt und welche Argumente am besten ankommen. Old Gin hatte ihn gefragt, warum er nicht versuche, einen guten Schulabschluss zu bekommen, um niemals betteln zu müssen. „Wozu denn“, hatte Siggi geantwortet: „Der Beruf ist doch immer der gleiche: Hartz IV, Sozialamt, Penner.“ So waren die beiden in’s Gespräch gekommen, und als Siggis Fehlstunden den Eltern bekannt gemacht wurden, traute er sich nächtelang nicht nach Hause. Also war er hierher gekommen und schlief auf dieser alten breiten Matratze neben Old Gin, und tagsüber hing er mit seinen Kumpels ab.

 

Und jetzt war Siggi ein Zombie mit nur noch einem Ohr. Das andere steckte er sich so wieder an den Kopf, wie es vorher war. Eigentlich war er kein Dieb, aber er wusste, dass Old Gin’s „Behausung“ auch Nähzeug hergab. So nahm er Nadel und Faden und nähte sich das Teil wieder an. Es ging schwierig, das heißt eigentlich nur mit den gebrochenen Fingern, weil er ja immernoch in der Leichenstarre war. Er nahm sich vor, so lange zu warten, bis sie nachließ, um dann Old Gin’s Zuhause zu verlassen, bevor er kam. Diesen Anblick musste er ihm unbedingt ersparen.

 

Währenddessen waren Sarah und ihre Eltern im Krankenhaus, um Siggi zu besuchen. Die Frau an der Anmeldung hatte von dem seltsamen Verschwinden seiner Leiche aus der Pathologie erfahren, wollte aber die Familie nicht unnötig beunruhigen mit etwas, das sich selbst die Ärzte nicht erklären konnten. So sagte sie lediglich: „Ihr Sohn hat sich auf eigene Verantwortung entlassen. Er hat einfach seine Sachen genommen und ist gegangen.“ Die Sachen waren jedoch in der Aservatenkammer der Polizei gelandet, weil inoffiziell nach einem „entschwundenen Leichnam“ gesucht wurde, aber so sicher waren selbst die Beamten nicht, womit sie es hier zu tun hatten. Sarah atmete auf. Dann war er also gar nicht tot! In diesem Augenblick merkte sie, dass Siggi sie zwar furchtbar genervt und terrorisiert hatte. Oft hatte sie ihn zur Hölle gewünscht, aber jetzt erkannte sie, was es hieß, jemandem den Tod an den Hals zu werfen, und Siggi war immernoch ihr kleiner Bruder. Der kleine Bruder, der immer so süß gequiekt hatte, wenn sie ihn kitzelte, den sie mal vor bösen älteren Jungs beschützt hatte und der sie zum Dank in den Arm genommen und gesagt hatte: „Du bist die beste und mutigste Schwester der Welt!“, und der kleine Bruder, den sie eigentlich immernoch lieb hatte. Das Einzige, was störte, war seine ständige Drohung mit Petzen, wenn er nicht mehr der Prinz auf der Erbse war.

Sarah erinnerte sich an den Satz mit der Kröte. Aber hatte die Kröte denn gewusst, wie sie fühlte, wenn sie selbst doch vom Gegenteil überzeugt gewesen war? Oder besser gesagt: Der Geist der Kröte… Sarah war sicher, dass Siggi lebte. Genau wie ihre Eltern. Sie gingen zur Polizei und wollten eine Vermisstenanzeige aufgeben. „Es war sein Geburtstag?“ fragte der Beamte. „Der taucht schon von selbst wieder auf. Erst in 48 Stunden können wir eine Anzeige aufnehmen… Ach ich sehe hier gerade, das ist schon einmal passiert? Haben Sie keine Sorge, der kommt, früher oder später!“

In 2 Tagen war Siggi nicht aus der „Behausung“ gekommen. Er hatte immer auf Old Gin gewartet, dann wäre er gegangen. Aber Old Gin kam nicht. Das war ein Grund zur Beunruhigung. Sollte er ein Ticket zusammengebettelt haben und umgezogen sein? Oder war er vielleicht im Gefängnis? Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses oder so? Siggi beschloss, sich selbst auf die Suche zu machen. Als er aufstand, war seine Leichenstarre weg, auch die Finger schienen nicht mehr so gebrochen zu sein, alles ließ sich schmerzfrei bewegen. So öffnete er vorsichtig die Tür, wartete eine Bahn ab und rannte dann, so schnell wie früher, zu der Station zurück. Von dort aus sahen ihn viele Menschen an und er sah den Schreck, das Grauen in ihren Gesichtern. Er sah in den Spiegel und erschrak selber: Er war ein fürchterlich grauhäutiger Zombie!

Da es Nacht war, hoffte er, nicht allzu sehr aufzufallen, so stülpte er sich die Kapuze bis über die Stirn und steckte die Hände in die Taschen. Tief gebeugt ging er die Straßen entlang, bis er in ein sogenanntes „Armenviertel“ kam. Die Wandfarben der Häuser blätterten ab, waren meist schmutzig-grau, die Fenster blind, die Rahmenfarbe rieselte auf das Fensterbrett darunter, eben typische „Sozialwohnungen“. Siggi ging weiter, da hörte er ein „Psst!“ vor sich aus der Dunkelheit. Er sah hin, konnte aber nur Konturen erkennen. Der Mann trat ins Licht der Straßenlaterne. „Old Gin!“ rief Siggi und strahlte, er wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, traute sich aber nicht, denn er wusste, wie er aussah und was er war. „Komm, Junge!“ sagte der alte Mann und zog ein Schlüsselbund aus der Hosentasche. „Du hast eine Wohnung, eine richtige Wohnung? – Wow!“ Siggi freute sich mit ihm. „Ja, komm mit! Ich habe was von dir gelernt und war beim Sozialamt“, sie gingen eine Treppe herauf, dann schloss Old Gin auf, sie kamen in einen trostlos grauen Flur, in einem Zimmer stand eine Leiter mit einer Plastikplane und mehrere Farbeimer, in dem anderen stand nur ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein Kleiderschrank. Old Gin setzte sich auf das Bett, Siggi auf den Stuhl.

„Und nun erzähl du mir mal, was dir passiert ist“, sagte Old Gin, zündete sich eine Zigarre an und blies ein paar Kringel in die Luft, während Siggi erklärte, was vor ein paar Tagen vorgefallen war. „Ja, ich meine es ernst, herzlichen Glückwunsch, aber richtiges Glück, nachträglich!“ sagte Old Gin. „Ach wozu, ich bin ein verdammter Zombie!“ Siggi liefen inzwischen doch Tränen über’s Gesicht. „Wer sagt das?“ fragte Old Gin. „Mein Spiegelbild, und die Leute erschrecken sich, ich habe ein Ohr verloren und es wieder angenäht!“ schluchzte Siggi. Old Gin ging nach nebenan und holte einen Frisierspiegel von der Badezimmerkonsole. Den hielt er sich vors Gesicht und fragte: „Was siehst du?“ Siggi sah hin und meinte: „Dich!“ „Okay“, meinte Old Gin und hielt ihm den Spiegel vor’s Gesicht. „Und was siehst du jetzt?“ Siggi sah sich im Spiegel. Nicht als Zombie, sondern als neuerdings 16jähriger Jugendlicher. „Nicht, dass mich das erstaunt“, meinte Siggi, „so was wie Zombies gibt es ja nicht.“ „Das stimmt“, meinte Old Gin. „Aber einen Beweis müsste es geben“, Siggi drehte den Spiegel um… und da sah er es! Es stimmte! Er hatte sich wirklich das Ohr angenäht! Old Gin blieb ruhig und fragte Siggi, ob er schon mal Stimmen gehört hätte, die sonst niemand hört. „Du hältst mich für verrückt“, meinte Siggi, „Aber hier siehst du doch: Ich hab es mir wirklich wieder angenäht!“ „Na gut“, meinte Old Gin, „Dann können wir mal die Fäden ziehen und schauen, was passiert.“

Sie zogen die Fäden… und das Ohr blieb fest, wo es war. Es waren nur Einstichspuren zu sehen. „Soll ich mir jetzt alles nur eingebildet haben, die Blicke der anderen, die Bemerkungen, die Bewegungsstörungen…?“ „Das klingt alles ein bisschen nach Korea Huntington, einer Nervenkrankheit, oder Parkinson. Aber in diesem Alter können diese Krankheiten noch gar nicht ausbrechen“, meinte Old Gin. „Die anderen haben mich auch so gesehen!“ sagte Siggi. „Wie kommt das?“ Old Gin nahm einen Zug von der Zigarre und meinte: „Wenn man längere Zeit nichts gegessen hat, sieht man die Engel schwimmen und die Haie fliegen.“ Ach so, dachte Siggi, dann hab ich mir wirklich alles eingebildet. „Und wenn man die anderen ansieht, nach dem Motto: Siehst du, ich bin hässlich! Dann schauen sie einen an, weil sie Angst haben, man ist ein Stalker oder so was.“ Nun sah Siggi etwas klarer. „Danke, Old Gin, du hast mir wieder mal voll aus der Patsche geholfen!“ Old Gin antwortete: „Noch nicht. Es ist nicht unbedingt immer so, wie es scheint. Das weißt du. Aber kennst du jemanden, der dir einen fürchterlichen Denkzettel verpassen will? Irgendwie stinkt die Sache nämlich. Sieht aus, als hättest du jemanden sehr ärgerlich gemacht.“ Siggi brauchte nicht lange überlegen, bevor er antwortete:

„Das kann nur meine Schwester Sarah sein. Sie kriegt immer Besuch von Fledermäusen ohne Flügeln, diese Grufties, weißt du. Und sie stylen sich alle total schräg, hängen in zwielichtigen Discos ab und dort schneit es“, er machte eine Bewegung mit dem Finger und der Nase, „nicht nur im Winter.“ „Das alles sind keine Gründe, dich so fertig zu machen“, meinte Old Gin. „Starke Gefühle wie Liebe und Hass oder auch Verletzungen können, zusammen mit dem festen Glauben an eine Sache, die obskursten und unglaublichsten Phänomene hervorrufen. Da wollte sich jemand an dir rächen, und du weißt, wer und warum.“ Siggi wurde rot. Die Erpressungen, die Petzandrohungen, die Schuleschwänzereien, das Petzen der Schulschwänzereien… Sollte er jetzt wirklich bei den Eltern petzen, dass Sarah eine Goth und Drogenkonsumentin war? Old Gin stand auf und drückte den Zigarrenstummel im Aschenbecher aus. „Bring das in Ordnung, Junge. Geh auf diese Person zu und reiche ihr die Hand zur Versöhnung. Danach wird alles besser.“

Auf dem Weg nach Hause kam Siggi die Idee, dass er seine Schwester nicht mehr um Alk bitten brauchte, denn mit 16 durfte er beispielsweise auch gesetzlich legal Bier trinken. Als er klingelte, öffneten seine Eltern. Sie freuten sich so sehr, dass er wieder da war, dass sie ihm keine Vorhaltungen wegen der wilden Fete machten. Sie nahmen ihn in die Arme und sagten: „Gott sei Dank, dass du wieder hier bist!“ Sarah stand am Treppenabsatz und schien sich nicht wirklich zu freuen. Siggi ging zu ihr und meinte, auf ihr Zimmer deutend: „Auf ein Wort.“ Sarah wurde ganz blass. Nun bestand für Siggi kein Zweifel mehr daran, dass er ihr diesen faulen Zauber zu verdanken hatte.

Beide setzten sich wortlos auf ihr Bett, dann meinte Siggi: „Ich weiß, es war scheiße von mir, dich mit den albernen Feten, Alk usw. zu versklaven. Wahrscheinlich hätte ich genauso gehandelt. Echte Brüder benehmen sich anders.“ Sarah wurde rot und nickte. „Ich werde mit meinen Eltern reden. Ich bin kein Vampir und hab auch keine Depressionen. Es gibt halt die dunkle Szene, diese Gothic, und ich hab mal absichtlich so eine Zeitschrift im Wohnzimmer liegen lassen. Außerdem nehme ich keine Drogen. Mir wurden mal welche angeboten, aber freiwillig würde ich so ein Zeug nie nehmen.“ Siggi nickte und reichte ihr die Hand. „Frieden?“ Sarah ergriff die Hand und fragte: „Okay. Aber wie konnte das sein, du weißt schon, dass du so kalt warst und all das?“ Siggi erinnerte sich an einen Spruch seines Freundes aus dem Armenviertel und meinte: „Du bist nicht, wie die Leute glauben, dich zu sehen, sondern du glaubst, du siehst dich so, wie die Leute dich sehen.“

Sarah musste ein Weilchen über diesen Spruch nachdenken. Später sprach sie mit ihren Eltern und stellte ihnen ihre langjährigen Freundinnen vor. Sie wirkten überhaupt nicht geschockt, eher interessiert.

Es sind nicht irgendwelche dahin gesagten Formeln oder Floskeln, die aus uns Menschen machen, sondern die Ehrlichkeit und der Mut, diese Ehrlichkeit auszusprechen.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dagmar Grigat).
Der Beitrag wurde von Dagmar Grigat auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

REALWORLD - Stadion der Märtyrer von Michael Morten



Angriff auf ein Fußballstadion
Sharon Stockwell, eine britische Journalistin, wittert die Topstory Ihrer Karriere. Sie ist den größten Terroranschlägen aller Zeit auf der Spur.
Gemeinsam mit Max Redcliff, einem britischen MI5-Agenten kurz vor der Pensionierung, versucht sie die Pläne der Terroristen zu durchkreuzen.
Sie muss das schreckliche Geheimnis ihres undurchsichtigen Exfreundes enträtseln, der eine Schlüsselfigur im tödlichen Kampf gegen den Terror ist.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Dagmar Grigat

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein Alien beschreibt den Planeten Erde von Dagmar Grigat (Science-Fiction)
Leben und Tod des Thomas von Wartenburg, I. Teil von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)
Menschen im Hotel III von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)