Johanna Döttelmayer

Das verlorene Mädchen - Kapitel 5

This is I can't stand you



An demselben kalten Novembertag wankte eine abgemagerte Frau in einer schwarzbraunen, übergroßen Lederjacke aus einem heruntergekommenen Café im Lathrup Village, Detroit.
Ein paar Meter ging sie mit dem Kopf weit nach unten gesenkt und ihre Augen wanderten ruhelos in der Umgebung umher, als ob sie nicht gesehen werden wollte. Doch dieser Eindruck täuschte. In Wirklichkeit war ihr der Kopf bloß zu schwer und sie hatte Mühe, die starke Röte in ihrem Gesicht zu verstecken.

An einer viel befahrenen Kreuzung kam sie zum Stehen. Während der Wartezeit bis zu einer grünen Ampel blickte sie gen Himmel. Die Sonne stach in ihren grün-braunen Augen, aber es machte ihr nichts aus. Sie sah trotzdem in das Licht, dann hinüber zu den schmutzigen Fensterscheiben und Fassaden der Wohnhäuser, die diesen Ort einen vernachlässigten Charme verliehen. Zwar ließ sich hier und da ein gepflegtes Gebäude finden, aber letztendlich verstärkten sie den Kontrast zu den renovierungsbedürftigen Häusern bloß.

Das sekundenschnelle Klicken der Ampel holte die junge Frau zurück aus ihren Beobachtungen und zu ihrem Vorhaben. Nachdem sie die Straße überquert hatte, steuerte sie geradewegs auf die nahestehende Telefonzelle zu und schloss die Türe.
Der Schweiß wollte ihr schon wieder von der Stirn in die Augen laufen, darum rubbelte sie sich notgedrungen mit dem staubigen Ärmel über die Haut. So etwas wie ein Taschentuch besaß sie nicht. So etwas wie ein Taschentuch zu kaufen, daran dachte sie niemals.
Die Umgebung vor ihr drehte sich stark. Manchmal schwankte sie auch, wie die Sicht auf einem Boot bei starkem Wellengang. Andermal erschien es ihr, als würde das Bild vor ihren Augen zu einem Kreis verschmelzen – so wie jetzt gerade.
Sie hatte genug von diesem Zustand. Genervt riss sie das Telefon vom Haken. In ihrem Kopf suchte sie nach der Handynummer … irgendwo musste sie seine Nummer ja gespeichert haben. Irgendwo. Nur wo …
Ah. Da war sie. Mit all seinen positiven Assoziationen.


Die Frau fühlte sich so erleichtert, dass sie sich an diese wichtige Information erinnerte, sie konnte kaum darauf warten, die Nummer zu wählen. Leider fuhr in dieser Sekunde ein Kratzen ihre Kehle hoch, ihre Bronchien verkrampften sich und sie begann zu husten und zu spucken.
Dieser Husten war dermaßen stark, dass er sie zum röcheln brachte und sie sich mit einer Hand an der Wand abstützen und mit der anderen ihre Kehle vor Not umfassen musste. Erst nach einem quälenden Augenblick löste sich der Husten und das Kratzen in ihrem Hals wurde wieder erträglich.

Noch mit feuchten Augen von dieser Hustenattacke tippte sie die Wahltasten und wartete danach geduldig ab.
Was konnte sie sich denn schon erhoffen?, sagte sie sich selbst. Dass ihr einziger Freund rund um die Uhr für sie zu Verfügung stünde? Besonders, da dieser Freund oft von Musik umgeben war und den Anruf durch das laute Quietschen der Gitarren möglicherweise gar nicht hören konnte ...
Es war eine Frage des Glücks. Und wenn jemand mit Recht behaupten konnte, ein geborener Pechvogel zu sein, dann war es diese junge Frau – diese junge Frau namens Julie Taylor Mckenny
.
Ironischerweise drang kurz nach dieser Feststellung diese Art von Klicken durch die Leitung, das durch einen angenommenen Anruf entsteht. Unter normalen Umständen wäre Julie überrascht gewesen, dass sie ihren Freund nach dem ersten Versuch erreicht hatte, doch der Fieberwahn brachte ihre Gedanken völlig durcheinander.

„Ray?“ Julies Tonbänder waren gefordert von ihrer schmerzenden Kehle, sodass sie ihre Wörter nicht sprach sondern eher mehr hauchte.
„Hallo? Hallo?“, fragte ihr Gesprächspartner ein wenig aufgeregt. Im Hintergrund konnte Julie ein Schlagzeug vernehmen – oder war ihr Fieber schon so hochgestiegen, dass sie Geräusche bereits fantasierte?
Julie strengte sich an, um ihre Stimme kräftiger werden zu lassen. Ray sollte bloß nicht auflegen! Aber ihr bester Freund, Mitte zwanzig und Berufsmusiker, wusste, was ein Anruf von einer unbekannten Nummer bedeutete.

„Ray, ich bin’s …“
„Oh … Julie, was ist los? Hattest du nicht jetzt ein Handy?“, fragte Ray ein wenig ängstlich.
Ach ja, das Handy. Julie musste mit zusammengekniffenen Augen über sich selbst den Kopf schütteln. Sie war doch so ein Idiot, so etwas Wichtiges wie ein Handy einfach wegzuwerfen.
„Es liegt im See … frag nicht. Ray, bitte, ich brauche deine Hilfe.“ Julie sprach möglichst langsam und klar, doch wenn der Hustenreiz sie überkam, musste sie längere Pausen zwischen den Wörtern einlegen.
„Scheiße, Julie!“, herrschte ihr einziger Freund sie an, der unverändert einen New Jersey-Akzent besaß.
„Du hast doch jetzt eine Wohnung bekommen“, flüsterte Ray. „Bitte sag mir nicht, du bist rausgeflogen aus dieser Wohnung-für-Obdachlose-Sache.“ Nun klang Ray ein wenig wie eine Mutter im mittleren Alter.
„Bin ich nicht.“ Julie blickte beschämt zu Boden. Ja, sie hatte durch das South Oakland Shelter eine kleine, 37 Quadratmeter Wohnung zu Verfügung gestellt bekommen.
Und die Sache war die, wie immer mit Julie: In ihrer Welt fand sie in allem einen Haken.
Nicht, dass sie nicht dankbar gewesen wäre, wieder ein Dach über den Kopf zu haben – tatsächlich hatte sie Sturzbäche geweint, als sie nach etlichen erfolglosen Versuchen endlich eine Wohnung zugeteilt bekam. Doch sie musste sich diese paar Quadratmeter mit einem anderen Mitbewohner teilen, der nicht nur weiterhin die schlechte Angewohnheit hatte, zu klauen, sondern ihr auch im Generellen unsympathisch war. Das Schlimmste allerdings an dieser neuen Wohnsituation war, dass Julie weiterhin jedes Detail mit einem Sozialarbeiter des South Oakland Shelters absprechen musste, um weiter in dieser Hundehütte wohnen zu dürfen.

Nach einer langen Schweigeminute sprach Ray:
„Ich dachte, du fühlst dich unwohl, wenn ich dir dauernd helfe.“
Energielos erwiderte Julie:
„Und ich dachte, du hättest kein Problem damit, mir ab und an auszuhelfen …“
„Habe ich auch nicht … ich bin nur … wirklich überrascht.“
Kurze Stille.
Ab diesem Punkt wich die Energie aus Julies Beinen. Sie begannen plötzlich, sich wie Wackelpudding anzufühlen. Und sie musste andauernd den aufsteigenden Schweiß aus ihrem Gesicht wischen.
„Es ist Folgendes … ich brauche ein Motelzimmer. Und Medikamente. Ich habe mir irgendeinen Virus eingefangen.“
„Oh, in Ordnung. Und dich Zuhause auszukurieren willst du wohl nicht, was? Na gut, ich bringe etwas mit.“
Es gab keinen besseren Zeitpunkt, um von dem Hustenreiz erneut übermannt zu werden und sich die Lunge förmlich aus der Brust zu husten.
„Oh, Julie. Seit wie lange bist du schon krank und warst immer noch nicht beim Arzt?“, nörgelte Ray in gewohnter Manier.
Julie hustete weiter – es war schmerzhaft – und sie gab es nicht zu, aber bei sich dachte sie: Genau das brauchst du. Jemanden, der wegen dieser Dinge an dir rumnörgelt. Vielleicht beginnst du dann ja eines Tages, dich um dich selbst zu kümmern.
Julie wollte das aus ganzem Herzen glauben aber es widersprach ihrer Natur, gut auf sich aufzupassen.
„Du hast doch wahrscheinlich auch Fieber. Du musst ein Taxi nehmen bis zum nächsten Motel. Ich schätze mal, du wirst dasselbe nehmen wie das letzte Mal. Morgen bin ich auch da.“
„Perfekt“, sagte Julie, denn Ray tat genau das, was Julie sich erhofft hatte.
Gleichzeitig merkte sie auch, wie viel Mühe es sie kostete, sich noch auf den Beinen zu halten und hängte darum ein.

In einer so dicht besiedelten Stadt wie Detroit dauerte es nicht lange, ein Taxi aufzugabeln. Julie winkte sich mal eben eines heran, stieg ein und lächelte sich selbst im Spiegel zu, als es in das nächste Motel aufbrach.
Doch Julie lächelte nicht unbedingt, weil sie glücklich war, einen Freund zu haben, auf den stets Verlass war.
Sie lächelte nicht, trotzdem ihr Leben langsam besser wurde.

Sie lächelte, weil das Fieber ihr Denkvermögen einnebelte.
Und weil sie den Schmutz und den Verdruss der Stadt dadurch ein paar Minuten lang ausblenden konnte.
Vielleicht aber auch, weil sie so ihre Vergangenheit für eine Minute vergessen konnte.

Ja, Julie Taylor Mckenny war am Leben. Irgendwo in ihrem Inneren wusste sie diese Tatsache auch sehr zu schätzen.

Aber die Wertschätzung war vergraben unter einer Menge an Emotionen, die sie für sich behielt, wie ein Geheimnis.
Bis zu dieser besonderen Oktobernacht.
Eine Nacht, die nicht nur Julie dazu zwang, in den Spiegel zu sehen; ihre wahren Gefühle und damit auch einen ungeliebten Teil ihres Selbst wahrzunehmen.


Nachdem Leonard seine Augen öffnete, erblickte er eine Schwärze, die ihn zutiefst verunsicherte. Unmittelbar darauf durchzog ein dermaßen starker Schmerz sein Rückgrat und Schulter, dass er ein wenig zusammenzuckte. Unweigerlich stellte er sich die Frage, woher seine Schmerzen rührten, aber dann fühlte er den unnachgiebigen, harten Boden unter sich und wunderte sich nicht mehr.
Er zog stark Luft in seine Lungen und ließ sie langsam wieder aus.

Wie war er hierhergekommen? Und wo war er überhaupt gelandet? Er erinnerte sich tatsächlich an gar nichts mehr. Die letzten Stunden waren aus seinen Erinnerungen gelöscht wie eine Datei auf einem PC.
Es war schon wieder passiert. Genau diese Sache, vor der Marti ihn gewarnt hatte …
Leonard fühlte eine reißende Welle der Trauer über sein Inneres hinwegschwappen, weil es schon wieder passiert war, trotz besseren Wissens.
Doch allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er bemerkte die Sterne über sich, die so groß waren wie Stecknadelköpfe.
Und dann horchte Leonard in die Stille dieser verlassenen Ortschaft. Weit und breit war keine Menschenstimme zu hören. Er musste sich auf irgendeiner Landstraße befinden, weit weg von Summit. Und wenn seine innere Uhr noch stimmte, hatte er eine halbe Nacht verloren.

Unter Keuchen und Stöhnen schaffte Leonard es, sich zur Seite zu drehen. Doch es war, als hätte man ihm sämtliche Lebensenergie entzogen. Seine Glieder fühlten sich bleiern an und bewegten sich wie aus Lehm, und seine Gedanken waren wirr und abstrakt.
Im nächsten Augenblick musste Leonard die Luft anhalten. Fassungslos starrte er auf eine lange Schaufel, neben der er scheinbar übernächtigt hatte. Mit zittrigen Händen griff er nach dem Holzstiel und entdeckte, nachdem er es so lange übersehen hatte, die Mischung aus getrocknetem Blut und Erde, welche seine Finger überdeckten.
Obwohl es ihm einen sagenhaften Schwindelanfall bescherte, sprang Leonard aus seiner Liegeposition auf, nachdem er die Schaufel panisch von sich weggestoßen hatte.
Das Blut in seinen Adern kochte heiß und Panik ergriff von ihm Besitz. Voller Schock entdeckte er das tiefe Erdloch neben sich.

Er wusste nicht, was hier passiert war.
Oder ob überhaupt etwas passiert war. Vielleicht war das hier ja auch sein Werk ...
Oder möglicherweise spielte irgendwer ihm einen wirklich dummen, unlustigen Scherz.
Leonard selbst hatte nicht ansatzweise eine Ahnung, wie die Wahrheit aussehen könnte.

Er befühlte seinen Körper von oben bis unten, suchte nahezu akribisch alle Stellen an seinem Körper nach einer Wunde ab. Aber er war völlig unversehrt.
Das Blut an seinen Händen gehörte jemand anderem!
Plötzlich überkam Leonard dieser Drang, zu schreien. Und er tat es!
Er konnte die Realität, die sich ihm präsentierte, nicht mehr fassen.
Sein Schrei hallte zwischen den Bäumen um ihn zurück.
In was für eine Misere hatte er sich hier hineingebracht!?
Was hatte er getan?
Drehte er völlig durch?
Er musste sich einfach selbst fragen, denn er wusste es schlicht und ergreifend nicht.
Hatte er einen anderen Menschen umgebracht?

Als die Situation Leonard zu überwältigen drohte, machte er am Absatz kehrt und sprintete davon, das Stückchen Feld mit der aufgeschütteten Erde zurücklassend.
Nur einige Schritte weiter stieß Leonard auf seinen Wagen. Der Kofferraum stand offen. Leonard zog an der Türe. Sie war nicht verriegelt.
Leonard begann, sich ein kleines Stück zu beruhigen. Zumindest war er hier nicht gestrandet, dachte er. Weiter dachte er: Er musste das Blut an sich loswerden, denn so konnte er nicht nach Hause fahren. Ihm fiel wieder ein, dass er im Kofferraum immer ein paar Wasserflaschen und einen alten Lappen aufbewahrte. Er musste das ganze Blut von sich wischen. Wenn ihn ein Polizist so entdecken würde, wäre das Leben für ihn gelaufen.

Leonard erschrak ziemlich, als das eiskalte Wasser seine Haut berührte. Es hatte die ganze Nacht in der kühlen Herbstluft verbracht und natürlich dessen Temperatur angenommen.
Klitschnass und von Kopf bis Fuß zitternd stand Leonard da und konnte sich gar nicht richtig bewegen. Als Art Abwehrmechanismus starrte er das dunkle Nummernschild seines Autos an. Seine Gedanken kreisten.
Wenn er nicht gleich von hier wegkam, würde er noch durchdrehen.
Aber dann wurde Leonard etwas sehr Wichtiges bewusst: Wenn er diese Schaufel zurückließe und sie irgendjemand fände, könnte man seine DNA darauf finden … und das musste er um jeden Preis verhindern.

Am Ende hatte das kühle Nass wenigstens seine Lebensgeister wieder erweckt. Leonard schüttelte sich ab, wie ein Hund es tun würde, ehe er fest entschlossen, es wäre das letzte Mal, sein Auto zurückließ.
Schon einige Meter davor konnte Leonard es sehen: Dieser Haufen an Erde sah wirklich aus, als hätte jemand einen Leichnam verbuddelt und anschließend Erde darüber gekippt.
Tatsächlich harrte Leonard einige Sekunden hin und hergerissen vor dem Grab aus. Hin und hergerissen zwischen zwei Wegen: Er könnte die Polizei benachrichtigen und darauf hoffen, dass sie nach dem wahren Mörder suchen würden … wenn es nicht seine Tat gewesen war.
Oder er könnte die Schaufel nehmen, die Erde ebenmäßiger klopfen und möglichen Schwierigkeiten entgehen.

Er zögerte nicht lang und nahm sich der Schaufel an.

Doch bevor er die Leiche und das Loch zuschüttete, nahm er noch einen Atemzug, der so weit reichte bis zum Boden seiner Lunge.
Manchmal, sagte er sich selbst, muss man jegliche Emotionen ausschalten und dann geht alles.
Alles.
Sogar eine Leiche zu begraben …

Mit seiner gewohnten Gewissenhaftigkeit erledigte seine Arbeit und kehrte energielos zu seinem Auto zurück.
Solange es noch dunkel war brachte er die Schaufel zu sich nach Hause. Doch er war sehr weit von Zuhause abgekommen.
Wie hatte er es so schnell nach Pennsylvannia geschafft?
Leonard verlangte Antworten, doch er hatte dieses seltsame Bauchgefühl, dass er sie nicht so bald bekommen würde. Doch in Anbetracht der Tatsache, er könnte der Mörder sein … wollte er die Wahrheit möglicherweise auch gar nicht wissen.

Als der Morgen herankroch und die Sonne sich mit jeder Sekunde mehr über Summit erhob, hatte er es endlich nach Hause geschafft. Restbetrunken, voller Schmutz und vergossenen Tränen fiel er in voller Kleidung in sein Bett und erlebte einen komaähnlichen Schlaf.




Sechs Stunden früher erwachte Julie. Sie blinzelte verschlafen, rollte sich aber sogleich in dem Motelbett auf die Seite, um das klingelnde Telefon stummzuschalten.
Julie fühlte sich wie ein ausgewrungener Waschlappen. Sie war feucht vor lauter Schweiß, schlapp und konnte kaum die Augen offenhalten. Doch sie war zu verklärt im Kopf, um herauszufinden, wie man einen Anruf auf einem Kalbeltelefon ablehnte und nahm ab.

„Ich bin schon auf dem Weg zu dir“, war das Erste, das Ray sagte. Im Hintergrund erklangen Motorgeräusche, also war es wahr.
Ray kam extra aus New Jersey, um auf Julie aufzupassen, während sie sich auskurierte.
Diese Nachricht erheiterte Julie. Und es war schwer zu sagen, ob es an der Erkältung lag oder daran, dass Julie sich schon länger nicht mehr von irgendjemandem bedroht gefühlt hatte, aber zum ersten Mal nach langer Zeit ließ sie wieder Gefühle zu.
„Ich bin froh, das zu hören … es ist einfach wundervoll, zu wissen, dass es immer jemanden gibt, auf den ich mich verlassen kann …“
Mit Sicherheit war Ray überrascht, Julie so zu erleben. Irgendwie hatte Ray immer gespürt, dass Julie dankbar für all die Unterstützung war, die er ihr über Jahre gegeben hatte.
Aber, dass Julie von sich aus um Hilfe bat und ihre Dankbarkeit ausdrückte, war etwas Neues.
Ray kannte den Grund, warum Julie sich sonst eher verschlossen gab. Sie hatte sehr viele traumatische Erfahrungen gemacht in ihrem Leben gemacht.

Julie rekelte und streckte sich, eng umschlungen von den modrigen Bettlaken. In diesem winzigen Raum passte nur ein einsamer Schreibtisch, auf dem ein Fernseher thronte, das Bett war viel zu eng und das einzige Nachtkästchen war dank des Telefons überfüllt. Dieser Anblick erinnerte Julie an ihre neue Wohnung, die zwar von einem missmutigen Mann bewohnt wurde, aber mehr Platz bot als dieses schäbige Zimmer.
Da begann Julie sich vorzustellen, wie ihr Leben nach zwei Jahren voller harter Arbeit aussehen könnte:
Sie hätte eine einfache zwei-Zimmer-Wohnung irgendwo am Stadtrand; ihr Wohnzimmer beherbergte mehrere Gitarren und an den Wochenenden käme Ray vorbei und würde mit ihr gemeinsam musizieren.

„Muss ich aufpassen, wenn ich zur Apotheke gehe?“, fragte Ray.
Julie zögerte, dann meinte sie:
„Ich glaube nicht. Ich denke, jemand hat jetzt wirklich endlich losgelassen, wenn du verstehst.“
Ray seufzte in den Hörer. So wie er klang, hatte er den Lautsprecher angeschaltet, damit er sich besser auf den Verkehr konzentrieren konnte.
„Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, dass dieser Albtraum endlich zu Ende sein soll …“
„Ist es auch so kalt bei euch in New Jersey?“, fragte Julie nach ein, zwei Sekunden der Stille. Ihr war gerade nicht danach, über die Geister der Vergangenheit zu sprechen.
Ray interpretierte ihren Themenwechsel ganz anders: Er glaubte, Julie vermisste New Jersey, ihren früheren Heimatort, immer noch.
„Ja, es ist auch kalt bei uns. Aber wenn es wirklich vorbei ist, dann kannst du ja erwägen, wieder zurück nach New Jersey zu ziehen ...“
„Hmm, vielleicht. Ich vermisse Oscar. Und seine herrlichen Fallafel“, gab sie zu.
„Ich bin mir sicher, er gibt dir einen Job, wenn du ihn fragst.“ Ray gluckste amüsiert über die Vorstellung, wie Julie in Oscars Restaurant in diesen seltsamen Arbeitsuniformen kellnern würde.
„Aber ich will nicht mehr nach New Jersey zurück“, sagte Julie nun ernst.
„Wieso?!“, fuhr Ray irritiert auf, „New Jersey ist toll! Und du weißt ganz genau, eine ganze Menge an Leute würden sich freuen, dich wiederzusehen!“
Julie stellte sich New Jersey in ihrem Kopf wieder vor. So wie all die Gesichter, die sie zurückgelassen hatte.
Doch dann sagte sie:
„Weil in dieser Stadt nicht nur Engel, sondern auch die Teufel wohnen.“
„Was?!“
Julie hörte das kontrollierende Ticken des Blinkers. Ray bog irgendwo ab.
„Du redest aber nicht von-“
Julie unterbrach ihn.
„Ja, ihn. Ich hasse ihn. Und vermutlich würde ich zu Tode prügeln. So lange auf ihn einprügeln, bis er seinen letzten Atemzug getan hat. Weil er es verdient hat. Weil er Schlimmeres verdient hat.“
Julies Stimme schwoll vor lauter Hass an. Ihre Nasenflügel plusterten sich auf, als all die lange unterdrückten Emotionen hochkamen und sich endlich entladen konnten.

„Ich glaube nicht, dass ich mich zügeln könnte … und das ist schlecht, weil ich der Polizei nicht mal erzählen könnte, was er mir angetan hat. Ich habe ja schließlich keine Beweise dafür, dass er mein Leben dermaßen versaut hat.“
Ray schluckte trocken.
„Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, dass du ihn dermaßen hasst …“, murmelte Ray schockiert, "ich dachte, du wolltest es einfach vergessen? Das waren deine Worte!"
„Natürlich!“, rief Julie aus. „Natürlich hasse ich ihn bis aufs Blut!“
Wild drehte sich Julie auf ihrem Bett herum.
„Ray, hör mir gut zu: Nach allem, was er mir angetan hat, hasse ich Leonard mehr, als ich dachte, je jemanden hassen zu können!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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