Paul Theobald

Ausländer raus!

Da stand sie, die Parole, in roten Buchstaben und dick unterstrichen an der Wand: Ausländer raus! Und es gab tatsächlich Wirrköpfe in dem Dorf, die dieser hinterher liefen. Deshalb beschloss der Gemeinderat, dass alle Ausländer das Dorf verlassen müssen. Das ließen sich die Ausländer nicht zweimal sagen.
Morgens, als die Deutschen mit dem Auto zur Arbeit fahren wollten, staunten sie nicht schlecht, dass sie fast keine Autos vorfanden. So hatten sich die Japaner und die Ungarn auf den Weg nach Osten gemacht und die Italiener riefen: „Ihr könnt uns im Urlaub, wenn ihr in den Süden reist, besuchen kommen!“ Und die Franzosen empfahlen, bei einem Besuch der Partnergemeinde nach ihnen zu schauen.
So blieb den Deutschen nichts anderes übrig, als zu Fuß zur Arbeit zu gehen oder sich beim Unternehmer oder Geschäftsinhaber zu entschuldigen, weil man nicht zur Arbeit kommen konnte. Und auch die Lehrer/innen und Lehrer standen, falls sie zum Unterricht in die Schule gekommen waren, vor fast leeren Schulsälen, weil die Eltern die Schüler/innen nicht zur Schule brachten.
Als die Verkäufer/innen die Lebensmittelgeschäfte um 9.00 Uhr öffneten, sahen sie, wie die polnischen Weihnachtsgänse mit „Auf Wiedersehen“ wegflogen. Und auch die Pizzen und das Eis sagten: „Wir bleiben nicht hier!“ und machten sich davon. Auf dem Wochenmarkt musste die Polizei einschreiten, weil es vor dem Käsewagen zu einem Tumult gekommen war, weil die Kund/inn/en den Schweizer Emmentaler haben wollten und der Verkäufer erklärte, dass er keinen habe und nicht sagen kann, wann er wieder welchen verkaufen könne, was die Kundschaft nicht glauben wollte. Aber auch der holländische Edamer war beim Nachbarstand nicht zu bekommen und der Blumen-verkäuferin blieb nichts anderes übrig, als zu erklären, dass sie nicht wisse, wann sie wieder Tulpen aus Amsterdam bekomme.
Kinder zankten sich mit ihren Eltern, weil diese die Süßigkeiten vom Einkauf nicht mitbrachten und sie nicht wahrhaben wollten, dass keine im Laden vorhanden waren. Die Kellner/innen waren völlig verzweifelt und rauften sich die Haare, weil die Gäste thailändisches Essen wünschten, aber nur deutsches zubereitet werden konnte. Und als der Bürgermeister auf seine Uhr sehen wollte, damit er die Gemeinderatssitzung pünktlich eröffne, bemerkte er, dass er keine mehr hatte, denn diese befand sich auf dem Weg in die Schweiz.
Allmählich merkte man in dem Dorf, wie unsinnig der Gemeinderatsbeschluss „Ausländer raus!“ war und dieser so schnell wie möglich aufzuheben ist. Deshalb rief der Bürgermeister eine „Außerordent-liche Gemeinderatssitzung“ ein mit nur einem Tagesordnungspunkt: Aufhebung des Beschlusses „Ausländer raus!“ Der Gemeinderat, der zur Sitzung vollzählig erschienen war, folgte dem Vorschlag der Verwaltung und hob den Beschluss „Ausländer raus!“ einstimmig auf. Weiterhin zog er die Lehren und erklärte: „Ausländer sind herzlich willkommen!“ und dass man nie mehr sagen werde: „Ausländer raus!“
Zum Schluss der Gemeinderatssitzung erklärte der Bürgermeister, dass „er hoffe, dies sei für die Wirrköpfe in anderen Orten, die „Ausländer raus!“ für richtig halten, eine Lehre und unserem Beispiel folgen.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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