Heinz-Walter Hoetter

Das Ding aus dem All

Am fernen Horizont konnte man eine lange Kette von mächtigen Bergen erkennen, die weit in den blauen Himmel hineinragten. Auf den meisten Gipfeln lag noch Schnee, der selbst im Hochsommer nicht auftaute.

Am Fuße der Berge gab es viele enge Schluchten und tiefe Täler mit geheimnisvoll anmutenden Wäldern, die noch nie eine Axt oder Kettensäge gesehen hatten.

Weit draußen vor dem Gebirge durchzogen sanfte Grashügel die stille Landschaft und manchmal traf man auf einsame, moosbewachsene Hütten, die allerdings unbewohnt waren. Einige von ihnen standen wohl schon seit langer Zeit hier, was man auch daran erkennen konnte, dass ihre Kamine langsam zerbröckelten und die niedrigen Dächer an vielen Stellen große Löcher aufwiesen.

Obwohl diese Gegend jedem Durchreisenden auf dem ersten Blick menschenleer vorkommen musste, wohnten dennoch ein paar unverwüstliche Einheimische hier, die aber allesamt weit verstreut am Rande eines weitgespannten Sperrgebietes ihr karges Dasein fristeten.

Einer dieser wenigen, alteingesessenen Bewohnern war der alte Mr. Henry Bischoff, der zwar recht wirr im Kopf war, aber bestens darüber Bescheid wusste, warum vor langer Zeit die meisten Bewohner aus dieser schönen Landschaft nach und nach weggezogen sind.

Mr. Bischoff war eigentlich von Natur aus ein sehr schweigsamer Mensch, der über die damaligen Vorkommnisse nur selten ein Wort verlor. Wenn jedoch mal Besucher hier vorbei kamen, die sich für die schöne, unberührte Landschaft interessierten, erzählte er ihnen stets von den seltsamen Ereignissen, die sich hier vor langer Zeit zugetragen haben sollen, und die angeblich bis heute fortdauern würden, wie er stets ahnungsvoll andeutete.

Warum der Alte noch da war, das hatte einen einfachen Grund. Sein kleines Haus, welches man seinerzeit extra für ihn bauen lies, lag an einer belebten Straße, die damals neu gebaut werden musste. Sie schlängelte sich wie eine Schlange unmittelbar am weitläufigen Sperrgebiet entlang und verlor sich schließlich irgendwo im fernen Gebirge.

Die alte Straße gab es zwar immer noch, die allerdings unten an den Bergen vorbei durch die tiefen, stark bewaldeten Täler verlief, jedoch später zu einem erheblichen Teil vom smaragdgrünen Wasser eines neu gebauten Stausees überflutet worden war.

Und genau aus diesem Grunde hatte man vorsichtshalber die alte Straße eben für den gesamten Verkehr gesperrt, weil es immer wieder Leute gab, die mit ihren geländegängigen Fahrzeugen, trotz aller Warnungen übrigens, auf dem Rest der überwucherten Fahrbahnen bis tief in die dunklen Wälder und meist zu nah an die zerklüfteten, steil abfallenden Ränder des Stausees gefahren waren. Immer wieder ereigneten sich deshalb in fast schon regelmäßigen Abständen unheimlich anmutende Unfälle, die sich niemand erklären konnte. Die meisten Unfallopfer tauchten seltsamerweise nie wieder auf und blieben verschollen, obwohl man wochenlang mit allen technischen Mitteln nach ihnen gesucht hatte. Aber das alles ist schon lange her. Heute darf kein Mensch mehr dieses weiträumig abgesperrte Gebiet betreten. An etlichen Stellen hat man sogar unüberwindbare Stacheldrahtzäune hochgezogen.

***

Ich hielt meinen schweren Geländewagen an und stieg aus. Es war still in der Gegend und der Boden, auf dem ich jetzt stand, war überzogen mit feuchtem Moos und faulenden Resten alter Bäume, die sich hier einst hoch in den Himmel erhoben hatten. Nun lagen sie morsch und verwittert überall herum. Ich ließ meinen Blick langsam über die weite Landschaft gleiten und erinnerte mich an längst vergangene Zeiten, die mein damaliges Leben von Grund auf verändert haben.

Ach so, ich habe mich ja noch nicht vorgestellt.

Mein Name ist Joe Allen. Als ich damals hier das Gelände für den neuen Stausee zu vermessen begann, lernte ich während meiner Tätigkeit auch den etwa 40jährigen Mr. Bischoff kennen, der hier wohnte.

Mr. Bischoff lebte zu jener Zeit noch in einem kleinen Anwesen direkt am Rande eines tiefen Tales mit dichtem Waldbestand. Beides gibt es allerdings schon lange nicht mehr, weil sich heute sowohl das Tal als auch der Wald tief unterhalb der Wasseroberfläche des neuen Stausees befinden, an dessen Bau ich als junger Vermessungsingenieur viele Jahre, und bis zu seiner Fertigstellung, mitgewirkt habe.

Heute werde ich endlich mal den mittlerweile 85 Jahre alten Mr. Bischoff besuchen, was ich eigentlich schon immer in der Vergangenheit tun wollte, doch jedes mal kam etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Ich habe ihm einfach einen Brief geschrieben und ihn darin gefragt, ob wir uns über gewisse Dinge aus der damaligen Zeit unterhalten könnten. Er war nicht abgeneigt, und so stehe ich heute hier.

Ich schloss meinen abgestellten Geländewagen ab und marschierte hinüber zu seinem Haus. Eine Weile später klingelte ich an seiner Tür. Schon bald wurde sie geöffnet. Der alte Mr. Bischoff begrüßte mich freundlich, ließ mich herein und wies mir einen gemütlichen Platz am Wohnzimmertisch zu, auf dem bereits dampfender Kaffee stand.

Während Mr. Bischoff unsere Tassen mit heißem Kaffee füllte, fing ich das Gespräch an.

„Es ist schon lange her, Mr. Bischoff, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Leider war ich wegen meiner Arbeit immer verhindert. Ich habe mir heute extra Zeit dafür genommen, ihnen mal einen Besuch abzustatten. Danke auch für ihre nette Einladung. Wie gesagt, bin ich sehr daran interessiert, mir von ihnen die Geschichte erzählen zu lassen, was sich damals wirklich in dieser Gegend hier abgespielt haben soll. Es gab so viele Gerüchte, die im Umlauf waren, und immer noch sind wohlgemerkt, sodass keiner weiß, welche Erzählung eigentlich wahr ist und welche nicht. Was ist also ihre Version von dem, was damals passiert ist, Mr. Bischoff?

Der alte Mann blickte mich argwöhnisch an. Dabei stellte er ein Stück Kuchen vor mir auf den Tisch, nahm dann behäbig auf seinem Stuhl Platz und fing an zu reden.

„Nun Mr. Allen, ich möchte nicht lange um den heißen Brei reden. Wann alles anfing, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau. Ich erinnere mich aber noch ganz genau daran, dass alles mit diesem Meteoriten begonnen hat, der nur eine Woche vor ihrer Ankunft hier in dem tiefen Tal donnernd explodiert war. Die meisten Leute haben allerdings nichts davon mitbekommen. Ich aber schon, da ich ganz in der Nähe des Tales wohnte, wo der Meteorit nieder ging. Einen Tag später, es muss wohl um die Mittagszeit gewesen sein, ereigneten sich eine Kette von weiteren, jedoch kleineren Explosionen, deren weiße Rauchschwaden schließlich wie ein Nebelschleier das ganze Tal zudeckten. Erst am nächsten Tag bin ich zusammen mit einem anderen Bauern aus der Gegend frühmorgens zu der Einschlagstelle hinaus geeilt, um den Besucher aus dem All näher zu besichtigen. Dann lag er vor uns. Die Erde war überall aufgerissen und in einem Umkreis von mehreren einhundert Metern waren alle Pflanzen verbrannt worden. Einige Büsche und Bäume qualmten immer noch, auch das umliegende Gras war bis auf den letzten Halm verkohlt. Das komische jedoch war, dass der Meteorit gar nicht so aussah, wie ein Meteorit. Seine Form glich vielmehr die einer Kugel, etwa in der Größe eines Fußballs. Die sich ständig bewegende Oberfläche glitzerte wie ein Meer aus Millionen von Sternen. Wir nannten diese Kugel nur „Das Ding aus dem All“, weil es nicht von dieser Erde war. Hin und wieder schossen sogar kleine Blitze aus der unheimlichen Oberfläche der Kugel, die kleine Vertiefungen im verbrannten Waldboden hinterließen. Wir beschlossen später, niemanden von unserem geheimnisvollen Fund etwas zu erzählen und deckten „Das Ding“ einfach mit einer Schicht Erde, losen Ästen und Zweigen zu. Wir markierten die Stelle noch zusätzlich mit herumliegenden Steinen, um die Kugel später schneller wieder finden zu können. Danach verließen wir den Ort und wollten erst einmal sozusagen Gras über die Sache wachsen lassen. Nach etwa zwei Woche kamen wir wieder zurück. Zu unserer großen Überraschung konnten wir das kugelförmige Ding nicht mehr wiederfinden. Wo wir auch suchten, das Gebilde war wie vom Erdboden verschluckt. Außerdem hatte sich während unserer Abwesenheit seltsamerweise die gesamte Vegetation erholt, was uns erst im Nachhinein aufgefallen war. Neue, kräftige Bäume waren in den Himmel gewachsen, Sträucher wucherten überall herum und auf den freien Stellen wuchs mannshohes Gras. Mein Kollege und ich haben uns darüber sehr gewundert. Zum Glück hatten wir die Stelle mit Steinen gekennzeichnet. Deshalb konnten wir den so markierten Ort genau lokalisieren. Aber die Kugel blieb dennoch verschwunden. Sie ist nie wieder aufgetaucht. Zur gleichen Zeit trafen Sie bei uns ein und fingen mit den Vermessungsarbeiten für den Stausee an. Ich dachte schon, sie hätten dieses kugelförmige Ding vielleicht auch gesehen oder möglicherweise etwas davon mitbekommen, wo es verblieben war. Sie sind doch die ganze Zeit dort herumgelaufen und haben die Gegend vermessen, Mr. Allen. Ach was, vergessen sie meine dümmlichen Fragen. Nun, die Geschichte geriet danach jedenfalls langsam in Vergessenheit, bis eines Tages diese seltsamen Vorkommnisse eintraten, wodurch in unserer Umgebung die Menschen in Angst und Schrecken versetzt worden sind. Zuerst begann das Sterben der Haustiere, dann folgte das Geflügel und alle anderen Tiere auf den angrenzenden Bauernhöfen. Die Tierärzte standen vor einem Rätsel. Ein paar Monate später fingen schließlich einige Bewohner an, wirres Zeug zu reden. Auch wurden sie in der Nacht von schlimmen Alpträumen heimgesucht, die ihnen schwer zusetzten. Manche brachten sich sogar um, weil sie glaubten, von Dämonen verfolgt zu werden. Als dann noch verschiedene Krankheiten ausbrachen, die man sich nicht erklären konnte, verließen immer mehr Bewohner ihre Häuser und zogen weg von hier. Dann waren die Dörfer dran. Auch sie waren bald öd und leer. Einige davon versanken schließlich in den Fluten des neuen Stausees, andere wiederum wurden später von der Regierung zu Sperrgebieten erklärt, die man nicht mehr betreten durfte. Es gab allerdings immer wieder Leute, die sich den Anweisungen der Regierung widersetzten und bis in die alten Dörfer vordrangen. Keiner von ihnen ist je zurück gekehrt. Was mit ihnen geschah, weiß man bis heute nicht. Die örtlichen Behörden hüllten sich stets in Schweigen. Sie haben jeden Vorfall vertuscht und tun bis heute so, als sei alles normal. Das ist es aber nicht, Mr. Allen. Irgend etwas Schreckliches kam in der Gestalt dieser schwarzen Kugel in das tiefe Tal herab und keiner weiß, wo dieses Gebilde hin ist, das seine Umgebung extrem verändern und beeinflussen kann, wie ich das damals zu meinem Entsetzen selbst heraus gefunden habe. Es kann alles verändern, und das ganz nach seinem Belieben. Unfassbar, nicht wahr? Es hat offenbar große Macht über die Materie und ganz besonders über jenen Teil der Materie, die lebt. Wissen Sie, was mir komisch vor kommt? Sie waren doch ebenfalls die ganze Zeit damals da unten in dem Tal und sind als einziger immer wieder unbeschadet daraus aufgetaucht. Vielleicht hat Sie dieses Ding aus dem All verändert, Mr. Allen. Es hatte ja Zeit genug, um sich von seinem schweren Aufschlag zu erholen. Deshalb verstand ich auch, warum dieses seltsame Gebilde meinem Kollegen und mir anfangs nichts anhaben konnte. Es hat, wohl um seine Spuren zu verwischen, später auch die gesamte zerstörte Vegetation wieder innerhalb kürzester Zeit neu entstehen lassen. Unerklärlich, wie es so etwas fertigbringen konnte. Aber es kann auch töten, wie ich weiß. Es ernährt sich eigentlich von allem, was lebt. Das würde auch das Verschwinden der vermissten Personen erklären, die man damals nicht mehr gefunden hat. So, und das ist meine Geschichte, Mr. Allen.“

***

Viel später. Draußen war es schon dunkel geworden.

Ich verließ das Haus von Mr. Bischoff wieder und ging zu meinem Wagen zurück. Der alte Mann hat mich nicht angelogen. Seine Erzählung war auch keine Ausgeburt seines verwirrten Geistes, wie andere behauptet haben. Nein, seine Geschichte entsprach völlig der Wahrheit. Seine Fragen haben mich deshalb auch nicht überrascht. Ich wusste nur zu gut, was er dachte. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, aber er wusste wohl, wer ich wirklich war. Ich hätte ihn mit Leichtigkeit töten können, trotzdem verschonte ich sein Leben. Der Gedanke war mir einfach verhasst, einen alten Mann, der sowieso bald sterben würde, der inneren, verformbaren Masse meines Körpers zuzuführen. Ich habe auch meine guten Seiten, wie jeder Mensch, zu dem ich mich nach und nach verwandelt habe.

Ich, Joe Allen, bin nämlich „DAS DING“.

Oder sollte ich lieber sagen, dass ich es einmal war?

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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