Karin Unkrig

Abendblatt 5 (Fortsetzungsgeschichte)


Schreiben und lesen kann man auch im Journalismus. Zwischendurch werfen wir einen Blick in die Redaktionsstube von Louis und Elle. Er ist an Politik interessiert, sie an Gesellschaftsfragen. Er raucht, sie joggt. Die beiden sitzen sich direkt gegenüber. Früher hätten sie sich den Telefonapparat teilen müssen, heute ist es der Laserdrucker – sowie das Los von Neulingen im Medienbusiness.

 

Louis findet nichts mehr. Fieberhaft fahndet er nach den Unterlagen zur Serie über medizinische Kunstfehler. Ob er das Dossier auf den Schreibtisch gelegt hat, entzieht sich seinem Erinnerungsvermögen. (Die Wahrscheinlichkeit ist gross, angesichts der riesigen Aktenberge.)


Femdstöbern
«Schau alles durch, sortiere es aus und lege nachher ein Ordnungssystem an», rät Elle. «Das ist zu viel verlangt!», protestiert ihr Kollege. «Ist es nicht», erwidert Elle. «Es gehört dazu, selbst im hektischen Mediengeschäft. Alles muss griffbereit vorliegen.» «Ich hab das Wesentliche im Kopf, arrangiert vor dem geistigen Auge», pariert Louis.

«Weshalb bis du dann so nervös?» «Weil ich gerade diese Fakten noch nicht auf meiner inneren Festplatte gespeichert habe.» «Mhm», mumelt Elle. Sie doppelt nach: «Übrigens: Wenn ich zwischendurch mal etwas bei dir nachschlage muss, wäre ich froh um mehr Übersicht.» «Ist doch spannend, in fremden Sachen zu stöbern», feixt Louis. «Liebesbriefe, Gummibärchen, zerknüllte Zigarettenpackungen.» «Birgt wenig Überraschung», entgegnet die Soziologin. Ihr Gegenüber lässt nicht locker. «Was würde ich denn bei dir finden?» «Eine tadellose Registratur, Ersatzstrümpfe und zwei Zahnbürsten.»

 

Typologien
Louis wechselt seine Strategie. «Die Frage lautet: Wie viel Unordnung ist erlaubt? Schadet das Chaos meiner Karriere oder dient es dem Ruf als kreativer Überflieger?!» Elle verkneift sich ein Grinsen. «Liest du neuerdings Managermagazine? Nehmen wir die dort beschrieben Szenarien: Ein Clear-Desk wirst du nie haben, hierzu fehlt dir die Disziplin. Ein Schnell-Schredderer scheinst du auch nicht zu sein. Dieser räumt sogar das Nachbarpult leer! Eher ein Alles-Herumwühler … Zu den Stapel-Abarbeitern gehörst du ebenfalls nicht. Vielmehr rückst du Unangenehmes kontinuierlich gegen die Tischkante, auf dass es irgendwann in den Papierkorb fällt.»

«Wie lautet dein Vorschlag?» Der Herr wirkt sichtlich zerknirscht. Elle beschwichtigt ihn: «Vielleicht fehlt dir das richtige Ambiente? Wie wäre es mit Ummöblierung nach Feng Shui? Hierfür müsste unser Büro in dezenten Grün- oder Gelbtönen gestrichen werden …» «… und gegen Norden ausgerichtet sein», ergänzt die Wohnredakteurin, welche eben hinzutritt. «Du kannst ja mal das Pult umstellen.»

 

Sahnehäubchen
Die Zügelaktion entfällt. Veränderungen hasst der Louis genauso wie körperliche Anstrengung. Das Vermisste taucht drei Tage später auf, in einer Einkaufstasche. Etwas frischer als der inzwischen saure Rahm, dafür mit Himbeersaft durchtränkt. Das Körbchen mit den reifen Früchten hat die Flüssigkeit konstant durchsickern lassen und verleiht den Blättern einen süssen Geruch: Zensur in Rosa? Zum Glück kopiert die Redaktions-Assistentin zu Beginn der Recherchen jeweils das ausgehändigte Material …


 

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