Susanne Zeltner

Todesbote - Sie

Sie wachte nicht einfach aus.
In einem Moment noch befand sie sich in vollkommener Dunkelheit und schon in der nächsten lag sie auf der Straße.
Sie fühlte gar nichts...
Keinen Hunger, keine Gefühle, keine Schmerzen.
Es war einfach alles in weite Ferne gerückt, als wäre da eine Glaswand, die sie von der Außenwelt abschnitt....
Jeder Moment als Mensch war ihr klar im Gedächtnis, aber auch hier fehlten jegliche Emotionen.
Da war der Angriff des Todesboten, ihre letzte Erinnerung als lebendiges Wesen.
Die Angst, als sie versuchte vor ihnen zu fliehen.
Der Schrecken der Erkenntnis, als ihr bewusst wurde, dass sie es niemals schaffen würde.
Der Friede als sie endlich ihren letzten Atemzug tat, immer noch kämpfend um jeden Funken Überlebenswillen.
Sie wusste, was sie gefühlt hatte.
Wie ihr Körper reagiert hatte, aber nun war es nutzlos.
Dieses Ereignis war an sich interessante Beobachtungen, doch jetzt in ihrem neuen
Leben waren all diese Empfindungen für sie vollkommen bedeutungslos.
Langsam stand sie auf, das Gewicht ihrer neuen Flügel war ungewohnt und doch so vertraut, als wären sie schon immer ein Teil von ihr gewesen, genau wie die Reißzähne, die aus ihren Eckzähnen entstanden waren.
Es war mitten in der Nacht, noch immer befand sie sich in der Straße, in der sie angegriffen worden war. Ihr schwarzes T-Shirt und die Jeans waren starr von ihrem Blut, überdeutlich nahm sie den metallischen Geruch war. Risse befanden sich dort, wo die Todesboten sie gepackt hatten und wo sie auf dem harten Asphalt aufgekommen war.
Ihr war nicht im Geringsten kalt, obwohl sie selbst einige Eisblumen auf zerbrochenen Fensterscheiben ausmachen konnte. Alles war ruhig, auch ihr Körper.
Kein Herzschlag mehr, der in ihren Adern pochte.
Kein Luftholen mehr, weil sie es benötigte.
Sie war ganz allein.
Nichts an ihr erinnerte mehr an den Menschen, der sie einst gewesen war. Noch immer waren ihre Haare schwarz wie die Nacht, aber sie wusste, dass ihre Augen nicht mehr die hellblaue Farbe hatten. Nun waren sie schwarz, wie tote Löcher, ohne einen Funken leben.

Von anderen Todesboten war keine Spur zu sehen.
Es beunruhigte sie nicht.
Bekannt war, dass Todesboten IMMER alleine jagten, sie teilten ihre Beute nur ungern.
Doch etwas irritierte sie. Sie erinnerte sich an all die Stunden, in denen sie gemeinsam alles über die Todesboten lernten, was bekannt war.
Eigentlich war immer thematisiert worden wie animalisch sich die Instinkte von ihnen ausprägten. Schon vom ersten Erwachen an, waren sie nur noch von dem Hunger nach den Seelen der Menschen getrieben. Nichts konnte sie aufhalten, wenn sie einmal eine Fährte einer Person aufgenommen hatten.
Aber sie selbst?
Sie spürte nicht den Drang auf Menschenjagd zu gehen. Da war nichts in ihr, dass den Impuls verspürte sich in das Monster der Nacht zu verwandeln, das sie geworden war.
Am Horizont konnte sie die ersten violetten Schimmer erkennen, der Morgen nahte. Dies war die Zeit, wenn die Todesboten in ihren Verstecken verschwanden und die Menschen aus den ihren krochen.
Langsam wurde es heller, der Himmel verfärbte sich.
Sie wusste, dass sie das Farbspektakel bewundern sollte. Früher hatte sie dieser Moment immer fasziniert, wenn das Licht über die Dunkelheit siegte. Das erhabene Gefühl wieder eine Nacht überstanden zu haben.
Aber sie spürte nichts davon.
Da war nur die Kälte in ihr, die nie wieder verschwinden würde.
Nur ihr logisches Denken blieb ihr.
Mit einem leisen Rascheln faltete sie ihre Flügel zusammen und machte sich auf den Weg um einen Platz bis zum Einbruch der Nacht zu finden.
Ihre Augen die in dem immer heller werdenden Licht schmerzten, machten ihr klar, dass sie für die Gabe der Nachtsicht auch etwas verloren hatte. Mit ihren neuen Augen würde sie selbst in größter Dunkelheit noch alles erkennen können.
Nur Sonnenlicht würde ihr für immer verwehrt bleiben.

Im ersten Versteck das sie für sich fand war bereits ein anderer Todesbote. Bevor er sie bemerken konnte verschwand sie lieber. Auch wenn sie nichts spürte wusste sie doch, dass sie als neu geschaffener Todesbote nicht ansatzweise so stark war wie ein älterer.
Hinzu kam das ihre menschliche Gestalt zierlich und klein gebaut war.
Keine guten Voraussetzungen für einen Kampf.
Schließlich fand sie einen Keller der unbewohnt war und abgelegen genug, dass kein Mensch sie stören konnte.
Es war ein Keller mit hunderten von Kisten, eine jede davon randvoll mit Büchern. Wenigstens etwas.
Sie wusste aus ihren Erinnerungen das Todesboten nicht schliefen, schließlich waren sie, naja, tot…
Hinter sich verschloss sie den Zugang zum Keller, bevor sie sich in dem kleinen Raum genauer umsah. Neben den Bücherkisten befand sich nur ein alter Tisch in einer Ecke, der übersät mit Karten war. Die Karten handelten von verschiedenen europäischen Ländern. Hunderte Kreuze waren darauf verteilt, offenbar die ersten Sichtungen von Todesboten. Sie waren in beinahe jeder Stadt gesehen worden, zumindest solange sie die Karten noch aktualisiert hatten.
Heutzutage waren weite Landstriche unbewohnbar, weil man die Todesboten mit aller Kraft versucht hatte zu vernichten.
Zumindest bis man gemerkt hatte, dass man sich lieber aufs überleben konzentrieren sollte. So waren Städte teilweise unter Wasser errichtet worden, weil die Monster durch ihre Flügel im Wasser eingeschränkt waren und begannen sich wie Zucker aufzulösen.
Anscheinend trieb es die Verwesung der „Toten“ mit irrwitziger Geschwindigkeit voran, die im trockenen Zustand einfach gestoppt war.
Ohne sich noch weiter um diese alten Erinnerungen zu kümmern, holte sie sich ein Buch aus einer der Kisten und begann in der Dunkelheit des Raumes zu lesen.
Selbst das konnte sie also mit ihrem „neuen“ Körper machen.

Gerade als sie das dritte Buch zu Ende gelesen hatte spürte sie, dank ihrer inneren Uhr, wie die Sonne unterging. Den ganzen Tag war sie in der Stille des Kellers alleine gewesen.
Aus ihren Erinnerungen hatte sie noch gewusst, wo ihr altes Versteck gewesen war und hatte sich einen Platz möglichst weit von ihnen gesucht. Auch wenn sie ein totes, mordendes Monster war, wollte ein Teil von ihr, dass niemand von ihren Leuten sie jemals sah.
Jetzt, wo die Abenddämmerung die Menschen wieder in ihre Unterkünfte, Städte und Verstecke trieb, wurde es Zeit für die Jäger der Nacht.
So wie sie.
Komischerweise spuckten ihre toten Gehirnzellen immer noch jede Menge Informationen aus, die ihr deutlich sagten, dass sie in ihrem jetzigen Stadium ganz verrückt sein müsste vor einem Hunger, den nichts und niemand stillen konnte.
Vielleicht kam er ja noch…
Für den Moment legte sie ihr Buch zur Seite und öffnete die Klappe ihres Versteckes.
Und es war wirklich ein Versteck, ein Versteck beim größten Versteckspiel der Menschheit.
Fanden die Menschen einen Todesboten am Tag, saß dieser in der Falle und wurde solange mit Wasser übergossen, bis seine Existenz aus dieser Welt gelöscht war.
Naja…und fand ein Todesbote ein Versteck der Menschen, würde jeder einzelne sterben, während die Monster sich getrieben von ihren Hunger jede einzelne Seele einverleibten.
Ein tödliches Spiel also.

Dämmerlicht empfing sie.
Es war noch hell genug, dass sie die Augen zusammen kneifen musste um nicht geblendet zu werden. Aber es behinderte sie nicht wirklich, denn mit jeder Sekunde wurde das Licht ein bisschen schwächer. Die grauen Schatten, die die Dunkelheit für sie darstellten, wurden mit jeder Sekunde ein bisschen größer. Breiteten sich wie ein Farbklecks aus.
Mit ihren Flügeln blieb sie an einem rostigen Nagel hängen, als sie sich durch die Luke gezwängt hatte. Sie spürte nur einen dumpfen Druck, als eine ihrer schwarzen Federn hängen blieb.
Richtig, sie hatte ja Flügel.
Mit einem leisen Rascheln breitete sie sie langsam aus.
Ob sie mit ihnen fliegen würde können?
In diesem Moment wären vermutlich Aufregung und Vorfreude auf das Gefühl des Fliegens angebracht gewesen, aber ihre Emotionen blieben so dumpf wie vorher. Nur ihre Erinnerungen konnten ihr sagen, was sie fühlen sollte.
Über das Fliegen hatte sie nichts in ihrem Unterricht gelernt, aber da war eine Erinnerung.
Sie hatte immer fliegen gewollt…
Weg von dem Elend der Menschen und der ständigen Angst.
Ob sie bei ihrer Verwandlung wohl den Verstand verloren hatte?
Durchaus möglich.
Warum sollte sie sich sonst noch mit diesen nutzlosen Erinnerungen und Gedanken abplagen?
Als sie ihre Flügel studierte bemerkte sie, dass sie genauso aussahen wie Vogelflügel.
Nur waren ihre größer…und vermutlich schwerer, obwohl ein toter Körper offensichtlich stärker war.
Einer ihrer schwarzen Flügel war locker so groß wie sie selbst. Ihre Spannweite musste um die 4 Meter betragen. Auch waren die Federn an sich außergewöhnlich, soweit sie das mit logischem Verstand sagen konnte.
Eine tiefschwarze Farbe, ohne die geringste Schattierung, wie es bei anderen Todesboten der Fall war. Meistens hatten diese einen schwarzen Federkiel, wurden zur Spitze hin aber Grau, als hätte sich Staub auf ihr Federkleid gelegt.
Die Flügel leicht bewegend stellte sie fest, dass ihre Muskeln dort vermutlich stark genug zum fliegen sein würden. Aber da sie keinerlei Erfahrung mit Flügeln hatte, konnte sie es schlecht einschätzen.
Wenn sie abstürzte würde sie aber wohl keine Schmerzen spüren.
Also ging sie zum Nachbargebäude, wo eine alte Eisenleiter außen am Haus nach oben führte. Das Gebäude an sich schien noch ziemlich stabil zu sein. Zwar gab es weder Fenster noch Türen und von außen konnte sie einige eingestürzte Wände und Decken sehen, aber das Dach war stabil genug um sie zu tragen. Ordentlich gefaltet auf ihrem Rücken fiel das Gewicht der Flügel nicht auf, als sie die Sprossen hoch kletterte.
Das Gebäude war hoch genug um ihr als Absprungstelle zu dienen.
Früher hätte ihr der Ausblick den Atem geraubt, als ihr Blick über die Stadt hinwegsah.
Früher hatte sie einen Namen besessen, aber ihr menschliches Gehirn konnte sich nicht mehr daran erinnern. In den grauen Schatten der Nacht konnte sie eingestürzte Gebäude erkennen, weite Teile waren von der Natur zurück erobert worden.
Hier, in 30 Metern Höhe wirkte es ruhig, ohne den Tod und das Grauen, dass sich in den Straßenschluchten abspielte.
Aber der Anblick berührte sie nicht, sie war gekommen um sich in die Tiefe zu stürzen.
Mit wenigen Schritten befand sie sich an der Dachkante.
Sie hatte keine Angst vor dem fallen. Warum auch?
Schließlich war sie ja schon tot.
Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung, aber als sie sich umdrehte, war da nur das leere Flachdach hinter ihr.
Also verlor sie wirklich den Verstand….ob es anderen Todesboten auch so ging und sie nur warten musste, bis sie sich in ein Monster verwandelte?
Energisch öffnete sie ihre Flügel, der Schritt nach vorne in die Leere fiel ihr viel zu leicht.
Der Wind der durch die Straßenschluchten wehte, riss sie sofort mit.
Ganz natürlich kam es ihr vor, auf den Winden zu segeln und sich immer höher in die Luft zu schwingen. Die benötigte Muskelbewegung fühlte sich so an, als würde sie nach langem sitzen endlich wieder laufen und mit wenigen Flügelschlägen befand sie sich so hoch, dass sie trotz ihrer Augen die Klappe ihres Versteckes nicht mehr sehen konnte.
Da war keine Erschöpfung, kein Adrenalin, als würde sie immer noch im Keller sitzen und ein Buch lesen.
Eine Bewegung lenkte ihre Aufmerksamkeit nach rechts, dort befand sich ein anderer Todesbote, der sich offensichtlich auf der Jagd nach Beute befand.
Schnell ließ sie sich fallen und näherte sich im Schatten der Gebäude. Sein Gesichtsausdruck wirkte vollkommen leer, die Bewegungen ruckartig.
Sie wirkten verkehrt, aber für einen Todesboten war es normal.
So hatte sie es gelernt.
Aber warum kamen ihr dann ihre eigenen Bewegungen flüssig und normal vor?
Wieso irritierte sie ihre Gefühlskälte?
Warum trieben sie nicht ihre Instinkte voran?
Und warum waren da immer wieder die Erinnerungen als Mensch, obwohl sie doch gar nicht mehr lebte?
Ihr Gehirn dürfte gar nicht mehr so arbeiten, sie war doch tot, gehirntot!
Stetig entfernte sie sich von dem anderen Todesboten.
Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen, wieder eine Bewegung in ihren Augenwinkeln, obwohl da nichts war.
Langsam sank sie zu Boden und landete auf einem großen Platz. Gras wuchs durch die Steinplatten, geschlossene Blumenkelche leuchteten im Mondlicht.
Die Gedanken schossen durch ihren Kopf.
Alles war so falsch!
Sie kniete am Boden, ihr Gesicht den Sternen zugewandt, während ihre Flügel geöffnet im kühlen Gras lagen. Eine jede Feder ließ sie die einzelnen Halme spüren.

Als sie ein beinahe lautloses Schlagen von Flügeln hörte, sah sie auf. Sie musste stundenlang im feuchten Gras gekniet haben.
Sofort fokussierten sich ihre Sinne auf das Geräusch.
Zwei Querstraßen weiter landete gerade ein Todesbote auf einem verfallenen Gebäude.
Im Osten konnte sie schon eine erste Andeutung von Sonnenlicht erkennen.
Lautlos ging sie auf ihn zu, er bemerkte sie nicht einmal.
Er musste wesentlich älter sein als sie selbst und er strahlte eine finstere Macht aus, die sie warnte sich ihm noch weiter zu nähern. Seine dunkelgrauen Flügel waren beinahe vollständig mit Blut bedeckt. Selbst auf die Entfernung konnte sie riechen, dass das Blut noch nicht älter als einen Tag sein konnte.
Sie wusste es einfach.
Langsam kam sie hinter ihrer Deckung hervor, noch befand sie sich im Windschatten. Er würde sie nicht bemerken, solange sie vorsichtig war.
Sie wusste das es dumm war, sie selbst war auf keinem Fall stark genug um es mit ihm aufzunehmen, aber etwas zog sie unwiderstehlich zu ihm.
Vollkommen lautlos bewegte sie sich über die Straße, bis sie sich auf der gegenüber liegenden Seite in Deckung befand. Es machte sie nicht unsichtbar, aber wenn sie sich nicht bewegte, dürfte er sie nicht sofort entdecken.
Hinter sich konnte sie den verbogenen Rahmen einer Tür spüren, die dunkle Öffnung dahinter würde ihr eine Möglichkeit verschaffen in das Gebäude zu kommen und den anderen auf Augenhöhe zu beobachten. Die Betontreppe die von der Tür abging war gerade breit genug für sie und ihre Flügel und sie konnte ungesehen und unbemerkt in den dritten Stock gelangen.
Dort fand sie einen Raum, mit großen glaslosen Fenstern, der geeignet war.
Sie befand sich in einer etwas erhöhten Position, ideale Bedingungen um den Todesboten zu beobachten.
Er befand sich noch immer vollkommen reglos auf dem anderen Gebäude.
Der Blutgeruch seiner Flügel und auf seinen abgetragenen Klamotten stieg ihr in die Nase. Es roch nicht gerade anregend.
Was auch immer mit ihr als Monster nicht stimmte, die Vorliebe für Menschen als ihre Nahrung teilte sie definitiv nicht…
Das Gesicht war verschmiert mit Dreck und anderen Substanzen, die verfilzten Zotteln verdeckten es. Dennoch konnte sie erkennen, dass mit seinen Augen irgendetwas nicht stimmte. Nicht nur seine Pupillen und Iris waren schwarz, nein sein gesamter Augapfel hatte sich dunkel verfärbt. Dafür war seine Haut so weiß wie Schnee, was einen abstoßenden Effekt hervorrief.
Also wenn sie sich um sowas noch Gedanken machen würde.
Selbst wenn sie seine Flügel oder sein Gesicht mit Reißzähnen, länger als ihre Finger, nicht gesehen hätte, hätte ihr doch die vollkommene Regungslosigkeit verraten was er war. Da war keine Atmung, keine Muskelbewegung.
Sowas schaffte kein lebendiger Mensch.
Sie wollte wieder verschwinden, die Sonne würde in weniger als 30 Minuten den Himmel erleuchten und sie hatte genug gesehen, aber etwas ließ sie zögern.
Gegen ihn würde sie kein Gebiet behaupten können, er war einfach zu alt und zu mächtig. Doch ihr Zögern ließ sie etwas wahrnehmen, was sie sonst verpasst hätte.
Da war etwas.
Sie konzentrierte ihr neues Gehör auf dieses Geräusch.
Gleichmäßig, es schien beinahe zu ihr zu sprechen, als müsste sie wissen um was es sich handelte…
Das Pochen eines Herzens.
Mit jeder Sekunde wurde es lauter, panischer.
Jemand, ein Mensch, schlich sich durch die Straßen, unwissend, dass man ihn schon entdeckt hatte. Dabei mussten sie doch wissen, dass die Todesboten die Herrscher der Nacht waren.
Bruchteile später war auch ein bemüht leises atmen zu hören.
Sie fragte sich warum sie den Herzschlag so viel früher wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich war endlich der animalische Hunger des Monsters in ihr erwacht.
Wenige Minuten später konnte sie am Ende der Straße auf ihrer rechten Seite einen kleinen Schatten ausmachen. Er hielt sich so nah wie möglich an den Gebäuden, vermutlich um aus der Luft nicht gleich entdeckt zu werden. Wie ahnungslos es doch war.
Mit ihrem Adlerblick konnte sie mühelos den Schatten fixieren, die Dunkelheit war ihr Vorteil.
Es war ein Kind.
Das kleine Mädchen bemühte sich, so klein wie möglich zu erscheinen.
Ihr Ziel war der See, den sie selbst bei ihrem ersten Flug in etwa 500 Metern Entfernung erspäht hatte.
Und da war wieder eine Erinnerung, die ihr zeigte, dass sich dort eine Siedlung unter der Wasseroberfläche befand. Sie war etwas größer als ihr eigenes ehemaliges Zuhause. Und wie bei beinahe jeder Siedlung würde man die Anlage nur über Schleusen, direkt unter der Wasseroberfläche betreten können. Sie war ein einziges Mal dort gewesen, als sie noch lebte. Wie faszinierend sie diesen Sicherungsmechanismus gefunden hatte. Kein Monster würde es schaffen dort hinein zu gelangen, den jede Schleuse wurde zusätzlich mit Kameras überwacht und das Wasser wurde nur abgelassen, wenn sich auch wirklich ein Mensch darin befand.
Aber das Mädchen würde es nicht soweit schaffen.

Der Todesbote gegenüber kam in Bewegung, das war die einzige Warnung, dass er das Kind ebenfalls bemerkt hatte.
Lustigerweise verspürte sie noch immer nicht das geringste Verlangen sich auf das Mädchen zu stürzen und sie zu töten. Dafür wurde ihr Gegenüber mit jeder Sekunde anziehender.
Es war, als wollten ihre Instinkte ihn von dem Kind fernhalten…
Nicht logisch. Dieser Gedanke war nicht logisch.
Aber richtig, für einen Menschen.
Und was hatte sie zu verlieren?
Ihr blieb nicht viel Zeit, als sie ihren nutzlosen Instinkten die Führung überließ.
Die fingernagelgroßen Reißzähne wurden länger, ihre Flügel öffneten sich leicht und jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an, während das Mädchen noch immer ahnungslos unter ihr hindurch lief.
In wenigen Sekunden würde sich das Kind in einer optimalen Lage für den anderen Todesboten befinden. Dann müsste er sich nur fallen lassen.
Ohne noch länger darüber nachzudenken schnellte sie aus dem Fenster. Ihre Position ermöglichte es ihr, in ihn zu stürzen und ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Er zeigte keine Regung und kam nach einen Rückwärtschritt angriffsbereit auf sie zu, bereit seine Beute zu verteidigen.
Doch der Schritt nach hinten, den er gemacht hatte um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, brachte ihr einen Sekundenbruchteil einen Vorteil und sie handelte. Er dachte nicht einmal daran seinen Hals zu schützen, weil kein Todesbote normalerweise einen anderen angriff. Selbst bei Futterstreitigkeiten zog der Schwächere einfach ab.
Ihre Reißzähne schlugen in seine Kehle, dort wo seine vertrocknete Aorta saß.
Sein Blut war zäh und dickflüssig, aber es war verbunden mit der Essenz, wegen der die Todesboten die Menschen jagten. Und das Blut war mächtig, er musste über Jahre Hunderte von Menschen zur Strecke gebracht haben, beinahe konnte sie die Seelen spüren als es kalt in ihren Mund floss. Ihre Hände und Flügel waren so fest um ihn geschlossen, dass er sich nicht bewegen konnte, dafür standen sie zu nahe beieinander.
Sie war ganz berauscht von der Energie die jeder neue Schluck mit sich brachte, die Bewegungen in ihren Augenwinkeln beachtete sie einfach nicht. Sie bemerkte nicht einmal wie die Gegenwehr des anderen Todesboten immer schwächer wurde.
Erst als sie den letzten Tropfen schluckte, hielt sie inne, das Monster in ihr war für den Moment verstummt.
Der Todesbote den sie noch immer umklammerte, fiel zu Boden als sie sich ihrer Tat bewusst wurde. Ihre Gefühle waren immer noch so schwach, dass sie nicht zu ihr durchdrangen, aber etwas entsetzte ihren Verstand an der Tat.
Sie starrte ihre blutverschmierten Hände an.
Warum hatte sie das getan?
Davon war nichts in den Lehrbüchern gestanden die sie im Unterricht gelesen hatte.
Todesboten töteten einander einfach nicht.
Sie verletzten sich höchstens wenn es Gebietsstreitereien gab. Sonst hätten ihre Lehrer die Zukunft nicht immer so schwarz ausgemalt.
Aber das hier?
Der Todesbote am Boden sah verändert aus.
Das Grau seiner Federspitzen war heller geworden und hatte sich komplett über die Flügel ausgebreitet. Es wirkte beinahe weiß. Selbst die Reißzähne waren verschwunden, die Farbe seiner Haut wirkte dunkler. Menschlicher.
Am seltsamsten waren aber seine Augen. Das schwarz und die dunkle Verfärbung hatten sich zurückgezogen, sichtbar wurde wieder der weiße Augapfel und eine hellgrüne Iris.
Sie kniete sich neben ihn. Aber da war keine Bewegung, kein Nicht-Leben mehr in ihm. Keine Existenz. Und da wurde es ihr bewusst, dieser Mann war endgültig tot.
Wäre sie noch am Leben hätte sie vielleicht Reue gespürt, aber je länger sie wartete, desto dumpfer wurden die schwachen Gefühle in ihr wieder. Als zögen sie sich an einen Ort tief in ihr zurück, zu dem sie keinen Zugang mehr hatte.
Ohne Beweis wusste sie, dass sie jetzt stärker war als vorher. Was auch immer sie gerade mit dem Anderen gemacht hatte, es hatte ihr nicht geschadet.
Sofern man einem toten Körper noch Schaden kann…
Die leise sich entfernenden Schritte brachten sie zurück in die Realität. Das kleine Mädchen musste etwas gesehen haben, denn ihr Puls war viel schneller als vorher, jeder Atemzug kam gepresst über ihre Lippen.
Bei jedem ihrer Schritte machte sie viel zu viel Lärm, die Todesboten in einem näheren Umkreis würden alle auf sie aufmerksam werden.
Also stand sie auf, öffnete ihre Flügel und flog so schnell sie konnte.
Noch mehr als 300 Meter trennten das Mädchen von der Sicherheit des Gewässers.
Und die Kleine musste spüren, dass sie gejagt wurde, denn sie warf einen schnellen Blick nach hinten. Aber nicht sie stellte eine Gefahr dar, sondern die schnellen Flügelschläge, die aus jeder Richtung zu kommen schienen.

Bevor sie es verhindern konnte schrie das kleine Mädchen laut auf.
Sie packte sie an der Hüfte und schwang sich mit schnellen Flügelschlägen in den Nachthimmel, die anderen fünf Todesboten nur Sekunden hinter ihr. Mit einer Hand drückte sie das um sich tretende Mädchen sicher an ihre Brust, mit der anderen hielt sie ihr den Mund zu um nicht noch mehr von ihnen anzulocken. Sie musste darauf achten das das Kind sie nicht biss, während sie ihre Sinne zwang sich von dem hektischen Herzschlag zu lösen und die Gefahren um sie herum zu beobachten.
Noch 150 Meter trennten sie von der Wasserschleuse, aber die Todesboten befanden sich nur wenige Meter hinter ihr. Immer höher und höher flog sie, doch die anderen, älteren und mächtigeren Todesboten waren ganz auf die Beute in ihren Armen fixiert. Auf der Wasseroberfläche konnte sie dünne schwarze Rohre erkennen. Waffen. Aber noch wurden keine abgefeuert, die Menschen warteten noch.
Das Mädchen wehrte sich immer noch, vielleicht würde sie diese Nacht ja doch überstehen.
Die Kleine war nur wenig kleiner als sie und nur ihren Kräften als Tote hatte sie es zu verdanken, dass sie sie nicht fallen ließ.
Noch 100 Meter, ein schwacher Lichtkreis markierte die Luke unter der Wasseroberfläche, im Osten begann sich der Himmel violett zu färben. Aber die Todesboten holten auf, schon konnte sie sie aus den Augenwinkeln sehen. Und sie waren schneller als sie.
Wenige Meter trennten sie noch von der Luke, aber das Mädchen musste ins Wasser um in Sicherheit zu sein. Sobald sie unter Wasser war, würde kein Monster mehr an sie heran kommen.
Sie stoppte die steigende Flugbahn, die sie bis jetzt eingehalten hatte und stürzte sich in die Tiefe, Kopf voran. Damit hatten die Anderen nicht gerechnet und blieben einen Moment in der Luft hängen, bevor sie die Verfolgung wieder aufnahmen.
Noch 20 Meter bis zur Wasseroberfläche, sie war direkt über der Luke.
Im letzten Moment ließ sie das Kind los und zog sich wieder in die Höhe. Sie hätte das Wasser mit den Fingerspitzen berühren können und einige Spritzer brannten sich in ihren Körper als der kleine Körper ins Wasser eintauchte. Der erstickte Schrei des Kindes brach ab, als sie quasi direkt in die Luke sank und sich die Tür automatisch hinter ihr schloss.
Nun konnten sich die Menschen um sie kümmern, während sie selbst so schnell sie konnte Richtung Stadt flog.
Die anderen Todesboten schwebten noch über der Stelle, wo das Mädchen im Wasser verschwunden war, als könnten sie mit ihren toten Gehirnen nicht begreifen wohin ihre Beute entwischt war.
Vielleicht war es so.
Nur Sekunden später hörte sie Explosionen und einer der Todesboten stürzte ins Wasser, nur um sich dort in schwarzen Schlamm aufzulösen.
Sie schaute sich nicht nochmal um, während sie in ihr Versteck flog.

Es störte sie nicht das ein anderes Monster wegen ihr „gestorben“ war. Keine Gefühle, Schmerz oder Empfindungen. Nur die Kälte die alles in ihr abtötete.
Aber dennoch war sie anders.
Und anders als die Monster zu sein, war vielleicht schlimmer als kein Mensch mehr zu sein.
Denn was war sie, wenn nicht ein Monster?
Die Zeit die ihrem toten Körper noch blieb würde es zeigen.
Ebenso die Gedanken und Erinnerungen die einfach nicht verstummen wollten.
Als die ersten Sonnenstrahlen die Ruinen der Stadt erhellten, saß sie wieder in ihrem Keller und griff nach dem nächsten Buch.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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