Monika Jarju

Festplatz

Als ich mich dem großen Platz nähere, höre ich bereits die Trommeln. Es ist heiß, nachmittags in Kotu. Ich rieche den scharfen Geruch des roten Sandes, auf dem ich gehe, vermischt mit süßem Blütenduft, und blicke in das grelle Tageslicht über den weiten Sandplatz in ein verschlossenes Gesicht neben mir. Die Gebärde ist deutlich, ich soll weggehen. Erst als ich die vielen kleinen Mädchen in ihren weißen Spitzenkleidern und Schleiern auf dem Platz wahrnehme, wird mir bewusst, dass es sich um eine Zeremonie handeln muss. Schon von weitem sehe ich die Mädchen tanzen. Barfuß wirbeln ihre Beine herum, heftig schleudern sie ihre Arme in die Luft. Die Erde erzittert unter ihren stampfenden Fußsohlen. Ich spüre das Beben in meinem Körper. Spannung liegt in der Luft, verstärkt vom anschwellenden Klang der Trommeln.

Ein junger Tänzer mit braun bemaltem Gesicht und ernsten Augen, schwingt gefährlich einen Löwenschweif. Er ist Simba, der Löwe. Mit ungeheurer Energie heben seine Füße vom Boden ab, er tanzt auf die Kinder zu. Sie rennen schreiend über den Platz, stoßen an festlich gedeckte Tische mit gefüllten Reischüsseln, rempeln feierlich gekleidete Männer und Frauen an. Ich gehe an ihnen vorbei zum Haus, laufe durch diese knisternde Atmosphäre, Gereiztheit, dringe in etwas ein, das vor meinen Augen verborgen sein will, davon sprechen die erregten Gesten um mich her. Zu mir gesellt sich ein hochgewachsener, junger Mann. Er läuft dicht neben mir, streift mich beim Gehen absichtlich hart von der Seite.

„Was willst du hier?“, fährt er mich an. Sein Blick ist düster. Unbeirrt laufe ich weiter den schmalen Fußweg entlang im Schatten weit ausgreifender Mangobäume, vereinzelten lehmroten Häusern mit Wellblechdächern, Zäunen aus vertrockneten Palmblättern. Junge Männer sitzen davor im Schatten, in wackligen Holzsesseln, rauchen und trinken Tee aus kleinen Gläsern. Von überall dröhnt laute Musik aus Kofferradios. Darunter mischen sich die harten, immer schnelleren Schläge der Trommler. Kinder rennen hin und her, wirbeln Staubfahnen auf. Ich bin nahe dem Grund-stück, als eine Stimme zischt:

„Hau ab, du gehörst hier nicht her!“

Ich laufe schneller, das Haus ist schon in Sicht. Der junge Mann läuft weiter neben mir, lässt mich nicht aus den Augen. Seine Gesichtszüge sind kantig, seine Augen blutunterlaufen. Als ich ankomme und eintrete, bleibt er draußen. Es war keine gute Idee. Die Frauen sagen, ich solle besser wieder gehen. Sie schauen bestürzt. Naiv setze ich mich in den Hof zu den jungen Männern, die grünen Tee trinken, ich bin überzeugt, mir wird nichts passieren.

Es beginnt schon nach wenigen Minuten.

Vor mir schlagen zwei Jungen mit Fäusten wild aufeinander ein. Sie reißen sich zu Boden, kämpfen aus Leibeskräften, keuchen, sie bluten. Da zieht Seedy aus seiner Hose den Ledergürtel und peitscht auf die Jungen ein. Nie habe ich ihn so brutal gesehen. Besorgt blicken mich die Frauen an. Die Jungen lösen sich voneinander, wimmern unter den Schlägen, rollen im Staub. Seedy steht einen Augenblick wie benommen da. Er ist wie verwandelt. Seine Augen sind geweitet, die Pupillen starr und ganz klein. Er setzt sich zu mir, schweigt. Ich spüre zum ersten Mal, dass er nicht zu mir gehören will und begreife – in diesem Moment, an diesem Ort wollen sie alle nicht zu mir gehören – wie sonst. Ich darf es ihnen nicht übel nehmen. Alle sehen mich an.

„Geh nach Hause“, lallt Seedy leise mit gesenktem Kopf.

Es ist meine erste Regenzeit in diesem Land. Ich verstehe noch nichts.

Seedy schüttelt den Kopf, ich versuche seinen vorwurfsvollen Blick zu ignorieren.

„Geh“, flüstert eine Frau und legt mir sanft die Hand auf die Schulter. Erst als ein großer Mann, mich mit der Hand energisch fortscheucht und sagt: „Du gehörst hier nicht hin“, entschließe ich mich aufzustehen, und das Haus zu verlassen.

Ich laufe den Weg zurück. Nie werde ich zu ihnen gehören, denke ich. Ich darf es ihnen nicht übel nehmen, sage ich mir wieder. Ich bin am falschen Ort, zur falschen Zeit.

Ich halte ein Taxi an, dessen Fahrer kein Englisch spricht. Seine Augen sind unruhig, mit gehetztem Blick wendet er den Wagen. Er fährt mich noch einmal über den Festplatz. Der Platz bebt unter den Trommelschlägen. Die Rhythmen werden immer heftiger. Ungefähr fünfzig Mädchen tanzen, als wären sie alle zusammen ein großer ekstatischer, bedrohlicher Körper, sie reißen ihre Beine immer schneller hoch, treten auf die rote Erde ein, ihre Arme gespreizt wie Flügel. Sie scheinen sich verwandelt zu haben in kleine weiße Vögel, ein ganzer Schwarm flattert rasend und kreischend auf und nieder. Das funkelnde glitzernde, fantastische Weiß ihrer Kleider blendet mich. Die fiebrige Spannung verstärkt sich, mein Körper vibriert.

Simba, der Löwe springt in die Menge, fängt ein Kind. Er bespritzt es mit Wasser. Kraftvoll drückt er das kleine Gesicht in den Sand. Ein anderes Kind kommt frei, es ruft schnell: „Nyata?“ - wie viel, und zahlt zwei Dalasi Lösegeld. Schreiend rennt es weg.

Simba tanzt in die Kindermenge, springt, dreht sich nach allen Seiten, wirft seinen Schweif umher. Blitzschnell greift er nach einem Kind und schleudert es zu Boden, bespritzt es, stempelt es im Sand. Es bleibt liegen. Er springt darüber hinweg. Ich höre schrilles Gelächter, aufreizend, laut und angsterfüllt. Ich starre hin. Alle starren mich an. Ich sollte ihnen nicht zusehen. Es ist nicht für mich.

Die Mädchen, eine weiße Wolke aus Tüll und Spitzen, mit blitzendem Lachen und einem Ausdruck in ihren Gesichtern, der ihnen allen gemeinsam ist, kommen näher, umzingeln das Auto. Sie lachen laut und zornig, rempeln einander, schubsen das Taxi, pressen ihre Gesichter gegen die Scheiben, es wird dunkel drinnen. Sie treten kräftiger dagegen. Das Trommeln schwillt an, ihr Gelächter wird ohrenbetäubend. Sie schreien und rütteln am Auto, es schwankt, schlingert. Der Fahrer schreit auch, in den Wind, keiner hört ihn. Ich werde ausgelacht. Laut ausgelacht. Ich hätte nicht hierher kommen dürfen, nicht heute. Doch ich hatte es nicht besser gewusst. Mein Atem geht schneller. Mein Herzschlag nimmt den Rhythmus der Trommeln an. Ganz steif sitze ich in den Polstern. Sie sollen nicht sehen, wie ängstlich ich bin. Wer ich bin. Ich kam so unbekümmert an. Mein Körper schmerzt. Sie sollen es nicht sehen. Ich gehöre nicht zu ihnen, nicht hier – vielleicht niemals.

Die Mädchen rütteln am Türgriff. Da fährt der Fahrer endlich an, durchbricht die schillernde weiße Wolke. Hände fliegen uns hinterher wie wütende, schwarze Vögel. Das Trommeln, Kreischen und Beben folgt bis auf die Hauptstraße. Ich starre hinaus.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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