Karin Unkrig

Abendblatt 6 (Fortsetzungsgeschichte)

Schreiben und lesen kann man auch im Journalismus. Zwischendurch werfen wir einen Blick in die Redaktionsstube von Louis und Elle. Er ist Politologe, sie Soziologin. Er raucht, sie joggt. Die beiden sitzen sich direkt gegenüber. Früher hätten sie sich den Telefonapparat teilen müssen, heute ist es der Laserdrucker – sowie das Los von Neulingen im Medienbusiness.

Louis vertritt den Nachrichtenchef. Die Arbeitstage ziehen sich ins Unendliche. Zwischendurch schwirrt er ab. Elle findet ihn jeweils, im Bistro um die Ecke. «Als Vorgesetzter solltest du vor Ort sein, die Stellung halten», mahnt sie ihn. «Was machst du denn hier?» «Mittagspause, ich hatte nämlich Frühschicht. Aber du bist gerade erst gekommen.»

Schreiben in Cafés
«Diese Hyperpräsenz ist eine Zumutung!» «Ist es nicht», erwidert Elle. «Frag doch mal die Kollegen in der Produktion. Sie schuften rund um die Uhr, unter Hochdruck.» Louis pariert: «In erster Linie möchte ich gute Artikel schreiben. Das kann ich besser, angeregter, motivierter unter Menschen». «Und bei einem kühlen Bier», ergänzt die Kollegin. «Verhält sich bei mir übrigens ähnlich. Nur gehören Cappuccino und Nusstangen dazu.»

Sie fährt fort: «Bei dir vermute ich jedoch einen anderen Hintergrund. Durch Aussentermine nährst du deinen inneren Rebell. Entziehst dich geschickt der Routine, Vorschriften und Kontrollen.» «Wo denkst du hin! Zum Schreiben in Cafés gibt es sogar ein Buch»[1], verteidigt sich Louis. «Kenne ich. Für die Verfasserin scheint es eine Art Religionsersatz zu sein: intuitives Kritzeln als Meditation. Ihren Zen-Lehrer zitiert Frau Goldberg derart häufig, dass sie ihn eigentlich als Co-Autor nennen müsste.»

Am Puls des Geschehens
Louis gibt klein bei: «Okay, du bist die Expertin! Jetzt haben wir bald ein Café littéraire zusammen – in einem richtigen Lokal, mit frisch gemahlenem Kaffee. Fehlt nur noch das Ambiente der Redaktionsstube: Telefonklingeln, Papiergeraschel, Seufzen …» Elle klopft ihm auf die Schultern: «Klingt nach ersten Entzugserscheinungen. Du vermisst uns ja bereits. Da bin ich mal beruhigt. Ich dachte schon, du machst auf Online-Journalismus.»

Der Politologe deutet auf den Zeitungsständer: «Nein, ich hab’s definitiv mit dem Gedruckten. Weisst du, es ist äusserst spannend, das Leseverhalten zu beobachten. Zu sehen, welche Titel im Umlauf sind, welche liegen bleiben oder nur flüchtig durchgesehen werden.» Elle nickt: «Es gibt Zeitungen, in denen man blättert. Und Blätter, in denen man liest.». Nach einer Weile: «Ich frage mich nur, was die Auslage der Hochglanzzeitschriften bezweckt. Interessant ist sie beileibe nicht.» «Geo, Vogue, Cosmopolitan etc. dienen dem Image», wendet Louis ein «Und sie beruhigen die Nerven, hilfreich im Wartezimmer des Zahnarzts! Du erinnerst mich an etwas …» Elle springt auf und winkt dem Kellner: «Zahlen».

Im Aufzug resümiert Louis: «Wir waren also nicht auf Kneipentour, sondern in Sachen Rezipientenforschung unterwegs.» «In dem Fall geht das auf Spesen», feixt seine Begleiterin und steckt ihm die Quittung zu.

 

[1] Goldberg Natalie: Schreiben in Cafés. Autorenhaus Verlag, Berlin 2003

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Karin Unkrig).
Der Beitrag wurde von Karin Unkrig auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Menschen ohne Skrupel von Ursula Aswerus



Im Altenheim „Sonnenschein “gehen merkwürdige Dinge vor sich. Plötzlich erkranken Bewohner an seltsamen Symptomen Schmuck und Geld verschwindet aus den Schränken und Spinden. Die Angst greift um sich unter den Senioren, die um ihr Hab und Gut und um ihr Leben fürchten müssen ...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Arbeitswelt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Karin Unkrig

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Diese eine Kiste von Karin Unkrig (Humor)
Viel zu wenig Kommentare! von Jürgen Berndt-Lüders (Fragen)