Heinz-Walter Hoetter

Tödliche Vergeltung

 

„Nicht das Leben eines Menschen rettet die ganze Menschheit, sondern sein Tod.“

***

Plötzlich hatte ich wieder diese schrecklichen Bilder vor meinen Augen. Ich war erstaunt darüber, wie leicht es doch war, mir jetzt, hier in der Einsamkeit der Nacht, die Gräuelszenen vorzustellen. Ich konnte die verzweifelten Schreie der Verletzten und Sterbenden hören und die lodernden Flammen sehen, als die unbekannten Wesen wie aus dem Nichts über das idyllisch daliegende Dorf herfielen und ihrer Zerstörungswut ungehemmt freien Lauf ließen. Nur eine alte, Ruß geschwärzte Mauer mit einer einfachen Gedenktafel darauf war als stumme Zeugin jener Grausamkeiten übriggeblieben, die sich hier einmal vor sehr langer Zeit ereignet haben und so vielen unschuldigen Menschen den Tod gebracht hatten.

Ich kam zu dieser Mauer, die mal einen großen Besitz umgab. Sie sah immer noch sehr imposant aus, doch an vielen Stellen war sie abgebröckelt und rissig geworden.

Ich parkte den geklauten Schwebegleiter, manuell steuernd, direkt unter einer uralten Eiche mit enorm dicken Ästen, die an etlichen Stellen Merkmale von Kampfspuren trugen und stark verkohlt waren. Offenbar stammten diese schrecklichen Narben an der Rinde vom zerstörerischen Angriffsfeuer der gnadenlosen Angreifer aus dem All. Je länger ich den knorrigen Baum allerdings betrachtete, desto mehr verstärkte sich bei mir der seltsame Eindruck, nicht ich, sondern er würde mich beobachten und seine geschundenen Äste und Zweige bewegten sich auf mich zu, um mich Hilfe suchend zu umarmen. Wie lange war an diesem Ort wohl kein Mensch mehr gewesen? Wehmütig verlor ich mich in meinen Gedanken und Erinnerungen, die wie reale Bilder vor meinem geistigen Auge vorbeizogen.

Dann riss ich mich schlagartig zusammen. Vielleicht hatte ich einfach nur zu wenig geschlafen, aber Halluzinationen konnte ich jetzt am wenigsten gebrauchen. Trotz allem: Ich öffnete geräuschlos die breite Fahrertür, stieg aus und verließ den räderlosen Antigravitationsgleiter, der sich kurz darauf perfekt der Umgebung anpasste, sodass man ihn nicht mehr sehen konnte. Niemand würde ihn hier vermuten.

In der pechschwarzen Finsternis holte ich die ausziehbare Leichtmetallleiter aus meinem Rucksack und wollte eben die öde daliegende Dorfstraße überqueren, als ich zu meinem Entsetzen keine hundert Meter über mir eine Suchdrohne auf dem kleinen Scannermonitor erblickte, die mit ihren Hitzesensoren die umliegende Gegend nach irgendwelchen Lebewesen abtastete. Glücklicherweise war meine Tarnvorrichtung eingeschaltet, die mich davor schützte, dass mich dieses fiese, robotartige Ding entdecken konnte.

Der Schreck ließ mich am ganzen Körper zittern. Mein Pulsschlag dröhnte mir in den Ohren, während ich versuchte, keinen Mucks von mir zu geben. Dann verschwand die Suchdrohne endlich wieder. Meine Tarnvorrichtung hatte mich schon mehrmals in der Vergangenheit davor bewahrt, von den Wächtern der brutalen Aliens entdeckt zu werden. Eine wohltuende Stille kehrte ein und es kam mir so vor, als wäre überhaupt nichts geschehen.

Als ich mich sicher glaubte, zog ich die Leichtmetallleiter vorsichtig auseinander, lehnte sie an die Mauer gleich neben einem verfallenen Wachturm und stieg hinauf. Oben angekommen zog ich die Leiter hoch und stellte sie auf der anderen Seite wieder ab. Dann stieg ich hinunter und stand plötzlich im Dunkeln einer riesigen Park ähnlichen Anlage, die mittlerweile total mit allen möglichen Büschen, Bäumen und sonstigen Pflanzen zugewachsen war. Mein Scanner verriet mir auch die ungefähre Richtung zu meinem angestrebten Ziel, das ich so schnell wie möglich erreichen musste, wenn ich meine Mission erfolgreich zu Ende bringe wollte.

Ich riskierte es, für ein paar Sekunden die Taschenlampe einzuschalten. In ihrem spärlichen Schein konnte ich allerdings nur dürre Bäumchen erkennen, von denen hier scheinbar eine ganze Menge herumstanden. Bis wohin sie standen, konnte ich leider nicht erkennen, aber was ich im Moment dringend brauchte, war eine gute Deckung, falls die Wächter ihre Suchdrohnen ein weiteres Mal losschicken sollten.

Ich schob die Leiter zusammen. Das Aluminium glänzte stark. Ich ärgerte mich darüber, dass ich nicht daran gedacht hatte, das helle Metall mit einer dunklen Farbe einzustreichen. Ich beschloss daher, die Leiter einfach irgendwo im dichten Gestrüpp zwischen den Bäumen liegen zu lassen. Ich brauchte sie sowieso nicht mehr.

Vorsichtig bewegte ich mich in der Dunkelheit weiter. Mehrmals stolperte ich durchs hohe Farnkraut, das überall im Gelände wuchs. Irgendwo vor mir musste die alte Gebäuderuine sein.
Immer wieder blieb ich stehen, um mich neu zu orientieren. Ich schleppte mich mit meiner schweren Ausrüstung zwischen den nun dichter und höher werdenden Bäumen hindurch. Lieber langsam, aber dafür unbemerkt kam es mir in den Kopf. Und da! Plötzlich schimmerte vor mir der feste Belag einer an vielen Stellen mit Moos überwucherten Straße. Ich war also auf dem richtigen Weg.

Ich schlich weiter. Kein Laut war zu hören. Ich hatte Glück und lief auf dem Grasstreifen neben der Straße weiter, immer nah genug am Wäldchen, um notfalls darin untertauchen zu können.

Endlich ragte der verschwommene Umriss einer gewaltig aussehenden Gebäuderuine vor mir auf. Kaum zu glauben, dass ich hier früher mal gewohnt habe, schoss es mir in den Kopf. Ich duckte mich unter ein paar tiefhängenden Ästen hindurch und schlich auf den offenen Eingang des mittleren Gebäudes zu. Ich kam dem rettenden Ziel Schritt für Schritt näher.

Was in Gottes Namen ist aus meinem Besitz geworden? Bevor die Außerirdischen unsere Welt überfielen, lebte ich hier mit meiner Familie glücklich und zufrieden. Sie hatten mit ihren tödlichen Waffen schon bald die gesamte Erde unter ihre Kontrolle gebracht und auf ihren schrecklichen Raubzügen fast die ganze Menschheit ausgerottet. Nur wenige von uns blieben am Leben und vegetierten danach verstreut auf allen Kontinenten im Untergrund weiter, stets die Angst im Nacken, entdeckt zu werden.

Die fremden Wesen aus den unergründlichen Tiefen des Alls nahmen rigoros Besitz von der Erde und schufen sich eine neue Zivilisation auf ihr. Bald gab es Milliarden von ihnen. Für die Menschen gab es keinen Platz mehr. Aber der Tag der Rache war gekommen! Heute Abend würde ich gnadenlose Vergeltung an denen üben, die Tod und Vernichtung über die gesamte Menschheit gebracht hatten. Damals, am Grab meiner getöteten Familie schwor ich dies für den Rest meines Lebens.

Etwa fünfzig Meter vor dem düsteren Gebäude blieb ich in geduckter Haltung stehen. Ich legte einen Teil der Ausrüstung ab, richtete mich schließlich wieder auf und lauschte. Nichts regte sich. Alles war vollkommen still, als wäre alles Leben ausgelöscht worden und die Erde nur noch ein toter Planet.

Mein Herz klopfte wie wild, als ich den Eingang erreichte. Nur der Gedanke an meine Rache zwang mich weiterzugehen. Vorsichtig schlich ich mich in den zerfallenen Innenhof des Gebäudes und erinnerte mich gleichzeitig daran, dass auf der gegenüber liegenden Seite ein Nebengebäude stehen müsse, das im hinteren Teil durch einen kleinen Abstellraum begrenzt wurde. In dieser Kammer gelangte man über einen geheimen Zugang zu einem unterirdisch angelegten Laboratorium, das ich mir vor langer Zeit einmal selbst eingerichtet hatte, um dort ungestört meine privaten Experimente auf dem Gebiet der Virenforschung durchführen zu können. Meine Arbeit war sehr erfolgreich gewesen, die ich aber wegen des Krieges mit den Angreifern aus dem All abbrechen musste.

Nun war ich an der Ecke des Nebengebäudes angekommen. Vorsichtig schaute ich durch eines der zerschlagenen Fenster, dessen Holzrahmen zerrissen auf dem Boden lag. Nachdem ich um die Ecke gebogen war, sah ich die geschlossene Holztür hinter der ein Gang lag, der direkt zur Abstellkammer führte.

Ich drückte die verrostete Klinke der Tür, die sich mit einem knirschenden Geräusch öffnen ließ. Aus dem dunklen Gang hinter der Tür schlug mir ein fauliger Geruch entgegen, der mir fast den Atem raubte. Der Gestank war fürchterlich. Einige Wände waren in sich zusammengestürzt. Ich zwang mich dazu ruhig zu atmen und schaltete die Taschenlampe ein, deren gebündelter Lichtstrahl über die herumliegenden Steinbrocken huschte. Im hellen Lichtkegel am Ende des Korridors konnte ich eine unscheinbare Wand erkennen, von der ich wusste, dass sie sich mit einem kleinen versteckten Hebel im Fußboden zur Seite bewegen ließ. Ich ging auf die rechte Ecke zu, hob die schmutzige Fußleiste hoch, fand augenblicklich den besagten Hebel und drückte ihn vorsichtig nach unten. Der Mechanismus war noch in Ordnung. Die Wand bewegte sich plötzlich wie von Geisterhand mit einem kratzenden Geräusch von mir weg und gab einen noch dunkleren Kellergang frei, der weit nach unten in den Boden führte. Dort lag mein geheimes Labor. Zufrieden stellte ich fest, dass es niemand in den vielen zurückliegenden Jahren entdeckt hatte. Ich betrat vorsichtig die glitschige Treppe und schloss hinter mir den geheimen Zugang. Krachend und staubend fiel die bewegliche Wand in ihre ursprüngliche Lage zurück. Ich hatte es geschafft und kurze Zeit später stand ich in meinem Labor tief unter der Erde.

Zwei volle Tage brauchte ich, um alles wieder in Gang zu setzen. Der Stromgenerator machte anfangs noch etwas Schwierigkeiten, lieferte aber nach einer gründlichen Reparatur wieder zuverlässig Strom. Außerdem standen mir noch meine chemischen Batterien zur Verfügung, die ich zur Not hernehmen konnte. Dann war es endlich soweit! Am dritten Tag konnte ich mit der Herstellung des Todesvirus beginnen, um ihn als biologische Massenvernichtungswaffe gegen die Eindringlinge aus dem All einsetzen zu können. Eigentlich machte ich nur dort weiter, wo ich bei meinen gefährlichen Experimenten mal aufgehört hatte. Damals konnte ich noch nicht ahnen, welch schicksalhafte Wendung meine geheime Virenforschung später einmal nehmen sollte, eine verloren geglaubte Menschheit vor dem Untergang zu retten.

***

Die Roboterwächter der Außerirdischen umstellten die verlassene Gebäuderuine. Draußen stand die Sonne hoch am blauen Himmel. Man hatte mich also ausfindig gemacht. Ein rot leuchtendes Alarmsignal blinkte über dem Eingang zum Fluchttunnel auf und zeigte mir an, dass einige dieser Bastarde bereits im Gebäude waren. Sie würden noch einige Zeit brauchen, bis sie mein unterirdisches Labor entdecken würden. Eile war geboten. Dann öffnete ich die Stahltür zum Fluchttunnel und verschwand darin.

Der Ausgang befand sich in einem kleinen Wäldchen, etwa 250 Meter entfernt hinter der Ruine. Ich konnte das Stimmengewirr der Wächter hören, die nach mir suchten. Vorsichtig schlich ich in fast kriechender Haltung durch das dichte Unterholz. Ich musste irgendwie zu meinem getarnten Gleiter gelangen, der ihnen bisher nicht aufgefallen war.

Plötzlich spürte ich den Luftzug einer riesigen Klinge über mir. Ich richtete mich auf. Im gleichen Augenblick erkannte ich den dunklen Schatten eines dieser außerirdischen Wesen neben mir, das mit seiner klobigen Kombinationswaffe nach mir schlug. Das hässliche Gesicht dieses Monsters war raubvogelartig, gelb, schlitzäugig, ausdruckslos und unwirklich.

Ich lief, als wäre der Teufel hinter mir her, griff in meine linke Hosentasche, packte den elektronischen Schlüssel und rannte so schnell ich konnte direkt auf den Gleiter zu, der sich langsam vor mir enttarnte.

Ein lauter Ruf hallte durch die Gegend: „Wir haben ihn! – Alle zu mir!“

Ich sprintete weiter. Ein Mannschaftstransporter mit vier der außerirdischen Monster und zwei ihrer Roboterwächter schwebte über das Gelände. Er verringerte seine Geschwindigkeit soweit, dass die Besatzung herunterspringen konnte. Dann schossen sie auf mich.

Ich ging in Deckung. Vor mir befanden sich eine Reihe halb verfallener Garagen und ein niedriges Backsteingebäude. Das genügte. Ich rannte mit großen Schritten auf eine schmale Lücke zwischen ihnen und den Bäumen dahinter zu.

Geschafft! Ich hörte, wie die fremden Wesen sich gegenseitig zuriefen. Den Stimmen nach mussten es bereits mehr als vier von ihnen sein. Wozu quälte ich mich eigentlich? Die Beine trugen mich fast nicht mehr. Sollte ich nicht lieber einfach aufgeben? Aber das Serum wirkte noch nicht. Ich musste noch etwas mehr Zeit gewinnen.

Ich lief über die mit Moos bewachsene Straße und rannte in den angrenzenden Wald hinein. Hier würden sie mich nicht so schnell finden und wenn, dann wäre das Schicksal der Fremden aus dem All schon besiegelt.

Gigantische Bäume schienen mir den Weg zu versperren, ein weiteres Vordringen in den Wald wurde langsam unmöglich. Wie ein Wall türmten sie sich unter dem azurblauen Himmel auf, und als sich ein leichter Wind erhob und die Äste der hohen Bäume anfingen, rauschend zu schwingen, bemerkte ich zum ersten Mal, dass sich eine Veränderung im Innern meines Körpers vollzog.

Jetzt wusste ich: Das tödliche Virus in mir war endlich voll entwickelt. Die Veränderung war abgeschlossen. Es würde bald Billionen und Aberbillionen von Sporen freisetzen und die gesamte Atmosphäre des Planeten Erde damit infizieren. Für die übrig gebliebenen Menschen war es ungiftig und völlig harmlos, aber für die fremden Wesen aus dem All war das Virus absolut tödlich. Ihr Metabolismus war dafür nicht widerstandsfähig genug. Das Virus wird sie elendig zugrunde gehen lassen. Ihr Gewebe wird sich unaufhaltsam zersetzen und schließlich ganz auflösen. Nichts wird von ihnen übrig bleiben als eine blasig schäumende Masse ihres unansehnlichen, gelben Fleisches.

Ein Opfer allerdings brauchte das Virus für seine Verwandlung, aber mein Tod wird der übrigen Menschheit eine neue Zukunft geben.

Ich legte mich hin und schlief ein. Die Sporen drangen bereits durch meine Haut. Ich wusste, dass ich nie wieder aufwachen würde.

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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