Karin Unkrig

Abendblatt 7 (Fortsetzungsgeschichte)

Schreiben und lesen kann man auch im Journalismus. Zwischendurch werfen wir einen Blick in die Redaktionsstube von Louis und Elle.  Er ist an Politik interessiert, sie an Gesellschaftsfragen. Er raucht, sie joggt. Die beiden sitzen sich direkt gegenüber. Früher hätten sie sich den Telefonapparat teilen müssen, heute ist es der Laserdrucker – sowie das Los von Neulingen im Medienbusiness.

Louis mäkelt am Kaffee herum. «Schwarz, stark, dampfend muss er sein. In einer vorgeheizten Tasse, mit einem Glas Wasser und einer angemessenen Zuckerauswahl (Kandis, braun, weiss).» «Dazu L-Milch im Kännchen, frisch aufgeschäumt», fotzelt Juan, der Volontär. «Das Silbertablett hast du vergessen», ergänzt die dazu gestossene Elle. Sie zwinkert ihren Kollegen dazu. «Ein bisschen viel verlangt, meine Herren, morgens um acht!»


Frisch gebrüht
Louis lässt sich nicht bremsen: «Es gehört zum Setting einer Zeitungsredaktion.» Elle lacht: «Gleich hältst du mir einen Vortrag über die umwerfende Wirkung der braunen Bohne. Belebend, entschlackend, inspirierend. Gut für den Stoffwechsel, schlecht für Karies. Nur mit einem Vitamin gesegnet, dafür ein Aphrodisiakum.» «Coffein ist Kult – wie Teetrinken, Zigaretten, Jazz», pariert der Angesprochene. «Lange Haare, Manchesterjacken, LSD?», mischt sich Juan ein.

Elle schüttelt den Kopf: «Junger Mann, du bist in den 70er-Jahren stecken geblieben! Deine Vorstellung ist kreuzfalsch. Sie passt zur Mär, alle Dichter seien unterkühlte, halb verhungerte Gestalten, mit zerschlissenen Kleidern, aber einem Herz aus Gold.» Louis renkt ein: «Zumindest das mit dem ledernen Notizbuch stimmt. Ausser bei den crazy Upperclass-Schreibern.» Er ereifert sich: «Weder Stil noch Klasse! Auf jeder zweiten Seite steht ›Fuck‹. Die meinen, ohne Orgie oder wenigstens eine Autopenetration gelte ein Autor als verklemmt …»


Hochprozentiges
Die Soziologin nickt: «Deshalb schau ich mir keine modernen Stücke mehr an.» Schweigen. Nach einer Weile: «Vermisst du nicht manchmal das engagierte Polittheater?» Louis überlegt: «Doch, gleich dem wirklich unabhängige Schreiben. Idealismus pur, wie er in alten Filmen aufflammt (The Front Page; Good Night, and Good Luck; All the President's Men). Oder wenn es darum geht, eine Diktatur zu stürzen. Plötzlich wird die Pressefreiheit ins Feld geführt.»

«Was ist nun daran ›Kult‹?», erkundigt sich Juan, welcher sich bei heiklen Themen gerne unwissend stellt. «Der exzellente Cognac vorher, in der Lounge des Presseklubs», foppt ihn Louis. «Der Moment, wo sich das Getöse zugunsten der Qualität artikuliert», fügt Elle ironisch hinzu.

 

Kritische Distanz
Als sie wieder allein sind, dreht die Journalistin ihren Stift in der Hand, starrt ins Leere. «Die Aussage vorhin war von Luigi Malerba.» «Der 2008 verstorbene Publizist/Romancier, welcher nebenbei eine Werbeagentur betrieb?» «Exakt der! Der folgende Satz stammt ebenfalls von ihm: ›Energie, Entschlossenheit und Klarheit sind die unentbehrlichen Vorgaben für die Arbeit des Schriftstellers.‹»

Sie schmunzelt: «Allerdings meinte er auch: ›Ich glaube nicht, dass ein Betrunkener in der Lage ist, einen Betrunkenen zu beschreiben.‹» Louis gähnt. «Das ist allegorisch gemeint, hat nichts mit dem Alkoholpegel zu tun.» Er greift nach seiner Aktentasche. «Ich troll mich. Geh heute früh zu Bett.» Elles erstaunten Blick quittiert er mit der Bemerkung: «Kleinen Kater, gestern eingefangen. Wetten, dass die Schafe mich beim Einschlafen zählen?!»

 

 

 

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