Hans Elmer

Pulitzerpreis

Pulitzerpreis

Diese Geschichte habe ich vor rund fünf Jahren geschrieben,
sie ist also nicht mehr zeitgemäß. Ich könnte sie abändern und
auf den neuesten Stand bringen, aber das möchte ich nicht, denn
dadurch würde ich den Zusammenhang zerstören. Damals war
es nur eine Geschichte, inzwischen ist es eine Dokumentation
zum Zeitgeschehen, die sicher bald in unseren Schulen zum
Unterricht gehören wird. Ich weiß nur nicht in welchem Fach.
Aber das sollen andere entscheiden, ich kann mich nicht um
alles kümmern. So, ich denke das reicht als Begründung, wieso
diese Dokumentation so steht wie sie steht. Also, Ring frei.

Wir haben in Baden-Württemberg, wie jeder weiß, eine
grün-rote Regierung. Nach Äonen CDU-Herrschaft.

Wie kam es so weit? Stimmenmehrheit? Ja schon, aber das ist
das Resultat. Die Ursache dafür reicht weit zurück. Das ganze
ist ja eigentlich eine Top Secret Sache. Und ich weiß genau,
dass ich hier mit der Veröffentlichung eine gewaltige Lawine
lostrete. Aber ich fühle mich einfach der Wahrheit verpflichtet.
Und außerdem stehe ich der ganzen Geschichte völlig neutral
gegenüber. Und mein Informant hat sich nach Burkina Faso
abgesetzt und ist somit in Sicherheit.

Das ganze begann mit einem Rücktritt. Dem des Lothar Späth
von seinem Amt als Ministerpräsident. Ob dieser Rücktritt damals
so unbedingt sein musste, ich weiß es nicht. Aber ich glaube,
da sind schon welche wegen weit mehr, weit weniger gern
zurückgetreten. Oder getreten worden. Auch in der jüngeren Geschichte.

Bei den CDU Oberen gab es jedoch einige, wenn auch nicht alle,
die der Meinung waren, man hätte ihm Unrecht getan. Seine
Gegner waren diejenigen, die er zu oft abgewatscht hatte.
Seine Anhänger setzten sich jedoch durch und beschlossen
ihn zu Ehren. Aber wie?

Man setzte sich also zusammen, um eine geeignete Ehrung zu
finden. Hinzugezogen wurden drei langjährige Berater namens
Riesling, Trollinger und Lemberger. Diese drei sind auch heute
noch an wichtigen Entscheidungen maßgeblich beteiligt.

Wie lange diese Beratung andauerte ist nicht überliefert. Dem
Resultat nach, vermutlich bis zum Morgengrauen.

Und hier das Ergebnis: Wir suchen einen Nachfolger, der für das
Regierungsamt weniger geeignet ist, als er selbst. Somit bliebe er,
Lothar Späth immer in bester Erinnerung. Da haben sich Riesling
und Co aber ganz schön reingekniet.

Was glotzt ihr jetzt so? Mein Informant ist absolut vertrauenswürdig.
Das hat schon alles seine Richtigkeit. Und wenn jetzt jemand glaubt,
es gäbe in diesen Reihen da eh keinen, der eine vernünftige
Entscheidung treffen könne, der möge seine Meinung für sich behalten.
Außerdem wussten die das selber und haben sogleich einen
unabhängigen Sachverständigenrat einberufen.

Und diese Sachverständigen fanden heraus, wen wundert´s, dass
hier viele als Kandidat geeignet sind. Genauer gesagt: Jeder.
Diese hohe Trefferquote wurde natürlich freudig begrüßt, und
dem Anlass entsprechend gewürdigt. Ihr wisst schon, Riesling und so.
Bedeutete allerdings wieder Arbeit. Und hier kam es zur ersten
folgeschweren Fehlentscheidung! Anstatt einen mittelmäßig Unfähigen
auszuwählen, wurde man übermütig und orientierte sich gleich im
unteren drittel. Das war vielleicht eine Gaudi. Und außerdem, was
soll´s, unser regieren ist gottgewollt und ernst zu nehmende Gegner
gibt es eh keine. Man konsultierte wider Riesling und Co und dann
hieß es: So und jetzt guck ma uns oin aus.

Das allerdings, war nicht einfach. Denn das untere Drittel war ja,
wie wir wissen, ziemlich Überfüllt. Aber in einer christlichen Partei,
kann man schon mal mit dem Beistand des Herrn rechnen. Und so
kam es denn zu einem göttlichen Wink mit dem Zaunpfahl. Rot ist
bekanntlich eine Signalfarbe. Und da gab es einen mit
überdurchschnittlicher Signalwirkung. Genauer gesagt, der Typ hatte
seine weiße Hemdbrust mit jeder Menge Trollinger vollgesabbert.
So blieben also die meisten Blicke an ihm hängen.

Und man fand: Erwin Teufel. Das war ein Volltreffer. Der Begriff
bigottisch umreißt seinen Charakter nur schemenhaft. Was blieb
von dem in Erinnerung? Für mich nur zwei Dinge. Erstens: Die
Familie, die war ihm sehr wichtig. Allerdings nur die kirchlich
abgesegnete. Alles andere war für ihn Gotteslästerung. Also des
Teufels. Kleines Wortspiel. Und zweitens: Die freiwilligen Feuerwehren.
Das war sein Lieblingsthema. Davon konnte er nicht genug kriegen.
Ich sehe ihn direkt vor mir. Wie er abends um halb acht, nach dem
Nachtgebet, in seinem Bettchen liegt und noch ein bisschen mit
seinem Feuerwehrauto spielt. Brumm, brumm, tatütatü. Bis ihn
seine Alte anschnauzt, er solle das Maul halten, sie wolle schlafen.
Was denn auch sonst, neben so einem Mann. Die hier etwas grob
erscheinende Wortwahl ist schwäbisch umgangssprachlich durchaus
korrekt. Ma sagts ja im guata! Ach ja, nach seiner Pensionierung
wollte er ein Studium beginnen. Ich glaube Religion und Weitsprung,
oder so. Ist ja auch egal.

Nun, dieses Kapitel wäre somit abgehakt, und hätte auch weiters
keine bleibenden Schäden hinterlassen. Wenn, ja wenn sich dieses
Orientieren am unteren drittel nicht verselbstständigt hätte. Aber,
man brauchte einen Nachfolger. Und da tauchte ein neues Problem
auf. Den Trick mit dem bekleckerten Hemd als Karriereschub hatten
sich alle gemerkt und sich mehr oder weniger mit Trollinger und
Lemberger voll geschüttet.

Alle bis auf einen, der hat einfach nichts geschnallt. Er machte schon
das was alle machten, sich die Hemdbrust bekleckern, aber mit
Riesling. Und somit blieben alle Blicke an seinem weißen Hemd
hängen. Und das führte zu: Günter Oettinger. Ein noch vollerer
Volltreffer. Der brauchte erst mal den ganzen Vormittag, um sich
irgendwie aus seinem blöden Geschwätz von gestern herauszuwursteln.
Am Nachmittag produzierte er dann den Gesprächsstoff für den
nächsten Vormittag. Auf jeden Fall war er sehr fleißig, so a richtigs
Schafferle. Vormittags. Nachmittags war er immer ziemlich schnell
fertig. Ein ganz besonderes Schmankerl war sein Versuch, den
Nazi Filbinger, zum Widerstandskämpfer hochzusterilisieren.
Um mal in der Fußballersprache zu reden.

Doch plötzlich wurde er von der Merkel zur EU-Kommission
abgeschoben. Was zum Geier hat diese Kommission der Merkel
angetan? Dass die sich derart bösartig rächt? Einen solch hinterfotzigen
Humor hätte ich der Mutti gar nicht zugetraut. Schau einer an.
Es muss auf jeden Fall etwas ganz Übles gewesen sein. Und
schon haben wir das Stichwort für den letzten Kandidaten:

Mappus. Damit war die die Talsohle erreicht. Und mit Talsohle meine
ich so was wie den Marianengraben. Tiefer ging´s nicht mehr. Von
diesem vollsten aller Volltreffer weiß ich allerdings nichts zu berichten,
was irgendwie zur Erheiterung beitragen könnte. Eigentlich weiß
ich über den überhaupt nichts zu berichten. Für derartige Gräuel
hat die Natur wohl vorgesorgt, und mir eine gnädige Teilamnesie
gewährt.

Und so konnten sich, aus Sicht der am Boden liegenden, die
grünroten Geier genüsslich über ihre Kadaver hermachen.

So, jetzt kennt ihr die wahre Geschichte dieses Machtwechsels in
Baden Württemberg. Die Sorgen und Nöte der unterlegenen Schwarzen,
das Bangen um den Fortbestand vom Muschterländle, sind jedoch
unbegründet. Das hiesige Grün ist von sehr, sehr tiefem, satt dunklem Ton.

Für die Aufdeckung der Watergate-Affaire gab es den Pulitzerpreis.
Also, ich denke etwas ähnliches hätte ich auch verdient.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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