Heinz-Walter Hoetter

Die Realtraum AG

Träume haben unfehlbare Auswirkungen auf unser Leben.


 


                                                                                            ***


Ein fürchterlicher Schrei ließ den alten Steve McCamlan um drei Uhr nachts im Bett hochfahren.

Draußen peitschte der Regen auf das Dach und trommelte unablässig gegen das geschlossene Schlafzimmerfenster seines gemütlich eingerichteten Hauses, das er sich vor knapp acht Jahren als Altersruhesitz von einer unverhofften Erbschaft gekauft hatte. Das Anwesen befand sich in einer äußerst ruhigen Wohngegend und war rundherum von einem schönen gepflegten Garten umgeben. Die weitläufig angelegte Siedlung wurde durch eine holprige Asphaltstraße in zwei Hälften geteilt, die an ihrem Ende, vor einem kleinen Buchenwäldchen, als Sackgasse in einem breiten Rondell mündete.


 

McCamlan warf die wärmende Bettdecke zur Seite, setzte sich auf und lauschte.

Dann rief er nach seiner Frau.

Susan...?“


 

Erst jetzt fiel McCamlan ein, dass seine Frau gar nicht zu Hause, sondern tags zuvor in aller Herrgottsfrüh zu ihrer etwas jüngeren Schwester in die nah gelegene Stadt gefahren war. Sie wollte erst am Wochenende wieder zurück kehren. Etwas verlegen kratzte sich der alte Mann an seine runzlige Stirn, nachdem er seinen Irrtum bemerkt hatte. So was war ihm schon lange nicht mehr passiert


 

Dann lauschte er noch einmal.


 

Da draußen muss auf jeden Fall etwas gewesen sein. Es klang wie der Schrei eines verletzten Menschen. Vielleicht kann ich vom Wohnzimmerfenster aus etwas erkennen. Ich schau' sicherheitshalber mal nach. Man weiß ja nie, ob jemand in Gefahr ist und Hilfe braucht“, murmelte McCamlan halblaut vor sich hin.

Der Alte konnte seine Neugier jetzt einfach nicht mehr bändigen. Schließlich schlüpfte er in die warmen Filzpantoffeln, ging mit schlürfenden Schritten hinüber ins Wohnzimmer und zog das schwere Fensterrollo hoch. Dann schob er vorsichtig die Gardine zur Seite, um freien Blick nach draußen zu bekommen. In diesem Moment schoss plötzlich ein greller Blitz vom dunklen Nachthimmel herunter, der Sekunden später von einem lauten Donnerschlag gefolgt wurde.


 

McCamlan zuckte vor Schreck zusammen, blickte dennoch unbeirrt weiter aus dem Fenster und beobachte angestrengt die schlecht beleuchtete Straße vor seinem Grundstück. Eine Serie von heftigen Blitzen folgten kurz hintereinander. Sie ließen für einige Augenblicke die Nacht zum Tage werden. Fast zeitgleich bemerkte er plötzlich eine regungslos da stehende Person auf dem schmalen Fußgängerweg, die dicht an seinem Gartenzaun lehnte und offenbar schon seit längerer Zeit sein Haus beobachtete.

Erschrocken und leicht irritiert über diesen seltsamen nächtlichen Besuch ließ McCamlan abrupt die Gardine los, stellte sich etwas abseits hinter den bodenlangen Vorhang, wo man ihn nicht sehen konnte und hoffte insgeheim, dass er sich vielleicht nur getäuscht hat.

Er dachte darüber nach, was zu tun sei. Dann ging er hinüber zum Wohnzimmerschrank und holte aus der rechten oberen Schublade seine Halogentaschenlampe, die dort für Notfälle hinterlegt war. Anschließend nahm er wieder den gleichen Platz am Wohnzimmerfenster ein und ließ den hellen Lichtkegel der Taschenlampe durch den prasselnden Regen an der Innenseite des Straßenzauns seines Grundstücks entlangfahren.


 

Da!


 

Der alte McCamlan ließ den unruhig zitternden Lichtkegel zurück huschen. Er hatte sich also doch nicht geirrt. Die dunkle Gestalt stand immer noch wie erstarrt vor dem Zaun und blickte unverwandt direkt zu ihm herüber. Ein mulmiges Gefühl stieg jetzt in dem Alten hoch, denn er war ganz allein im Haus. Irgendwie machte ihn das hilflos und total unsicher. Er wünschte sich in diesem Moment, seine Frau Susan wäre jetzt bei ihm.

Steve McCamlan riss sich trotz steigender Nervosität zusammen. Ihm war mehr oder weniger klar, dass nur ein Verrückter oder ein Einbrecher auf die absurde Idee kommen könne, so spät in der Nacht, noch dazu bei diesem Unwetter, draußen herumzulaufen, um andere Leute durch ihr irres Verhalten zu erschrecken. Bei diesem Gedanken fing der alte Mann an zu schwitzen, denn er musste sich eingestehen, dass seine Situation im Augenblick mehr als nur beängstigend war.

Dann erinnerte er sich plötzlich daran, dass er ja noch einen Trommelrevolver besaß, der seit vielen Jahren stets gut gepflegt zusammen mit einer vollen Schachtel Munition im Safe seines Arbeitszimmers lag. Jetzt ärgerte sich McCamlan darüber, dass er nicht gleich darauf gekommen war. Wenigstens konnte er sich damit wirksam verteidigen, wenn es brenzlig werden sollte.


 

Sofort kam ihm eine Idee, die er sogleich in die Tat umsetzen wollte.

Er verließ das Wohnzimmer, ging durch den langen Gang hinüber in sein Arbeitszimmer und holte den Revolver samt 9mm-Munition aus dem Safe. Nachdem er die Waffe geladen hatte ging er wieder in den Flur zurück, zog sich die Gummistiefel an und nahm den Regenponcho von der Garderobe, den er sich locker über die Schulter legte. Keine fünf Minuten später stand er draußen vor der Haustür mitten im strömenden Regen und marschierte zielstrebig durch den Eingangsbereich seiner Garageneinfahrt rauß auf die Straße, wo der unheimliche Fremde noch immer auf dem schmalen Gehweg am Zaun seines Grundstücks verharrte.

Etwa zwei Meter vor der regungslos da stehenden Gestalt blieb McCamlan vorsichtshalber stehen. Dann hob er die Waffe und zielte auf ihren Körper. Als ob sie ihn erst jetzt bemerkt hätte, drehte sich die Person plötzlich zu ihm herum, sodass der alte Mann ihr direkt ins Gesicht sehen konnte.

Den Revolver immer noch im Anschlag machte McCamlan instinktiv einen Schritt zurück, denn der Unbekannte war ein Mann, der etwa so groß war wie er. Sein hageres Gesicht sah knöchern und eingefallen aus, als hätte er seit mehreren Wochen schon kein richtiges Essen mehr zu sich genommen. Der Fremde machte auf den Alten einen ziemlich erbarmungswürdigen Eindruck, was ihn dazu bewog, ihn direkt anzusprechen.

Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“ fragte er den völlig durchnässten Mann, der irgendwie nach faulendem Humus roch. McCamlan war einigermaßen verblüfft darüber, als dieser ohne Umschweife sofort antwortete. Seine Stimme klang tief und hallte ein wenig nach.

Sieh mal einer an! Der alte McCamlan bedroht mich mit einem Schießeisen. Pah...! Willst du mich vielleicht damit umbringen oder was? Steck' das Ding lieber gleich wieder weg! Damit kannst du bei mir sowieso nichts ausrichten, mein Guter.“
Dann tat er so, als wolle er einen Schritt nach vorn machen, um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Steve McCamlan riss sofort den rechten Arm mit der Pistole in der Hand nach oben. Seine Worte überschlugen sich fast, als er den Unbekannten dazu aufforderte, keinen Schritt weiterzugehen.

Ok, ist ja schon gut! Nur nicht aufregen, McCamlan! Bleib' ganz ruhig! Ich muss zugeben, dass ich mich schon irgendwie darüber wundere, wie stark deine Emotionen noch sind, obwohl du doch schon längst tot bist.“

Der Alte stutzte nach diesen makaberen Worten des Fremden, der ihm jetzt irgendwie Angst einjagte. Seine Nerven lagen blank. Hatte der Kerl da vor ihm nicht gerade behauptet, er, McCamlan, sei längst tot?

Wie kommen Sie überhaupt dazu, mich für tot zu erklären, Sie Spinner! Wer sind Sie eigentlich und was wollen Sie von mir? Ich mag diese Art von dummen Spielchen nicht. Verschwinden Sie lieber, und zwar gleich auf der Stelle, bevor ich Sie noch aus Versehen erschieße, Sie unsympathischer Zeitgenosse.“

Sein Gegenüber kicherte plötzlich wie eine alte Hexe. Dann schaute er McCamlan direkt in die Augen und sagte mit warnender Stimme: „Schau' mich an, alter Mann! Was denkst du eigentlich wer ich bin? Sehe ich aus wie ein Verbrecher oder denkst du von mir vielleicht, ich sei verrückt? Weit gefehlt, mein Lieber! Ich bin der Tod und bin gekommen, um dich zu holen. Ein für allemal! Die meisten Menschen tun in meiner Gegenwart immer so, als ob sie mich nicht kennen würden..., selbst dann, wenn sie schon längst steif und kalt geworden sind wie du. - Merkst du das denn nicht?“

Steve McCamlan wurde plötzlich leichenblass im Gesicht. Die provozierenden Worte des Unbekannten, der sich ihm gegenüber als der personifizierte Tod ausgab, hatten ihn nicht nur zutiefst schockiert, sondern versetzten ihn auch in eine leichte Panik, die er nur schwer unter Kontrolle halten konnte. Die Situation ähnelte einem Albtraum, der sich zu verselbständigen drohte. Doch McCamlan behielt die Nerven.


 

Wenn ich tot sein soll, warum steh' ich dann hier draußen vor Ihnen im Regen und halte eine Pistole in der Hand? Können Tote vielleicht reden? Ich bin doch nicht irrsinnig! - Also lebe ich.“

Ach, McCamlan, schau doch mal richtig hin! Alles nur Einbildung! Der Regen geht durch dich hindurch, weil du ein körperloser Geist bist. Ein schwaches Abbild dessen, was du einmal warst. Mehr nicht! - Flüchtig wie Gas. Aber das geht den meisten Verstorbenen so. Sie glauben immer noch ganz fest daran, sie würden körperlich existieren und empfinden das auch so. Sie leben in einer Welt des Überganges, weil sie nicht loslassen wollen oder nicht loslassen können. Mach' also endlich Schluss mit dem Selbstbetrug und akzeptiere deinen eigenen Tod! Und wenn ich dich immer noch nicht davon überzeugt haben sollte, dann geh' mit mir in dein Haus. Dort zeige ich dir, dass du schon lange steif wie ein kalter Fisch in deinem Bett liegst und bereits langsam von den Würmern aufgefressen wirst. - Komm' mit, wenn du keine Angst vor dem Anblick deiner eigenen Leiche hast!“

Der alte Mann blickte nun skeptisch an sich runter. Tatsächlich musste er schockiert feststellen, dass die Regentropfen quer durch ihn hindurch schlugen und genau dort, wo er mit seinen vermeintlichen Gummistiefeln stand, im hohen Bogen spritzend auf dem Boden prasselten.

Ungläubig ging er zurück in sein Haus. Sofort suchte er das Schlafzimmer auf und trat mit zögerlichen Schritten an sein Bett, wo er sich selbst mit weit aufgerissenen Augen tot liegen sah. Ekel erregende Würmer und klebrige Maden krochen bereits überall in und auf seiner Leiche herum. Der verwesende Mund war wie zu einem stummen Schrei weit geöffnet.

Der Tod stand plötzlich wieder neben dem alten Mann. Verständnisvoll legte er dem stumm da stehen McCamlan die knöcherne Skeletthand von hinten auf die Schulter und sagte mit sonorer Stimme: „Na, was hab' ich dir gesagt? Du hast mir eben nicht glauben wollen. Jetzt hast du dich selbst davon überzeugen können, dass du wirklich gestorben bist. Der Tod lügt nicht und scherzt auch nicht bei seiner Arbeit. Komm' also mit! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Der alte McCamlan fing an zu zittern wie Espenlaub, schlug plötzlich wie wild um sich und schrie dabei laut um Hilfe. Dann, mit einem Schlag, wurde es finster um ihn herum.


***

Eine Sirene erklang. Der Traumwächter ließ seinen prüfenden Blick über die einzelnen Kontrolllämpchen des mattgrünen Schaltpultes der Horrorabteilung für Realvisionen gleiten und sah sofort, dass im Raum Nr. XII etwas nicht stimmte. Ein älterer Klient lag in der geschlossenen Halluzinationsbox und schlug wie wild mit beiden Armen um sich. Er schrie verzweifelt laut um Hilfe.

Der Assistenzandroide klinkte sich aus seiner Wartevorrichtung und raste in die dezent abgedunkelte Abteilung für Alb- und Horrorträume. Mit ein paar Handgriffen öffnete er die schalldichte Luke der Box Nr. XII und gab dem alten McCamlan ohne lange zu zögern eine Beruhigungsspritze. Zwischenzeitlich war auch der Psychiater und Neurologe Dr. Mantell eingetroffen, der heute als Bereitschaftsarzt für diese Sektion eingeteilt war.

McCamlan hatte sich mittlerweile aus dem Körper angepassten Schalensitz erhoben und saß jetzt aufrecht mit schweißnassem Gesicht vor dem Nervenarzt, der ihn besorgt beobachtete.

Was ist passiert, Mister Camlan? War der Horrortrip zu real für Sie? Ich möchte höflichst darauf hinweisen, dass Sie selbst die Einstellung „extrem“ gewählt haben. Sie hätten besser auf uns hören und erst mit der niedrigsten Stufe anfangen sollen. Trotzdem möchte sich unser Team bei Ihnen entschuldigen. Wir sind natürlich daran interessiert, dass Sie auch weiterhin ein zufriedener Kunde unserer Realtraum AG bleiben und bieten ihnen daher für ihre nächste Session einen kostenlosen Sextrip mit einer 23jährigen Traumfrau an. Na, was sagen sie dazu?“


 

Ist schon Ordnung, Dr. Mantell. Ich nehme ihr Angebot dankend an. Das nächste Mal werde ich mich an ihre Ratschläge halten. Übrigens dürfen sie die elektronischen Aufzeichnungen meines Albtraumes vernichten. Der Trip war schrecklich..., einfach zu real. Darauf lasse ich mich in Zukunft nicht mehr ein. - Sowas möchte ich nicht noch einmal erleben."

Der Sektionsarzt nickte verständnisvoll und rief auf Wunsch von Mister McCamlan eines dieser geräuschlosen Transmissionstaxen, das bereits draußen wartete als McCamlan das gläserne Prachtgebäude der Realtraum AG verließ. Die Seitentür öffnete sich vollautomatisch und der alte Mann nahm auf dem weich gepolsterten Rücksitz gemütlich Platz. Sanft und geräuschlos schloss sich die Einstiegstür wieder. Dann fuhr das Taxi leise surrend davon.

Am Steuer saß eine knöcherne Gestalt in einem schwarzen, nach faulendem Humus stinkenden Anzug, die der alte Steve McCamlan wegen der getönten Scheiben beim Einsteigen in das Fahrzeug aber nicht sehen konnte.

Kurz darauf drang ein fürchterlicher Todesschrei aus dem davon brausenden Taxi, der allerdings im lauten Stadtverkehr unterging und von niemandem mehr gehört wurde.


 


Ende


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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