Wolfgang Küssner

Anarchismus-Fantasien

Popeln, quasseln, rülpsen, pupsen ist den Kindern bei Mahlzeiten untersagt. Zuvor heißt es: Händewaschen nicht vergessen!  Der Teller muß leer sein, damit es morgen keinen Regen gibt. Sie, die Kleinen, haben immer die Wahrheit zu sagen, dürfen nicht lügen, aber beim Abräumen und Abwaschen helfen. Hausaufgaben sind sofort nach dem Essen zu erledigen. Erst danach darf im Internet gespielt werden.

Rauchen und Alkohol sind verboten. Sauber und gepflegt – Achte auf die Fingernägel! - soll er aussehen, hoeflich und hilfsbereit daherkommen. Man sagt: Bitte und Danke! Er soll seine Eltern ehren und keine anderen Goetter haben. Vor Küssen, Sex und Drogen wird gewarnt, gleiches gilt für das Fahren von Moped oder Auto ohne Führerschein. Eine Straße mit Ampel ist – unabhängig von der Verkehrslage - nur bei GRÜN zu überqueren. Die Hände gehoeren selbstverständlich schoen auf die Bettdecke. Und zuviel Surfen und Chatten im World Wide Web ist ungesund.

Pünktlich und motiviert soll er an der Stechuhr im Betrieb stehen, seinen Job mindestens hundertprozentig erledigen. Widerworte gegenüber dem Vorgesetzten sind tabu, Mitarbeiter  sind nicht zu beleidigen und das sauer verdiente Geld sollte nur für jene Dinge ausgeben werden, für die auch Werbung gemacht wird. Das darf man wohl vom Konsumenten verlangen, oder? Von Politik sollte er bitteschoen die Hände lassen und pupsen - gehoert sich immer noch nicht.

Verordnungen, Gebote, Richtschnüre, Regeln, Dekrete, Gesetze, Erwartungen, Bräuche, Moral und Geheiß, Aufforderungen und Grundsätze, Normen und Prinzipien, Diktate und Kommandos, Bestimmungen und Befehle, Erlasse, Richtlinien, Leitsätze und Weisungen, Edikte, Pflichten, Verfassungen, Formen, Ränge und Legales, Vorschriften, Statuten und Rollen-Erwartungen bestimmen von Kindesbeinen an unser tägliches Leben. Und dann wäre da noch die Erziehung, oder ist sie frei von alledem?

Wie soll er, wie soll sie, wie sollen wir uns bei diesem Ballast frei entfalten? Da bleibt doch kaum Spielraum für eigene Gedanken, Luft zum Atmen, Platz, um Neues anzugehen, Utopien zu kreieren etc. Da müssen die Moeglichkeiten schon gesucht werden, um im Korsett von Geboten und Gesetzen, von Verordnungen und anderen Beschränkungen reflektieren, hinterfragen zu koennen. Alles ist – bis ins letzte, kleinste Detail – geregelt. Gemaßregelt wird bei Verstoeßen. Ein Hamster hält mit jedem Tritt sein Rad in Bewegung; wir Menschen lassen mit fast jeder Bewegung die Mühlen der Gesetze mahlen. Die Moeglichkeit eines Ausbruchs erscheint illusorisch.

Und doch, jedes Jahr, wenn der Urlaub ansteht, wachsen kleine, zaghafte Träume von Freiheit und Abenteuer, wird ein jährlich wiederkehrender Versuch unternommen, den täglichen Zwängen ein wenig zu entfliehen. Filigrane, zarte Pflänzchen von Freiheit gedeihen, so etwas wie Tage voller Selbst-Bestimmung koennten Realität werden. Der eine moechte in dieser Zeit die Fesseln des grauen Alltags abwerfen, der Intellektuelle philosophiert über den Anarchismus und beginnt zu fantasieren.

Es wäre doch einfach schoen, ein Leben frei von Gesetzen und Vorgaben, Geboten und Verboten und all den anderen Mauern, den Einengungen, den freiwilig implantierten Scheren in unseren Koepfen führen zu koennen. Anarchie ist die Herrschaftslosigkeit, ohne bindenden Gesetze, keine Vorschriften, keine Gewalt, keine Ordnungsmächte; einfach kreatives Chaos der freien Entfaltung. Jeder lebt nach seinen Fähigkeiten, nach seinen Fertigkeiten. Ein Dasein als Mensch ohne Androhung von Sanktionen, von Strafen, Unterdrückungen; ein Leben in der Gewaltlosigkeit, nur mit dem Respekt vor dem anderen. Toleranz gegenüber Kultur, Sprache, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Nationalität, Sexualität.

In den Urlaubs-Wochen eines Jahres, die eine Flucht aus dem grauen Alltag ermoeglichen, begibt sich der Mensch als Urlauber in den Stadtpark oder nach Balkonien, an die Nord- oder Ostsee, in die Alpen, zum Ballermann oder nach Ibiza, zum Lido oder nach Krk, nach Lesbos, Gran Canaria, Antalya oder gar in die Karibik, nach Südost-Asien oder Nordafrika oder an ein anderes, ausgefallenes, exotisches Ziel. Vergessen. Abschalten, Relaxen. Erholen. Bräunen. Schlemmen. Tage, Wochen freier Entfaltung. Was will der Mensch mehr?

Und dann – dann treten manchmal so kleine unerwartete Dinge, Ernüchterungen auf. Am Urlaubsort in sub-tropischen oder gar tropischen Gefilden, unter südlicher Sonne und mit Menschen aus allen Teilen der Welt, die locker drauf sind, da moechte man gern mitleben, geniessen; mit den Einheimischen gleichziehen. Doch so leicht geht das nicht! Was muß er erleben:  Die fahren mit ihren Motorrädern auf Fußwegen; sehen in einem Zebrastreifen nichts anderes als eine Straßenbemalung; das Rot der Ampel ist auch nur eine Farbe, wie das Gelb oder Grün, vorausgesetzt, die Anlage ist überhaupt angeschaltet; es wird geparkt, wo Platz ist; Vorspeise und Hauptgericht werden in falscher Reihenfolge serviert; Preise müssen beim Kauf ausgehandelt werden, bringen das permanente Gefühl, unterlegen zu sein; es wird gelärmt und laut gesungen – gibt es hier nicht so etwas wie eine Ruhestunde? Müll wird auf der Straße, am Strand, im Meer entsorgt. Schnell ist vergessen, es ist häufig der Müll von Urlaubern. Schon längst vergessen, wie lange wir selbst bei ach so vielen Gesetzen und Verordnungen gebraucht haben, um den Umweltschutz zu verinnerlichen.                                                                            

Hier, am Ort des Urlaubs, muss alles ploetzlich auf dem gleichen Niveau sein, wie daheim. Kameltreiber. Kokosnuss-Koepfe. Gibt es hier überhaupt Gesetze? Ordnungskräfte? Wo ist die Polizei, die endlich mal für Recht und Ordnung sorgt, Strafzettel an die Einheimischen verteilt, nachhaltig durchgreift? So ein bißchen Ordnung darf man doch wohl auch im Urlaub erwarten, oder? Und die Mücken und Ameisen scheinen eine besondere Vorliebe für Urlauber zu haben. Unerhoert!

Das Problem besteht meistens wohl darin, das wir Menschen uns an die vielen einschränkenden Gesetze, Paragraphen, Verbote, Artikel, Vorschriften etc. dermaßen gewoehnt haben, daß, einem Drogenabhängigen gleich, Entzugserscheinungen auftreten, wenn die bekannten, vertrauten Normen, vermeintlichen Sicherheiten nicht mehr gegeben sind. Koennen wir Menschen wirklich nicht anders, freier leben? Im Urlaub wäre – wenn wir einfach ein wenig loslassen – zu erleben, daß es auch mit weniger DARF und SOLL und KANN und MUSS geht. Ein Urlaub koennte so etwas wie eine große Chance sein, über die ungezählten, kleinen, täglichen Reglementierungen nachzudenken, zu schauen, nach Freiräumen zu suchen, sich von Zwängen zu befreien. Ups – ein Pups. Ein Anfang. Es müssen ja nicht gleich Anarchismus-Fantasien sein.

Januar 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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