Olaf Lüken

Meine Liebe heißt IBAN

In meinem Langzeitgedächtnis befinden sich zahlreiche Schubladen, angefüllt mit Daten. Wissenschaftler sagen, dass man sich Dinge leichter merkt, wenn sie einen emotional berühren. In diesem Zusammenhang fällt mir auch die Miller'sche Zahl ein. Und zwar deshalb, weil ich in meiner Stadt zehn Euro für's Falschparken per Online-Überweisung bezahlen sollte. Der Psychologe A. Miller erkannte, dass unser Kurzzeitgedächtnis sich gerade mal sieben Ziffern merken kann - manche Menschen schaffen neun, manche nur fünf. Die Kontonummer der Bußgeldbehörde hat aber dank IBAN 22 Stellen. Ich gab Ziffer für Ziffer ein und stellte mir unsere hochbetagten Zeitgenossen in Deutschland vor. Meine Kontonummer hat seit der Umstellung 2014 22 Stellen. Für mein Kurzzeitgedächtnis ist das viel zu lang, und für mein Langzeitgedächtnis fehlt das Emotionale. Sämtliche Speicherplätze sind im Übrigen auch schon belegt durch Pins, Puks und Passwörter. Ich wünschte, ich könnte in meinem Langzeitgedächtnis ein Plätzchen freischaufeln für IBAN.

Die IBAN, International Bank Account Number, ist eine Idee der EU und soll den Zahlungsverkehr in Europa vereinheitlichen und einfacher machen. Jeder fünfte Deutsche ist älter als 64, die Hälfte 50 Jahre alt. Sie werden sich über diese Vereinfachung nicht freuen, sich mittlerweile aber daran gewöhnt haben. Einfacher wird es nur für die Maschine, die den Überweisungsträger bearbeitet. So wie der Kartenautomat nicht das Leben der Kunden, sondern das der Bahn erleichtert. Der Mensch muss maschinenlesbar werden. 'Gedacht war das mal umgekehrt. Auf IBAN die Schreckliche, einigte sich die EU 2012. Ich hatte das damals wohl gelesen, aber die Nachricht schaffte es nicht in mein Langzeitgedächtnis. Jetzt sitze ich da, verheddere mich im Zahlensalat und denke: "Was für ein Mist."

Viele Kreditinstitute haben eine Hotline. Also rufe ich die Bundesbank an: Weshalb muss ich mir 22 Stellen merken, um an mein Konto zu kommen ?" Antwort: "Wenn Sie demnächst Geld nach Frankreich oder Portugal überweisen, ist es schon am nächsten Geschäftstag da." Ich gebe zu, ein durchaus schö -ner Gedanke.

Aber in Deutschland werden jeden Tag um die 60 Millionen Überweisungen und Lastschriften ausgeführt, davon gehen etwa 300.000 ins Ausland. Auf rund 59,7 Millionen Überweisungen pro Tag steht als eine 22-stellige Nummer, die kein Mensch braucht. "Aber", sagt der Mann von der Deutschen Bundes- bank, "die Überweisungen ins Ausland sind damit billiger. Bisher haben die Absender-Bank und die Empfänger-Bank ordentlich Gebühren kassiert. Mit IBAN zahlt der Kunde nur soviel, wie eine innerdeutsche Überweisung kosten würde." Die EU schützt mich also vor Abzocke. Toll. Warum geht das bei Konten nicht ? Dank George A. Miller weiß ich dass ich nicht blöd bin, wenn ich mir meine Kontonummer nicht merke.

Der Ausweg: Ich müsste eine emotionale Bindung zu meiner Kontonummer aufnehmen, dann fällt mir das Merken leichter. Ich muss IBAN lieben lernen. So werde ich es auch allen Altersgenossen erklären, die wie ich alt und älter sind. Dann überweise ich Geld nach Spanien, Tschechien und Lettland, weil es so einfach ist. Europa wird noch einiger, sogar über die Grenzen der EU hinaus. Auch Norwegen macht mit, außerdem Monaco, Liechtenstein und die Schweiz. Nur: Wer überweist schon Geld nach Monaco, Liechtenstein und in die Schweiz ? Das bringt man doch im Kofferraum rüber - oder ?

(c) Olaf Lüken (2014)

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