Karin Unkrig

Abendblatt 9 (Fortsetzungsgeschichte)

«Journalismus ist Literatur in Eile». Dieser Ausspruch wird Matthew Arnold[1] zugeschrieben. Louis hat zur richtigen Literatur gewechselt, Elle befindet sich ebenfalls auf dem Absprung – und die Fortsetzungsgeschichte endet hier.

Louis’ erste Vernissage steht an, in einer Galerie. Aus dem Schreibwettbewerb wurde ein ehrwürdiger Sieger erkoren (hoffnungsvolles Nachwuchstalent, viele Träume, wenig Geld). Elle leiht sich einen Wagen und hilft bei den Vorbereitungen. Als sie eintrifft, balanciert der Jungverleger einen Stapel Bücher.

«Weisst du, weshalb mir dies hier so gefällt? Ich kann schmökern, stöbern, in Geschichten versinken. Anders als bei Nachrichtentickern, elektronischen News oder der ständigen Häppchen-Information. Wie liess Alan Bennett Königin Elizabeth II so schön sagen? ›Lesen ist ungeordnet, diskursiv und eine ständige Einladung. Information schliesst ein Thema ab, Lesen eröffnet es. ‹»[2]

«So schwärmt einer, der nicht mehr schreibt», neckt ihn die Journalistin. «Was dich heute Abend erwartet sind endlose Reden, Small Talk sowie die PowerPoint-Präsentation irgendeiner Kulturstiftung. Wenig Wortwitz und Feingeistig. An Buchtaufen kommen nicht Literaten, sondern Partygänger!»


Contre Coeur?
Louis kontert: «Gut möglich, aber lass mir meinen Enthusiasmus! Überdies gelangt selbst die Queen zur Einsicht, dass Autoren bei Weitem nicht immer gesprächsfreudig, auskunftswillig oder leutselig sind – ja man ihnen besser in ihren Figuren als live begegnet. Vielleicht amüsier ich mich bestens, zwischen Herr und Frau Generaldirektor?!»

«Das Ambiente spricht dafür», meint Elle anerkennend. Sie konstatiert, dass die üblichen Ingridenzien fehlen. «Schreckliche Skulpturen,  billiger Wein, trockene Salzstangen …» « … ein bornierter Preisträger, unpassende Musikeinlagen oder  kitschige Blumenbouquets», ergänzt der Gelobte.

 

Lampenfieber
«Dafür fehlt die Presse.» «Du bist ja da!», Louis verpasst seiner ehemaligen Kollegin einen Stups. Diese bleibt unbeirrt. «Immer im Dienst, oder was? Ich hoffe nur, dass dein Versvirtuose den Abend überlebt. Ihn nicht das gleiche Schicksal ereilt wie Manuel Vázquez Montalbán, welcher 2003 (auf dem Rückweg von einer Lesereise) ums Leben kam.» «Das gäbe eine tolle Schlagzeile», grinst Louis. «Im Ernst: Lauren ist ein feiner Kerl. Er wird jetzt sterben, tausend Tode, vor lauter Nervosität.» «Gesunde Aufregung erzeugt das nötige Kribbeln». Elle zwinkert ihm zu. Louis stöhnt: «Wenn man nicht gerade mit dem Rauchen aufgehört hat. Dann juckt es einen dauernd.»

Plötzlich dreht er sich um. «Was ist bei dir los? Du wirkst so aufgekratzt.» Elle nickt. «Ich habe mich beworben, als Pressesprecherin beim Tiefbauamt. Fixe Bürozeiten, regelmässiges Einkommen, sicherer Job. Wenig Überraschung, klare Linie. Recherche, Improvisation und Kreativität sind gleichwohl gefragt. Die Soziologin lacht: «Wettbewerbe gibt es dort auch. Sie heissen ›Submissionen‹ und sind streng reglementiert. Genauso wie die Ausleihe des Dienstwagens!»

 

 

 
[1] Matthew Arnold 1822 bis 1888), Dichter und Kulturkritiker

[2] Alan Bennett: Die souveräne Leserin. Klaus Wagenbach, Berlin 2008

 



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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