Diese Geschichte läßt mich nicht los. Seltsam, wie das Schicksal verschiedene Menschen über ganze Kontinente hinweg in einer Art unsichtbaren Spinnenfäden miteinander verwebt.
Als ich 2006 in Montevideo meine spätere Freundin Martha kennenlernte, hatte sie gerade ein Baby von den Fidschi Inseln adoptiert. Sie war Amerikanerin, 50 Jahre alt, Single, und verdiente ihren Lebensunterhalt als "Head Hunterin". Sie arbeitete von zu Hause aus auf dem Computer und vermittelte hochkarätige Bewerber an Banken und andere Institutionen.
Ihr Einkommen war starken Schwankungen unterworfen, denn manchmal wartete sie monatelang auf die Bezahlung ihrer Vermittlung, die sich zwischen 50 und 80 Tausend Dollar belief. Wenn sie wieder mal kein Geld hatte, konnte ich ihr aushelfen, und später zahlte sie mir alles zuverlässig zurück.
Ihr adoptiertes Mädchen aus den Fidschi Inseln entpuppte sich im Lauf der Jahre zu einem regelrechten Teufelsbraten. Christy hatte eine unbändige Energie, war sehr intelligent, aber nicht zu bändigen. Mit fünf Jahren begann sie, von zu Hause weg zu laufen. Mit sechs erklärte sie ihrer Mutte, sie sei schwanger und bräuchte Geld für ihr zukünftiges Baby. Wenn ihr irgend etwas nicht passte, dann meinte sie "ich suche mir jetzt eine andere Mutter". Martha war strikt überfordert mit diesem Kind.
2013 verließ ich Montevideo. 2014 wanderte Martha nach Ecuador aus, weil das Leben in Uruguay zu teuer und gefährlich geworden war. Wir blieben in Kontakt bis Ende 2015, doch dann wurden meine emails plötzlich nicht menr beantwortet. Erst Mitte letzten Jahres erfuhr ich durch eine ihrer Freundinnen, dass Martha an Krebs verstorben war. Vor ihrem Tod hatte sie wohl noch Christy an eine amerikanische Familie vermitteln können, die die inzwischen 11 Jährige adoptiert hat.
Im November 2017 flog ich von Teneriffa über Madrid zurück nach Montevideo, weil mein dortiger Zahnarzt bereit war, meine Backenzähne zu versorgen, die Wurzelbehandlungen benötigten und ich die in Deutschland empfohlenen Implantate ablehnte.
In Montevideo musste ich zu meiner früheren Bank gehen, um erneut ein Konto zu eröffnen, da mir meine deutsche Kreditkarte auf der Fahrt durch Spanien gestohlen worden war.
Die Frau am Schalter meinte, ich hätte doch noch die Vollmacht über das Konto von Martha. Dort lägen noch 65.000 Dollar, die nicht abgeholt worden seien. Ich fiel aus allen Wolken. Dann ließ ich mir sämtliche Auszüge der letzten Jahre geben. Es stellte sich heraus, dass ursprünglich 110.000 Dollar auf Marthas Konto waren, die sich im Lauf der Jahre ständig reduzierten, auch nach ihrem Tod noch. Jemand musste eine Bankkarte und Geld abgehoben haben, aber wer?
Die Bank wußte nichts von Marthas Tod und sperrte das Konto sofort. Daraufhin versuchte ich, über alte email Adressen Kontakt zu Christys neuer Familie herzustellen. Dies gelang nach vielen Fehlversuchen - und mir glaubte man nicht, dass in Montevideo noch so viel Geld lag, das offensichtlich Christy gehörte.
Jetzt begann ein komplizierter Prozess um die Herausgabe der restlichen Summe. Notar in USA, Notar in Uruguay, alle Papiere mussten übersetzt werden, denn die Bank gibt nicht freiwillig Geld heraus, dessen Besitzer verstorben ist.
Ich frage mich heute, ob der Zufall im Spiel war, denn wenn ich meine Kreditkarte nicht verloren hätte, wäre die Sache mit dem Geld nie aufgeflogen. Ich wäre nicht gezwungen gewesen, ein weiteres Konto in Montevideo zu eröffnen. Doch glücklicherweise konnte durch mich wenigstens ein Teil des Geldes gerettet werden, von dem Christys neue Familie keine Ahnung hatte.
Das Letzte, was ich von Christy erfuhr: sie ist ebenfalls eine große Belastung und Herausforderung für ihre neue Familie. Wenigstens hilft das gefundene Geld, sie in eine gute Schule zu schicken, denn ihre Begabung für Sprachen war erstaunlich. Sie sprach spanisch und englisch fließend, sowie französisch, weil sie in eine französische Schule ging. Ich bin gespannt, wie ihre Entwicklung weiter geht und ob sie lernt, sich an die strengeren Verhältnisse anzupassen, denn Martha konnte dem Kind keinen Wunsch abschlagen, und so wuchs Christy die ersten 11 Jahre sehr verwöhnt auf.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2018.
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