Olaf Lüken

Über allen Gipfeln ist Ruh'

Der Berg ruft. Ein Marketingmanager sucht in der abgeschiedenen Bergwelt der schweizerischen Alpen seine
Hütte auf. Seine Wohnstatt, mehr ein kleines Chalet, zwischen mächtigen Bergen, tiefen Tälern und grandios
steilen Hängen gelegen, ist sein Ziel. Der beruflich aktive wie agile Tatmensch will weg, weit weg vom Trubel
der vorlauten Stadt. Was bewegt ihn, was umtreibt ihn ? Hat er eine neue Werbeidee, die er in aller Stille
ausbrüten will ? Der Macher taucht ein in eine Welt der Ruhe, des Schweigens und der Einsamkeit. Ganz im
Hier und Jetzt.

In einer Berchtesgadener Barockkapelle, nahe der Ramsau, singt ein Kinderchor das Lied "Stille Nacht". Es
folgt die Messe. Wenig später verlassen Chormitglieder und Besucher bis auf einen Greis, das in winterlicher
Ruhe gelegene Gotteshaus. Der Alte sitzt, denkt und schweigt. Bewegte und unbewegte Bilder ziehen an ihm
vorüber. Er nimmt kaum wahr, wie die Dämmerung das Licht verschluckt, wie die Stille alles andere als laut-
los ist. " Wenn die Luft das Element ist, das Vögel und Flugzeuge trägt, wenn das Wasser ein Element ist, in
dem Fische leben, dann ist die Kirche mein eigentliches Element", schreibt Martin Walser in seiner Novelle
"Mein Jenseits". Das Erlebnis der Stille führt den alten Mann aus dem Gegenwärtigen heraus in eine Welt
unmittelbarer Wirkmächtigkeit. Ist der Alte ein Tagträumer, gar ein Verrückter oder vielleicht nur ein welten-
fern entrückter Schwärmer und harmloser Spinner ? Weit entfernt. Er ist, wie ein großer und alter Baum,
reich an Erinnerungen und tief verwurzelt in dem, was wir Heimat nennen. Sein Ziel ist der Weg in eine neue
Wirklichkeit, zu der wir Tatmenschen keinen Zutritt haben.

Wiener Altstadt: Ein junger Poet arbeitet an seinem neuen Lyrikband, das er im nächsten Jahr und mit Hilfe
eines Verlages herausbringen will. Der Dichter nähert sich ebenfalls dem Geräuschlosen, das religiöse Dimen-
sionen haben kann. Mit den Hilfsmitteln der Konzentration und Meditation geht der Lyriker auf das GANZ
ANDERE zu. Fenster öffnen sich zur Wahrnehmung bereits verdrängter Zwischensphären, zu der auch das
Transzendente gehört. Das Neue ist auch immer das Unvorhergesehene, das aus der Stille heraus im
künstlerischen Ausdruck geschieht und vom Schaffenden als Geburt und Gnade erfahren wird. Bildhauer,
Maler, Schreibende und auch mehr praktische veranlagte Handwerker, haben eine klare Vorstellung vom
Sinn der Stille. Hier artikuliert sich das Unausgesprochene. Und genau das empfinden viele Menschen an
solchen Orten und jenseits der gewöhnlichen Geräusche zu denen auch die Sprache des Lautlosen gehört.
Stille hat Anteil an Vollkommenheit. In ihr zeigt sich das Streben nach Heil und Erlösung am deutlichsten.
Hektische Betriebsamkeit ist Ablenkung und Abgrenzung. Sich der Stille überlassen, heißt Tiefe und Weite
gewinnen. Ein Erdenziel ? Die innere Freiheit.

(c) Olaf Lüken (2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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