Heinz-Walter Hoetter

Der Untergrundkämpfer

Der Morgen war erwacht. Es roch nach sauerstoffreicher Luft und über der ganzen Landschaft lag ein leichter taufrischer Dunstschleier.

Der stabile Metallrahmen eines kleinen Panzerglasfensters bildete in der nachlassenden Dunkelheit ein schwach leuchtendes Viereck. Dahinter, hoch droben in einem kleinen trübe ausgeleuchteten Raum des letzten Stockwerkes eines etwas abseits gelegenen monumentalen Regierungsgebäudes, stand der Soldat Tibben Leckaas und war wütend, weil er noch immer nicht über die Beleidigungen hinweggekommen war, die er aufgrund der Ereignisse über sich hatte ergehen lassen müssen. Sie hatten ihn schließlich dazu motiviert Dinge zu tun, die er unter normalen Voraussetzungen nie getan hätte. Trotzdem bereute er nichts.

„Das werde ich euch heimzahlen“, flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme leise vor sich hin, obwohl er wusste, dass er eigentlich im Moment nicht viel ausrichten konnte. Noch nicht..., doch das würde sich bald ändern, wie er hoffte.

Seine augenblickliche Machtlosigkeit ließ ihn deshalb in süßen und gewalttätigen Träumen schwelgen, an deren Ende stets der gleiche Gedanke hervortrat, nämlich der, dass er schon etwas finden würde, um an dem verhassten Regime endlich Rache üben zu können. Er wollte dieser abstrusen Scheindemokratie größtmöglichen Schaden zufügen, woran er gerade intensiv arbeitete.

***

Tibben Leckaas hatte sich erst vor weniger als einem halben Jahr dazu entschlossen, freiwillig in die Regierungsarmee einzutreten, um es jenen zu zeigen, die ihn für ängstlich und schwächlich hielten. Doch, was niemand bis dahin für möglich hielt, trat unerwarteter Weise ein: Der Krieg gegen die ROODS war bald vorüber und der junge Leckaas war plötzlich nur noch Soldat und kein Held mehr oder ein gefeierter Sieger.

Der Soldat Leckaas hasste die ROODS über alle Maßen, wie so viele Bürger und Bürgerinnen seines Volkes, den MINSOREN vom Planeten NAPUR. Woher dieser Hass auf die ROODS kam, konnte allerdings niemand so richtig erklären. Er war Fakt.

Als der Krieg entschieden war, hatte man ihn einfach nach Hause geschickt, ohne irgendeinen Dank oder den geringsten Anerkennungsbeweis für seinen aufopferungsvollen Einsatz im Kampf gegen den angeblichen Feind, der von der eigenen Regierung plötzlich wie ein enger Freund behandelt wurde, nachdem man ihn besiegt hatte. Alles schien offenbar wie ein ganz großes, raffiniert eingefädeltes Spiel abgelaufen zu sein. So empfand es jedenfalls Tibben Leckaas, der sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, an einem grausigen Theater teilgenommen zu haben, das für viele seiner Kameraden allerdings ein tödliches Ende genommen hatte.

Kurz nach dem aufwändig dargestellten Friedensschluss mit den ROODS, der von allen Medien auf dem Planeten NAPUR bis ins letzte Detail ausgiebig übertragen wurde, hatte sich der Soldat Leckaas noch patriotisch, stark und mächtig gefühlt. Er wähnte das Volk der MINSOREN endlich auf dem richtigen Weg. Doch schon bald stellte sich heraus, dass das nicht stimmte.

Ein schlimmer Machtkampf brach unter den einzelnen Clans auf NAPUR aus, nachdem sich einige Familien bei der Aufteilung der Kriegsbeute benachteiligt fühlten. Ein grausamer Bürgerkrieg begann, der bald viele Opfer forderte, bis sich endlich die oberste Staatsführung aus heiterem Himmel dazu entschloss, hart und kompromisslos einzugreifen.

Eine Verhaftungswelle nach der anderen folgte, die auch auf die ehemaligen Offiziere der siegreichen Armee übergriff. Man steckte sie entweder einfach ins Gefängnis oder schickte sie in die Verbannung. Manche wurden sogar von aufgestachelten Fanatikern ermordet. Wieder gab es viele unschuldige Opfer.

Der Staat der MINSOREN verwandelte sich nach diesen brutalen Vorfällen zusehends in eine hässliche Diktatur, die man politisch von Seiten der amtierenden Regierung nach außen hin allerdings als eine hervorragend funktionierende Demokratie darzustellen versuchte.

Viele Offiziere und Soldaten der ehemals so siegreichen minsorensischen Armee waren wegen dieser schrecklichen Vorkommnisse bald in den Untergrund gegangen und hatten von dort aus den Kampf gegen das undemokratische Regime aufgenommen. Auch der junge Soldat Tibben Leckaas gehörte dem Widerstand an.

***

Trotz des frühen Morgens lastete die Hitze der aufsteigenden Sonne auf der Landschaft wie eine gesandte Plage der Götter. Das einzige Fenster dieses kleinen stickigen Raumes befand sich direkt unterhalb der Zimmerdecke, wo auch ein kleiner Luftschacht endete, der den Raum nur dürftig mit frischer Luft versorgte.

Auf dem Fußboden befanden sich zahlreiche Löcher, aus denen noch einige abgeklemmte Kabel herausschauten. Tatsächlich aber standen in diesem Zimmer früher einmal ein paar periphere Computer des gewaltigen Rechenzentrums des Innenministeriums der Regierung. Die gekappten Leitungen hatten von hier aus bis in eine Tiefe von mehreren hundert Metern geführt und waren direkt mit dem einzigen Hauptrechenzentrum des Planeten verbunden.

Tibben Leckaas wurde langsam unruhig. Sein Herz pochte wie eine kleine Maschine in seiner Brust und nur allzu deutlich spürte er auf einmal den kühlen Kunststoff der Tastatur unter seinen Fingern. Er hatte sich nämlich von hier aus heimlich und unbemerkt in das Computersystem des brutalen Regimes eingeklinkt. Das geheime Passwort dazu hatte er von einem älteren Mitglied des Widerstandes erhalten, einem Mann namens Bratan Lockier, der im Rechenzentrum der Diktatur als Administrator arbeitete und dort eine führende Position bekleidete. Anscheinend genoss er das Vertrauen der derzeitigen Machthaber.

Tibben Leckaas wählte das Symbol des Innenministeriums an und begann sofort damit, die zahlreich vorhandenen Datenbanken zu durchsuchen. Er stöberte in jeder Datei herum und wurde schließlich unter dem Begriff „Sonderserien“ fündig.

Am Ende des Textes wählte er ein Untermenü an. Als er es anklickte, erschien endlich eine lange Liste mit Kleinseriengeräten. Neben zahlreichen Gerätenamen und deren Modellabbildungen fanden sich keine weiteren Neuigkeiten. Lediglich ein kleiner, unscheinbarer Stern hinter einigen seltsam aussehenden Maschinen zeigte an, dass weder technische Daten noch sonstige Informationen abzurufen waren, da sie der höchsten Geheimhaltungsstufe unterlagen.

Leckaas fluchte leise vor sich hin. Er hatte sich dem Ziel so nah gefühlt. Seine innere Anspannung nahm zu.

Bestimmt hatte er irgendeine Kleinigkeit übersehen. Nochmals ging er die dargestellten Geräteabbildungen durch. Dann erkannte er etwas, was er zuvor anscheinend übersehen hatte. Die Sonderseriengeräte besaßen eine etwas andere Gehäuseform als die standardisierten Modelle, die für den öffentlichen Verkauf zugelassen waren.

Hatte er sich nur getäuscht?

Der junge Mann lehnte sich zurück und starrte für einen Moment lang wie abwesend an die weiß gestrichene Betondecke des Raumes. Es war nahezu unnatürlich still um ihn herum. Sogar auf dem schmalen Gang draußen war absolut nichts zu hören. Tibben Leckaas war darüber nicht unglücklich, weil er sich sicher war, dass er nur so seine Arbeit in Ruhe ungestört fortführen konnte.

Dann beugte er sich wieder nach vorne über den kleinen Bildschirm und betrachtete noch einmal jede Abbildung der dort aufgeführten Sondermodelle sorgfältig einzeln nach einander. Es war einfach schwer zu glauben, dass eine so hochtechnisierte Wundermaschine in ein vollkommen normal aussehendes Gehäuse gesteckt worden war. Verblüffend, wie er dazu bemerken musste. Sie waren sicherlich auch nicht für den Verkauf bestimmt. Diese Dinger gehörten augenscheinlich zu einem hoch geheimen Projekt, wie er jetzt wusste. Ihre Darstellung hier war nur eine infame Täuschung.

Leckaas klickte zwischen den einzelnen Abbildungen hin und her, die mit einem Stern gekennzeichnet waren. Es dauerte ihm aber alles zu lange. Er rief deshalb den Dateimanager auf, der ihm die Abbildungen samt dazugehörigen Texten noch einmal präsentierte. Ein weiteres Fenster öffnete sich plötzlich, in dessen Textbereich er den gesuchten Begriff eingeben sollte.

Aus irgendeinem Grunde vergaß Tibben die Eingabe des Textes und bestätigte unbewusst das Feld des leer gebliebenen Suchkommandos. Der Bildschirm wurde für einige Sekunden schwarz, als urplötzlich am unteren rechten Ende eine Liste aller Abbildungen samt Texte der mit Sternchen gekennzeichneten Geräteabbildungen auftauchte und den dunklen Bildschirm mit sich stetig vermehrenden weißen Schriftzügen ausfüllte, die kein Ende nehmen wollten.

Leckaas hatte einen Fehler im System gefunden, ohne es gewollt zu haben. Die Innenflächen seiner Hände fingen an zu schwitzen und wurden feucht. Ihm bot sich jetzt die einmalige Gelegenheit, an hochbrisante Geheiminformationen des Innenministeriums zu gelangen. Mit zitternden Fingern tippte er auf der Tastatur herum und ging die jeweiligen Texte durch. Auffällig erschien ihm, dass einige dieser Texte zweimal vorkamen, einmal mit und einmal ohne voranstehendem Stern.

Als er die Texte mit dem Sternchensymbol anklickte, bekam er plötzlich Zugriff auf alle Dateien, die mit diesem Zeichen gekennzeichnet waren und somit auch auf alle Sondermodelle. Es war einfach unfassbar für den jungen Mann, was sich hier vor seinen Augen abspielte. Durch diesen winzigen Fehler im System hatte er Zugriff auf alle geheimen Dateien des Innenministeriums erhalten. Vor Staunen schüttelte er ungläubig den Kopf. Ein Gefühl des Triumphes überkam ihn auf einmal.

Diese unscheinbar aussehenden Wunderdinger in der Größe eines ganz normalen Reisekoffers waren dazu in der Lage, jede x-beliebige Person nachzubilden, wenn man erst einmal die von ihr gespeicherten Daten wie DNS, Blutgruppe, Haarfarbe, Größe, Aussehen, Denkmuster oder sonstige persönliche Merkmale besaß. Sie konnten aus unbelebter Materie organische Substanzen erzeugen und zu einem identischen Klon zusammenfügen, der alle Eigenschaften seines Originals besaß.

Schlagartig begriff Leckaas die Tragweite dieser geheim gehaltenen Erfindung. Durch sie konnte man ganz gezielt darüber hinaus auf einfachste Art und Weise allen betroffenen Personen ihre sämtlichen Erinnerungen, Geheimnisse und Intimitäten entlocken, wenn sie erst einmal geklont worden waren.

Unbewusst fuhr sich Tibben Leckaas mit der rechten Hand zum Hals. Er spürte eine unglaubliche Beklemmung, als er darüber nachdachte, dass es diese unheimlichen Maschinen offenbar schon mehr als zwei Generationen lang auf NAPUR gab. Das jedenfalls ergaben die eindeutigen Hinweise auf deren Herstellungsdaten und die angegebenen Produktionsorte, die überall auf den jeweiligen Modellen deutlich lesbar eingraviert worden waren.

Je länger Tibben darüber nachdachte, desto größer wurde der Druck in seinem Magen. Theoretisch war die Möglichkeit gegeben, dass bereits große Teile der Bevölkerung von NAPUR, einschließlich ihrer Feinde, den ROODS, die auf dem dritten Kontinent des Planeten lebten, zum größten Teil nur aus Duplikaten bestanden. Man musste diesen Tatbestand jedenfalls ernsthaft in Betracht ziehen. Tibben wurde bei diesem Gedanken übel.

Hastig legte er jetzt einen der Quantenspeicherwürfel in die dafür vorgesehene Öffnung seines speziellen Datenaufnahmegerätes und übertrug die gesamte Information in Sekundenschnelle aus dem Zentralrechner des Innenministeriums in sein mitgebrachtes molekulares Speichermedium. Draußen würde das Gerät diese gewonnenen Informationen sofort automatisch an die Zentrale des Widerstandes senden, die sich in der versteckten Unterstadt befand. Das geheime Passwort verhinderte außerdem sicher, dass der enorme Datentransfer bemerkt werden konnte. Die angezapften Daten wurden nur kopiert, nicht entfernt. Als er damit fertig war, trennte er die Kabelverbindungen seines Minicomputers, verstaute alles sorgfältig in einem stabilen Rucksack und verließ fluchtartig den Raum.

Während er so unauffällig wie möglich den langen Flur des abgelegenen Gebäudes durchschritt, dachte er über seine Entdeckung nach. Sie schien ihm so unglaublich, so überwältigend und einfach schier unfassbar zu sein, dass ihm nur allein bei dem Gedanken daran schwindlig wurde. Es konnte und durfte einfach nicht wahr sein, und doch ahnte er gleichzeitig, dass er und viele andere mit ihm, ohne es zu wissen, zu einem integrierten Teil einer gigantischen Manipulationsmaschinerie geworden waren, die sie zu Spielbällen der mächtigen Regierung werden ließen. Die Herrschenden taten offenbar mit der Bevölkerung, was sie wollten.

Als Tibben Leckaas sich umschaute, sah er einen Aufzug am Ende des Ganges. Er zog seine gefälschte ID-Karte durch den Schlitz des Terminals und schon nach wenigen Sekunden kam der Fahrstuhl angerauscht. Die metallenen Doppeltüren glitten geräuschlos zur Seite und Tibben trat sofort in das Innere der geräumigen Fahrkabine, die ihn zügig nach unten ins Erdgeschoss brachte.

Unten angekommen verließ er das Gebäude durch einen kleinen Nebeneingang auf der weit abseits gelegenen Rückseite. Auch hier half ihm die gefälschte ID-Karte problemlos dabei, dass sich die elektrisch betriebene Tür ohne Schwierigkeiten leise surrend öffnen und anschließend ebenso unauffällig wieder schließen ließ. Dann schlug er sich in die angrenzenden Büsche eines nah gelegenen Wäldchens, wo er sich versteckte und über sein klappbares Funkgerät die codierte Verbindung mit seinem aktiven Führungsoffizier des Untergrundes herstellte. Einen Moment später sah er das Gesicht von Mo Dhumas auf dem kleinen LCD-Bildschirm.

In aufgelöster Hast überschüttete er Dhumas mit den Fakten, die er herausgefunden und auf seinen Quantenspeicherwürfel heruntergeladen hatte. Seine Worte überschlugen sich fast vor innerer Aufregung.

Der Führungsoffizier versuchte Leckaas zu beruhigen, weil er nur die Hälfte verstand und animierte ihn dazu, langsamer zu sprechen. Tibben wiederholte seine Sätze und gab abermals seine Vermutung zum Ausdruck, dass das Innenministerium der diktatorisch gewordenen Regierung möglicherweise schon seit langer Zeit einen großen Teil der Bevölkerung von NAPUR nicht nur heimlich aushorchen, sondern wahrscheinlich bereits über Generationen hinweg sukzessive durch willfährige Klone ersetzte, die sich besser manipulieren ließen als die natürlich gebliebene Gesellschaft.

Nach seinen Worten schwieg der Offizier Mo Dhumas eine zeitlang. Eigentlich war das alles zu fantastisch, um glaubwürdig zu klingen. Aber mit was war er in den letzten Jahren nicht schon alles konfrontiert worden?

„Hör zu Soldat! Deine Information klingen unglaublich. Aber wenn sie stimmen, schwebst du in großer Lebensgefahr. Ich schicke vorsorglich ein paar Leute von mir los, die dich abholen und in Sicherheit bringen werden. Schalt’ deinen Peilsender ein, damit sie dich schneller finden können. Sie werden mit einem Tarnfahrzeug zu dir kommen. Erschrecke also nicht, wenn es plötzlich direkt vor deinen Augen sichtbar wird. Verhalte dich ruhig und bleib in deinem Versteck. Meine Männer werden dich dann zu mir ins Hauptquartier in die Unterstadt bringen! Ach ja, ich habe noch eine Überraschung für dich. Sie wird dein Leben retten. Aber das werde ich dir später erzählen, wie ich das angestellt habe. Wir sehen uns Soldat. – Ende der Mitteilung.“

Tibben Leckaas Funkgerät knackte ein paar Mal geräuschvoll, dann wurde die Verbindung abrupt unterbrochen. Auf dem langsam dunkel werdenden LCD-Schirm schimmerte bald nur noch das schwarze Hintergrundbild. Er ließ das Gerät in seiner rechten Brusttasche verschwinden und spähte hinüber zur Gras bewachsenen Lichtung, wo sich vermutlich das Fahrzeug enttarnen würde, wie er annahm. Schließlich setzte sich der junge Untergrundkämpfer in ein dichtes Gebüsch und wartete geduldig darauf, dass man ihn abholen würde.

***

„Woher haben Sie diese Informationen?“ fragte der bärtige Mann in dem Militärjeep, der Tibben Leckaas gegenüber saß und eine schwarze Uniform trug. Auf der linken Brusttasche prangte in goldener Schrift sein Name: Leutnant B. Kahnaan.

Gemütlich zündete der Offizier sich eine Zigarette an. Nach einer kurzen Pause redete er weiter. Seine Stimme wurde noch sanfter und entgegenkommender.

„Sie wissen doch sicherlich selbst, dass überall Falschinformationen verbreitet werden, die die abwegigsten Ziele haben. Zum Beispiel versucht man von ganz bestimmter Seite, dieses Staatsgefüge auseinanderbrechen zu lassen“, sagte er in Anspielung auf die verfemte antidemokratische Opposition, die sich überwiegend im Untergrund aufhielt und massiv gegen die Regierung kämpfte.

Doch Tibben durchschaute den rhetorischen Trick.

„Lassen Sie die Spielchen. Was sind das überhaupt für Informationen, die ich angeblich gefunden haben soll?“ fragte er den Mann in der schwarzen Uniform.

„Wie können Sie nur so einen Schwachsinn daher reden? Sie wissen doch ganz genau, was ich meine. Aber wir wollen das trotzdem in aller Ruhe erledigen. Geben Sie mir den Quantenspeicherwürfel und die Sache hat sich für Sie erledigt. Wo haben Sie ihn versteckt?“ Die Frage des Vernehmungsoffiziers war plötzlich von einer erbarmungslosen Härte und Kälte.

Der Bärtige sah den Gefangenen mit stechendem Blick an und dachte darüber nach, dass der junge Mann zuviel wusste, als dass man ihn einfach wieder so laufen lassen durfte. Er würde ihn früher oder später liquidieren müssen. Sein Vorgesetzter, Mo Dhumas, hatte ihm das ausdrücklich nahegelegt. Es war eigentlich so gesehen ein ganz klarer Tötungsbefehl.

„Kommen Sie, Leckaas, die Zahl der gelösten Fälle hat in meiner Abteilung zugenommen. Und das in erheblichem Umfange. Ich hoffe, das sie das zur Kenntnis nehmen werden, um ihr Leben zu retten. Nun sagen Sie schon, wo Sie das Speichermedium versteckt haben.“

„Ich kann Ihnen darüber nichts sagen, weil ich nicht weiß, was Sie eigentlich von mir wollen. Ich habe kein Speichermedium versteckt und gehöre auch nicht dem Widerstand an. Wovon reden Sie eigentlich?“

Tibben Leckaas schwieg wieder und schaute aus dem verdunkelten Fenster des breiten Militärjeeps in die vorbeihuschende Landschaft. Er glaubte sich im falschen Film, nur konnte er nichts dagegen tun.

„Ich halte Sie für einen Lügner und Feigling, Leckaas. Das ist alles, was ich noch zu sagen habe. Mir reicht es jetzt“, platzte es unvermutet aus dem bärtigen Leutnant heraus. Er gab seinem Fahrer den Befehl, den Wagen hinter der nächsten Kurve anzuhalten. Als das Fahrzeug zum Stillstand gekommen war, ließ der Offizier Leckaas aussteigen. Er überzeugte sich davon, dass niemand in der Nähe war. Dann zog er seine Strahlenwaffe und zielte damit eiskalt durchs offene Wagenfenster auf den wehrlos dastehenden jungen Mann. Sekunden später war Tibben Leckaas tot und sein pulverisierter Körper nur noch ein Häufchen verbrannte Asche, die am Gras bewachsenen Straßenrand dunstig vor sich hin qualmte. Dann raste der Wagen mit quietschenden Reifen davon.

***

„Es tut mir wirklich leid, dass diese Schweine vom Regierungsgeheimdienst dich einfach so erschossen haben, mein lieber Tibben. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich musste dein Duplikat opfern, sonst wäre unser Plan womöglich noch aufgedeckt worden. Wir können aber jetzt mit den gleichen Kartentricks wie das Innenministerium spielen“, sagte Dhumas über Funk zu Leckaas.

Eine kleine Pause trat ein. Dann sprach der Führungsoffizier weiter.

„Ach so, du kannst das Versteck jetzt verlassen. Wir stehen mit unserem Tarnfahrzeug genau auf der Lichtung. Du müsstest uns eigentlich schon sehen können. Das Täuschungsmanöver hat geklappt. Der Geheimdienst des Innenministeriums ist auf den von mir ausgelegten Klon-Köder hereingefallen. Ich hatte mir schon so was ähnliches gedacht“, sagte Mo Dhumas zum wartenden Untergrundkämpfer, der immer noch versteckt im dicht bewachsenen Unterholz saß und sein kleines Funkgerät krampfhaft an sein rechtes Ohr hielt.
Es ging ihm schon viel besser, als er Dhumas persönlich sehen konnte, der jetzt das enttarnte Fahrzeug verließ und mit weit ausholenden Schritten direkt auf das Dickicht zulief, das Leckaas gerade hinter sich gelassen hatte. Dann standen sich die beiden Männer gegenüber und umarmten sich wie zwei Brüder.

„Es ist zum Verrücktwerden mit Dir, mein lieber Tibben. Ich konnte es in der Unterstadt einfach nicht mehr aushalten und bin gleich selbst mitgekommen. Du bist mein bester Mann. Diese Nummer war einfach irre. Durch die von dir übertragenen Geheiminformationen konnten wir die erbeuteten Duplikatorenmaschinen umgehend in Betrieb nehmen. Den ersten Klon, den wir herstellten, warst du selbst. Von dir hatten wir alle persönlichen und genetisch-biologischen Merkmale vorliegen. Nachdem dein Duplikat fertig war, brachte ich deinen Doppelgänger umgehend zu dieser Lichtung und schickte gleich darauf eine fingierte Nachricht an den Regierungsgeheimdienst los, die tatsächlich auf meinen Cup hereinfielen und bald zur Stelle waren. Dein Duplikat wurde sofort festgenommen und in ihrem Militärjeep abtransportiert. Während wir die Operation aus unserem getarnten Fahrzeug heraus beobachteten und alles akribisch überwachten, erfuhr ich über unsere Lauscheinrichtungen, dass es von mir ebenfalls schon einen Klon gibt, der als Offizier für den Geheimdienst der Diktatur arbeitet und den Auftrag dazu gab, deinen Klon von einem seiner Männer nach dem Verhör erschießen zu lassen. Fürchterlich, wozu mein Duplikat fähig ist. Sie glauben allerdings jetzt, du wärst tot. Wir werden die Physiognomie deines Gesichtes wohl chirurgisch etwas verändern müssen, zu deiner eigenen Sicherheit wohlgemerkt, und schon kannst du dich in der offiziellen Bevölkerung von NAPUR gefahrlos bewegen. Man wird dich nicht mehr wiedererkennen. Übrigens knüpfen wir gerade einige Verbindungen zu unserem Brudervolk den ROODS, die ebenfalls über eine starke und schlagkräftige Untergrundbewegung verfügen. Wenn wir es richtig anstellen, wird es eines Tages zwischen unseren Völkern wieder Frieden geben, so wie es früher einmal war. Die Zusammenarbeit mit ihnen klappt bereits schon ganz gut. Sie haben für uns einen noch geheim gehaltenen Scanner entwickelt, mit dem man Duplikate einwandfrei identifizieren kann. Ich habe dieses Ding gleich mitgebracht und an uns heimlich ausprobiert. Unter uns gibt es nicht einen einzigen Klon. Der Widerstand scheint etwas ganz natürliches zu sein, zu dem die Duplikate anscheinend nicht fähig sind. Diesen Vorteil nutzen wir natürlich aus. So gesehen werden wir sie jagen können und eines Tages alle ausgemerzt haben. Vor uns liegt eine große Zukunft, die von Eintracht und Frieden zwischen den ROODS und uns MINSOREN erfüllt sein wird. Dafür lohnt es sich doch zu kämpfen, nicht wahr Tibben?“

Die junge Untergrundkämpfer hatte sich die langen Ausführungen seines Führungsoffiziers mit einiger Faszination angehört. Dann nickte er nur wortlos mit dem Kopf und sagte mit fester Stimme: „Ja..., mein lieber Dhumas, für diese Zukunft unserer Völker lohnt es sich wirklich zu kämpfen. Komm, lass’ uns gehen! Wir haben noch viel zu tun...“

Beide Männer umarmten sich wieder, drehten sich schließlich gemeinsam herum, gingen auf das wartende Fahrzeug zu und nahmen darin auf den weichen Rücksitzen Platz. Nachdem sich die Türen sanft geschlossen hatten, schaltete sich die Tarnvorrichtung ein und machte das geräumige Vehikel praktisch unsichtbar. Dann setzte es sich mit einem leichten Ruck in Bewegung und verschwand von einer Sekunde auf die andere in eine nicht mehr feststellbare Richtung, die aber auf jeden Fall in die versteckte Unterstadt führen würde, die das Zentrum und die Heimat für alle Untergrundkämpfer auf dem Planeten NAPUR war, sowohl der männlichen als auch der weiblichen.

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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