Matthias Neumann

Stillstand

Stillstand

 

Die beiden Männer waren wieder einmal auf der Jagd. Wie auf einem Hochsitz lauernd, bewaffnet mit Kameras, saßen sie auf der Böschung und harrten geduldig aus, stundenlang, wenn es sein musste, um ihrer Sammlung eine weitere Trophäe hinzuzufügen.

Der achtjährige Thomas saß daneben und ließ ihre Fachsimpelei über sich ergehen. Sie gerieten dabei so sehr in Überschwang, dass sie seine Schweigsamkeit gar nicht bemerkten. Oder sie taten es und hielten es für angespannte Konzentration, um im richtigen Moment bereit zu sein.

Wie auf ein Signal verstummten sie mitten im Satz. Gleich würde es wieder so weit sein. Thomas konnte noch nichts wahrnehmen. Es war ihm ein Rätsel, wie sie das schafften. Hatten sie so scharfe Sinne oder war etwas Übernatürliches im Spiel? Sie überprüften noch einmal ihre Ausrüstung, erhoben sich und gingen in Stellung.

Jetzt konnte auch der Junge am Horizont eine Veränderung ausmachen. Sie hatten wieder richtig gelegen. Er tat, was von ihm erwartet wurde und machte es den beiden Männern nach. Während sich die noch unkenntliche Beute näherte, stellten sie schon aufgeregt Vermutungen an.

Als sich das Objekt weit genug genähert hatte, gerieten sie in Begeisterung. Von diesem Typ hatten sie tatsächlich noch kein Foto. Die letzten Sekunden verharrten sie atemlos. Dann war es soweit. In wenigen Sekunden machten sie mit ihren hochauflösenden Kameras so viele Bilder wie möglich, drehten sich dabei mit, als der Zug an ihnen vorbeirollte.

Dann war es schon wieder vorbei.

Sie setzten sich wieder auf ihre Position. Aufgeregt betrachteten sie die Ausbeute auf den Displays der Geräte. Thomas saß daneben und schwieg.

Die Faszination für Züge lag in der Familie, Thomas hatte sie von klein auf mitbekommen. Es wurde selbstverständlich angenommen, dass er sie auch teilte. Daher der ehrenvolle Name. Jeder in der Familie sprach ihn englisch aus. Thomas war natürlich mit den Geschichten von Reverend Awdry aufgewachsen. Er mochte sie auch, nur konnten auch sie nicht dazu beitragen, wenigstens einen Funken Interesse an Zügen zu entfachen.

Neben ihm brach Jubel aus. Lukas, sein Vater, spuckte vor Freude aus. Den Namen hatte er nicht umsonst, in der Disziplin machte ihm keiner etwas vor. Er war stolz auf seinen Namen und Thomas wurde von Anfang an beigebracht, ihn nur damit anzusprechen. Er hatte lange Zeit gedacht, Papa wäre auch nur ein Name.

Noch seltsamer war es mit seinem Großvater. Ihn nannten alle nur den General. Warum, war offensichtlich. Jedes Jahr zu Weihnachten sahen sie sich den Film mit Buster Keaton an. Sein richtigen Namen kannte Thomas gar nicht. Bestimmt hätte er ihn auch auf Nachfrage nicht verraten.

Beide Männer waren Lokführer. Aber auch die Frauen in der Familie arbeiteten bei der Bahn. Thomas Mutter fuhr sogar ebenfalls einen Zug. Als Lukas sie kennengelernt hatte, war sie noch Zugbegleiterin, aber auf sein Drängen hatte sie mit der Ausbildung begonnen und sie erfolgreich abgeschlossen.

Beruf und Privatleben waren für sie nicht zu trennen, beides war für sie eine einzige Leidenschaft. So früh wie möglich nahmen sie Thomas an den Wochenenden mit zu den Gleisen. Doch er schlug aus der Art. Er mochte keine Züge. Mitgeteilt hatte er es nie. Er war nie auf die Idee gekommen, dass es überhaupt möglich war. Diese Beschäftigung gehörte für ihn zu den allgemeinen Pflichten, wie im Haushalt zu helfen oder Hausaufgaben zu machen. Sein Vater hatte keine Ahnung. Hätte er es gewusst, wäre für ihn eine Welt zusammengebrochen.

Dass Thomas am Ende doch noch Lokführer wurde, lag an einer anderen Begebenheit.

 

Lukas, wann kommt der Zug?“

Sieh auf die Anzeige!“, sagte er gereizt. Damit wollte er ausdrücken, dass Thomas mit seinen elf Jahren schon alt genug war, um das allein herauszufinden. Während andere Jugendliche in eine rebellische Phase kamen, durfte er jetzt auch ohne Aufsicht die Modellzüge fahren lassen. Er konnte mit allen Fragen zu seinem Vater kommen, die dieser geduldig beantwortete, aber was den Zugverkehr betraf, verstand er keinen Spaß. Er kannte nur seine eigene Wissbegier. Wenn jemand etwas nicht wusste, war es eigenes Verschulden.

Thomas sah auf die Anzeige. Der folgende Zug verspätet sich um zehn Minuten. Daraus wurde er auch nicht schlauer. Heißt das zehn Minuten von jetzt an, oder von der eigentlichen Ankunftszeit gerechnet? Als eine Minute verstrichen war, änderte sich der Text nicht.

Wieder tat er, was er am besten konnte: schweigen und warten. Das hatte er bereits den ganzen Tag getan. Sie hatten eine Ausstellung für Modellbahnen besucht. Eine Fahrt in die Stadt war immer eine Ausnahme. Die seltenen Züge sieht man nur auf den abgelegen Strecken. In diesem Punkt haben Großstädte nichts zu bieten.

Thomas konnte ausgezeichnet ausharren, doch in dieser Situation wurde er immer unruhiger. Das lag nicht an der fremden Umgebung, sondern hatte eine andere Ursache: er war ein Pedant.

Nachdem die Familie zum ersten Mal mit ihm in einem Restaurant war, fing er auch zu Hause an, das Besteck so hinzulegen, wie er es beobachtet hatte. Auf allen Plätzen. Die anderen machten sich manchmal einen Spaß daraus und legten es absichtlich anders hin. Er wurde nie müde es zu berichtigen.

Seitdem er das Lesen gelernt hatte, legte er Wert auf eine korrekte Aussprache. Wehe, wenn jemand bei einem Pferd oder Pflaster das P unterschlug. Mit dem Wort Frollein konnte man ihn die Wände hochtreiben.

Zum Eierkochen benutzte er eine Digitaluhr.

Überhaupt waren Uhren das wichtigste Utensil in seinem Leben. Nichts wirkt anziehender auf einen Pedanten als das Einhalten von Zeitplänen. Darum wurde er nun so unruhig. Er hatte das Gefühl, einer Unordnung ausgesetzt zu sein, die er nicht beseitigen konnte.

 

Zu seinem sechzehnten Geburtstag flogen sie nach Japan. Er bekam eine Fahrt mit dem Shinkansen geschenkt. Sein gesamtes Leben lang hatte er eine Rolle gespielt, somit traute er sich auch dieses Mal nicht, seinen Unmut mitzuteilen. Mittlerweile hatte er schon mitbekommen, dass sein Desinteresse ein Fehler war, den er besser geheim halten sollte. Mit diesem befremdlichen Geschenk konnte er nichts anfangen. Aber wie gewohnt machte er die Reise mit.

Als sie dann tatsächlich mit dem Zug fuhren, wurde doch ein Anflug von Begeisterung erkennbar. Während der Bahnfahrt innerhalb Tokyos war es dann endgültig um ihn geschehen. Er war überwältigt von dieser Effizienz. Dort galten bereits Sekunden als Verspätung. Er erfuhr zum ersten Mal die selbe Euphorie wie die anderen Familienmitglieder, wenn auch aus einem anderen Grund.

Das Schienennetz und der Verkehr in der Heimat waren schon lange der Mittelpunkt seiner Gedanken. Denn die Züge waren äußerst unzuverlässig, auf geradezu unerträgliche Weise. Hier hatte er nun den Beweis, dass Pünktlichkeit doch möglich war.

Den letzten Tag der Reise verbrachte er auf einem Bahnhof. Genauso wie sein Vater in seiner Freizeit, beobachtete er die vorbeifahrenden Züge. Und er hatte das selbe Hochgefühl, wenn jedes Mal aufs Neue die Ankunftszeit eingehalten wurde.

Er blieb so lange wie möglich. Als er wieder ins Hotel zurückkehrte, waren die Koffer schon gepackt und standen bereit zur Abreise. Doch er bat seine Eltern, sich noch einmal einen Moment lang zu setzen.

Tief blickte er ihnen in die Augen. „Ich will Zugfahrer werden!“

Seine Mutter sprang unvermittelt auf und umarmte ihn. Thomas glaubte, in den Augen seines Vaters Tränen zu erkennen. Jeder hatte angenommen, dass er sowieso diesen Weg einschlagen würde. Doch diesen ausdrücklichen Wunsch von ihm zu hören, war trotzdem eine unermessliche Freude.

Auf dem Rückflug gab er sich seinen Träumen hin. Ein Pedant beschwert sich nicht einfach, er nimmt das Problem selbst in die Hand. Thomas wollte Bahnfahrer werden, um für Pünktlichkeit zu sorgen. Somit endete er abschließend dort, wo seine Familie ihn sehen wollte.

 

Thomas fuhr in den nächsten Bahnhof ein. Wieder zu spät. Es gab keine Möglichkeit, den Rückstand aufzuholen, was schon belastend genug war. Aber er wurde ununterbrochen aufs Neue daran erinnert, wenn er an der nächsten Station ankam.

Ein wartender Fahrgast deutete mit dem Finger auf sein Handgelenk. Was konnte er in dieser Lage schon unternehmen? Wie sollte er den Fahrplan einhalten, wenn es gar nicht in seiner Macht lag. Es waren die vorausfahrenden Züge, die ihn ausbremsten. Schließlich konnte er sie Nicht überholen. Und wenn die Strecke nicht freigegeben war, durfte er nicht losfahren.

Die Fahrgäste waren eingestiegen. Jetzt hätte Thomas das Signal geben und die Türen schließen müssen. Doch er tat es nicht. Was würde denn anschließend geschehen? In zwei Minuten wäre er wieder in der selben Situation. Dem wollte er sich nicht wieder aussetzten. Regungslos starrte er geradeaus.

Die anfängliche Zuversicht, als er seine Stelle als S-Bahn-Fahrer angetreten hatte, war schnell Ernüchterung gewichen. Das Netz war marode, die Technik unzuverlässig, die Züge veraltet. Die Arbeit wurde zunehmend zu einer Belastung. Thomas galt als äußerst zuverlässig. Trotzdem setze ihn jedes Zuspätkommen enorm unter Stress. Obwohl die Unpünktlichkeit nicht durch ihn verschuldet wurde, machte er sich selbst unnötigen Druck. Was hätte wohl sein Namensgeber in dieser Situation gemacht? Bestimmt mit den andern Zügen geredet. Oder gleich mit dem dicken Kontrolleur. Aber leider befand er sich nicht auf der Insel Sodor.

Der Zug stand immer noch. Es wurde für ihn in diesem Moment zur Gewissheit, dass er unmöglich weiterfahren konnte. Er öffnete die Tür seiner Kabine und fühlte sich sofort befreit. Er zog sich seine Jacke an, nahm seine Tasche und stieg aus. Ohne sich noch einmal umzusehen, ging er zur Treppe.

Es war einer der wenigen Bahnhöfe, auf denen noch Personal eingesetzt wurde. Thomas Verschwinden wurde beobachtet und es wurde sofort Meldung gemacht.

 

Thomas musste sich mit ein paar fremden Leuten unterhalten. Die Diagnose lautete Burnout.

 

Thomas fuhr in den nächsten Bahnhof ein. Wieder zu spät. Die Wartenden saßen ermattet auf den Bänken oder sogar dem Boden. Nach über einer halben Stunde Wartezeit in der prallen Sonne, waren sie zu geschafft, um sich noch aufzuregen. Sie waren sogar über die Ankunft erleichtert. Er selbst hingegen nahm es einigermaßen gelassen hin.

Nach einer Umschulung fuhr er jetzt Regionalzüge. Damit kam er viel besser zurecht. Die Verspätungen waren zwar noch größer, aber durch die deutlich verringerte Anzahl von Stationen, wurde es ihm nicht mehr so oft vor Augen geführt. Ab einem gewissen Maß, wich sogar jeder Druck von ihm und er fuhr einfach seine Strecke ab.

Er fühlte sich auf den langen Strecken unterfordert, schließlich hatte er keinen Spaß am Zugfahren selbst. Aber es war wenigstens erträglich. Nach den früheren Erlebnissen, war er über die Eintönigkeit dankbar. Er hatte sogar vor, sich auf Fernzüge zu spezialisieren.

 

Thomas hatte nichts verraten. Erst als der Brief kam, fuhr er zu seinen Eltern und verkündete die frohe Nachricht. „Ab morgen bin ich ICE-Fahrer.“

Seine Mutter umarmte ihn wieder, und diesmal weinte sein Vater wirklich.

 

Rainer legte das gelesene Blatt zur Seite. Bevor er das nächste zur Hand nahm, sah er beiläufig auf die Uhr. Es war neun Minuten nach Drei Uhr morgens. Es lohnte sich nicht weiterzumachen, entschied er, und legte den Kugelschreiber beiseite. Er schaltete die Schreibtischlampen an, stand auf und ging zur Tür, um die grelle Deckenlampe auszuschalten. Danach stellte er die vorbereitete Kaffeemaschine an.

Die letzte Minute verbrachte er wartend, wieder am Schreibtisch sitzend. Seine Gedanken gingen zu Thomas. Die anderen Zugführer hatten Schwierigkeiten mit ihm, aber er selbst hatte sich von Anfang an für ihn eingesetzt.

Rainer fühlte sich durch ihn an seinen autistischen Sohn erinnert. Es hatte über zehn Jahre gedauert, bis er seinen Zustand überhaupt akzeptieren konnte, geschweige denn verstehen. Heute jedoch hatte er ihn so lieb gewonnen, so viele positive Seiten an ihm entdeckt, dass er, vor die Wahl gestellt, einen „normalen“ Sohn zu haben, empört abgelehnt hätte.

Thomas war nicht im Geringsten autistisch, aber es gab doch einige Parallelen, die Rainer sofort erkennen konnte. Er geriet schnell unter Stress, es gab viele Dinge die ihn irritierten. Auf der anderen Seite war er der fähigste Lokführer von allen. Darum kam Rainer ihm entgegen und setzte ihn seinen Bedürfnissen entsprechend ein. Das machte manchmal den Anschein der Bevorzugung, doch niemand kritisierte ihn dafür. Es hatte schließlich auch seine Vorteile. Zum Beispiel übernahm keiner freiwillig die Frühschicht.

Die Uhr sprang um auf drei Uhr zwölf. Rainer sah sich noch einmal um, überprüfte ob sich alles an seiner richtigen Position befand. Der Kugelschreiber! Schnell stellte er ihn in den Becher. Dann setzte er sich wieder gerade hin. Kurz darauf öffnete Thomas die Tür. Er lächelte bei der Begrüßung, was, wie Reiner wusste, nur bei Personen geschieht, denen er vertraut und in deiner Umgebung, in der er sich wohl fühlt.

Gemeinsam absolvierten sie die allmorgendlichen Rituale. Schnell kamen sie zur Besprechung der heutigen Strecke.

Es gibt eine neue Baustelle bei Kilometer 204.“ Rainer achtete darauf nur Zahlen zu verwenden und auf Namen zu verzichten. Damit kam Thomas besser zurecht. „Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt achtzig Stundenkilometer.“ Ebenso vermied er den Begriff Km/h.

Auf diese Art gingen sie die komplette Strecke durch. Erst nach der Unterschrift nahm sich Thomas einen Kaffee.

 

Selbst in der Wartungshalle befanden sich zu so früher Stunde kaum Menschen. Am Triebkopf waren noch keine Wagen angehängt. Thomas stieg in seinen Zug und begann mit der Prozedur zur Inbetriebnahme.

Losfahren konnte er noch lange nicht. Die Vorbereitungen konnten über zwei Stunden in Anspruch nehmen. Wenn der Zug nicht von einem anderen Fahrer übernommen wurde, bedurfte es einer Vielzahl an Vorbereitungen und technischer Überprüfungen, die er selbst vornehmen musste. Er tat das sehr gewissenhaft. Die Suche nach Fehlern, nach den minimalsten Abweichungen, war wie die systematische Suche nach einem Puzzleteil. Für andere war es Arbeit, ihm bereitete es Freude.

Doch irgendwann stand unweigerlich die Abfahrt bevor. Die früheren Probleme hatte Thomas inzwischen überwunden. Der Wechsel zum ICE hatte sich als die richtige Entscheidung herausgestellt. Verspätungen konnten ihm nichts mehr anhaben, er konzentrierte sich nur noch auf die Anforderungen des Moments. Die Anstellung war eine Befreiung, er wurde seine Nervosität los.

Was ihn vor weiteren Zusammenbrüchen rettete, war das Sifa. Das kannte er schon von den Regionalzügen, aber in einem Hochgeschwindigkeitszug, auf langen Strecken, kam es erst richtig zur Geltung. Um zu überprüfen, ob der Fahrer noch die Kontrolle über den Zug hatte, musste ihn regelmäßigen Abständen, maximal dreißig Sekunden, ein Pedal gedrückt werden. Geschah das nicht, ertönte ein Signal. Das war es, worauf er achtete, alles andere tat er nebenbei. Thomas hatte dafür extra eine Digitaluhr neben sich zu stehen. Sein Ziel war es, genau im richtigen Moment, in der dreißigsten Sekunde, zu reagieren. In dem Moment, wenn er auf das Pedal trat, sah er zur Überprüfung auf die Anzeige. Meistens schaffte er es bei neunundzwanzig. Doch das machte ihm nichts aus, dann blieb er länger auf dem Pedal und löste es wieder bei dreißig. In den Fällen, in denen es doch zu einer Achtundzwanzig kam, konnte sich gar keine Nervosität breit machen. Schon beim nächsten Mal war alles wieder ausgeglichen.

Thomas lebte nur noch in seiner Dreißig-Sekunden-Welt, was davor oder danach war, berührte ihn nicht. Somit verlor er seine Zwänge und Ängste, alles Belastende fiel mit der Zeit von ihm ab. Nur trat nichts anderes an diese Stelle. Eine gähnende Leere höhlte ihn aus. Doch merkte er nichts davon. Bevor er sich dessen bewusst werden konnte, waren die nächsten dreißig Sekunden um. Dabei fühlte er sich noch nicht einmal unglücklich, sondern einfach... gar nichts. Trotzdem hielt er es, rational betrachtet, für eine positive Entwicklung. Die verborgene Gefahr für das Seelenleben bemerkte er nicht..

Doch dann kam es zu dem Ereignis, das sein Leben veränderte. Eine Warnung wurde angezeigt, er sollte sofort die Geschwindigkeit verringern. Umgehend wurde er über Funk aus der Zentrale aufgeklärt: es wurden Objekte auf den Gleisen gemeldet. Die Entfernung war aber noch groß genug, um eine Vollbremsung zu vermeiden. Thomas konnte die Geschwindigkeit schrittweise verringern und sanft ausfahren.

Als er dann an der Stelle ankam, traute er zuerst seinen Augen nicht. Auf dem Schotterbett stand ein Dutzend Kühe. Wenige Meter vor ihnen kam der Zug zum Halt. Thomas starrte hinunter zu den Tieren. Die Kühe blickten ungerührt zurück.

Es war unmöglich für ihn, etwas zu tun, er konnte nur abwarten. Sein Blick hätte zu den Reglern und Anzeigen gehen sollen, vor allem zur Uhr. Doch dieses Mal kamen ihm diese Dinge gar nicht in den Sinn. Die Tiere fesselten ihn mit ihrer Unbekümmertheit.

Die Zentrale meldete sich wieder, doch er nahm den Hörer nicht ab. Sie erwarteten sicher einen Bericht. Doch stattdessen machte er ein Foto und schickte es ihnen. Den Anblick in Worte zu packen, hätte diesen Moment vielleicht entzaubert.

Die Kühe wirkten so deplatziert auf den Schienen. Warum hielten sie sich nicht auf dem Gras auf? Soweit das Auge reichte waren nur Wiesen und Bäume zu sehen. Fast, als suchten sie etwas bestimmtes. Oder vielleicht hatten sie es schon gefunden: Gelassenheit. Und sie ließen Thomas daran teilhaben.

Einer der Zugbegleiter kam in die Kabine, um sich einen Überblick zu verschaffen? „Was soll ich den Fahrgästen sagen?“, fragte er ratlos.

Ich kann sie auf keinen Fall alle hereinlassen:“

Mit dieser Antwort konnte er nichts anfangen. „Wie bitte?“

Und aussteigen dürfen sie auch nicht.“ Thomas sprach ohne den Blick abzuwenden. „Aber ich habe Fotos gemacht.“

Der Zugbegleiter suchte nach einem Ausweg aus diesem Missverständnis. „Weißt du schon wie lange wir stehen werden?“

Nein.“ Thomas sprach das Wort gedehnt und genussvoll aus, betonte es, als hätte er die Lösung für ein kompliziertes Rätsel gefunden. Genau genommen hatte er das auch. Stillstehen, innehalten, nicht körperlich, sondern gedanklich.

Die Uhr lief unaufhörlich weiter. Thomas hatte keine Augen mehr für sie. Uhren waren ihm immer ein Wegweiser gewesen. Er hatte sich nur von einer selbstgesetzten Markierung zur anderen gehangelt. Sie hatten ihm immer eine Vorgabe gemacht, die er unbedingt zu erfüllen hatte. Es war ein Zwang, die Befriedigung bei der Erfüllung war nie von Dauer, da bereits nach jedem Abschluss umgehend die nächste Aufgabe auftrat. Dabei war ihm nie aufgefallen, dass er es war, der die Uhren aufzog. Nie war ihm in den Sinn gekommen, dass sie auch stehen bleiben können.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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